Michael Haeser : Der Fuchs auf der Suche nach dem kleinen Prinzen

Der Fuchs auf der Suche nach dem kleinen Prinzen

Michael Haeser

Der Fuchs auf der Suche nach dem kleinen Prinzen

Der Fuchs auf der Suche nach dem kleinen Prinzen Zeichnungen von Claudia Winsberg UBooks, Augsburg 2005 ISBN 3-937536-89-2, 106 Seiten, 11.90 €
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der vom kleinen Prinzen gezähmt Fuchs, der sich nach seinem Freund sehnt, begibt sich auf Wanderschaft. Auf seinem langen Weg begegnet er einem weinenden Mädchen, das vom Liebsten verlassen wurde, einem alten Mann, dessen Geschenke niemand schätzt, der Liebe, einer Brücke, die ungehalten ist, weil die Menschen sich nicht auf die andere Seite der Schlucht wagen, der Einsamkeit, einem Uhu, der Frau eines bösen Jägers und der Musik ...
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Kritik

Schenken, Liebe und Freundschaft, der Mut, etwas aufzugeben und neue Wege zu gehen: Das sind Themen der Fabeln, die Michael Haeser in einer einfachen, pseudo-naiven Märchensprache geschrieben hat, gewissermaßen als Hommage an "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry.
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Prolog. Der Fuchs wacht auf

Der Fuchs, der sich vom kleinen Prinzen zähmen ließ und dessen Freund wurde, sitzt nachts vor seinem Bau und blickt hinauf zu den funkelnden Sternen. Irgendwo da oben ist jetzt der kleine Prinz bei seiner über alles geliebten Rose. Vor Sehnsucht nach dem kleinen Prinzen hält es der Fuchs zu Hause nicht mehr aus und er begibt sich auf Wanderschaft.

Der Fuchs und das Mädchen

Am Ufer eines in der Abendsonne liegenden Teiches hört der Fuchs ein Mädchen schluchzen. Er setzt sich vor die Weinende hin und wartet geduldig, bis sie ihn bemerkt. Dann fragt er sie nach dem Grund ihres Kummers.

„Lass mich allein“, sagte das Mädchen. Und nach einer kurzen Pause: „Und seit wann können Füchse sprechen?“
„Ich spreche doch gar nicht“, erwiderte der Fuchs, „ich stelle Fragen.“
„Auch Fragen darf ein Fuchs nicht stellen“, sagte das Mädchen beinahe streng. „Füchse sind Tiere, und die können nun mal nicht reden“, und wischte sich die Tränen von der Wange, ohne dass der Tränenstrom verebbte.
„Du solltest es besser wissen“, lächelte der Fuchs, „denn du weinst, obwohl das, um das du weinst, doch auch nicht real sein kann.“
Das Mädchen guckte böse: „Woher willst du denn das wissen?“
„Man weint immer um das, was nicht mehr ist.“
Das Mädchen schwieg. Dann sagte sie: „Das ist etwas anderes. Du aber bist real und solltest nicht sprechen können. Das, um das ich weine, war auch real …“ Und nach einer kurzen Pause: „… und ist es immer noch.“ (Seite 16)

Der Fuchs rät der Verzweifelten, die den Abschiedsbrief ihres Liebsten in der Hand hält, den Mann ohne Streit und Anklage gehen zu lassen. Dann werde er sich auch später an ihre Liebe erinnern. Sie aber könne auf dieser Erfahrung eine neue Liebe aufbauen.

Der Fuchs und der alte Mann

Einige Zeit später gelangt der Fuchs zu einem abgelegenen Haus, das von einem einsamen alten Mann bewohnt wird. Seine Stube ist voll von Paketen. Der alte Mann, der gern andere beschenkt, hat für jeden seiner Freunde und Bekannten mit Bedacht etwas ausgesucht und eingepackt. Er ist traurig, weil niemand ihn besucht und er seine Pakete nicht übergeben kann. Die Leute glauben nicht an den Wert seiner unscheinbaren Geschenke; sie können nur etwas mit Dingen anfangen, deren Kaufpreis sie abschätzen können.

Der Fuchs rät ihm, die Pakete wegzuräumen und sich dann wieder mit den anderen Menschen zu treffen, sich von ihnen einladen zu lassen und die Geschenke nicht zu erwähnen. Dann werde bestimmt der eine oder andere gelegentlich bei ihm vorbeikommen und sich über das unerwartete Geschenk freuen.

Der Fuchs und die Liebe

Auf einer bunten Wiese singt und tanzt ein fröhliches Mädchen. Es ist die Liebe. Ein wenig hochmütig behauptet sie, dass es für die Menschen ein besonderer Tag sei, wenn sie ihnen begegnet. Der Fuchs ist da nicht so sicher.

„Ja, du machst, kommst und gehst, wann du willst. Das habe ich schon beobachten können. Aber bist du auch da, wenn du gebraucht wirst?“ (Seite 43)

Die Liebe lässt diese Kritik nicht gelten; sie könne nicht überall sein, meint sie. Das sieht auch der Fuchs ein, aber bevor er weiterwandert, bittet er die Liebe noch darum, in Zukunft darauf zu achten, dass ihr nicht der Hass folgt, wie es häufig der Fall ist.

Der Fuchs und die Brücke

Inzwischen ist der Fuchs bereits monatelang unterwegs. In den Bergen kommt er zu einer Hängebrücke, die eine Schlucht überspannt. Sie fordert ihn auf, sie zu betreten, aber der Fuchs argwöhnt, dass sie ihn nur in die Tiefe schleudern will und fragt sie rundheraus, warum sie böse und hinterlistig geworden sei.

Da erzählt ihm die Brücke, dass sie sich anfangs auf ihre Aufgabe freute. Aber die Menschen, die zu ihr kamen, wagten es nicht, sie zu überqueren. Sie sahen nur das Hindernis, nicht jedoch die neuen Möglichkeiten auf der anderen Seite.

Sie schauten in den Abgrund und meinten, dass sie mir nicht trauten. Sie suchten nach anderen Wegen oder kehrten um […] Sie wollten lieber in ihre Vergangenheit zurück, in ihre vertraute Welt, als einen scheinbar nicht sicheren Pfad zu gehen. Sie guckten nach unten, sie sahen die Gefahr. Aber sie sahen nicht geradeaus und sahen nicht auf das Ziel, das vor ihnen lag und zu dem ich sie sicher geführt hätte, wenn sie es nur gewagt hätten. (Seite 54f)

Zuerst war die Brücke traurig und enttäuscht, dann wurde sie zornig und begann, die Menschen zu hassen.

Aufgrund des Gesprächs mit dem verständnisvollen Fuchs beruhigt sich die Brücke und legt ihre Bosheit ab. Er vertraut ihr und gelangt sicher über die Schlucht.

Der Fuchs und die Einsamkeit

Die unheimliche Gestalt der Einsamkeit rät dem Fuchs, seine Sehnsucht nicht auf ein einziges – noch dazu unerreichbares – Ziel wie den kleinen Prinzen zu richten.

Der Fuchs und der Uhu

Auch der kluge Uhu, dem der Fuchs als nächstes begegnet, ist besorgt, weil dieser Liebe und Freundschaft nur mit dem kleinen Prinzen verbindet. Der kleine Prinz habe ihm zwar gezeigt, was es bedeutet, einen Freund zu haben und geliebt zu werden, aber jetzt laufe der Fuchs Gefahr, jemanden zu übersehen, der seiner Liebe und Freundschaft, Aufmerksamkeit und Zuneigung bedarf.

Der Fuchs, die Jäger und die Frau

Unversehens gerät der Fuchs in eine Stadt. Da wird er gejagt. Er flüchtet in ein Haus und schlüpft in die Dachwohnung einer Frau, die ihn in der Wäschekammer vor den Jägern versteckt. Die Männer fragen barsch nach dem Fuchs und schimpfen grob mit ihr, aber sie verrät ihnen nichts.

Der Fuchs sieht ihr an, dass sie traurig ist. Der Brutalste unter den Jägern ist ihr Ehemann. Ständig betrinkt er sich und kommt erst mitten in der Nacht nach Hause. Da wundert sich der Fuchs, dass sie sich das gefallen lässt und nicht weggeht, aber die Frau klagt, sie müsse dann selbst für den Lebensunterhalt sorgen und könne sich deshalb tagsüber nicht um ihren vierzehnjährigen Sohn und ihre zwölfjährige Tochter kümmern. Nach den Gefühlen ihrer Kinder befragt, gibt sie zu, dass sie ebenfalls unglücklich sind, weil sie den Konflikt der Eltern miterleben. Allmählich überredet der Fuchs die Frau, ihren Mann zu verlassen und mit ihren Kindern ein neues Leben anzufangen.

Der Fuchs und die Musik

Schließlich begegnet der Fuchs noch der Musik. Die ist zwar eine fröhliche junge Dame, aber sie darf gar nicht daran denken, was die Jugendlichen in den Diskotheken unter „Musik“ verstehen.

Epilog. Der Fuchs schläft ein

Gegen Ende des Jahres kehrt der Fuchs müde zu seinem Bau zurück und legt sich schlafen.

Ihm fehlte zwar noch immer die Nähe seines Freundes, aber nun wusste er, dass er ohne die Begegnung mit dem kleinen Prinzen diese vielen Geschenke, Freundschaften, Liebe und Zuneigung nie erhalten hätte. (Seite 105)

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Schenken, Liebe und Freundschaft, der Mut, etwas aufzugeben und neue Wege zu gehen: Das sind Themen des beschaulichen Buches, das Michael Haeser in einer einfachen, pseudo-naiven Märchensprache geschrieben hat, gewissermaßen als Hommage an „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. Anders als bei dem berühmten Vorbild handelt es sich bei „Der Fuchs auf der Suche nach dem kleinen Prinzen“ nicht um ein poetisches Märchen, sondern um eine Reihe lose verbundener Fabeln, die es dem Autor erlauben, dem Fuchs Lebensweisheiten in den Mund zu legen.

Die Kunst hat es nie direkt mit der Idee zu tun, sondern mit der Gestalt; die Idee, oft schwer definierbar und der Definition kaum bedürftig, steckt in der Gestalt, also im Konkreten. Von da aus teilt sie sich mit, sie braucht dem Aufnehmenden nicht einmal bewusst zu werden. Wer etwas sagen will, gerät leicht ins Abstrakte, Didaktische oder Tendenziöse. (Schreiben Werner Bergengruens an Dieter Wunderlich, Dezember 1963)

Kunst ist das also nicht, aber vielleicht sollten wir in Michael Haeser so etwas wie den Mann in einer der Fabeln sehen, der mit Bedacht Geschenke für seine Freunde und Bekannten ausgesucht hat, nur dass es sich hier nicht um Gegenstände handelt, sondern um Erfahrungen, die ihm wichtig sind.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Michael Haeser

Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz

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