Peter Härtling : Niembsch oder Der Stillstand

Niembsch oder Der Stillstand

Peter Härtling

Niembsch oder Der Stillstand

Niembsch oder Der Stillstand Originalausgabe: 1964 Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt / Neuwied Band der "Bibliothek des 20. Jahrhunderts", hg. von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, Stuttgart / München o. J., 207 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1933 kehrt der Dichter Nikolaus von Niembsch aus den USA nach Europa zurück und wird von zwei Schwestern, die einmal seine Geliebten waren, in Stuttgart aufgenommen. Bald darauf reist er zu einem befreundeten Ehepaar nach Linz und erfährt, dass der Freund seit Jahren über Niembschs Verhältnis mit dessen Ehefrau Karoline Bescheid weiß. Wegen seines Geisteszustands wird Niembsch für einige Zeit von dem Esoteriker Gotthold Kürner betreut. Vergeblich: Nach Karolines Tod muss Niembsch ins Irrenhaus.
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Kritik


Die Biografie des Dichters Nikolaus Lenau regte Peter Härtling zu "Niembsch oder Der Stillstand" an, einem ambitionierten, poetischen Roman, den er "Suite" nennt. Präludium, Rondo, Gigue, Menuett-Gavotte, Allemande, Bourrée, Sarabande, Burlesca-Air lauten denn auch die Kapitelüberschriften.

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Nikolaus von Niembsch stammt aus Ungarn. Als er fünf Jahre alt war, hatte der Vater ihn und seine Mutter verlassen. Die Mutter brach zusammen, und Nikolaus kam für ein Jahr zu seinen Großeltern väterlicherseits und wuchs dann bei seinem tauben Onkel Stefan auf. Als Kind erlebte er, wie seine Mutter von einem Pandurenoffizier abgeholt wurde. Statt sich schlafen zu legen, lief er den beiden auf der Straße nach, beschimpfte seine Mutter lauthals als „elendes Luder“ und warf mit einem Stein nach dem Offizier. Gegen Morgen kehrte seine Mutter zurück und flüsterte ihm zu, sie werde nie mehr mit dem Panduren ausgehen, denn er tauge nichts. Nikolaus von Niembsch hatte jedoch durch den Vorfall begriffen, dass seine Mama eine Frau war. Als sein Onkel von ihren wechselnden Männerbekanntschaften erfuhr, überwarf er sich mit ihr. Frau von Niembsch holte ihren Sohn zu sich nach Ödenburg und zog dann – der Bevormundung durch die vergreiste Verwandtschaft überdrüssig – mit ihm nach Wien. Dort inspirierte ihn seine Jugendliebe Josefine Kutschera, die sich Madeleine rufen ließ, dazu, Gedichte zu verfassen. Madeleine infizierte den Neunzehnjährigen jedoch mit Syphilis.

Daraufhin floh Nikolaus von Niembsch aus Wien und lebte einige Zeit auf dem Gut eines verarmten Barons in Oberösterreich, dem seine Gedichte gefielen. Dort lernte er Otto und Karoline von Zarg kennen. Eines späten Abends ging Niembsch zu der fünfzehn Jahre älteren Karoline von Zarg ins Zimmer. Als er ihr ungestüm das Kleid aufknöpfen wollte, zeigte sie ihm erst einmal, wie man küsst, aber dann zog sie sich rasch aus. Niembsch befreundete sich mit dem Ehepaar von Zarg, besuchte es immer wieder und kam von seiner großen Liebe Karoline nicht mehr los.

In Stuttgart wohnte er bei den Schwestern Maria und Margarethe Winterhalter und deren Bruder Gustav. Nach Einbruch der Dunkelheit suchte er einmal Maria und Margarethe in deren Zimmer auf. Weil sie das Licht löschten, konnte er sie nicht mehr unterscheiden. Sie zogen ihn aus und gingen mit ihm ins Bett. Aber das geschah nur ein einziges Mal.

Sie glaubten, alle drei, an eine Art von Erfüllung, die der Wiederholung nicht bedürfe. (Seite 108)

Im Juli 1833 kehrt Nikolaus von Niembsch auf der „Atlanta“ von einem längeren Aufenthalt in Amerika zurück. An Bord bemüht sich eine Engländerin vergeblich um ihn. Den Mitreisenden Anselm Schlorer duldet Niembsch dagegen in seiner Nähe, weil dieser ihm willig zuhört. Einmal prahlt der Kapitän damit, wie er vor einigen Jahren vor den Falkland-Inseln bei einer Kollision im Nebel fast ertrunken wäre und den Tod im kalten Wasser bereits gefühlt habe, doch als Niembsch ihn auffordert, das Gefühl näher zu beschreiben, ist er dazu nicht in der Lage und meint unwillig: „Ein Gefühl halt.“

Maria und Margarethe Winterhalter bereiten Niembsch einen freundlichen Empfang. Bald darauf reist er wieder nach Linz zu Otto und Karoline von Zarg. Am sechsten Abend seines Besuches, als sie zu dritt beim Abendessen sitzen, sagt Otto von Zarg:

Ich – ich habe auf dem Gut unserer Freunde zugeschaut. Bist du überrascht, Karoline? Niembsch ist es nicht […]
Wieso entrüstet ihr euch, wie hätte ich taktieren, wie hätte ich euch entwaffnen, auseinandertreiben sollen? Ich wusste den Erfolg auf meiner Seite […] Diese Spiele haben ihren genauen Ablauf, ich konnte ihn studieren, ich spürte seine Resonanz in einem beteiligten Publikum – wie tief wird der Zuschauer hineingezogen ins Spiel. Das also ist die Liebe, auf die Karoline gewartet hat […] Ich stellte mich nicht dazwischen. An jenem Abend, auf dem Gut der Freunde, trat ich zufällig zur selben Zeit auf die Altane hinaus wie Sie, Niembsch, Sie öffneten zaghaft die Tür von Karolines Zimmer – jung waren Sie, blind und taub Ihre Hingabe; Sie hätten mich hören müssen;ich atmete, für Augenblicke, unbeherrscht, ehe ich mich ins Zuschauen einließ; ich vernahm Ihre Stimme, die Stimme meiner Frau; konstatierte Veränderungen in den Stimmen, niemals durchdrangen mich Stimmen so – sollte ich Zuschauer bleiben, unbeteiligt, zermürbt? […] Hätte ich trennen sollen? Wär’s gelungen? Wie? […] Sie hatten mich falsch eingeschätzt, Niembsch: ein grobschlächtiger, vom Geschäft aufgefressener Edelmann, seinen Besitz schlau ausdehnend, ein Pfeffersack, nicht sensibel, seine Intelligenz an Sachwerte wendend. In mich drang der Wille Merlins. Im Dunkel ausharrend, Ahnungslosigkeit vorschützend – würden meine Kräfte genügen, Lust und Vollzug dieser Begegnung in meinem Sichtbereich zu halten, ihn zu überschauen, zu überwachen? Ich brauchte nicht teilzunehmen, ihr spieltet vor mir, wo und wann immer ihr euch traft; meine Reisen, Vorwände nur, Spielräume zu schaffen, gewährten euch Sicherheit, Libertät. Die Entfernung – ich war in der Tat unterwgs – schützte euch nicht vor der uneingeschränkten Teilnahme meiner Gedanken. Ich sehe Sie erstaunt, Niembsch; Karoline, dich fassungslos, ekelt es dich? – schiere Perversion, dieser über Jahre währende Hinterhalt? (Seite 65ff)

Ungeachtet dieser Eröffnung bleibt Niembsch noch eine weitere Woche bei Otto und Karoline von Zarg, bevor er wieder zu den Schwestern nach Stuttgart zurückkehrt und dort Material für ein Don-Juan-Epos in Gedichtform sammelt.

Wegen seines angegriffenen psychischen Zustands sorgen Maria und Margarethe dafür, dass der Esoteriker Gotthold Kürner ihn für einige Zeit in der Turmstube seines Hauses in Weinsberg aufnimmt. Unterwegs meint Kürner:

Tue Se sich koin Zwang a, Niembsch, mir werde ons verschtehe ond des andre, Ihr Uroigens, des lasse Se halt recht vernehmlich mitschwinge – wenn Poete philosophiere, Niembsch, dann dend se plaudere – (Seite 115)

Niembsch grübelt fortwährend über die Zeit nach und erliegt der Idee, er könne sich durch Wiederholung von der Zeit befreien.

Wie sehen Sie Zeit, Kürner? Ich sehe sie als eine schnurgerade Linie, die in ein vorgegebenes Endliches führt, das wir uns gesetzt haben […]
[…] wie wäre es […], wenn wir die Zeit empfänden als eine sich ununterbrochen wiederholende Geste der Natur und aller Wesen, aller Dinge, aller Geschehnisse, die sie einschließt? […] mit Eros, dem Fanatiker der Wiederholung, sind wir uns eins. Vielen Formen huldigt die Liebe, werden Sie einwenden, doch das schließt die Wiederholung nicht aus, Kürner: denn der Leib wünscht immer nur das eine: aus der Zeit hinaus und in das Selbstvergesen der Umarmung hinein. Das ändert sich nicht, bleibt gleich, wiederholt sich […] (Seite 117ff)

Niembsch identifiziert er sich mit Don Juan bzw. Don Giovanni und schreibt an seinem Epos. Während einer Séance ruft Kürner Don Juans Geist. Als dieser erscheint, fällt Niembsch in Trance und wiederholt jedes Wort Don Juans, ohne sich dessen gewahr zu werden.

Bei einem Aufenthalt in Baden-Baden begegnet Niembsch einer törichten, übermütigen Achtzehnjährigen, die sich dort mit ihrer Mutter zur Kur aufhält: Juliette Zegerlein. Der Vater sei auf Reisen, heißt es. Über ihre Vermögenslage äußern die Damen sich nur vage. Als die Mutter bemerkt, dass der berühmte Dichter ein Auge auf ihre Tochter geworfen hat, sorgt sie dafür, dass die beiden sich öfter sehen. Schließlich verloben Niembsch und Juliette sich. Die Mutter betont zwar, dass Juliette noch Jungfrau sei, aber Niembsch stellt bald fest, dass das nicht der Fall ist. Kurz vor der Hochzeit überlegt er es sich anders und flieht auf einen Bauerndorf im Schwarzwald.

Schließlich nehmen Maria und Margarethe ihn wieder auf. Besorgt über seinen Geisteszustand, ermutigen sie ihn zu mehreren Ausflügen und geben ihm einen Lohndiener mit. Eine der Reisen führt Niembsch erneut nach Linz, wo er neben Karoline am Bett sitzt, während sie stirbt. Otto von Zarg telegrafiert den Geschwistern Winterhalter nach dem Tod seiner Frau, die psychische Verfassung seines Freundes habe sich weiter verschlechtert. Gustav Winterhalter holt Niembsch ab und bringt ihn in ein Irrenhaus.

Anselm Schlorer, der davon nichts ahnt, trifft während eines Aufenthalts in Stuttgart zufällig mit Freunden des Poeten zusammen. Ohne über dessen Gesundheitszustand etwas zu verraten, fragen sie ihn darüber aus, wie Niembsch sich damals auf dem Schiff benommen habe.

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Die Biografie des aus Ungarn stammenden Biedermeier-Dichters Nikolaus Lenau (eigentlich: Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau, 1802 – 1850) regte Peter Härtling (*1933) dazu an, Szenen aus dessen Leben zusammenzuziehen. Trotz einiger Parallelen zwischen Nikolaus Lenau und Nikolaus von Niembsch, Sophie von Löwenthal und Karoline von Zarg, Justinus Kerner und Gotthold Kürner, Marie Behrens und Juliette Zegerlein ist „Niembsch oder Der Stillstand“ keine Sachbuch-Biografie, sondern ein sehr ambitionierter, poetischer Roman, den Peter Härtling „Suite“ nennt. Präludium, Rondo, Gigue, Menuett-Gavotte, Allemande, Bourrée, Sarabande, Burlesca-Air lauten denn auch die Kapitelüberschriften.

Die Hilflosigkeit angesichts der Liebe, die Sehnsucht und die Jagd nach der Liebe, die Furcht und die Flucht vor der Liebe – daran leiden Härtlings unheroische Helden. Das sind die Motive, die er immer wieder aufgreift, seine Leitmotive. (Marcel Reich-Ranicki, 1987)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Peter Härtling 1975

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