Peter Høeg : Der Susan-Effekt

Der Susan-Effekt

Peter Høeg

Der Susan-Effekt

Originalausgabe: Effekten af Susan Rosinante, Kopenhagen 2014 Der Susan-Effekt Übersetzung: Peter Urban-Halle Carl Hanser Verlag, München 2015 ISBN: 978-3-446-24904-2, 396 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 43-jährige dänische Physikerin Susan Svendson wird in Indien inhaftiert, weil sie beinahe ihren Liebhaber in Notwehr getötet hätte. Auch ihr Ehemann und die 16-jährigen Zwillinge geraten während des Indien-Aufenthalts in Schwierigkeiten. Thorkild Hegn, den sie für einen dänischen Geheimagenten halten, schmuggelt sie alle zurück nach Dänemark. Als Gegenleistung soll Susan ihm das Abschlussprotokoll einer geheimen Zukunftskommission beschaffen ...
Weiterlesen

Kritik

Auf den ersten Blick sieht "Der Susan-Effekt" wie ein zivilisations­kriti­scher Politthriller aus. Aber die Handlung ist so albern und über­dreht, dass man den Roman von Peter Høeg nur als Satire oder Persiflage auffassen kann.
Weiterlesen

Die 43-jährige Dänin Dr. Susan Svendson vom Institut für Experimentalphysik in Kopenhagen befindet sich seit zwei Wochen in einem Gefängnis des indischen Bundesstaats Manipur, weil sie versuchte, mit bloßen Händen ihren 1.90 Meter großen athletischen Liebhaber zu töten, der sich nicht damit abfinden wollte, dass sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Thorkild Hegn besucht sie in der Haftanstalt. Susan hält ihn für einen hochrangigen Agenten des dänischen Geheimdienstes. Von ihm erfährt sie nicht nur, dass ihr Ehemann, der Komponist Laban Svendson, eine 17 Jahre alte Maharadscha-Tochter nach Goa entführte und von der südindischen Mafia verfolgt wird, sondern auch was mit ihren 16-jährigen Zwillingen geschehen ist. Thit brannte mit dem Priester Kamal des Kalitempels in Kalkutta durch, trennte sich jedoch nach zwei Wochen im Lake Palace Hotel in Udaipur von ihm. Harald wurde wegen angeblichen Antiquitätenschmuggels in Almoeda an der nepalesischen Grenze inhaftiert.

Thorkild Hegn schmuggelt alle vier Mitglieder der Familie Svendson nach Dänemark zurück. Als Gegenleistung erwartet er, dass Susan ihm das geheime Abschlussprotokoll einer in den Siebzigerjahren gegründeten dänischen „Zukunftskommission“ beschafft. Er weiß, dass Susan dazu befähigt ist, nicht nur, weil sie stark und intelligent ist, sondern vor allem auch, weil Menschen ihr Herz ausschütten, wenn sie ihnen zuhört. Man spricht zwar vom Susan-Effekt, aber auch Laban Svendson verfügt über diese geheimnisvolle Gabe.

Susan hat für die Polizei Verhöre durchgeführt. Sie hatte es mit hartnäckigen Fällen zu tun. Organisierte Kriminalität. Individuen, die die Polizei schon aufgegeben hatte. Das war das Beste, was wir finden konnten. Da waren wir sicher, es lag ein objektivierter Widerstand dagegen vor, aufrichtig zu sein. Sie hat siebzehn Personen in neun Monaten verhört. Jede hatte zwölf bis achtundsechzig polizeiliche Verhörstunden hinter sich. Ohne irgendetwas preiszugeben. Bei uns fingen zwölf von den siebzehn nach zwei Stunden an zu singen. Drei weitere nach vier bis sechs Stunden.

Als Susan acht Jahre alt war, verließ ihr Vater die Familie. Im Abstand von jeweils zehn Jahren schickte er ihrer Mutter noch zwei Ansichtskarten. Später wird Susan von ihrer Mutter erfahren, dass er nicht freiwillig verschwand, sondern um einer Verhaftung zu entgehen. Er hatte Waffen in Länder geliefert, die einem Embargo der Vereinten Nationen unterlagen. Die Mutter Lana Levinsen, eine ehemalige Balletttänzerin, klagt, dass alles beschlagnahmt wurde: die Fabrik, Häuser, Jagdhütten, Ersparnisse.

Sie war immer süchtig. Der Alkohol kam erst, als sie mit fünfundvierzig mit dem Tanzen aufhörte. Davor waren es Pillen. Und Männer. Und die Aufmerksamkeit des Publikums.

Weil die alleinerziehende Mutter viel auf Tournee war und nicht mit der Tochter zurechtkam, schickte sie Susan mit 13 ins Jugendheim Holmgangen. Der Stationsleiter holte sich ab und zu eines der Mädchen ins Bett. Es dauerte vier Jahre, bis er auf Susan aufmerksam wurde. Dann vergewaltigte er sie in seiner Dienstwohnung. Auf dem Rücken liegend, umklammerte Susan ihn mit den Beinen, ergriff einen Akkuschrauber, trieb ihm acht Zentimeter lange Schrauben in den Rücken und dann durch seine Hände in den Fußboden.

„Am nächsten Tag war das Sozialamt da. Ich sagte, entweder würden sie mir eine Unterkunft im Studentenwohnheim besorgen und Physikbücher geben oder ich würde alles ans Licht bringen und die andern davon überzeugen, als Zeugen auszusagen, und sie müssten verstehen, dass das nicht als Drohung gemeint war, sondern als Versprechen. Am nächsten Tag kam ein einstweilig beigeordneter Vormund im Taxi und fuhr mit mir nach Kopenhagen.“

Der Mann, der Susan vergewaltigte, heißt Thorbjørn Halk. Durch den Job in Holmgangen finanzierte er sein Physik-Studium. Später brachte er es zum Professor und erhielt den Nobelpreis.

Als 18-Jährige bewarb Susan sich bei der renommierten Physikerin Andrea Fink am Hans Christian Ørsted Institut der Universität Kopenhagen.

„Es ist keine gewöhnliche Forschung. Veröffentlicht wird nichts. Alle Ergebnisse sind vertraulich. Das Gehalt ist eine Sonderzahlung. Für deine Karriere ist das wahrscheinlich nicht gerade der direkte Weg.“
„Ich habe so einige Narben“, sagte ich. „Ich werde eine schwierige Schülerin sein.“
Sie lachte lauthals. Ihr Lachen machte alle und alles in ihrer Umgebung glücklich, sogar das leere Auditorium.
Sie stand auf.
„Du kannst mich nächste Woche besuchen kommen. Ich habe drei Söhne. Die fasst du mir nicht an.“
[…] Vielleicht ahnten wir beide, dass ich sechs Monate später mit allen drei Söhnen im Bett gewesen sein würde. Und nach einem weiteren Jahr auch mit ihrem Mann.

Eineinhalb Jahre später lernte Susan den zwei Jahre älteren Komponisten Laban Svendson kennen, der beharrlich um sie warb und sich von zahlreichen Zurückweisungen nicht entmutigen ließ. Als sie ihn zum Beispiel ihr Fahrrad halten ließ, eine Bibliothek betrat und durch einen anderen Ausgang davonlief, brachte er ihr das Rad nach Hause und legte eine Rose darauf.

Andrea Fink nahm Susan 1991 mit in die Sowjetunion. Auf der Militärbasis Belbek bei Sewastopol an der südwestlichen Küste der Halbinsel Krim waren sie mit dem Staatspräsidenten Michail Sergejewitsch Gorbatschow in einer Datscha namens „Sarja“ verabredet. Auch seine Frau Raissa, seine Tochter Irina und zwei Enkelkinder hielten sich dort auf.

Er und Andrea Fink sprachen wie alte Freunde miteinander, er wollte ihre Hilfe bei der Zusammensetzung einer Gruppe, die die Richtlinien für die Gründung einer föderalen Sowjetunion mit weitgehender Selbständigkeit der Teilstaaten ausarbeiten sollte.

Als Andrea Fink ihm erklärte, dass sein Projekt undurchführbar sei, wirkte er ratlos. Da stand Susan auf und drückte seinen Kopf an ihre Brust. Zwei Wochen später erklärte er seinen Rücktritt.

Ein halbes Jahr lang war die Familie Svendson zuletzt in Indien. Thorkild Hegns Eingreifen haben Susan, Laban, Thit und Harald es zu verdanken, dass sie nun wieder in ihrem Haus in Evighedsvej wohnen, eine Viertelstunde vom Kopenhagener Zentrum entfernt. Falls es ihnen allerdings nicht gelingt, Thorkild Hegns Erwartungen zu erfüllen, müssen sie mit langjährigen Haftstrafen rechnen.

Als Erstes sucht Susan mit ihrem Sohn Harald zusammen die 74-jährige Historikerin Margrethe Spliid auf, die sie auf einem alten Foto neben ihrer Mutter Lana entdeckte.

Magrethe Spliid, geboren 1942. Doktor in Geschichte, seit 1964 Dozentin an der Militärhistorischen Fakultät der Akademie für Verteidigung. Seit 1970 Beraterin der NASA. Aufenthalt in den USA von 1968 bis 71. Assoziiertes Mitglied der Universitäten Yale und Cornell, der Hochschule des amerikanischen Heeres, des Instituts für Konfliktforschung der US-Luftwaffe in Michigan. Seit 1971 Professorin an der Zweiten Abteilung der Akademie für Verteidigung, der Fakultät für Strategische und militäroperationelle Prognosen. Seit ihrem Ausscheiden 2012 fest verpflichtet als Beraterin.

Auf die Frage nach dem letzten Treffen der Zukunftskommission antwortet Margrethe Spliid nicht. Als Susan und Harald sich nach dem unergiebigen Gespräch wieder ins Auto setzen, werden sie von einem 35-Tonnen-Bagger angegriffen und können sich gerade noch retten, bevor die Baumaschine das Fahrzeug zermalmt.

Kurz darauf wird Magrethe Spliid von Susan in ihrem Privathaus tot aufgefunden. Man hat sie mit ihrem Asthma-Inhalator erstickt. Vermutlich wurde sie von drei Männern überfallen. Einem von ihnen hat sie im Bad mit ihrem Diskus den Schädel zertrümmert, und was Susan zunächst für einen Schwamm hält, ist Gehirnmasse. In einem Übungsdiskus entdeckt Susan eine Liste der sechs Gründungsmitglieder der Zukunftskommission und nimmt sie mit.

Vier Namen stehen in einer Reihe, es sind die noch lebenden Mitglieder der Zukunftskommission. Darunter steht Thorkild Hegns Name und Adresse. Unter ihm ein einziges Wort oder ein Name: Geither.

Bei H. Rowan Geither handelt es sich um einen früheren Präsidenten der Ford Foundation, der ein von Dwight D. Eisenhower eingesetztes Komitee leitete und 1957 in einem Bericht den massiven Ausbau der Atomstreitkräfte und zugleich den Bau von Atomschutzräumen für vierzig Milliarden Dollar empfahl.

Susan, Laban, Thit und Harald fahren nach Frediksberg und überraschen Thorkild Hegn mit einem Besuch. Allerdings übergibt Susan ihm nicht Margrethe Spliids Liste, sondern eine selbst geschriebene mit vier erfundenen Namen. Thorkild Hegn, der das zunächst noch nicht ahnt, bietet den Svendsons die Aufnahme in ein Zeugenschutzprogramm in Italien an:

„Sie fahren von hier direkt nach Hause und packen. In ein paar Stunden werden Sie abgeholt. Sie fliegen heute noch. Auf dem Weg zum Flughafen bekommen Sie neue Pässe und alle praktischen Details. Wir regeln das. Wir gehen davon aus, dass Sie in einigen Monaten zurückkehren können.“

Susan setzt durch, dass sie den eigenen Wagen benutzen dürfen. Nachdem sie bereits im Haus eine heimlich installierte Überwachungsanlage gefunden hat, geht sie davon aus, dass Thorkild Hegn das Auto mit einem Peilsender ausstatten ließ. Den findet sie in der Fern­steuerung der Stand­heizung. Auf einem Rastplatz baut sie das Teil aus und gibt es einem Fernfahrer mit, der nach Süd­italien unterwegs ist. Dann kehrt sie mit ihrem Ehemann und den Zwillingen in ihr Haus in Evighedsvej zurück. Sie will nämlich erst einmal selbst herausfinden, was es mit der Zukunftskommission auf sich hatte.

Keld Keldsen lautet einer der Namen auf der echten Liste. Der Professor ist Rektor der Akademie für Vermessungskunde in Hirtshals, hält sich aber gerade in Kopenhagen auf. Als Susan ihn auf die Zukunftskommission anspricht, flieht er vor ihr zu seinem Jaguar. Susan stellt sich ihm in den Weg, und als er versucht, sie umzufahren, springt sie auf seine Motorhaube.

Schließlich berichtet er, dass die Zukunftskommission 1972 gegründet wurde und das Parlament beraten sollte.

„Keiner hat das besonders ernst genommen. Wir waren sechs Leute, frisch von der Uni. Dazu noch Sarah, die Künstlerin, Malerin.“

„Sechs junge Leute unter Magrethes Vorsitz. Kurz darauf zwölf. Zwei Jahre lang haben wir uns alle zwei Monate getroffen.“

„Wir haben uns getroffen und über die Zukunft geredet. Haben Themen angeregt. Zweimal im Jahr einen Bericht geschrieben. Nur für uns selber, nicht für andere. Falls jemand im Parlament sie gelesen hat, hat er jedenfalls keinen Laut von sich gegeben. Nach zwei Jahren hatte einer von uns die Idee, eine Art Zusammenfassung zu schreiben. Zu der Zeit lagen fünf Berichte vor. Die Zusammenfassung listete alle unsere Vorhersagen auf. Und verglich sie mit der Wirklichkeit. Sie nannte vierundzwanzig zentrale Ereignisse, dänische und internationale. Wir hatten diese Ereignisse nicht nur vorhergesagt, wir hatten auch ihren Zeitpunkt mit einer Abweichung von höchstens drei Wochen bestimmt!“

Während die Zukunftskommission in den ersten beiden Jahren kaum beachtet worden war, erhielt sie beim ersten Treffen nach Abgabe des Ergebnisberichts – am 14. Februar 1975, einen Tag nach dem Rücktritt der Regierung Poul Hartling – überraschend Besuch vom Polizeilichen Nachrichten- und Militärischen Abschirmdienst. Die Kommissionsmitglieder wurden aufgefordert, ihre Treffen zukünftig unter staatlicher Aufsicht auf dem Slotsholmen abzuhalten. Das lehnten sie ab, aber daraufhin wurden Margrethe Spliid und Keld Keldsen zu Thorkild Hegn gebracht, der sie darum bat, ihre Tätigkeit weiterzuführen.

„Aber nicht mehr unter der Regie des Parlaments, man halte es für das Beste, dass unsere Arbeit in aller Ruhe und Diskretion vor sich gehe, das heißt, man wolle einen kleinen Schirm über uns aufspannen. Lediglich ein Büro mit einer Sekretärin, damit wir uns nicht mehr mit der Reinschrift abmühen und die Berichte archivieren müssten. Was wir denn dazu sagten?“

Das nächste Kommissionsmitglied wird von Susan in einem Kloster vermutet. Aber als sie Henrik Kornelius dort entdeckt, kann er ihr nichts mehr verraten, denn er rotiert in einer auf Kochwäsche eingestellten Waschmaschine.

Während Henrik Kornelius ein Kloster baute, besitzt die Metallurgin Kirsten Klaussen, die ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern der Zukunftskommission gehörte, eine säkularisierte Kirche in Bagsværd als Wohnhaus.

Weil Susan vermutet, dass das Protokoll der Zukunftskommission im Reichsarchiv unter dem Folketing zu finden sei, fragt sie ihre Nachbarin, ob es eine Möglichkeit gebe, unbefugt hineinzukommen. Dorthea Skousen ist 84. Sie hatte sich in der Kopenhagener Stadtverwaltung zur Bürovorsteherin hochgearbeitet. Ihr 90-jähriger Ehemann Ingeman Skousen war Fischer und dann Straßenarbeiter. Wie gehofft, besitzt Dorthea die Kopie eines Plans des Tunnelsysstems unter der Christiansborg. Am Tag vor Weihnachten zeigt sie Susan und Laban einen Eingang und erklärt ihnen den unterirdischen Weg. Dann verabschiedet sie sich mit den Worten:

„Wenn sie euch entdecken, kriegt ihr mindestens drei Jahre Knast. Dann sind wir für Thit und Harald da.“

Im Archiv werden sie vom Außenminister Falck-Hansen, der Chefbibliothekarin des Folketings und einer internationalen Delegation überrascht. Während Susan sich in einem Regal versteckt, lenkt Laban die Gruppe ab, indem er sie dazu animiert, mit ihm eine von ihm komponierte Festkantate zu singen. Sobald Susan allein ist, sucht sie weiter und findet schließlich ein Protokoll der Zukunftskommission vom 12. September 1972, unterschrieben von Andrea Fink und Magrethe Spliid. Damit kehrt sie unbehelligt zum geparkten Auto zurück und fährt zum Haupteingang des Parlaments.

Die Tür zum Folketing geht auf. Laban kommt rückwärts heraus. Seine Hände sind erhoben, mein erster Gedanke: Er verteidigt sich.
Das ist falsch, er dirigiert. Hinter ihm kommen der Außenminister, die Chinesen, die Bibliothekarin und alle übrigen. Dahinter etliche Parlamentsangestellte. Alle singen.

Susan besucht Andrea Fink und spricht sie auf die Zukunftskommission an. Die pensionierte Physikerin stellt klar, dass die Gruppe zwar unglaublich zutreffende Prognosen stellte, aber nicht über hellseherische Fähigkeiten verfügte.

„Keiner kann die Zukunft voraussagen. Sie liegt nicht fest, ehe sie eintritt. Das ist ein multidimensionales Feld aus Virtualitäten.“

Andrea Fink und Magrethe Spliid verloren die Leitung der Zukunftskommission an Thorkild Hegns, der damals Staatssekretär im Justizministerium war.

„Ich bin kein Politiker, Susan. Von Machtspielen habe ich nie etwas verstanden. Er hat mich abgekoppelt. Vom erfolgreichsten Experiment meiner Laufbahn.“

Thorkild Hegn schied dann in Absprache mit der Regierung aus dem Ministerium aus, gab der geheimen Kommission den Namen „Institut für Zukunftsstudien“ und kappte ihre Verbindungen zum Parlament.

Als Susan ein weiteres Kommissionsmitglied aufsuchen möchte – Andreas Baumgarten, den ehemaligen Direktor der Nationalbank – wird ihr der Weg von einer resoluten Dame in schwarzer Hose, schwarzem Pullover und Reitstiefeln verstellt, aber Susan ist auch nicht von gestern.

„Ich muss Andreas sprechen“, sage ich. „Sag ihm, die Susan von Fanø ist da. Ich bin eben beim Arzt gewesen. Ich bin im vierten Monat. Ich will wissen, was wir machen, sollen wir heiraten oder was?“

Andreas Baumgarten ist auf dem Weg zum Flughafen und nimmt Susan im Bentley mit, nachdem sie ihm mitgeteilt hat, dass Margrethe Spliid und Henrik Kornelius ermordet wurden. Sie fragt ihn nach dem Protokoll der letzten Sitzung der Zukunftskommission, und er entgegnet:

„Es wurde nichts niedergeschrieben. Bei den letzten Treffen. Die Prognosen waren zu düster. Unser Ausgangspunkt waren Hunderte weltweiter Risiken, verteilt auf sechs Risikokategorien: Wirtschaft, Umwelt, Geopolitik, Gesellschaft, Technologie und globale Ressourcen. Wir benannten fünf Hauptprobleme: chronisches finanzielles Ungleichgewicht, Ausstoß von Treibhausgasen, unhaltbarer Bevölkerungszuwachs, extreme Ungleichheit der Einkommen. Und Ressourcenknappheit, die sich in extrem volatilen Energie- und Landwirtschaftspreisen manifestieren wird.“

„Wir entwarfen ein Bild der Erde, wo die zarten Versuche globaler Führung, die es gegeben hat, fehlgeschlagen sind. Wo das westliche Wohlfahrtsmodell als Folge staatlicher Schuldenlast teilweise zusammengebrochen ist. Wo junge Menschen bei extrem hoher Arbeitslosigkeit die älteste Erdbevölkerung der Geschichte versorgen müssen, anderthalb Milliarden Menschen über sechzig im Jahre 2020. Wo sich unkontrollierbare soziale Unruhen massiv ausbreiten. Wo sich das Unterrichtssystem durch Fehlausbildung auszeichnet, weil die Menschen nach wie vor auf Jobs und Wirtschaftssysteme des 20. Jahrhunderts getrimmt werden, die es nicht mehr gibt. Wo der Alltag durch Metaunfälle geprägt ist wie die großen Öl- und Chemikalienlecks im 20. Jahrhundert, aber nun ergänzt durch das Austreten modifizierter Mikroorganismen und nanotechnologischen Materials.“

„Wir entwarfen sechs verschiedene Zusammenbruchsszenarien.“

„Die Zukunft besteht nicht darin, dass wir aus unseren Irrtümern lernen. Sie besteht darin, dass wir nicht wahrhaben wollen, dass sie überhaupt stattgefunden haben.“

„Fünfundvierzig Jahre lang haben wir versucht, die Menschheit aufzurütteln! Wir haben zweitausend exakte Voraussagen von Hauptströmungen und Einzelereignissen von nationaler und internationaler Bedeutung getroffen. Dänemark hatte in uns ein Instrument, das keine andere Regierung und keine Nation jemals hatte! Und wir wurden ignoriert. Eingekapselt von Thorkild Hegn und den Nachrichtendiensten. Und ignoriert. Mit Diäten abgespeist!“

Am Flughafen Kopenhagen-Kastrup steht ein Learjet für Andreas Baumgarten bereit. Er will nach Brasilien. Bevor er an Bord geht, fragt Susan ihn, woher das viele Geld stammte, mit dem sich die Kommissionsmitglieder bereicherten, und als er darauf nicht antworten will, greift sie ihm vor den Augen der Leibwächter und der angetretenen Flugzeugbesatzung in die Hose, packt seine Hoden und drückt zu. Er kann nur noch flüstern, als er endlich „Gold“ sagt.

„Wie, Gold?“
„Wir haben die Preissteigerungen für Gold vorausgesehen. Die Folgen des 15. August.“
„Kannst du das bitte mal näher erklären, Andreas? Ich hab noch nie Gold besessen außer meinem Ehering.“
„Am 15. August 1971 kündigte Nixon die Goldbindung des Dollars auf. Seit ’44 ist Gold internationaler Standard gewesen. Das Bretton-Woods-System. Wir wussten, dass das die Goldpreise in die Höhe treiben würde. Das und die Krisen. Also kauften wir. Warteten. Liehen uns Geld und kauften noch mehr.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Als die Zukunftskommission zu dem Schluss kam, dass ein globaler Zusammen­bruch bevorsteht, löste sie sich auf, ohne Thorkild Hegn über die letzte Prognose zu informieren.

Der Mann, der den Bagger fuhr, entführt Susan, Laban, Thit und Harald in ein abgelegenes Haus. Mit auf dem zehn mal zehn Kilometer großen eingezäunten und bewachten Gelände befindet sich sonst nur noch ein pflanzenphysiologisches Labor des dänischen Militärs, in dem Oskar Larsen allein arbeitet, ein Mann, den die Svendsons kennen. Thit brachte ihn nämlich an Weihnachten mit nach Hause, weil sie ihn für einen Obdachlosen hielt.

„Wir haben eine komplette Dublette der Nordischen Genbank. In einem unterirdischen Schutzraum. Sie wurde im Frühjahr 1980 eingerichtet, unmittelbar nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan.“

Oskar Larsen war erst zwei Jahre beim Militärischen Abschirmdienst, als er am 7. August 1977 einen Anruf aus dem Pentagon bekam. Die Amerikaner hatten von den Russen Satellitenaufnahmen von südafrikanischen Atomanlagen in der Kalahari-Wüste erhalten. Jimmy Carter ließ das Gebiet – Vastrap Weapon Range – vom Flugzeug des amerikanischen Militärattachés in Pretoria aus 30 Metern Höhe filmen. Auf einem Foto, das Oskar bei sich hat, sind drei Männer zu sehen: Einer ist Jason Alter, der Mann, der versuchte, Susan und Harald mit einem Bagger zu ermorden und später die ganze Familie entführte. Neben ihm erkennt Susan ihren Vater.

Vier Monate nach ihrer Gefangennahme beobachtet Susan, wie Oskar beim Schwimmen im eiskalten Wasser in Not gerät. Sie eilt ihm sofort zu Hilfe. Es gelingt ihr zwar, ihn aus fünf oder sechs Metern Tiefe hochzuholen, aber auf dem Rückweg streiken ihre Muskeln und Nerven wegen der Kälte. Zum Glück ist Laban zur Stelle, bevor sie mit dem Bewusstlosen ertrinkt. Später stellt sich heraus, dass in Oskars Gehirn ein Blutgefäß geplatzt war. Er überlebt, ist jedoch fortan auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die Kreditkarten der Svendsons sind gesperrt. Angeblich gaben sie selbst den Auftrag und ließen auch ihre Konten löschen. Ihr Haus wird über einen Makler zum Kauf angeboten.

„Irgendjemand“, sage ich, „ist dabei, uns aus dem Libretto zu streichen.“

Oskar warnt Susan, dass man sie in zwei Tagen abholen und jede Spur von ihnen beseitigen wolle. Er verhilft ihr und Laban zur Flucht. Etwas später bringt er die Kinder nach.

Thit und Harald geben sich im Verteidigungsministerium als Biologen von der pflanzenphysiologischen Versuchsstation bei Præstø aus. Sie zeigen Mangos und Zitronen vor, die sie bei einem indischen Gemüsehändler kauften und behaupten, die Früchte seien von enormer Bedeutung und müssten unverzüglich abgeliefert werden. Daraufhin bekommen sie eine Adresse, und dort treffen sie auf Thorkild Hegn, der sie zum Glück nicht erkennt. Während Thit einen epileptischen Anfall simuliert und die Aufmerksamkeit auf sich zieht, entdeckt Harald das Modell einer Insel. Sie heißt Spray Island. Den Namen erhielt sie Ende des 19. Jahrhunderts von Joshua A. Slocum, der nach der Allein-Umsegelung von Kap Hoorn in einen Sturm geraten und auf der 50 mal 50 Kilometer großen Insel gestrandet war. Inzwischen hat der dänische Staat sie gekauft, und sie ist Teil des weltgrößten Naturschutzprojekts der UNESCO.

Keld Keldsen kam kurz vor Weihnachten bei einem vorgetäuschten Autounfall ums Leben. Auch Kirsten Klaussen wird in ihrer Kirche ermordet. Kurz nachdem Susan und Laban die Leiche entdeckt haben, klingelt Susans Telefon. Es ist Jason Alter. Er hat die Zwillinge in seiner Gewalt.

Im früheren Rundfunkhaus trifft Susan nicht nur auf Thorkild Hegn, Thorbjørn Halk und den Außenminister Falck-Hansen, sondern auch auf ihren Vater. Die Männer nehmen sie mit zum Dach hinauf. Von dort steigen sie mit einem futuristischen Ballon auf. Der Vater erklärt Susan, der globale Zusammenbruch stehe unmittelbar bevor und es gehe nun darum, den Besten das Überleben zu sichern.

„Schwierige Sache. Die Verwaltung der Macht, wenn die Demokratien zusammengebrochen sind. Das erfordert ein besonderes Wissen. Wenn das, was von der Gesellschaft noch übriggeblieben ist, nicht zugrunde gehen oder in der Barbarei enden soll. Das erfordert eine Kombination aus militärischer, operativer und verwaltungsmäßiger Erfahrung.“

An der Stelle, an der Susan ihre Kinder vermutet, bringt sie den Ballon zur Landung. Wie erwartet, stößt sie auf Jason Alter. Er verlangt von ihr, dass sie für ihn zu einem Song von Edith Piaf strippt. Zuerst will sie die Kinder sehen. Harald befindet sich in einem „Zwischending zwischen einem Sommerhausanbau und einem Räucherofen“. Zwei davon sollen zum Einäschern von Leichen auf die Insel gebracht werden. Thit sitzt in einem Container. Nachdem Susan sich vergewissert hat, dass die Zwillinge leben, legt sie den BH ab und zieht den Slip aus. Dann schleudert sie ihre Handtasche, in der sich ein schwerer Kuhfuß befindet, gegen Jason Alters Kopf. Obwohl der Schädel bricht, bleibt der Verbrecher stehen, aber im nächsten Augenblick fehlt ihm ein Stück am Brustkorb.

Durch die Öffnung sehe ich in die Brusthöhle, sehe die eine pochende Lunge. Die Verbindung des Zwerchfells mit der Bauchwand.

Oskar fährt auf einem elektrischen Rollstuhl näher. Er hat Jason Alter mit der Bazooka erschossen, die Kirsten Klaussen gehörte.

nach oben

Im Mittelpunkt des dystopischen Szenariums in „Der Susan-Effekt“ steht die dänische Physikerin Susan Svendson, eine ebenso starke wie intelligente Frau – ähnlich wie die Naturwissenschaftlerin Smilla Q. Jaspersen in Peter Høegs Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“. Sie tritt als Ich-Erzählerin auf.

Auf den ersten Blick sieht „Der Susan-Effekt“ wie ein zivilisationskritischer Politthriller aus. Aber die pseudowissenschaftlichen Ausführungen sind nur Stilmittel, und die Handlung ist so albern und überdreht, dass man das Ganze nur als Satire oder Persiflage auffassen kann. Peter Høeg hat den Roman überfrachtet, und die Einfälle sind nicht irrwitzig genug, um fast 400 Seiten zu tragen. „Susans Effekt“ wirkt deshalb streckenweise langatmig und schwerfällig.

Den Roman „Der Susan-Effekt“ von Peter Høeg gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Sandra Schwittau (ISBN 978-3-8445-1947-1).

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

Claire Keegan - Das Abschiedsgeschenk
Die Protagonistin erzählt nicht in der Ich-Form, sondern in der 2. Person Singular, also aus einer Distanz zu sich selbst. Vieles wird nur ange­deu­tet, manches bleibt unklar. In der Erzählung "Das Abschiedsgeschenk" von Claire Keegan kommt es auf die Zwischentöne an.
Das Abschiedsgeschenk

Claire Keegan

Das Abschiedsgeschenk

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.