Edward Morgan Forster : Wiedersehen in Howards End

Wiedersehen in Howards End
Originaltitel: Howards End Manuskript: Webbridge, 1908 - 1910 Erstausgabe: Cambridge 1910 Wiedersehen in Howards End Deutsche Erstausgabe: 1949 Übersetzung: Egon Pöllinger F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 1987 Süddeutsche Zeitung / Bibliothek,Band 8, München 2004 ISBN 3-937793-51-8, 399 Seiten Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M 2005 ISBN 978-3-596-15898-0, 407 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die idealistisch, unkonventionell und selbstständig denkenden Geschwister Margaret (29), Helen (21) und Theobald Schlegel (16) wohnen zu Beginn des 20. Jahrhundert in London. Während eines Besuchs bei der neureichen Industriellenfamilie Wilcox auf dem Landsitz Howards End verliebt Helen sich überstürzt in einen der beiden Söhne ...
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Kritik

Obwohl sich die Gesellschaft in den letzten hundert Jahren glücklicherweise weiterentwickelt hat, ist die Lektüre des gesellschaftskritischen Romans "Wiedersehen in Howards End" noch immer anregend und ergreifend. Dabei überzeugt auch der sorgfältige, klassisch wirkende Aufbau der komplexen Handlung.
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Der Roman spielt nach dem Tod Königin Viktorias, also zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in London und Umgebung.

Die Geschwister Margaret („Meg“), Helen und Theobald („Tibby“) Schlegel leben in ihrem gut eingerichteten Geburtshaus am Wickham-Place in London. Es sind junge, lebensfrohe, unkonventionelle und selbstständig denkende Menschen, die gern andere Leute zu Diskussionen einladen.

Ihre Mutter Emily starb bei der Geburt Tibbys. Margaret war damals dreizehn, Helen fünf. Ihr Vater Ernst Schlegel, ein aus Deutschland stammender Idealist, folgte seiner Frau fünf Jahre später ins Grab.

Sechzehn Jahre nach dem Tod ihrer Mutter lernen Helen und Margaret während einer Deutschlandreise bei einem Ausflug von Heidelberg nach Speyer den Industriellen Henry Wilcox und dessen Ehefrau Ruth kennen. Einer Einladung des älteren Ehepaars auf den Landsitz Howards End bei dem Dorf Hilton in Hertfordshire kann nur Helen Folge leisten, weil Margaret sich um den unter Heuschnupfen leidenden Bruder kümmern muss.

Sie [Margarete] hatte über zehn Jahre den Haushalt geführt; sie hatte sich als Gastgeberin einen Namen gemacht; sie hatte eine charmante Schwester großgezogen und war nun im Begriff, auch noch einen Bruder zu erziehen. (Seite 83)

Helen schreibt ihrer älteren Schwester begeisterte Briefe aus Howard Ends und schwärmt von der neureichen Familie.

Er [Henry Wilcox] sagt die entsetzlichsten Dinge über das Frauenstimmrecht ja so nett, und als ich sagte, ich glaubte an die Gleichberechtigung, da verschränkte er bloß die Arme und hielt mir eine solche Standpauke, wie ich dergleichen noch nie gehört habe. Meg, werden wir jemals lernen, nicht so viel zu reden? Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so geschämt. (Seite 8)

Nach ein paar Tagen teilt Helen mit, sie habe sich in Paul Wilcox, den jüngeren der beiden Söhne verliebt. Das beunruhigt Margaret und ihre Tante Juley Munt, die zu Besuch aus Swanage nach London gekommen ist. Die Tante besteht darauf, mit der Bahn nach Howards End zu fahren und dort nach dem Rechten zu sehen. Sie ist bereits abgereist, als Margaret ein Telegramm erhält:

„Alles aus. Wünschte, ich hätte nie geschrieben. Sag’s keinem! – Helen.“ (Seite 16)

Ohne vom Ende des Flirts etwas zu ahnen, trifft Juley Munt am Bahnhof in Hilton zufällig Charles Wilcox, verwechselt ihn jedoch mit seinem jüngeren Bruder Paul und versucht ihn ungeschickt über seine Gefühle für ihre Nichte auszufragen. Charles, der nichts davon wusste, dass Paul und Helen sich geküsst hatten, nimmt sich sofort vor, seinen Bruder wegen dieser „Dummheit“ zur Rede zu stellen, und er klärt die Besucherin während der Autofahrt nach Howards End darüber auf, dass Paul in Kürze nach Nigeria gehen werde und auf Jahre hinaus nicht ans Heiraten denken könne.

Krank und gedemütigt kehren Helen und ihre Tante nach London zurück.

Als Helen beim vorzeitigen Aufbruch von einer Konzertaufführung aus Versehen einen fremden Regenschirm mitnimmt, lernen sie und ihre Geschwister Leonard Bast kennen, einen zwanzigjährigen Versicherungsangestellten, der von Musik und Literatur schwärmt, aber weder zeitlich noch finanziell in der Lage ist, sich eingehender damit zu beschäftigen.

Er befand sich nicht im Abgrund, aber er konnte ihn wohl sehen, und von Zeit zu Zeit waren Menschen, die er kannte, hineingestürzt und galten nichts mehr […] Sein Geist wie sein Körper waren unterernährt, weil er eben arm war, und weil er auch modern war, sehnten sie sich stets nach besserer Nahrung. (Seite 52f)

Sich Bildung zu erwerben! Fremdwörter richtig auszusprechen! Gut unterrichtet zu sein und ungezwungen über jedes Thema parlieren zu können, das eine Dame aufgreift! Aber dazu würde man Jahre brauchen. Mit einer Stunde Mittagspause und ein paar müden Stunden am Abend, wie sollte man da wohl mit feinen Damen gleichziehen können, die schon von Kindesbeinen an vertrauten Umgang mit Büchern pflegten. (Seite 46)

Von seinem kümmerlichen Gehalt kann der Zwanzigjährige kaum den Lebensunterhalt für sich und seine dreizehn Jahre ältere Braut Jacky bestreiten, aber er hat ihr versprochen, sie zu heiraten, sobald er volljährig ist.

Helen und Margaret finden es entsetzlich, dass ein sensibler junger Mann, der sich für Kunst und Kultur interessiert, keine Möglichkeit hat, sich weiterzubilden, und sie überlegen, wie sie ihm helfen können. Henry Wilcox, dem sie zufällig begegnen, fragen sie um Rat. Er will sich nicht einmischen, meint aber:

„Nehmen Sie bloß nicht diese sentimentale Haltung gegenüber den Armen ein! […] Die Armen sind arm und sie tun einem Leid, aber so ist’s nun mal. Wenn die Zivilisation voranschreiten soll, muss uns der Schuh natürlich da und dort drücken, und es ist ganz sinnlos, so zu tun, als ob da jemand persönlich dafür verantwortlich wäre. (Seite 217)

Als er erfährt, dass der mittellose Angestellte bei der Feuerversicherungsgesellschaft Porphyrion beschäftigt ist, warnt er vor dem unmittelbar bevorstehenden Bankrott des Unternehmens. Helen und Margaret empfehlen Leonard Bast daraufhin, sich nach einer besseren Stelle umzusehen.

Bald darauf mieten die Wilcox eine möblierte Wohnung in dem prunkvollen Block gegenüber dem Haus der Schlegel-Geschwister am Wickham-Place. Paul ist inzwischen in Nigeria. Charles hat Dolly Fussell, die Tochter eines britischen Offiziers im Ruhestand, geheiratet. Helen, die das demütigende Erlebnis in Howards End nicht vergessen kann und niemand aus der Familie Wilcox auf der Straße begegnen möchte, ist froh, dass ihre Cousine Frieda Mosebach sie für einige Wochen nach Stettin eingeladen hat.

Während Henry Wilcox sich mit seiner Tochter Evie von dem Chauffeur Crane übers Land fahren lässt und seine Frau allein in London wohnt, befreundet die Einundfünfzigjährige sich mit der zweiundzwanzig Jahre jüngeren Margaret Schlegel, obwohl die beiden Frauen grundverschieden sind: Im Gegensatz zu der sensiblen, belesenen und gebildeten jungen Frau hat Ruth Wilcox nur einen sehr einfachen Geschmack und interessiert sich weder für Konzerte noch für Theateraufführungen oder Kunstausstellungen.

Als Ruth Wilcox erfährt, dass der Mietvertrag der Geschwister Schlegel in zwei bis drei Jahren ausläuft und ihr Geburtshaus dann abgerissen werden soll, damit auf dem teuren Grundstück ein größerer Block mit Mietwohnungen errichtet werden kann, bedauert sie Margaret und möchte ihrer Freundin ihr eigenes, zu ihrem persönlichen Besitz gehörendes Geburtshaus in Howards End zeigen. Doch am Bahnhof King’s Cross stoßen die beiden Damen zufällig auf Henry und Evie Wilcox, die nach einem unbedeutenden Verkehrsunfall ebenfalls den Zug nach Hilton nehmen wollen. Margaret will sich der Familie nicht aufdrängen und bleibt in London zurück.

Ohne Margaret das Landhaus gezeigt zu haben, stirbt Ruth Wilcox an einer seit längerem auch ihrem Mann verschwiegenen Krankheit. Die Oberin des Krankenhauses schickt dem Witwer einen mit Bleistift beschriebenen, undatierten und nicht unterzeichneten Zettel der verstorbenen Patientin:

„Ich möchte, dass Miss Schlegel (Margaret) Howards End bekommt.“ (Seite 110)

Henry Wilcox versammelt Charles, Evie und Dolly um sich – Paul Wilcox befindet sich noch in Nigeria – und ermahnt sie, erst die Tür zu schließen.

„Wir können doch nicht mitten unter den Dienstboten unsere Privatangelegenheiten diskutieren.“ (Seite 109)

Der Familienrat hält das Papier für rechtlich ungültig und kommt zu der Überzeugung, dass die Verstorbene bereits geistig verwirrt war, als sie den Satz hinkritzelte. Howards End müsse im Familienbesitz bleiben. Man beschließt, die Notiz zu ignorieren. Die Sorge, Margaret Schlegel könne etwas davon wissen, erweist sich als unbegründet. Sie wird schließlich mit einem versilberten Riechfläschen zur Erinnerung an Ruth Wilcox abgespeist.

Bei mehreren Begegnungen im Verlauf der nächsten drei Jahre kommen Henry Wilcox und Margaret Schlegel sich trotz des Altersunterschieds allmählich näher. Unter dem Vorwand, sein Haus in der Ducie Street aufgeben und es den beiden Schwestern – Tibby studiert inzwischen in Oxford – vermieten zu wollen, verabredet Henry Wilcox sich mit Margaret und macht ihr während der Besichtigung unbeholfen einen Heiratsantrag. Helen ist entsetzt, als sie davon hört, aber Margaret hält ihr entgegen:

Die Sache ist doch eigentlich die, dass zwischen meiner Liebesgeschichte und deiner ein himmelweiter Unterschied besteht. Die deinige war romantisch; die meinige wird ganz prosaisch sein. Damit will ich sie nicht etwa schlecht machen – prosaisch nämlich in einer sehr guten Weise, aber eben doch wohl überlegt und wohl durchdacht. (Seite 198)

Leonard Bast folgte dem Rat der beiden besorgten Schwestern, kündigte bei der Versicherungsgesellschaft und begann bei der Dempster-Bank zu arbeiten, obwohl er dort weniger verdient. Als Margaret ihrem Bräutigam davon erzählt, meint er geistesabwesend, Porphyrion sei aufgrund einiger Änderungen kein gefährdetes Unternehmen mehr. Bast hat also unnötigerweise gekündigt und ein geringeres Einkommen in Kauf genommen! Während Henry Wilcox nicht weiter darüber nachdenkt, bedauern Helen und Margaret zutiefst, Leonard Bast durch einen zwar gut gemeinten, aber falschen Rat geschadet zu haben.

Die inzwischen achtzehnjährige Evie Wilcox heiratet Percy Cahill, einen Onkel ihrer Schwägerin Dolly. Während der Hochzeitsfeier taucht plötzlich Helen mit dem seit drei Jahre verheirateten Paar Leonard und Jackie Bast auf. Um Personal abzubauen, entließ die Dempster-Bank die zuletzt eingestellten Mitarbeiter, darunter Leonard Bast. Als Helen davon erfuhr, suchte sie das Ehepaar auf, bezahlte die ausstehende Miete und bestellte sie für den nächsten Morgen zum Bahnhof Paddington. Sie will dafür sorgen, dass Henry Wilcox dem Arbeitslosen eine neue Stelle verschafft. Bevor es zu einem Skandal kommt, beschwört Margaret ihre Schwester, mit ihren Schützlingen in das nah gelegene Hotel George zu gehen und verspricht, mit ihrem Bräutigam über den Fall zu reden.

Tatsächlich erklärt Henry Wilcox sich bereit, dem Arbeitslosen zu helfen. Da trifft er im Garten auf die inzwischen angetrunkene und Kuchen essende Jacky Bast, die ihn beim Vornamen nennt. Kennen sich die beiden? Wütend und zerknirscht gesteht Henry Wilcox seiner Braut, er habe vor zehn Jahren, in einer Garnisonsstadt auf Zypern, eine Affäre mit Jacky gehabt und seine Ehefrau betrogen. Zu Gunsten des Ehemanns der Frau, die ihn soeben desavouiert hat, wird er nun doch nichts unternehmen. Margaret gibt er frei.

Am anderen Morgen fragt Margaret im Hotel nach Helen und dem Ehepaar Bast, aber sie sind abgereist. Helen hält sich monatelang in Deutschland auf und kommt auch nicht zur Eheschließung von Margaret und Henry Wilcox, die sich wieder versöhnt haben.

Hamar Bryce, der Mieter von Howards End, stirbt im Ausland, und das Landhaus steht leer, weil kein Familienmitglied dort wohnen möchte. Henry Wilcox stimmt zu, es zur Einlagerung der Möbel aus der aufgegebenen Wohnung der Schlegels in London zu verwenden. Miss Avery vom benachbarten Bauernhof soll nach dem Haus sehen und hin und wieder lüften. Ohne einen entsprechenden Auftrag packt sie in tagelanger Arbeit die Umzugskisten aus und richtet die Zimmer mit den Schlegel-Möbeln ein. Margaret will gerade dafür sorgen, dass alles erneut verpackt und anderswo untergebracht wird, da erkrankt ihre Tante Juley schwer und sie muss zu ihr nach Swanage. Weil zu befürchten ist, dass die Kranke stirbt, kommt auch Helen erstmals nach acht Monaten wieder aus Deutschland, doch als sie in London erfährt, dass Juley dabei ist, sich zu erholen, will sie nicht einmal ihre Schwester sehen, gleich wieder abreisen und nur ein paar ihrer Bücher aus Howards End mitnehmen.

Margaret ist über Helens Weigerung, sich mit ihr zu treffen, irritiert und befürchtet, sie sei psychisch erkrankt. Ihrem Mann gegenüber verteidigt sie Helen:

Ich wollte damit sagen, dass ihr früheres exzentrisches Benehmen letzten Endes doch immer von ihrem Herzen ausging. Sie benahm sich seltsam, weil sie jemanden gern hatte oder anderen Menschen helfen wollte. (Seite 326)

Aus Sorge lässt sie sich überreden, Helen mit Henry und dem Arzt Dr. Mansbridge in Howards End abzupassen. Als sie ihre Schwester erblickt, begreift sie sofort die Ursache für deren eigenartiges Verhalten: Sie ist schwanger. Margaret schickt die Männer fort und geht allein zu Helen. Die hält daran fest, so rasch wie möglich zu ihrer Freundin Monica nach München zurückzufahren.

Margaret konnte ihr nicht widersprechen. Es war erschreckend anzusehen, wie Helen in aller Ruhe ihre Pläne weiterverfolgte, weder verbittert noch aufgeregt, weder schuldbewusst noch im Gewande falscher Unschuld, sondern einfach nur aus einem Bedürfnis nach Freiheit und nach der Gesellschaft von Menschen, die ihr keine Vorwürfe machen würden. (Seite 341)

Statt in einem Hotel möchte Helen in Howards End übernachten und am nächsten Morgen den Zug nach London nehmen. Margaret hält es für erforderlich, die Erlaubnis ihres Mannes einzuholen, doch bevor sie ihn darum bitten kann, will er den Namen von Helens „Verführer“ wissen. Margaret hat ihre Schwester jedoch noch gar nicht nach dem Vater des ungeborenen Kindes gefragt. Um seinen Ruf besorgt, verlangt Henry Wilcox von seiner Frau, Helen in einem Hotel unterzubringen. Da schreit Margaret ihn an:

„Jetzt hab‘ ich’s aber satt! Du sollst nur den Zusammenhang sehen, Henry, und wenn’s dich umbringt! Du hast eine Geliebte gehabt – und ich hab‘ dir verziehen. Meine Schwester hat einen Liebhaber – und du jagst sie aus dem Haus. Siehst du jetzt den Zusammenhang? Dumm, heuchlerisch, grausam – oh, wie verabscheuungswürdig! –, ja, so ist für mich ein Mann, der seine Frau zu ihren Lebzeiten demütigt und nach ihrem Tod mit ihrem Andenken sein bigottes Spiel treibt. Ein Mann, der eine Frau nur zu seinem Vergnügen ins Verderben stürzt und sie dann sitzen lässt, damit sie andere Männer ins Verderben stürzt. Und der schlechte Ratschläge in Geldangelegenheiten gibt und dann erklärt, er sei dafür nicht verantwortlich. So einer bist du! (Seite 356f)

Ungeachtet des Verbots übernachten Helen und Margaret in Howards End. Ein kleiner Junge vom Bauernhof versorgt sie mit Milch und Eiern. Helen berichtet ihrer Schwester, was geschehen war, nachdem sie die Hochzeitsfeier von Evie und Percy verlassen hatte. Während die betrunkene Jackie im Hotelzimmer eingeschlafen war, hatte sie aus Zorn, Mitleid und Einsamkeit deren Ehemann verführt.

Man braucht ihm keinen Vorwurf zu machen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, er hätte mich immer nur weiter scheu verehrt. Ich möchte ihn nie mehr wiedersehen, so schrecklich das auch klingt. Am liebsten hätte ich ihm Geld gegeben und mir gesagt: Damit ist die Sache erledigt. (Seite 363)

Dem arbeitslosen Leonard Bast blieb nichts anderes übrig, als seinen Bruder und seine beiden Schwestern anzubetteln. Um einen Skandal zu verhindern, schickten sie ihm voller Verachtung immer wieder Geld, und er nahm es von seinen ihm verhassten Verwandten. Von Helens Schwangerschaft ahnt er nichts. In der Nacht, die Helen und Margaret in Howards End verbringen, macht er sich unvermittelt auf den Weg, um sich bei Margaret zu entschuldigen.

In Howards End trifft er nicht nur auf die beiden Schwestern, sondern auch auf Charles Wilcox, der durch eine Befragung Tibbys auf Leonards Namen stieß, ihn als „Verführer“ seiner Schwägerin verdächtigt und deshalb mit der flachen Klinge eines an der Wand hängenden Degens auf ihn einschlägt. Der unterernährte, herzkranke Mann bricht vor Schreck tot zusammen.

Margaret wollte sich von Henry Wilcox trennen und ihre Schwester nach Deutschland begleiten, aber während der polizeilichen Ermittlungen dürfen sie nicht abreisen. Charles wird wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Da bricht Henrys Festung zusammen; er bittet seine Frau um Hilfe, und sie bleibt bei ihm. Helen wird in Howards End von einem Sohn entbunden.

Henry, Dolly und der aus Nigeria zurückgekehrte Paul bilden einen Familienrat und beschließen, das eigentlich Charles zugedachte Anwesen Howards End Margaret Wilcox zu übereignen. Sie verzichtet dafür auf jeden weiteren Anteil aus dem Erbe ihres Mannes und bringt darüber hinaus die Hälfte ihres eigenen Vermögens in die Erbmasse mit ein. Howards End soll einmal ihrem Neffen gehören.

Beim Abschied verplappert Dolly sich:

„Es ist schon wirklich komisch, dass Mrs Wilcox damals das Haus eigentlich Margaret vermachen wollte und dass sie’s nun schließlich doch noch gekriegt hat.“ (Seite 398)

Als Margaret mit ihrem Mann allein ist, fragt sie ihn, was die Bemerkung ihrer Schwägerin bedeutete. Henry Wilcox gibt zu, dass Ruth ihr Howards End vermacht hatte, er diesen Wunsch jedoch als „Hirngespinst“ abtat und Howards End im Familienbesitz behalten wollte. Dass er Margaret eines Tages heiraten würde, konnte er damals noch nicht ahnen. Über das Geständnis ist Margaret erschüttert, lässt sich aber nichts anmerken.

„Ich hab‘ doch nichts falsch gemacht, oder?“, fragte er und beugte sich über sie.
„Aber nein, Liebling! Es war schon alles richtig so.“ (Seite 399)

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Der Roman „Wiedersehen in Howards End“ von Edward Morgan Forster spielt im nachviktorianischen England. Margarete und Helen Schlegel, die beiden feinfühligen und belesenen Töchter eines inzwischen verstorbenen, aus Deutschland stammenden Idealisten, besuchen gern Konzerte und diskutieren mit ihren ebenso gebildeten Freunden freimütig über Literatur und kulturelle Ereignisse. Als sie versuchen, einem mittellosen, nach Bildung und Kultur hungernden Angestellten zu helfen, stürzen sie ihn ungewollt ins Verderben. Zur gleichen Zeit begegnen die beiden emanzipierten Frauen einer neureichen, nüchternen, praktisch denkenden Industriellenfamilie, die auf geschäftliche Erfolge setzt und an überkommenen Traditionen stur festhält. Vor diesem Hintergrund entwickelt Edward Morgan Forster Schritt für Schritt eine komplexe Geschichte mit immer neuen Verwicklungen und kritisiert auf diese Weise eine Gesellschaft, in der Individualität und natürliches Empfinden von materiellen Zielen, formalen Traditionen und gesellschaftlichen Normen erstickt werden. Dieser Konflikt brennt uns heute nicht mehr so unter den Nägeln wie vor hundert Jahren, aber die Lektüre des Romans „Wiedersehen in Howards End“ ist noch immer anregend und ergreifend. Dabei überzeugt auch der sorgfältige, klassisch wirkende Aufbau der Handlung.

James Ivory verfilmte den Roman unter dem gleichen Titel: „Wiedersehen in Howards End“.

Edward Morgan Forster (1879 – 1970), der Sohn eines Architekten, studierte in Cambridge klassische Philologie und Geschichte und lehrte dort ab 1927 Literaturwissenschaften. 1901/02 bereiste er Italien, Griechenland und den Nahen Osten, 1912 und 1921 Indien. Ägypten lernte er während des Ersten Weltkriegs kennen. 1905 veröffentlichte Edward Morgan Forster seinen ersten Roman: „Engel und Narren“. Die 1949 angebotene Erhebung in den Adelsstand schlug er aus.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung

James Ivory: Wiedersehen in Howards End

Judith Thurman - Colette
Judith Thurman hat eine Unmenge von Material über Colette zusammengetragen. Allerdings übernahm sie diesen Wust auch ins Buch, statt das Wesentliche auszuwählen, und obwohl wir viel über Colette erfahren, wird ihr Charakter nur wenig ausgeleuchtet.
Colette

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