Hélène Grémillon : Das geheime Prinzip der Liebe

Das geheime Prinzip der Liebe
Originalausgabe: Le confident Plon-JC Lattès, 2010 Das geheime Prinzip der Liebe Übersetzung: Claudia Steinitz Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2012 ISBN: 978-3-455-40096-0, 256 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 35-jährige Verlegerin Camille Werner erhält 1975 nach dem Tod ihrer Mutter Briefe von einem Unbekannten. Er berichtet von dem 17-jährigen Dorfmädchen Annie, das 1940 für eine zehn Jahre ältere Dame aus Paris ein Kind gebar. Der Jugendfreund der Leihmutter schildert nicht nur, was er selbst beobachtete, sondern auch, was Annie ihm 1943 erzählte, und er schickt Camille ein Heft, in dem er die Lebensbeichte der Auftraggeberin zusammengefasst hat ...
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Kritik

In ihrem Debütroman "Das geheime Prinzip der Liebe" überzeugt Hélène Grémillon mit einer raffiniert verschachtelten Konstruktion, die es ihr erlaubt, die Geschichte aus vier verschiedenen Perspektiven zu erzählen, die sich gegenseitig relativieren und ergänzen.
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Paris 1975: Vier Tage, nachdem die 35-jährige Verlegerin Camille Werner ihrer Mutter Elisabeth Werner mitgeteilt hat, dass sie schwanger sei, kommt diese bei einem offenbar absichtlich herbeigeführten Autounfall ums Leben. Camilles Vater fiel im Indochinakrieg, als sie 13 war. Nicolas, der Vater des ungeborenen Kindes weiß noch nichts von der Schwangerschaft. Als Camille es ihm sagt und eine Abtreibung ablehnt, argwöhnt er, sie wolle ihm ein Kind anhängen, und die beiden geraten in Streit. Damit beenden sie ihre Beziehung.

In der Kondolenzpost nach dem Tod ihrer Mutter findet Camille einen mit „Louis“ unterzeichneten Brief ohne Absender. Darin ist die Rede von ihm und Annie. Da Camille weder einen Louis noch eine Annie kennt, glaubt sie zunächst, das Schreiben sei ihr irrtümlich zugestellt worden. Und als sie jede Woche einen weiteren Brief mit einer Fortsetzung der Geschichte erhält, vermutet sie, dass sich der Autor eines unveröffentlichten Manuskripts etwas Besonderes einfallen ließ, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Den Namen des Dorfes, in dem Louis und die zwei Jahre jüngere Annie aufwuchsen, kürzt Louis mit N. ab. Sein Vater praktizierte dort als Arzt, und seine Mutter führte einen Kurzwarenladen. Als Louis sich 1933 mit zwölf das Schienbein brach und Annie ihm regelmäßig die Schulaufgaben brachte, verliebten die beiden sich ineinander.

Im September 1938 zog ein wohlhabendes Paar – Louis nennt nur die Initiale des Familiennamens: „M.“ – aus Paris in das Herrenhaus L’Escalier nahe des Dorfes. Monsieur M. arbeitete als Journalist in Paris, wo die beiden auch weiterhin eine Stadtwohnung besaßen, und pendelte zwischen der Stadt und dem Landsitz. Als Madame M., sie war Mitte 20, auf Annie aufmerksam wurde, die inzwischen eifrig malte, stellte sie der 15-Jährigen einen Raum als Atelier zur Verfügung, kaufte ihr Leinwände und ließ jeden Donnerstag den Künstler Alberto Giacometti aus Paris kommen und Annie unterrichten. Weil Annie nun jeden Tag in L’Escalier verbrachte, sahen sie und Louis sich entsprechend weniger.

Am 8. April 1939 ließ Annie sich unvermittelt von Louis auf einem Kahn deflorieren, aber sie waren beide viel zu verkrampft, um Lust zu empfinden.

Sie zog den Rock eilig hinunter. Ich zog die Hose eilig hoch. Als wir wieder angezogen waren, fühlten wir uns beide besser.

Kurz nach Weihnachten reiste Annie mit Madame M. ab. Es hieß, Madame M. sei schwanger und wolle das Kind in ihrem Ferienhaus in Collioure im Département Pyrénées-Orientales zur Welt bringen. Annie werde ihr Gesellschaft leisten.

Als die meisten Frauen und Kinder wegen des Krieges das Dorf verließen, zog auch Louis am 23. Mai 1940 los und schloss sich mit Annies Mutter Eugénie Gallois einer Gruppe an. Eugénie wollte zu ihrer Tochter nach Collioure. Nach einen Stuka-Angriff versuchte sie ein kleines Mädchen zu trösten, dessen Mutter ums Leben gekommen war. Dabei achtete sie nicht auf ein durchgegangenes Pferd und wurde von einem Huf am Kopf getroffen. Sie war sofort tot.

Ein halbes Jahr später kehrte Louis nach N. zurück. Annie war bei ihrem Vater. Weil Louis es nicht übers Herz brachte, ihnen zu berichten, was er gesehen hatte, schickte er ihnen am 30. November 1940 ein anonymes Telegramm und teilte ihnen kurz mit, dass Eugénie tot sei. Kurz darauf ging Annie erneut fort.

Im Dezember klingelte Louis bei Madame M. in Paris, um nach Annies Verbleib zu fragen. Sie öffnete mit einem Säugling im Arm und behauptete, Annie habe einen Soldaten geheiratet.

Louis fing dann bei der Post zu arbeiten an. Dort tauchte Ende September 1943 überraschend Annie am Schalter auf, und eine Woche später, am 4. Oktober, wartete sie am Hinterausgang auf ihn.

An diesem Abend erzählte sie ihm in einem Café, was drei Jahre zuvor geschehen war.

Eines Tages blutete Annie, als sie in L’Escalier ankam und hatte vor Aufregung einen Asthmaanfall. Madame M. klärte sie über die Menarche auf und vertraute ihr dann etwas an, das sie unglücklich machte. Bei ihrer Eheschließung mit Paul am 16. März 1932 war sie 19 gewesen, er ein Jahr älter. In der Hochzeitsnacht hatten sie einen Anruf erhalten: Ihre Eltern waren auf der Heimfahrt von der Feier mit dem Auto verunglückt und alle vier tot. Seit sechs Jahren versuchte das Ehepaar nun, ein Kind zu bekommen, und Madame M. unternahm alles, um die vermeintlich „eingeschlafenen Organe“ zu wecken. Aber sie blieb kinderlos. Annie, die nicht für ein Kind verantwortlich sein wollte, weil für sie nur die Malerei zählte, bot sich daraufhin ihrer zehn Jahre älteren Freundin als Leihmutter an. Zwei Monate später, als Annie eigentlich nichts mehr davon wissen wollte, kam Madame M. darauf zurück und erklärte, sie habe ihren Mann davon überzeugt, es ein einziges Mal mit Annie zu versuchen. Annie bat um einen Tag Aufschub, denn sie wollte nicht vom Ehemann ihrer Freundin defloriert werden, sondern das erste Mal mit Louis erleben.

Als sie im vierten Monat schwanger war, fuhr Madame M. mit ihr und dem Dienstmädchen Sophie nach Paris. Paul war zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg. Sie ließen Annies Eltern und die anderen Dorfbewohner glauben, Madame M. sei schwanger und wolle die letzten Monate der Schwangerschaft mit Annie in ihrem Ferienhaus in Collioure verbringen. Alles war gut geplant: Nach der Entbindung wollten sie zurückkommen, Madame M. als Mutter und Annie so, als sei nichts geschehen. Der Diener Jacques blieb in L’Escalier. In das Geheimnis eingeweiht wurde nur Sophie. Nicht einmal Paul erfuhr die Wahrheit: Seine Frau log ihm vor, selbst schwanger zu sein.

Die Geburt des Kindes, das Annie Louise nannte, fand am 16. Mai 1940 statt. Annie wäre beinahe gestorben, aber Madame M. weigerte sich, einen Arzt zu rufen, der das Geheimnis hätte aufdecken können.

Als Camille Werner liest, wann das Mädchen geboren wurde, atmet sie auf, denn sie dachte inzwischen bereits, es sei vielleicht von ihr die Rede. Louis könnte die Initiale ihres Familiennamens einfach umgedreht und aus einem W ein M gemacht haben. Aber sie heißt Camille, nicht Louise, und ihr Geburtsdatum ist der 28. Juni 1940.

Als Annie begriff, dass ihre vermeintliche Freundin lieber ihren Tod in Kauf genommen hätte, als ihren Plan zu gefährden, teilte die 17-Jährige ihrer Mutter in einem Brief die ganze Wahrheit mit. Diesen Brief habe Sophie wohl nicht, wie versprochen, in einen Briefkasten geworfen, meinte Annie, denn er sei nie angekommen.

Sie wollte fliehen. Aber bevor sie dafür eine Gelegenheit fand, riss Madame M. das ein Monat alte Kind unvermittelt an sich und schloss sich damit in ihrem Zimmer ein. Dann warf sie Annie hinaus.

Erst als Annie auf der Straße deutsche Soldaten sah, erfuhr sie, dass die Deutschen inzwischen einen Großteil Frankreichs besetzt hatten. Madame M. hatte ihr die Nachrichten über den Krieg vorenthalten.

Louis hörte zu, als Annie ihm dies alles am 4. Oktober 1943 erzählte. Aber er wusste das meiste bereits, denn der Brief Annies an ihre Mutter war angekommen. Nicht einmal Annie wusste, dass ihre Mutter Analphabetin war. Eugénie Gallois hatte deshalb Louis gebeten, ihr den Brief vorzulesen. Doch statt ihr die Wahrheit zu sagen, hatte er einen belanglosen Inhalt erfunden.

Annie war damals, 1940, nach N. zurückgekehrt. Ihren Vater hatte man einige Zeit zuvor wegen seiner kommunistischen Überzeugung eingesperrt, ihn jedoch während der Verlegung in ein anderes Gefängnis am 6. Juni 1940 überraschend laufen lassen. Seine Frau war Ende Mai mit anderen aus dem Dorf fortgegangen. Im November erfuhren Annie und ihr Vater, dass sie tot war. Er gab seiner Tochter die Schuld, weil sie ihre Mutter im Stich gelassen hatte, und Annie kehrte daraufhin nach Paris zurück.

Sie sei nicht zufällig ins Postamt gekommen, gestand Annie nun, sondern habe von Louis‘ Mutter erfahren, wo er arbeitete. Zu seiner Überraschung erfuhr Louis an diesem Abend (4. Oktober 1943), dass sie gar nicht verheiratete war, wie Madame M. behauptet hatte. Weil es den beiden nach Annies Bericht nicht mehr gelang, vor der Ausgangssperre nach Hause zu kommen, wurden sie bis zum nächsten Morgen inhaftiert.

Sie wollten noch am selben Tag heiraten. Pater André, der Priester in N., sollte die Trauung vornehmen.

Als Annie nach Louis‘ Dienstschluss am Nachmittag nicht auftauchte, ging er zu ihrer Wohnung. Die Tür war unverschlossen. Auf dem Boden lag ein Blatt Papier. Auf die eine Seite hatte jemand mit Zeitungsschnipseln einen Text gesetzt: HEIMLICHKEITEN SIND NICH SCHÖN WER SAGT IHREM LIEBSTEN DASS ER MIT EINER HURE SCHLÄFT. Auf der anderen Seite fand Louis die Ankündigung, dass Annie sich das Leben nehmen wolle. Er eilte zu einem Teich in N. und fand dort ihr Fahrrad.

Statt weiterer Briefe erhält Camille Werner eines Tages ein dickes, von Louis voll geschriebenes Heft. Es handelt sich um Madame M.s Lebensbeichte.

Nachdem sie und ihr Mann Paul sechs Jahre lang vergeblich versucht hatten, ein Kind zu bekommen, gerieten sie am 11. November 1938 in L’Escalier in Streit. Danach machte sich Elisabeth M. an Annie heran und arrangierte schließlich das Zusammensein Pauls mit Annie am 9. April 1939. Als Annie jedoch nicht schwanger wurde, einigten sie sich zu dritt darauf, dass weitergemacht werden sollte. Vom 17. Juni an trafen sich Paul und Annie jeden Samstag. Im Sommer belauschte Elisabeth die beiden. Sie beobachtete, wie Annie an einem Porträt Pauls arbeitete, bevor sich die beiden auszogen. Aber sie kopulierten nicht, sondern er küsste sie zwischen den Beinen, und sie brachte ihn mit der Hand zum Orgasmus.

Sie schenkten sich Lust, aber mein Mann drang nicht in sie ein. Weil sie sich liebten, machten sie keine Liebe.

Als Paul in den Krieg musste, war Elisabeth froh.

Besser, der Krieg nahm mir meinen Mann, als sie.
Besser, der Tod nahm mir meinen Mann, als sie.

Anfang Oktober teilte Annie ihr unerwartet mit, dass sie schwanger sei. Elisabeth täuschte daraufhin ihre eigene Schwangerschaft vor, kündigte an, das Kind in Collioure bekommen zu wollen und zog dann nach Weihnachten mit Annie und Sophie in ihr Haus in Paris. Zum Glück hatte sie noch mit ihrem Mann geschlafen, bevor dieser in den Krieg musste. Er schöpfte deshalb keinen Verdacht. Und als er am 18. März 1940 einen Fronturlaub ankündigte, versteckte Elisabeth sich mit Annie und Sophie in einer Mühle, die zu ihrem Grundbesitz gehörte. Der Schwangeren machte sie vor, es sei wegen der guten Luft.

Drei Wochen nach der Geburt des Kindes, am 6. Juni, entdeckte Elisabeth zufällig Annies Vater in einer Kolonne von Häftlingen, die in ein anderes Gefängnis überführt wurden. Da gab sie einem der Wärter die 200 Francs, die sie bei sich hatte, damit er ihn laufen ließ.

Als sie argwöhnte, dass Annie mit dem Kind fliehen könnte, sagte sie ihr, Paul habe ihr die Schäferstündchen in allen Einzelheiten geschildert und beschrieb ihr mit schamlosen Worten, was sie heimlich beobachtet hatte. Dann nahm sie der 17-Jährigen, die über den vermeintlichen Vertrauensbruch ihres Geliebten erschüttert war, das Kind weg und warf sie hinaus.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Dass Annie das Mädchen Louise genannt hatte, kümmerte Elisabeth nicht: Sie meldete es am 3. Juli 1940 mit dem Namen Camille Marguerite Werner beim Standesamt an und behauptete, das Kind am 28. Juni geboren zu haben.

Im Dezember klingelte Louis bei ihr. Rasch erfand sie die Lüge, Annie habe einen Soldaten geheiratet.

Als Camille ein Jahr alt war, bemerkte Elisabeth, dass Annie sie und das Kind beobachtete. Sie folgte ihr unbemerkt und stellte fest, dass Annie in das für deutsche Offiziere reservierte Bordell „Étoile du Berger“ ging. Aus Sorge, Annie könne eines Tages das Kind mit Unterstützung eines deutschen Offiziers zurückfordern, wurde Elisabeth zur Kollaborateurin, denn für diesen Fall wollte sie über gute Beziehungen verfügen.

Die Jüdin Sophie wurde im Januar 1942 von der Gestapo abgeholt.

Am 20. August 1942 kam Paul aus dem Krieg zurück.

Im Jahr darauf erfuhr sie von einem Mann, den sie dafür bezahlte, dass er Louis observierte, dass Annie, die inzwischen als Verkäuferin in einem Farbenladen arbeitete, im Postamt gewesen sei und sich Louis noch am selben Abend von seiner Freundin getrennt habe.

Da glaubte sie handeln zu müssen. Sie schnitt eine Zeitung aus und klebte den Text HEIMLICHKEITEN SIND NICH SCHÖN WER SAGT IHREM LIEBSTEN DASS ER MIT EINER HURE SCHLÄFT auf ein Blatt Papier, das sie unter Annies Wohnungstüre hindurch schob, nachdem diese weggegangen war. Dann traf sie sich mit ihr und trug dabei Trauerkleidung. Elisabeth wusste seit langem, dass Paul seiner Geliebten eine Pistole dagelassen und Annie die Waffe geladen hatte. Nun log sie, die kleine Louise habe mit der Waffe gespielt und sich dabei versehentlich in den Bauch geschossen. Das Kind sei tot.

Schreiend rannte Annie davon. In ihrem Zimmer fand sie den Zettel. Die Befürchtung, Louis könne von ihrer Tätigkeit im Bordell erfahren, trieb sie vollends in Verzweiflung. Sie fuhr mit dem Fahrrad zum Teich, stopfte sich die Taschen mit Steinen voll und ertränkte sich.

Einige Zeit später wurde Elisabeth doch noch schwanger und brachte ihren Sohn Pierre zur Welt.

Paul kam nicht über den Verlust seiner Geliebten hinweg. Er meldete sich deshalb freiwillig für den Krieg in Indochina und fiel.

In dem dicken Schulheft schrieb Louis auf, was Elisabeth Werner ihm gebeichtet hatte, bevor sie sich durch einen Autounfall das Leben nahm. Und er erfüllte ihren letzten Wunsch, Camille Werner die Wahrheit mitzuteilen.

Um herauszufinden, aus welchem Dorf ihre leibliche Mutter Annie kam, forscht Camille Werner nach Orten, deren Name mit N. anfängt und in denen eine von Louis erwähnte Holzkirche steht. Dabei stößt sie auf drei Orte, die bei der Anlage eines Stausees überflutet wurden: Chantecoq, Champaubert-aux-Bois und Nuisement-aux-Bois. Die Holzkirche von Nuisement-aux-Bois hatte man vorher zerlegt und im Nachbardorf Sainte-Marie-du-Lac wieder aufgebaut. Sie war am 12. September 1971 neu geweiht worden.

Camille fährt hin und sieht in der Holzkirche einen Priester Mitte 50, der Orgel spielt. Ohne ihn jemals gesehen zu haben, weiß sie, dass es sich um Louis handelt. Sie spricht ihn jedoch nicht an, denn offenbar wollte er unerkannt bleiben, und sie respektiert das, will seine leidvollen Erinnerungen nicht noch einmal aufwühlen.

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Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs erzählt die Französin Hélène Grémillon (* 1977) in ihrem Debütroman „Das geheime Prinzip der Liebe“ von einer Leihmutterschaft. Es geht um Liebe in verschiedenen Formen, um Verrat und Täuschung, Schuld und Sühne, Lebenslügen und Verzweiflung. Nebenbei schildert Hélène Grémillon, was Frauen noch vor einigen Jahrzehnten unternahmen, um ihre vermeintliche oder tatsächliche Unfruchtbarkeit zu bekämpfen. Auguste Debay hatte darüber 1885 einen Ratgeber mit dem Titel „Der Mensch und die Ehe. Natur- und ärztliche Geschichte des Mannes und der Frau“ geschrieben.

Einzelheiten der spannenden Handlung hat Hélène Grémillon vielleicht ein wenig überzogen, aber die raffiniert verschachtelte Konstruktion macht aus „Das geheime Prinzip der Liebe“ etwas Besonderes. Was geschehen ist, erfahren wir aus vier verschiedenen Perspektiven: Da ist zum einen die Verlegerin Camille Werner im Jahr 1975. Sie erhält Briefe eines Unbekannten, die mit „Louis“ unterschrieben sind. Louis wiederum schildert in seinen Briefen auch, was eine junge Frau namens Annie ihm 1943 erzählte. Außerdem schickt er Camille seine Aufzeichnungen über die Lebensbeichte einer älteren Frau kurz vor ihrem Suizid. Auf diese Weise ist es Hélène Grémillon möglich, das Geschehen aus vier Blickwinkeln darzustellen, die sich gegenseitig relativieren und ergänzen. Unsere Wahrnehmung der Hauptfiguren verschiebt sich mit jeder neuen Perspektive, und es ergeben sich unvorhergesehene Wendungen. Das ist eine geschickte und überzeugende Komposition. Schon allein deshalb ist der Roman „Das geheime Prinzip der Liebe“ lesenswert.

Die Sprache ist schnörkellos und ohne Effekthascherei. Schade, dass bei der Lektorierung einige Widersprüche und – zumindest in der deutschen Fassung – einige Grammatikfehler übersehen wurden.

Ich hätte es nicht ertragen, dass er seine Maske fallen lässt.

Der Originaltitel lautet „Le Confident“ (der Vertraute). Für die deutschsprachige Übersetzung von Claudia Steinitz wählte der Hoffmann und Campe Verlag den unpassenden Titel „Das geheime Prinzip der Liebe“.

Den Roman „Das geheime Prinzip der Liebe“ von Hélène Grémillon gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Regina Lemnitz, Stephan Benson, Marion Breckwoldt und Nina Petri (Regie Vlatko Kucan, Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 430 Minuten, ISBN 978-3-455-30745-0)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Hoffmann und Campe Verlag

Michel Houellebecq - Unterwerfung
"Unterwerfung" ist sowohl Utopie und Gedankenexperiment als auch Satire. Michel Houellebecq spielt mit den Ängsten vor der Islamisierung und Überfremdung der Gesellschaft, nimmt aber nicht den Islam aufs Korn, sondern die bestehenden Verhältnisse in Frankreich.
Unterwerfung

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