Urs Faes : Liebesarchiv

Liebesarchiv

Urs Faes

Liebesarchiv

Liebesarchiv Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2007 ISBN 978-3-518-41876-5, 227 Seiten, 19.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 1998 zu einer Lesung angereiste Autor wird von einer alten Dame angesprochen: Anna Altmann behauptet, sein Vater Robert sei ihre große Liebe gewesen. Sie gibt ihm ihre Telefonnummer, aber er ruft sie nicht an, und einige Monate später erfährt er, dass sie gestorben ist. Widerstrebend begibt er sich gemeinsam mit Annas Tochter auf Spurensuche. Sie führt in das Jahr 1954, als Anna und Robert monatelang nicht bei ihren Familien waren ...
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Kritik

"Liebesarchiv" ist ein fesselnder, tief gehender, einfühlsamer und geschickt aufgebauter Roman von Urs Faes mit einer dichten Atmosphäre. Sehr empfehlenswert.

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Auf dem Weg von Zürich zu einer Lesung in einer Kleinstadt am Rhein nahe der deutsch-schweizerischen Grenze macht der Schweizer Autor an Allerheiligen 1998 einen Abstecher zum Dorf Thalheim und besucht dort das Grab seines vor gut zehn Jahren verstorbenen Vaters Robert Konrad. Er erinnert sich, bei der Beerdigung einen Blumenkranz mit einer Schleife bemerkt zu haben, auf der „eine Verehrerin“ stand. Jedes Jahr an Allerheiligen legte die Unbekannte frische Blumen auf das Grab.

Vor der Lesung spricht ihn eine ältere Frau an.

Sie sind wirklich sein Sohn, sagte sie und fuhr mir mit der Hand sachte über Haar und Wangen, als müsste sie sich vergewissern, dass es mich tatsächlich gab.
Mir blieb keine Zeit, mich zu wundern.
Ich habe ihn geliebt, sagte sie, bevor ich eine Frage stellen konnte […]
Er ist die große Liebe meines Lebens gewesen, all die Jahre. Ich habe ihn nie vergessen; ich habe nur einen Sommer mit ihm gelebt, ein Sommer, in welchem der Mond die Sonne verdunkelte. (Seite 10)

Sie zeigt ihm ein Foto, auf dem sein Vater mit ihr abgebildet ist. Damals war er noch keine dreißig. Anna Altmann – so heißt sie – schreibt dem Schriftsteller ihre Telefonnummer auf und bittet ihn, sie anzurufen: Sie möchte mit ihm über seinen Vater reden.

Meinte sie den Sommer 1954, als er dreizehn war und glaubte, der Vater sei bei einer Expedition im Gebirge? Als sein geistig behinderter Bruder Michael weiße Blätter mit Deckweiß vollmalte und endgültig ins Heim musste? Als Tante Julie die Mutter unterstützte, ein Toter im Fluss gefunden wurde und am 30. Juni eine Sonnenfinsternis stattfand?

Er schiebt den Anruf bei Anna Altmann immer wieder hinaus, denn er möchte nicht daran rühren, was damals geschah. Außerdem hat er gerade Beziehungsprobleme mit seiner langjährigen Freundin Kristin. Im Frühjahr 1999 erhält er einen Brief von Anna Altmanns Tochter Vera: Die Mutter sei verstorben und habe einige Sachen für ihn zurückgelassen. Vera Altmann fordert ihn auf, zu ihr zu kommen.

Vorher reist er nach Riga, um dort eine Rede zu halten. Kurz vor seinem Abflug erleidet seine fünfundsiebzig Jahre alte Mutter Helen einen Schlaganfall.

Sie hatte ihm von Riga erzählt, als er noch ein Kind war. Allerdings kannte sie die Stadt nicht persönlich, sondern nur aus den Schilderungen eines jüdischen Flüchtlings aus dem baltischen Lemsal an der Jura, Simon Leivany, der 1938 in die Schweiz gekommen, weiter ins Vichy-Frankreich geflohen und dann verschollen geblieben war.

Der Autor denkt verunsichert: War statt Robert Konrad vielleicht Simon Leivany sein leiblicher Vater? War seine Mutter von dem jüdischen Flüchtling aus dem Baltikum schwanger, als sie einige Wochen nach der Trennung von ihm Robert heiratete?

Erinnerungen an das Jahr 1954 tauchen auf. Während sein Vater acht Monate lang abwesend war, hatten sich der Ich-Erzähler und sein Freund Edgar, mit dem er schon zusammen im Kindergarten gewesen war, in die Bauerntochter Isabelle Kern verguckt, die Miniröcke trug und deren schwingende Brüste sich durch ihre dünnen Hemdchen oder Blusen abzeichneten, während die Mütter noch Korsetts trugen. Durch ihre Gefühle für Isabelle wurden die beiden Halbwüchsigen zu Rivalen: sie prügelten sich, und ihre Freundschaft zerbrach.

So blitzen die Augenblicke auf, grell und blendend, heben sich ab vom Dämmerdunkel jenes Sommers, in dem dies alles zu Ende ging, jäh und unwiederbringlich: der Sommer, in welchem der Vater einer Geliebten folgte und uns, die Mutter und mich und den kleinen Michi, allein zurückließ, der Sommer, in welchem Edgar und ich in Isabelle verliebt waren; der Sommer in jenem Jahr, in welchem sich der Mond vor die Sonne schob und im Fluss ein Toter gefunden wurde; das Jahr, in welchem Michi endgültig ins Heim musste und wir Weihnachten ohne den Vater feierten, das Jahr, in welchem meine Kindheit endete. (Seite 170)

Nach wochenlangem Zögern ruft der Ich-Erzähler Vera Altmann an. Er hätte sich lieber in einem Café mit ihr getroffen, aber sie wollte ihm zu Hause das „Liebesarchiv“ ihrer Mutter zeigen. Vera ist Mitte vierzig, also etwa acht Jahre jünger als der Besucher. Ihr Vater starb, als sie fünf Jahre alt war. Auch noch während des Studiums hatte sie bei ihrer Mutter gewohnt; erst mit dreißig zog sie nach Genf und fing als Dolmetscherin bei den United Nations an.

In den letzten Jahren ihres Lebens erzählte Anna ihrer Tochter von Robert, den Vera nur als Besucher kannte. Sie hatten sich an dem Tag getroffen, als sein Bruder vier Tage vor dem 28. Geburtstag an Leukämie gestorben war. Robert Konrad leistete damals Dienst bei der Grenzwacht und hatte die Aufgabe, illegale Einreisen von Flüchtlingen aus Deutschland in die Schweiz zu verhindern. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs sahen sie sich wieder. Inzwischen hatte er Helen geheiratet, doch der Kontakt zwischen Anna und Robert riss nie wieder ab, und 1954/55 verbrachten die beiden sogar eine gemeinsame Zeit auf einem Bauernhof in Sichtweite der Wallfahrtskirche von Mariastein. Den letzten Brief erhielt Anna von Robert im August 1987, kurz vor seinem Tod.

Roberts Sohn erinnert sich, wie der Vater nach acht Monaten im März 1955 unerwartet nach Hause kam. Niemand sprach vor den Kindern darüber, wo er gewesen war, aber der Ich-Erzähler weiß noch, dass die Mutter den Vater von da an durch Nichtbeachtung strafte.

Der Vater kehrte zwar zurück, aber ohne anzukommen. Er blieb abwesend mitten unter uns. (Seite 88)

Mein Vater ist ein Sträfling, dachte ich, einer, der keine Rechte mehr hat, weil er desertiert ist.
Er hat uns im Stich gelassen, empörte sich die Mutter. Dass er wieder da war und ihr manche Arbeit abnahm, half ihm wenig. (Seite 113)

Ich war gern allein auf dem Zimmer.
Michael war im Heim. Die Mutter war im Laden oder in der Küche, der Vater im Keller oder im Garten.
Nur zum Essen saßen wir zusammen, dann verkroch sich wieder jeder in seine Ecke. Als wären wir unsere eigenen Haustiere. Aber was hätten wir schon gemeinsam unternehmen sollen? (Seite 99)

Einige Wochen nach seiner Rückkehr fand der Vater Arbeit bei einer Speditionsfirma und später in einem Betrieb für die Herstellung von medizinisch-diätetischen Produkten und Zuckerwaren. Dann, 1956 oder 1957, wurde er krank. 1958 kam Helen mit den Zwillingsschwestern Johanna und Elisabeth nieder.

Der Ich-Erzähler überlegt: Ist Vera vielleicht Roberts Tochter, also seine Halbschwester? Doch wenn er Simons und nicht Roberts Sohn ist, sind sie nicht verwandt.

Vera bringt ihren Besucher im Gästezimmer unter. Als er im Bett liegt, schlüpft sie nackt herein und legt sich zu ihm.

Unmittelbar vor seiner Abreise nach Vilnius, wo er einen Vortrag halten soll, trifft er sich mit Kristin, um sich mit ihr auszusprechen. Vielleicht hat ihre Beziehung doch eine Zukunft.

Mit einem Bus fährt er von Vilnius nach Kaunas und trifft sich dort mit der Bibliothekarin Chana Kleinas, die ihm erzählt, dass vor dem Krieg 15 000 Juden in der Stadt lebten. Nach den Deportationen unter Stalin kamen die Mordkommandos der Nationalsozialisten. Heute gibt es außer Chana gerade noch ein paar hundert Juden in Kaunas. Chana war vier Jahre alt, als sie im Herbst 1943 ihre Eltern, Großeltern und ihre ältere Schwestrer Esther zum letzten Mal sah.

Von einem Fahrer lässt der Schriftsteller sich zum Fluss Jura bringen, denn er will den Ort besuchen, aus dem Simon stammte.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz fährt Vera mit ihm nach Mariastein. Dort haben sie ein Zimmer in einem Gasthaus gemietet und sich mit der Tochter der Bäuerin verabredet, auf deren Hof Anna und Robert 1954 lebten. Die beiden Besucher schauen sich die Dachkammer an, in der das Liebespaar die Nächte verbrachte. Die jetzige Bäuerin, die ein paar Jahre jünger als Vera ist, erfuhr von ihrer Mutter einiges über die beiden. Robert arbeitete auf dem Rotberg als Hilfskraft auf einem Bauernhof. Es sah so aus, als würden er und seine Geliebte bleiben, aber dann traf ein Telegramm ein und sie reisten auf der Stelle ab. Von einem Unfall redete man. Mehr wusste man nicht. Zwei, drei Wochen später kam Anna noch einmal zurück und vertraute der Bäuerin einen Koffer an, den deren Tochter nun den Besuchern aushändigt. Noch ein Liebesarchiv?

Zur Enttäuschung der neugierigen Bäuerin öffnen sie den Koffer erst im Hotelzimmer. Darin finden sie unter anderem das Telegramm: „Dario wird vermisst. Komm zurück. Dringend. Gertrud“. Es stammte von Veras Tante, die sich während der monatelangen Abwesenheit ihrer Schwester – angeblich wegen einer Kur in den Bergen – um die fünfjährige Vera und deren Vater Dario Bassi kümmerte. Dario hatte sich nach einem Kneipenbesuch im Fluss ertränkt. Seine Leiche trieb weit ab und wurde ausgerechnet in Thalheim ans Ufer gespült. Weil die Leute über Anna redeten, zog sie mit ihrer Tochter fort und nahm ihren Mädchennamen Altmann wieder an.

Im März 1999 stirbt Helen Konrad. Unter den Trauergästen, die ihrem Sohn kondolieren – Michael war Anfang der Siebzigerjahre gestorben – , ist Isabelle. Er hätte sie gar nicht erkannt, wenn sie nicht ihren Namen gesagt hätte. Als er ihr über die Schulter schaut, erblickt er Edgar. Die beiden sind verheiratet und betreiben einen kleinen Landgasthof im Säuliamt.

Als er allein ist, blättert der Autor in einem Notizbuch seiner Mutter, das Johanna ihm gab:

Es waren Klagen, Klagen über all das, was zu tragen war, kein Aufbegehren. Oft stand da: „Es ist zuviel“, manchmal mit Ausrufezeichen. (Seite 209)

Er fährt nach Zürich zurück. Eine Woche später fliegt er zu einer Tagung nach Lissabon und erinnert sich an seinen ersten Aufenthalt in der portugiesischen Hauptstadt. Es war vor fünfundzwanzig Jahren während der Nelkenrevolution. Die Kunststudentin Therese war bei ihm. Sie heirateten einige Zeit später, aber die Ehe zerbrach bald wieder.

Der Ich-Erzähler verspürt Gelassenheit – und das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen.

Sollte ich Kristin anrufen? Oder Vera?
Ich wartete. (Seite 227)

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„Liebesarchiv“ ist ein fesselnder und geschickt aufgebauter Roman über eine Spurensuche. Der Ich-Erzähler nimmt den Leser mit auf die Reise in die Vergangenheit. Zusammen mit der Tochter der Frau, deren große Liebe sein Vater war, obwohl beide mit anderen Partnern verheiratet waren und Kinder hatten, versucht er zu verstehen, was vor mehr als vierzig Jahren geschah. Dabei denkt er zugleich über seine eigene Identität nach. Wiederholte Hinweise und Andeutungen – beispielsweise auf eine Wasserleiche – erhöhen die Spannung, doch Urs Faes benötigt dazu keine Effekthascherei. „Liebesarchiv“ ist ein tief gehender, subtiler und einfühlsamer Roman mit einer dichten Atmosphäre. Da steht kein Wort zu viel. Es handelt sich um einen ernsten Roman, der sich jedoch leicht lesen lässt. Mich zog die Lektüre so in ihren Bann, dass ich das Buch in einer Nacht las, ohne dazwischen eine Pause einzulegen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Nina Lugowskaja - Ich will leben. Ein russisches Tagebuch
Das Tagebuch der jungen Russin Nina Lugowskaja – "Ich will leben" – gilt als aufschlussreiches Zeitdokument über das stalinistische Alltagsleben und widerlegt diejenigen, die nach Stalins Tod behaupteten, nichts von dessen Verbrechen gewusst zu haben.
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Nina Lugowskaja

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