Jesús Carrasco : Die Flucht

Die Flucht

Jesús Carrasco

Die Flucht

Originalausgabe: Intemperie Verlag Seix-Barral, Barcelona 2013 Die Flucht Übersetzung: Petra Strien Klett-Cotta, Stuttgart 2013 ISBN: 978-3-608-98001-1, 208 Seiten, 18.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Junge flieht aus dem Dorf, in dem ihn der Ordnungshüter wiederholt missbrauchte. Durch die Begegnung mit einem Hirten erfährt er, dass es nicht nur niederträchtige Erwachsene gibt, sondern auch Menschen, die ohne große Worte helfen. Lob und Dank erwartet der Hirte nicht, obwohl er sich sogar selbst in Gefahr bringt, weil der Polizeiwachtmeister nach dem Jungen sucht. Wird der Junge trotz Hitze, Durst, Hunger und Verfolgung überleben?
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Kritik

Jesús Carrasco konzentriert sich in "Die Flucht" auf ein Minimum an Ereignissen und Beziehungen. Langsam und schnörkellos entwickelt er die archaische, grausame Geschichte. "Die Flucht" ist ein kraftvoller Roman auf hohem literarischen Niveau.
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Ein Junge – wir erfahren weder den Namen noch das Alter – versteckt sich. Er ist davongelaufen. Nun suchen ihn die Männer aus dem Dorf. Er drückt sich in eine Kuhle und versteckt sich unter einer Abdeckung aus Ästen und Zweigen. Er hört den Schankwirt, den Briefträger, den Korbmacher, den Maultiertreiber.

Er erkannte den Lehrer, als dieser sich schon fast über ihm die Nase schneuzte. Ein schleimhäutiges Getöse, das das trockene Taschentuch erzittern ließ, bei dem die Kinder in der Schule jedes Mal Blut und Wasser schwitzten, um nicht loslachen zu müssen. Der Schatten des hageren Körpers huschte über sein Blätterdach. Er schloss die Augen und presste die Lippen zusammen, während der Mann auf den Haufen aufgeschichteter Zweige pinkelte.

Einige Stunden später muss er selbst urinieren. Weil die Flüssigkeit auf der plattgedrückten Tonerde nicht sofort versickert, durchtränkt sie seine Kleidung, und der Geruch setzt sich fest. Aber vor der Abenddämmerung wagt sich der Junge nicht aus dem Versteck.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit beginnt er nach Norden zu wandern, weg von dem Dorf, das durch eine Zugtrasse geteilt ist. Seine Familie bewohnt eines der wenigen Steinhäuser, die von der Eisenbahngesellschaft gebaut wurden. Sein Vater bediente nämlich früher viermal am Tag die Schranke und half dem Bahnvorsteher beim Weichenstellen. Aber als es nach der großen Dürre nichts mehr zu transportieren gab, wurde der Bahnhof geschlossen und einige Waggons verrotteten auf dem Abstellgleis. Die Hälfte der Dorfbewohner zog weg. Seine Familie blieb.

Der Junge stellt sich seinen Vater vor, „beflissen und kriecherisch“, und die Mutter, wie sie „schlaff und runzlig wie eine alte Kartoffel auf dem Bett“ liegt . Er denkt an den Polizeiwachtmeister, der als einziger Dorfbewohner ein motorisiertes Fahrzeug besitzt, ein Motorrad mit Beiwagen. Der Junge lag oft in dem Beiwagen, unter einer speckigen, schmierig riechenden Decke verborgen.

In der Ferne nimmt er ein Licht wahr. Er geht darauf zu, und als er näher kommt, verbirgt er sich zunächst in einem Gebüsch und blickt sich um. Am Lagerfeuer schläft ein alter Mann, offenbar ein Hirte, denn der Junge sieht in der Nähe mehrere Ziegen. Der Hund wacht auf, kommt näher, bellt jedoch nicht, sondern wedelt mit dem Schwanz und leckt die Hand des Jungen. Der trachtet nach der Hirtentasche, denn er hat Hunger.

Die Hirtentasche war aus grob gegerbtem Leder. Sie roch nach getrockneter Zwiebel und Schweiß. Mit den Fingerspitzen tastete er nach dem Riemen und zupfte vorsichtig daran. Er merkte, wie schwer sie wog, und vergaß seine Skrupel. In seinem Kopf überschlugen sich die Bilder von allen erdenklichen Köstlichkeiten, und die Realität um ihn herum wurde verdrängt von dem, was sich in der Tasche verbergen könnte. Es gelang ihm, seine Beute fast geräuschlos einige Zentimeter vorzuziehen, bis er in seiner Gier dann doch so heftig daran zerrte, dass die straffe Rückseite der Tasche auf den Steinchen vibrierte wie die Haut einer Trommel.
„Wohin willst du damit?“
Wie gelähmt vernahm er die heisere Stimme auf der anderen Seite der Feuerstelle, die sein zur Fratze erstarrtes Gesicht beleuchtete.
„Ich habe Hunger, Señor.“
„Hast du nicht gelernt, bitte zu sagen?“

Der Greis melkt eine Ziege und teilt sein Frühstück mit dem Jungen. Dann wickelt er etwas Proviant in Zeitungspapier und gibt es ihm. Gleich würden ein paar Männer kommen, um Milch zu holen, sagt er. Daraufhin versteckt sich der Junge. Gegen Mittag geht er ein Stück und setzt sich schließlich in den Schatten einer Palme. Er weiß, dass er nicht einschlafen darf, weil der Schatten weiterwandert, döst aber dennoch ein. Als er erwacht, liegt er bereits seit Stunden in der prallen Sonne. Auf allen vieren schleppt er sich in den Schatten. Dort verliert er das Bewusstsein. Der Ziegenhirte weckt ihn. Der alte Mann flößt ihm etwas Flüssigkeit aus einer Büchse ein, dann entfernt er sich. Als er von seinem Streifzug zurückkommt, hat er Wegerich, Ringelblumenblätter und eine Honigwabe dabei. Die mitgebrachten Sachen schmort er in einer Pfanne und macht daraus einen Umschlag für das verbrannte Gesicht des Jungen.

Am nächsten Morgen belädt der Alte seinen Esel und zieht mit dem Hund und der Herde weiter. Nach einer Weile dreht er sich um und ruft dem Jungen zu: „Ich werde nicht bis ans Ende meiner Tage auf dich warten.“ Unterwegs pflückt er ein Aloeblatt und gibt es dem Jungen, damit dieser sein Gesicht damit einreiben kann.

Hitze, Durst und Hunger setzen dem Mann und dem Jungen zu. Sie reden so gut wie nichts. Lob und Dank, Höflichkeiten oder Freundlichkeiten gibt es nicht.

Sie stoßen auf einen halb verwesten Ochsen. Wegen des Gestanks hält sich der Ziegenhirte einen Arm die Nase. Er wirft eine Wolldecke über eine Öffnung im Fell und tritt gegen das Gerippe. Als eine Ratte aus dem Inneren des Kadavers kommt und sich in der Wolldecke verfängt, schlägt der Greis so lange mit einem Knüppel zu, bis sich nichts mehr bewegt. Dann brät er die Ratte.

Der Hirte wirkt erschöpft. Bei einer Burgruine will er sich einige Tage ausruhen, denn dort gibt es einen Brunnen. Als der Alte gegen die Mauerreste uriniert, fragt ihn der Junge etwas. Da dreht der Mann sich um. Beim Anblick der Eichel erschrickt der Junge und rennt fort.

Endlich wagt er sich zurück. Der Hirte versichert ihm, er werde ihm nichts tun und weist den Jungen darauf hin, dass er ihm das Leben gerettet habe. „Damit ich Ihnen was schuldig bin“, argwöhnt der Junge.

Als das Dröhnen eines Motors zu hören ist, zischt der Alte: „Versteck dich!“ – Der Polizeiwachtmeister kommt auf seinem Motorrad angefahren. Begleitet wird er von zwei Reitern. Sie fragen den Ziegenhirten nach einem Jungen. Er behauptet, schon seit Wochen keinen Menschen mehr begegnet zu sein. Das glaubt ihm der Polizeiwachtmeister nicht. Die Männer durchsuchen die Burgruine. Sie vermuten den Jungen in den Resten des Turms, denn sonst kann er sich nirgendwo verstecken. Also kippen sie die Tragekörbe des Hirten aus, schleifen die Körbe und den aus Roggenstroh geflochtenen Saumsattel zum Turm und entzünden ein Feuer, um den Jungen auszuräuchern. Der ist hoch genug geklettert, um die Hitze ertragen zu können, und er presst sein Gesicht gegen eine Schießscharte, um nicht im Rauch zu ersticken.

Stundenlang krallt sich der Junge dort oben fest. Mitten in der Nacht hört er den Hirten: „Bist du da, Junge?“ Er klettert hinunter. Der Alte ist zusammengebrochen. Seine Kleidung ist zerfetzt. Die Männer haben ihn ausgepeitscht. Gesicht und Körper sind blutverkrustet.

Bei Tagesanbruch stellt der Junge fest, dass sechs Ziegen mit durchgeschnittenen Kehlen herumliegen und nur noch drei Ziegen leben. Der Hund und der Ziegenbock fehlen. Als der Junge dem Hirten mitteilt, dass die Wasserflaschen leer sind, sagt dieser: „Melk eine Ziege!“ Erst nach langer Zeit gelingt es dem Jungen, eine der drei überlebenden Ziegen zu packen, aber als er nach den Zitzen greifen will, treffen ihn Huftritte auf Brust und Wange. Schließlich trotzt der Junge dem Tier ein paar Tropfen Milch ab. Damit geht er zu dem Alten. Der liegt ohnmächtig in der Sonne. Weil der Junge nicht stark genug ist, um den mageren Mann in den Schatten zu ziehen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als einen Strick um ein Bein des Hirten zu binden und ihn vom Esel über den Boden schleifen zu lassen.

Dann geht er zum Brunnen, aber darin liegt der kopflose aufgeschlitzte Kadaver des Ziegenbocks. Das Wasser ist ungenießbar.

Wenn sie nicht verdursten wollen, muss der Junge einen anderen Brunnen finden. Der Hirte ist zu geschwächt. Er lässt den Jungen zunächst eine tote Ziege in die Nähe ziehen und weist ihn dann an, wie er sie zerlegen, etwas von dem Fleisch in Streifen schneiden und diese zum Trocknen auf einem Stein ausbreiten soll. Dann geht der Junge mit dem Esel und den leeren Wasserflaschen los. Ein paar Stunden weiter nördlich, sagt der Hirte, gebe es einen Brunnen.

Tatsächlich stößt der Junge auf ein verlassenes Dorf. Von der Kirche steht nur noch eine Ruine. Auch die meisten Häuser sind baufällig. Zogen die Bewohner fort, weil der Brunnen versiegte? Der Junge findet den Dorfbrunnen und wirft Steine hinein. In der Tiefe hört er es platschen. Mit einer Kordel und einem Einmachtopf ersetzt er Seil und Eimer. Im Wasser schwimmen weiße Würmer, die sich abwechselnd strecken und zusammenziehen. Aus einem der verfallenen Häuser holt er eine aufgeblähte Konservendose und rammt mit der Ecke einer Kachel ein Loch hinein. Ein stinkender brauner Strahl schießt heraus. Nachdem er die Dose ausgespült hat, zieht er sein Hemd aus und spannt den Stoff als Filter über die erweiterte Öffnung, während er Wasser hineingießt. Würmer und Kaulquappen zappeln auf dem Stoff. Der Junge trinkt das Wasser. Bald darauf zwingen ihn Krämpfe auf die Knie, und er hat Durchfall.

Sobald er wieder dazu in der Lage ist, beginnt er, die Flaschen mit Wasser zu füllen. Da hört er plötzlich jemanden sagen: „Du wirkst nicht sehr glücklich, Junge.“ Der Junge erschrickt und macht sich zum Sprung bereit, aber dann sieht er, dass es sich um einen Verstümmelten handelt. Die Beine des Mannes wurden knapp unterhalb der Knie amputiert. Mit verdreckten Lederriemen hat er die Beinstümpfe auf einem Holzbrett festgeschnallt. Vier Kugellager dienen als Radersatz. Der Mann, der noch ärger stinkt als der Junge, fordert ihn zum Mitkommen auf. Das Dorf liege auf dem Weg zur Hauptstadt, erklärt er, und wenn nach der Dürre wieder Reisende durchkämen, werde er ihnen Proviant verkaufen.

Misstrauisch folgt der Junge dem Mann ins Haus. Tatsächlich kriegt er zu essen: Eintopf, Schmalzgebäck, Datteln, gebrannte Mandeln. Dazu ein halbes Glas Landwein. Gesättigt schläft er ein. Als er aufwacht, ist er mit einer Handschelle angekettet. Im Metallaschenbecher entdeckt er eine braune Kippe, wie er sie nur zu gut kennt. Da weiß er, dass der Polizeiwachtmeister hier war und nimmt an, dass der Behinderte nun unterwegs ist, um ihn zu verraten und die ausgesetzte Belohnung zu kassieren. Er klemmt sich einen Lappen zwischen die Zähne, renkt sich den Daumen aus und reißt sich fast das Fleisch vom Knochen, aber es gelingt ihm, sich aus der Handschelle zu befreien.

Er muss den Beinamputierten einholen, bevor dieser den Polizeiwachtmeister erreicht. Als er den Esel erblickt, ist es fast dunkel. Der Verräter lässt sich auf seinem Brett ziehen. Als der Junge nahe genug herangekommen ist, wirft er einen Stein, trifft jedoch statt den Kopf des Mannes den Esel. Der schlägt aus, tritt den Krüppel gegen die Stirn, geht durch und reißt das Brett mit dem darauf festgeschnallten Mann mit. Der Behinderte schleift mit dem Kopf über die Steine. Nach einer Weile beruhigt sich der Esel. Der Junge stellt fest, dass der Mann noch atmet. Was soll er tun? Wenn er sich mit dem Verräter aufhält, droht der Hirte zu sterben. Lässt er den Beinamputierten hier liegen, wird dieser das kaum überleben. Der Junge entscheidet sich für seinen Wohltäter. Bevor er mit dem Esel loszieht, tritt er dem Verräter zweimal ins Gesicht und bricht ihm die Nase.

Eine Welt voller Grausamkeiten, von Habsucht und Lüsternheit regiert. Der Junge hatte zur Gewalt gegriffen, weil er es von seinen Mitmenschen nicht anders kannte, und erwartete nun, davonzukommen wie sie.

Der Hirte weist ihn an, das mitgebrachte Wasser abzukochen, bevor er die Ziegen damit tränkt. Nachdem er sich den Bericht des Jungen angehört hat, überrascht er ihn mit der Bemerkung: „Wir müssen diesen Mann finden, bevor ihn die Raben töten.“

Vor dem Morgengrauen machen sie sich auf den Weg. Die Wunden des Alten haben sich inzwischen infiziert. Als sie zu der Stelle kommen, wo der Junge den Beinamputierten liegen ließ, ist dieser nicht mehr da. Frische Hufspuren lassen darauf schließen, dass jemand den Verletzten fand.

Der Hirte hält es für das Beste, in die Berge zu fliehen. Weil sie dafür Proviant benötigen, soll der Junge sich noch einmal in das verlassene Dorf schleichen und das Benötigte aus dem Haus des Verräters holen. Der Hirte ist zu schwach dafür. Er bleibt zurück.

Der Junge klettert durchs Fenster und isst als erstes gierig eine Wurst. Hinter einem Vorhang entdeckt er die entkleidete Leiche des Behinderten. Eigentlich hätte ihm das in Verbindung mit den Hufspuren zu denken geben müssen, aber er ist zu erschöpft, und als er an der Eingangstüre ein Kratzen hört, öffnet er arglos. Der Hund des Ziegenhirten schaut ihn treuherzig an. Dahinter steht der Polizeiwachtmeister, und am Fenster taucht einer seiner Schergen mit einer doppelläufigen Flinte auf.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Der Polizeiwachtmeister kommt herein. Nachdem er seinem Begleiter eine Flasche Wein durchs Fenster gereicht und ihn fortgeschickt hat, schließt er die Fensterläden und die Türe. Dann isst er erst einmal ausgiebig, während der Junge zitternd vor ihm steht. Was der Junge jetzt zu erwarten hat, weiß er genau, denn seit sein Vater ihn zum ersten Mal ins Haus des Polizeiwachtmeisters zerrte und ihn dessen Lüsternheit auslieferte, hat er es oft erlebt.

Doch als der Polizeiwachtmeister aufsteht, um sich über den Jungen herzumachen, klopft es. In der Annahme, es sei der lästige Begleiter, reißt er die Türe auf. Davor steht der Ziegenhirte und zielt mit der Flinte des Schergen auf den Kopf des Polizeiwachtmeisters. Er fordert den Jungen auf, das Haus zu verlassen, aber der bleibt wie gelähmt stehen. Da rät ihm der Alte, sich auf den Boden zu werfen und die Ohren zuzuhalten. „Du hast nicht den Mumm, Ziegenhirt“, meint der Polizeiwachtmeister, und der Greis sagt darauf: „Sieh nicht hin, Junge.“ Ein Schuss kracht, und der Polizeiwachtmeister bricht tot zusammen.

Der Junge erhält den Auftrag, den Esel und die Ziegen zu holen. Nachdem er den Esel bepackt hat, sind sie fertig zum Aufbruch. Da sagt der Hirte, die Leichen müssten noch begraben werden. Weil weder Hacke noch Schaufel zu finden, sind, einigen sie sich auf eine andere Lösung: Mit Hilfe des Esels holt der Junge die Leiche des Schergen und zerrt sie in das Haus, in dem bereits die beiden anderen Toten liegen. Dann nimmt er dem Polizeiwachtmeister das silberne Feuerzeug ab, verschüttet Öl und bastelt eine Fackel, die er entzündet und ins Haus wirft, nachdem er dem Ziegenhirten auf den Esel geholfen und seine Beine zwischen den Tragekörben festgeklemmt hat.

Am späten Vormittag schlägt der Junge eine Rast vor, aber der Hirte antwortet nicht. Er ist tot.

Mit einer Pfanne gräbt der Junge mühsam ein Grab.

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Das Personal des Romans „Die Flucht“ ist leicht überschaubar: Es geht nur um einen Jungen, einen Ziegenhirten, einen Polizeiwachtmeister und einen Beinamputierten. Ihre Namen erfahren wir nicht. Jesús Carrasco erzählt die auf ein Minimum an Ereignissen und Beziehungen konzentrierte Geschichte zwar in der dritten Person Singular, aber aus dem Blickwinkel des Kindes. Das prägt Sprache und Sichtweise.

In „Die Flucht“ wird so wenig geredet wie in einem Western. Lob und Dank, Höflichkeiten, Freundlichkeiten oder gar Zeichen der Zuneigung wären hier fehl am Platz. Wird der Junge trotz Hitze, Durst, Hunger und Verfolgung überleben? Während er in seinem Heimatdorf vom Ordnungshüter missbraucht wurde, erfährt er durch die Begegnung mit einem Hirten, dass es nicht nur niederträchtige Erwachsene gibt, sondern auch Menschen, die ohne große Worte helfen. Er lernt, Verantwortung zu übernehmen und beginnt zu verstehen, was Würde bedeutet.

Jesús Carrasco entwickelt die archaische, grausame Geschichte chronologisch-linear, langsam und schnörkellos. Mit einem guten Gefühl für den richtigen Rhythmus wechselt er in „Die Flucht“ zwischen Beschleunigungen und Retardierungen. Detaillierte und genaue Beschreibungen vermitteln uns eine konkrete Vorstellung von den Szenen. Vieles wird aber auch nur angedeutet. „Die Flucht“ ist ein kraftvoller Roman auf hohem literarischen Niveau.

Jesús Carrasco wurde 1972 in der spanischen Provinz Extremadura geboren. „Die Flucht“ ist sein erster Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Bchhandlung Nachfolger

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