Peter Härtling : Nachgetragene Liebe

Nachgetragene Liebe
Nachgetragene Liebe Originalausgabe Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt / Neuwied 1980 ISBN 978-3-472-86498-1, 169 Seiten Taschenbuch Deutscher Taschenbuch-Verlag dtv, München 1994 ISBN 978-3-423-11827-9, 169 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Rechtsanwalt Rudolf Härtling zieht zu Beginn der Vierzigerjahre mit seiner Frau, dem Sohn und der Tochter von Hartmannsdorf bei Chemnitz nach Olmütz. Nicht einmal ein ganzes Jahr führt er dort eine Kanzlei, dann wird er zur Wehrmacht eingezogen. Im Mai 1945 führen Russen den Kriegsgefangenen ab. Da sieht ihn der elfjährige Sohn zum letzten Mal.
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Kritik

Als Erwachsener und Schriftsteller erinnert sich Peter Härtling an sein schwieriges Verhältnis zum früh gestorbenen Vater und versucht, ihn zu verstehen, ihm nachträglich gerecht zu werden. Tatsächlich porträtiert Peter Härtling in seinem autobiografischen Roman "Nachgetragene Liebe" weniger seinen Vater als sich selbst.
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Der schweigende Vater

Die aus Ungarn stammende Familie Härtling wohnt seit 1930 in Hartmannsdorf bei Chemnitz. Der 26-jährige Jurist Rudolf Härtling lässt sich 1932 in Chemnitz als Rechtsanwalt nieder und heiratet im selben Jahr Erika Häntzschel, die fünf Jahre jüngere Tochter eines Dresdner Kosmetikfabrikanten. 1933 bringt sie den Sohn Peter zur Welt und drei Jahre später die Tochter Lore.

Rudolf Härtling redet nicht viel, erklärt dem Sohn kaum etwas und bestraft ihn vor allem durch Schweigen.

Ich kann mir deine stumme Strenge nicht erklären, Vater.

Auch als der Rechtsanwalt nach dem Tod seines Vaters und dem Umzug seiner Mutter nach Brünn beabsichtigt, mit Frau und Kindern ebenfalls nach Mähren zu übersiedeln, kündigt er es den Kindern nicht an, sondern schickt sie 1940 ohne entsprechende Begründung zu seinen Verwandten nach Brünn in die Sommerferien. Als sie zurückkommen und er merkt, dass es ihnen dort gefallen hat, bemüht er sich über frühere Kommilitonen, Arbeit im „Protektorat Böhmen und Mähren“ zu finden. Auf diese Weise kommt er in Kontakt mit einem Rechtsanwalt in Olmütz, der seine Kanzlei aus Altersgründen – und vielleicht auch wegen seiner kritischen Haltung gegenüber den deutschen Besatzern – einem Nachfolger übergeben möchte.

Olmütz

Rudolf Härtling übernimmt die Kanzlei und vertritt wie sein Vorgänger beispielsweise Tschechen, die sich gegen deutsche Übergriffe wehren. Bevor er seine Familie 1942 von Brünn nach Olmütz nachholt, richtet er dort eine gemietete Wohnung ein, deren siebeneckiger „Vorsaal“ größer ist als die ganze Wohnung in Hartmannsdorf.

Peter freundet sich mit dem Mitschüler Eduard Nemec an, der ein Jahr älter ist, aber eine Klasse wiederholen musste. Der Schulfreund trägt Uniform, denn er gehört bereits dem Deutschen Jungvolk an – und Peter lässt sich von seiner Begeisterung für Hitler beeinflussen. Das missfällt den Eltern, die dem Regime gegenüber kritisch eingestellt sind. Aber statt mit Peter darüber zu reden, nimmt der Vater ihn ohne weitere Erklärungen mit nach Prossnitz, wo er mit einem Mandanten verabredet ist. Der Unterredung des Vaters mit dem Pelzhändler Glück entnimmt Peter, dass der Geschäftsmann seinen gesamten Besitz an einen „Treuhänder“ verloren hat und vergeblich hofft, dass der Rechtsanwalt einen Aufschub seiner Überstellung ins KZ Theresienstadt bewirken kann. Rudolf Härtling bedauert, dass er aufgrund der neuen Gesetze nicht in der Lage ist, seinem Mandanten zu helfen.

Du hast mir, ich bin sicher, mit dieser Fahrt zu Herrn Glück auf Nemec antworten wollen. Das konnte dir nicht gelingen, Vater. Du hättest reden, dich redend mit dem Unglück des Mannes verbünden müssen. Du hättest, gegen meinen Unglauben, erzählen müssen, was ihn in Theresienstadt erwartete. Wahrscheinlich fürchtest du meine Fragen, meinen naiven, von Nemec und anderen bestärkten Widerstand.

Ohne Vater

1942 feiert die Familie Härtling zum letzten Mal gemeinsam Weihnachten. Am 23. Februar 1943 wird der Vater zur Wehrmacht eingezogen und muss seine Kanzlei in Olmütz aufgeben.

Während der Vater in einer Schreibstube der Wehrmacht in Mährisch-Weißkirchen Dienst tut und im Dezember 1943 zum Gefreiten befördert wird, wechselt Peter Härtling im Herbst zum Gymnasium und wird ins Jungvolk aufgenommen.

Vor der Übersiedelung nach Olmütz ertappte Peter seinen Vater in Brünn bei einem Kuss mit Tante Manja und weiß seither, dass die beiden eine Affäre haben. Er beobachtet aber auch, dass die Mutter inzwischen ein Verhältnis mit dem Großbäcker Teubner in Olmütz hat. Deshalb glaubt er, nicht mehr auf sie hören zu müssen und treibt sich herum.

1944 wird er als Kandidat für den Besuch einer Napola ausgewählt, also einer nationalsozialistischen Eliteschule. Aber bevor er die Bildungsanstalt wechseln kann, flüchtet seine Mutter im September 1944 mit den Kindern nach Brünn und bald darauf vor den anrückenden Russen zur Schwester einer Bekannten, die in Mähren-Trübau einen Bauernhof betreibt. Dort kommen sie allerdings mit 20 anderen Flüchtlingen auf einem Dachboden unter, und weil sie das nicht lange ertragen, kehren sie zunächst nach Brünn und dann nach Olmütz zurück.

Zwettl

Dort taucht im Frühjahr 1945 überraschend der Vater wieder auf. Seine Einheit ist seit einiger Zeit in Döllersheim in Niederösterreich stationiert. Als er nun mit seinem Hauptmann nach Mährisch-Weißkirchen fuhr, um Teile der Registratur zu holen, nutzte er das für einen Umweg über Olmütz, denn er will seine Familie nach Zwettl bei Döllersheim bringen.

Eine Woche dauert die Bahnfahrt. Am Bahnhof in Prag redet Peter mit einem SS-Offizier, der noch immer glaubt, Hitler verfüge über Wunderwaffen und werde damit den Endsieg erzwingen. Als Peter seinem Vater begeistert von dem Gespräch berichtet, meint dieser:

Wenn Helden so sind […], dann bin ich froh, kein Held sein zu können, sondern ein Feigling, wie du immer denkst.

Am 1. Mai 1945 treffen die Härtlings in Zwettl ein, aber der Gasthof Neunteufel, der von der Familie eines Kameraden des Vaters betrieben wird, ist mit Flüchtlingen überfüllt. Es gibt nur noch drei Schreibtische in einem Büro als Schlafplätze.

Der Vater, der sich und anderen Soldaten am 9. Mai unautorisiert Entlassungspapiere ausstellt, hofft auf einen Neuanfang. Aber der Wunsch erfüllt sich ebenso wenig wie die Annahme, dass die Amerikaner vor den Russen in Zwettl eintreffen würden. Rudolf Härtling kommentiert:

So sieht nun der Endsieg aus.

Abschied

Als die Russen alle Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren auffordern, sich zu melden, setzt der junge Neunteufel sich ab. Alle drängen Rudolf Härtling, dem Beispiel zu folgen, aber er weigert sich und folgt dem Aufruf, obwohl er sich keine Illusionen über die Folgen macht.

Während die Männer als Kriegsgefangene nach Döllersheim marschieren, soll Peter seinem kranken Vater ein benötigtes Medikament zuwerfen. Er entdeckt ihn in der Kolonne und hält die Schachtel hoch, aber ein Soldat schiebt ihn weg. Der Vater schüttelt den Kopf und winkt ihm zum Abschied lächelnd zu. Zu Hause lügt Peter, er habe den Auftrag ausgeführt.

Die Mutter schafft es mit den Kindern in einem Flüchtlingstransport nach Nürtingen am Neckar. Dort erhalten sie die Nachricht, dass Rudolf Härtling am 21. Juli 1945 im Durchgangslager Döllersheim gestorben ist.

Späte Annäherung

Mein Vater hinterließ mir eine Nickelbrille, eine goldene Taschenuhr und ein Notizbuch, das er aus grauem Papier gefaltet und in das er nichts eingetragen hatte als ein Gedicht Eichendorffs, ein paar bissige Bemerkungen Nestroys und die Adressen von zwei mir Unbekannten. Er hinterließ mich mit einer Geschichte, die ich seit dreißig Jahren nicht zu Ende schreiben kann. Ich habe über ihn geschrieben, doch nie von ihm sprechen können.

Peter Härtling versucht Ende der Siebzigerjahre, sich in der Erinnerung mit seinem schwierigen Verhältnis zum Vater auseinanderzusetzen.

Ich bin vierunddreißig Jahre von mir und von dir entfernt.

Ich bin es gewesen, ich bin es, wenn ich schreibe, und bin es nicht. Ich versuche den Abstand zwischen uns, Satz um Satz, zu verringern.

Ich bin zehn. Ich schreibe: Ich bin zehn, was auch bedeutet, dass ich mich mir nähere, dass ich spüre, wie zwei Erinnerungen, zwei Körper sich ineinanderschieben. Ich nähere mich mir und bin sechsunddreißig Jahre von mir entfernt. Fast jede Nacht träume ich von einem Kind, das träumt. Ich träume die Träume des Kindes und weiß sonderbarerweise, dass ich sie wiederholte. Es sind meine Träume und doch sind sie es nicht.

Über die Zeit in Zwettl habe ich schon einmal geschrieben [„Zwettl, Nachprüfung einer Erinnerung“, 1973], jedoch um mich zu entdecken, den Zwölfjährigen; nicht dich.

Ich habe deine Verstrickungen nicht wahrhaben wollen, vieles, was du getan hast, als Verrat ausgelegt, mich nie bemüht, deine Geschichte auszusprechen, nur die meiner Verletzungen.

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Als Erwachsener und Schriftsteller erinnert sich Peter Härtling an sein schwieriges Verhältnis zum früh gestorbenen Vater und versucht, ihn zu verstehen, ihm nachträglich gerecht zu werden. Darüber schreibt er in seinem autobiografischen Roman. „Nachgetragene Liebe“ dreht sich um einen Generationenkonflikt vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte 1938 bis 1945.

Tatsächlich porträtiert Peter Härtling in „Nachgetragene Liebe“ weniger seinen Vater Rudolf Härtling als sich selbst. Und die anderen Personen – sogar die Mutter und mehr noch die Schwester – bleiben schemenhaft.

In „Nachgetragene Liebe“ sind drei Erzählebenen zu unterscheiden. Da ist zum einen der Erwachsene, der sich erinnert und schreibt. Passagenweise drückt er sich dabei knapp-sachlich aus (und verwechselt dabei „dasselbe“ mit „das Gleiche“):

1932 hatte sich mein Vater, nach Studienjahren in Prag und Leipzig, in Chemnitz als Anwalt niedergelassen. Er war 26 Jahre alt. Im gleichen Jahr heiratete er die um fünf Jahre jüngere Erika Häntzschel, die Tochter eines heruntergekommenen Dresdner Kosmetikfabrikanten. […]

Auf derselben Zeitebene spricht Peter Härtling seinen (toten) Vater in der zweiten Person Singular an. Ein Großteil des Romans „Nachgetragene Liebe“ wird – das ist die dritte Erzählebene – aus der Perspektive des Kindes im Präsens inszeniert.

Autobiografische Ansätze sind nicht selten für die Autorinnen bzw. Autoren bedeutsamer als für die Leserinnen und Leser. Das Schreiben dient beispielsweise dazu, sich selbst zu finden und/oder Beziehungen zu klären. Diese therapeutische Wirkung bleibt allerdings für die meisten Leserinnen und Leser irrelevant. Im Fall von Peter Härtling und seinem Roman „Nachgetragene Liebe“ ist das kaum anders. Hätte er den zeitgeschichtlichen Hintergrund stärker herausgearbeitet, wäre die Lektüre vielleicht ertragreicher.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Hermann Luchterhand Verlag

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand
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