Ken Kesey : Einer flog über das Kuckucksnest

Einer flog über das Kuckucksnest
Originalausgabe: One Flow over the Cuckoo's Nest Viking Press, New York 1962 Einer flog über das Kuckucksnest Übersetzung: Hans Hermann Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003 (24. Auflage) ISBN 978-3-499-15061-6, 342 Seiten Übersetzung: Carl Weissner Zweitausendeins, Frankfurt/M 1985 ISBN 3-861150-331-X, 474 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Chief" Bromden, ein hünenhafter Halbindianer, gehört seit dem Zweiten Weltkrieg zu den Patienten einer psychiatrischen Anstalt. Weil ihn alle für stumm und gehörlos halten, kann er die Vorgänge in seiner Umgebung ungestört beobachten, auch die Überstellung des rebellischen Häftlings McMurphy, der rasch durchschaut, wie alle von der Stationsschwester Ratched manipuliert werden und seine Mitpatienten dazu bringen will, sich gegen die Entmündigung zu wehren ...
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Kritik

Der mitreißende, tragikomische Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" von Ken Kesey ist als Anklage gegen Bevormundung zu verstehen. Als exemplarische Figur versucht McMurphy, Schwache und Unterdrückte in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Der Rebell spornt sie dazu an, sich gegen das System aufzulehnen, das sie unterdrückt. "The Guardian" nahm "Einer flog über das Kuckucksnest" 2009 in die Liste der 1000 Romane auf, die man gelesen haben sollte.
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„Chief“ Bromden

„Chief“ Bromden wuchs als Sohn des Indianer-Häuptlings Tee Ah Millatoona und dessen weißer Ehefrau am Columbia-River auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg beobachtete er, wie arrogante Beamte seinen Vater um das Land des Stammes brachten, um dort einen Staudamm errichten zu können. Den Jungen ignorierten sie. Er verfiel daraufhin in anhaltendes Schweigen. Seit damals lebt der stumme Hüne in einer psychiatrischen Anstalt in Oregon. Nur die inzwischen 50-jährige Stationsschwester Ratched war schon vor ihm da. Er gehört also zu den „Chronischen“, die von den „Akuten“ unterschieden werden, die voraussichtlich nur zeitweise therapiert werden müssen. Zu Bromdens Aufgaben gehört das Putzen mit dem Wischmopp. Weil alle glauben, dass er weder hören noch sprechen kann, reden sie in seiner Nähe unbekümmert und er erfährt viel.

Er hört auch, was der PR-Chef der Anstalt sagt, wenn er Gruppen durch die Anlage führt.

„Was für eine heitere Atmosphäre, finden Sie nicht auch?“ Geschäftig umschwänzelt er die Lehrerinnen, die sich aus Sicherheitsgründen dicht zusammendrängen, und patscht in seine Hände. „Ach, wenn ich da an früher denke, an den Dreck, das schlechte Essen, ja sogar brutale Übergriffe – oh, da wird mir so richtig bewusst, meine Damen, wie weit wir es in unserer Kampagne gebracht haben!“

Bromden kann sich über die Darstellung des PR-Chefs nur wundern, wenn er an die Verhältnisse in der Abteilung denkt, beispielsweise an die „Gurken“ genannten Bettlägerigen.

Die Gurken pissen ins Bett, lösen einen lauten Summer aus und kriegen einen elektrischen Schlag verpasst, der sie heraus auf den Fliesebboden schleudert, wo die schwarzen Boys sie mit dem Wasserschlauch abspritzen und ihnen anschließend eine frischgewaschene grüne Tageskluft anziehen können …

Neuzugang

Bromden beobachtet einen Neuzugang. Randle Patrick McMurphy ist 35 Jahre alt und war nie verheiratet. Früher hatte er als Holzfäller geschuftet, aber in letzter Zeit schlug er sich als gewiefter Glücksspieler durch. Im Korea-Krieg wurde der Rothaarige noch ausgezeichnet, später jedoch wegen Insubordination unehrenhaft aus der Armee entlassen. Vor zwei Monaten verurteilte man ihn wegen Körperverletzung zu einem halben Jahr Haft. In der Annahme, dass es sich in einer psychiatrischen Anstalt besser aushalten ließe als im Gefängnis, simulierte er eine Geistesstörung und erreichte seine Verlegung aus der Pendleton Correctional Facility.

Großspurig erkundigt sich McMurphy gleich nach der Ankunft nach dem bisherigen „Chefspinner“ und beansprucht Dale Hardings Platz in der Hierarchie.

Stationsschwester Ratched

Rasch durchschaut McMurphy, wie die Oberschwester Ratched nicht nur die Patienten, sondern auch den zuständigen Arzt Dr. Spivey manipuliert. Sie gibt vor, es gehe ihr nur um das Wohl der Patienten, aber tatsächlich hat sie einen Machtapparat aufgebaut und sorgt kaltherzig dafür, dass er wie ein Räderwerk funktioniert.

Als der Patient Maxwell Taber höflich fragt, wofür die ihm gereichten Tabletten seien, behandelt sie ihn wie einen Rebellen und lässt ihm nicht nur das Medikament gewaltsam mit einer Injektion verabreichen, sondern schickt ihn außerdem zur Elektro-Schock-Therapie (EST).

McMurphys erste Woche

McMurphy will die anderen Patienten aufrütteln, damit sie nicht länger alles hinnehmen. Und das verbindet der Spieler mit einer Wette, bei der es darum geht, ob er Miss Ratched innerhalb einer Woche austricksen kann.

Als die Stationsschwester am nächsten Morgen zur Schicht kommt, reißt sie die Augen auf, denn McMurphy begrüßt sie fröhlich und hält sich nur ein Handtuch um die Hüften. In der anderen Hand hat er eine Zahnbürste. Er solle sich sofort anziehen, herrscht ihn die Oberschwester an. Das könne er nicht, entgegnet McMurphy, denn man habe ihm seine am Vorabend abgelegte Gefängniskleidung weggenommen. Auf Miss Ratcheds Geheiß bringt ihm ein Pfleger grüne Patientensachen zum Anziehen. McMurphy zwinkert der Stationsschwester zu und wirft das Handtuch über die Schulter, um nach der Kleidung greifen zu können. Erst jetzt sehen alle, dass er die ganze Zeit nicht nackt war, sondern eine Unterhose trug.

Bei einer der täglichen Gruppentherapie-Stunden für die Akuten äußern Patienten den Wunsch, die Fernsehübertragungen eines Baseball-Turniers sehen zu dürfen. Weil Miss Ratched immer wieder auf die angeblich demokratischen Verhältnisse in ihrer Abteilung hingewiesen hat, kann sie eine Abstimmung darüber nicht verweigern, und McMurphy erreicht, dass alle 20 Akuten dafür votieren. Er glaubt, gewonnen zu haben, aber die Oberschwester weist darauf hin, dass 40 Patienten in der Abteilung seien und erst 21 Stimmen eine Mehrheit gewesen wären. Während McMurphy daraufhin versucht, noch die Stimme eines Chronischen zu kriegen und schließlich Bromden dazu bringt, die Hand zu heben, erklärt Miss Ratched die Therapiestunde für beendet.

Zu Beginn der Fernsehübertragung schaltet McMurphy das Fernsehgerät ein und lümmelt sich davor in einen Sessel. Auch als die Oberschwester im Schaltschrank den Strom abdreht, bleibt er sitzen. Und die anderen Patienten folgen seinem Beispiel.

Männer vor einem leeren Bildschirm, und eine fünfzigjährige Frau, die ihre Hinterköpfe anschreit und von Disziplin und Ordnung und schlimmen Folgen zetert – wenn da einer reingekommen wäre, hätte er bei diesem Anblick direkt denken müssen, dass er einen Haufen Irrer vor sich hat.

Damit hat McMurphy die Wette gewonnen und kassiert die Einsätze der anderen.

Mit der Begründung, man müsse über eine Verlegung des Störers in die geschlossene Abteilung reden, beruft Miss Ratched eine Sitzung des Stabs ein. Dort überrascht sie die Teilnehmer mit einer 180-Grad-Wende, denn im Gegensatz zu den anderen spricht sie sich gegen McMurphys Verlegung aus. Damit würde man es sich zu leicht machen, sagt sie und argumentiert, dass es ihr gelingen werde, den Rebellen als Wichtigtuer zu entlarven. Nur so könne sie den anderen Patienten demonstrieren, dass er kein Held sei.

Wende

Einen Monat nach seiner Ankunft erfährt McMurphy, dass es für eingewiesene Patienten wie ihn kein vorgegebenes Entlassungsdatum gibt. Er dachte, er könne sich vier der sechs Monate seiner Haftstrafe durch die Verlegung etwas angenehmer gestalten und begreift erst jetzt, dass daraus Jahre zu werden drohen.

Also benimmt er sich plötzlich vorbildlich, um möglichst bald für „geheilt“ gehalten zu werden. Die anderen verstehen nach einer Weile, warum er nicht länger rebelliert. Aber Charles Cheswick, der große Hoffnungen darauf setzte, sich an der Seite McMurphys gegen die Entmündigung in der Anstalt aufzulehnen, ertränkt sich aus Enttäuschung während der Schwimmstunde.

Angelausflug

Indem McMurphy mit bloßer Hand die Scheibe des Kontrollraums der Schwestern zertrümmert, signalisiert er die Fortsetzung der Rebellion gegen Miss Ratched.

Er beantragt Ausgang, und weil er eine Begleitperson benennen muss, behauptet er, Candy Starr werde ihn abholen. Miss Ratched, die ahnt, dass es sich bei der Frau um eine Prostituierte handelt, die McMurphy von früher kennt, lehnt den Antrag ab. Daraufhin geht McMurphy zu der soeben erst vom Glaser eingesetzten neuen Scheibe, zerstört sie und behauptet, sie nicht gesehen zu haben.

Schließlich gewinnt er Dr. Spiveys Unterstützung für einen Angelausflug. Nachdem er telefonisch ein Boot gemietet hat, bietet er den Ausflug seinen Mitpatienten für 10 Dollar pro Person an, erhält jedoch nur acht statt der erwarteten zehn Anmeldungen.

McMurphy, der bereits kurz nach seiner Überstellung durchschaute, dass Bromden weder stumm noch gehörlos ist, bietet dem mittellosen Hünen einen kostenlosen Platz auf dem Boot an, wenn dieser bereit ist, seine Muskeln zu trainieren, bis er eine aus Stahl und Zement bestehende Waschkonsole heben kann. McMurphy wollte das vor einiger Zeit selbst schaffen, verlor jedoch die Wette. Immerhin habe er es versucht, meinte er.

Als McMurphy herausfindet, dass der Mitpatient George Sorensen früher Fischer war, überredet er ihn, als Kapitän mitzukommen.

Statt der zwei angeblichen Witwen von Hochseefischern, die McMurphy als Begleitpersonen angab, fährt nur die junge Prostituierte  Candy Starr mit dem Auto vor. Sie berichtet McMurphy, Sandra („Sandy“) habe inzwischen Artie Gilfillian aus Beaverton geheiratet und deshalb absagen müssen.

Miss Ratched glaubt schon, den Ausflug im letzten Augenblick verhindern zu können, weil die zehn Teilnehmer nicht in das eine Auto passen. Aber als Dr. Spivey die attraktive junge Frau sieht, stellt er sich mit seinem Wagen als zweiter Fahrer zur Verfügung.

Der Bootsbesitzer besteht auf einer Bescheinigung, die ihn im Fall eines Unfalls von allen Ansprüchen freistellt. McMurphy überredet ihn, das telefonisch mit der Anstaltsleitung abzuklären, nennt ihm aber eine falsche Nummer und nutzt die Ablenkung, um mit den anderen auf das bereitliegende Boot zu stürmen. Bevor der Eigner merkt, was geschieht, wirft George Sorensen den Motor an und legt ab.

Während einige angeln, verschwindet McMurphy mit dem Mädchen in der Kajüte, und als Candy wieder an Deck kommt, fällt den Männern auf, dass sie ihr T-Shirt ausgezogen hat und unter ihrer Jacke nichts anhat.

Party

William („Billy“) Bibbit, ein 31-jähriger Stotterer, dessen mit Miss Ratched befreundete Mutter an der Rezeption der Anstalt arbeitet, hat sich während des Ausflugs in Candy verliebt, und McMurphy nimmt sich vor, ihm zu einer ersten sexuellen Erfahrung mit einer Frau zu verhelfen. Deshalb verabredet er mit Candy einen Abend, an dem er sie mit Hilfe des Nachtwächters in die Station schmuggeln will.

Als Bromden genügend trainiert hat, um die Waschkonsole heben zu können, wettet McMurphy mit den anderen, die nicht glauben, dass ein Mann allein dazu in der Lage sei. Bromden hält das nicht für fair, hebt jedoch die Konsole und sieht zu, wie McMurphy seinen Gewinn einstreicht.

Miss Ratched weiß aus der Buchführung der Station, dass McMurphys Kontostand seit seiner Ankunft beträchtlich gewachsen ist, während alle anderen Akuten Geld verloren haben. Sie streut entsprechende Gerüchte, um die anderen Patienten gegen McMurphy aufzubringen.

Nach einer Schlägerei mit Pflegern werden McMurphy und Bromden gefesselt in die geschlossene Abteilung gebracht. Miss Ratched möchte, dass McMurphy zugibt, sich falsch verhalten zu haben. Aber er weigert sich und nimmt lieber eine Elektro-Schock-Behandlung (EST) hin.

Bromden kommt mit einer EST davon und wird nach einer Woche in die Station zurückgebracht. McMurphy muss vier Mal in die „Schockbude“. Aber als Miss Ratched begreift, dass er gerade durch seine Abwesenheit und die Gerüchte über ihn zur Legende wird, holt sie ihn zurück. Die anderen Patienten sollen sehen, wie er nach den Schockbehandlungen aussieht.

Einige Patienten schmieden einen Fluchtplan für McMurphy, aber gerade an dem Tag, an dem er wieder auf die Station kommt, wartet Billy Bibbit auf Candy, und McMurphy will ihn nicht enttäuschen. Zur Flucht habe er noch Zeit, meint er.

Wie geplant, schließt der bestochene Nachtwächter Turkie ein Fenstergitter auf. Diesmal ist Candy nicht allein, sondern sie bringt Sandy mit, die sich inzwischen von ihrem Mann getrennt hat. Den Wein, den die Frauen bei sich haben, mischen McMurphy und die anderen mit Hustensaft aus dem Schwesternzimmer, um die Wirkung zu verstärken.

Der Plan sieht vor, dass Turkie am Ende gefesselt wird, denn es soll so aussehen, als habe ihm McMurphy die Schlüssel geraubt und sei durch ein geöffnetes Fenstergitter geflohen.

McMurphy möchte vor der Flucht noch eine Stunde schlafen.

Als die Pfleger am Morgen kommen, finden sie McMurphy mit Sandy im Bett vor. In dem Chaos bleibt das Fenstergitter offen, und McMurphy könnte noch immer ins Freie, aber er ist zu betrunken.

Beim Abzählen fehlt Billy Bibbit, und die inzwischen eingetroffene Oberschwester ordnet eine Durchsuchung aller Räume an. Man scheucht ihn und Candy von der Pritsche in der Isolierzelle. Mit neuem Selbstbewusstsein redet Billy Bibbit ohne zu stottern, aber als Miss Ratched erklärt, sie müsse seiner Mutter von diesem Fehlverhalten berichten und das werde ihrer Freundin schwer zu schaffen machen, bricht Billy Bibbit stotternd zusammen. Pfleger bringen ihn ins Ärztezimmer. Als Dr. Spivey dort nach ihm sehen will, findet er ihn tot vor: Billy Bibbit hat sich die Kehle durchgeschnitten.

McMurphy tritt daraufhin die Glastür zum Schwesternzimmer ein, reißt Miss Ratched die Uniform bis zum Nabel auf, sodass die großen, ihr verhassten Brüste herausquellen, und würgt sie, bis ihn Ärzte und Schwestern wegzerren. Da bricht er schreiend zusammen.

Das Ende

Miss Ratched kommt nach einer Woche mit einem Halsverband aus dem Krankenhaus und kann nicht sprechen. Auch ihre Autorität hat sie verloren.

Nach drei Wochen bringen Pfleger McMurphy zurück. Man hat eine Lobotomie bei ihm vorgenommen, und er liegt apathisch auf einer Trage.

Bromden kann nicht mit ansehen, dass der Rebell nur noch hilflos vor sich hinvegetiert. Er erstickt ihn mit einem Kopfkissen. Dann hebt er die Waschkonsole und schleudert sie gegen ein Fenstergitter, sodass er ins Freie klettern kann. Ein mexikanischer Fahrer nimmt ihn mit nach Norden.


Inhaltsangabe aus dem Jahr 2002:

Chief Bromden, ein Hüne von einem Mann, ist Insasse einer Nervenheilanstalt. Der Indianer zählt zu den „Chronischen“, weil er schon ein paar Jahre dort ist. Es gibt dann noch die „Akuten“ und die „Gurken“ (so genannt, weil sie nur noch dahinvegetieren). Die Leitung des „Apparats“ obliegt einer langjährig tätigen Stationsschwester, die mit eiserner Hand unter dem Deckmantel der Güte- und Verständnisvollen unbarmherzig das Regiment führt. Und alle fügen sich der „Großen Schwester“.

Der Indianer, der die Geschichte erzählt, hat sich einen Nebel erfunden, in dem er sich verstecken zu können glaubt und, wie er meint, auch von anderen nicht wahrgenommen wird. Es wundert sich keiner, dass er nicht spricht und nichts zu hören scheint. Im Gegensatz zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ erfahren wir gleich am Anfang, dass er die Taubheit und das Stummsein nur simuliert. Diese „Gebrechen“ verhelfen ihm allerdings zu einem Privileg: Er ist dazu abgestellt, dem Personal beim Putzen zu helfen (darum wird er auch „Chief Broom“ genannt). Beim Saubermachen kann er manchmal Ärzte und Wärter bei Gesprächen belauschen, die nicht für die Ohren der Patienten bestimmt sind.

Eines Tages wird ein Neuzugang eingeliefert: McMurphy, ein kräftiger rothaariger Ire, der sich aus dem Gefängnis nur deshalb in die Anstalt überstellen ließ, weil er sich hier einen angenehmeren Aufenthalt als in der „Knastfarm“ verspricht. Der Raufbold, Spieler und Frauenheld macht von Anfang deutlich, dass er sich nicht anpassen will. Mit der „Großen Schwester“, Miss Ratched, legt er sich sofort an und macht einen Sport daraus, sie zu demütigen. Er schließt mit den Kranken sogar Wetten ab, wann er sie endlich mürbe gemacht haben wird. Und überhaupt ist alles anders, seit er da ist. Er setzt zum Beispiel durch, dass den Männern ein gesonderter Raum zum Kartenspielen zur Verfügung gestellt wird, und zum Baseballspielen fordert er sie heraus.

Bei den von Miss Ratched akribisch vorbereiteten, immer nach dem gleichen Schema geführten Gruppensitzungen ermuntert er die eingeschüchterten Teilnehmer zu selbstbewussterem Auftreten. McMurphys Bettnachbar im Schlafsaal ist der Indianer. Bald durchschaut er dessen Simulieren, und es entwickelt sich eine persönlichere Beziehung zwischen den beiden. Der listige Aufwiegler hilft dem zurückgezogenen Chief, sich auf seine psychische wie physische Kraft zu besinnen und „aus seinem Nebel zu treten“.

McMurphy organisiert einen Schiffsausflug, an dem mehrere Männer der „akuten Abteilung“, auch Chief Bromden und sogar ein Anstaltsarzt teilnehmen. Der Tag gestaltet sich etwas chaotisch, aber abends kehren sie alle müde und glücklich zurück. Von dieser Angeltour war Miss Ratched natürlich überhaupt nicht begeistert: Der Privatkrieg zwischen der Stationsschwester und dem unangepassten Patienten eskaliert.

Nach dem Ausflug sollen alle daran Beteiligten desinfiziert werden, um eventuell eingeschlepptem Ungeziefer entgegenzuwirken. Einer der Männer wehrt sich gegen die brutale Prozedur. McMurphy unterstützt ihn und legt sich mit den Pflegern an. Dabei kommt es zu einer ausgewachsenen Schlägerei, bei der auch die Wärter verletzt werden. Wieder ein Grund für Miss Ratched, ihre Macht demonstrieren zu können. Sie veranlasst, dass bei McMurphy die allseits gefürchteten Elektroschocks angewendet werden. Sichtlich gezeichnet kehrt er in die Abteilung zurück, tut aber so, als ob ihm die foltergleiche Therapie nichts ausgemacht hätte.

Bei den Gruppensitzungen hält er sich mehr und mehr zurück, versäumt es aber nicht, die beteiligten Männer dazu anzuregen, sich auf ihre Werte zu besinnen. Die meisten von ihnen sind nämlich freiwillig in die Anstalt gegangen, weil sie sich in der Gesellschaft als absonderlich oder nicht ernst genommen fühlten, also im eigentlichen Sinne gar nicht nervenkrank sind. Er macht ihnen Mut, ihr „Anderssein“ zu akzeptieren und sich ihrer Würde bewusst zu werden.

Die Männer scheinen McMurphy davon zu überzeugen, dass er mit seiner Aufmüpfigkeit nicht weiterkommt und den Kampf mit der Schwester, die am längeren Hebel sitzt, nicht gewinnen kann: Er müsse sich der Willkür von Miss Ratched entziehen, also ausbrechen! Die Flucht wird organisiert. Vorher soll aber noch gefeiert werden. McMurphy schleust nachts durchs Fenster zwei leichte Mädchen ein, die auch alkoholische Getränke mitbringen (Hustensaft aus dem Apothekerschrank findet ebenfalls Verwendung). Es kommt zu einem wilden Gelage, das in einem Chaos endet. Alle sind so betrunken, dass sie übersehen, McMurphy morgens zu wecken, der somit (in den Armen eines der Mädchen) seine Flucht verschlafen hat.

Dieses wirklich schlimme Ereignis mit weitreichenden Folgen für einige der Beteiligten und der tätliche Angriff McMurphys auf Miss Ratched – er hat sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt –, sind der Auslöser für die Stationsschwester, ihren letzten großen Trumpf auszuspielen. Sie setzt durch, dass bei McMurphy eine Lobotomie durchgeführt wird. Als der Indianer ihn nach dem Eingriff apathisch auf der Trage liegen sieht, fasst er einen folgenreichen Beschluss: Er kann sich nicht vorstellen, dass McMurphy als hilfloser, entwürdigter Körper dahinvegetieren möchte – und erstickt ihn mit einem Kissen. Er selbst reißt (dank McMurphys Ermunterung hat er seine Kraft wiedererlangt) ein Waschbecken aus der Verankerung im Fußboden, wirft damit ein Fenster samt Gitter ein und flieht. Er will dahin zurück, wo er hergekommen ist.

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Ken Kesey hatte 1959 vorübergehend als Aushilfe in der Psychiatrieabteilung des Veterans Hospital in Menlo Park/Kalifornien gearbeitet und dort im Rahmen des geheimen CIA-Forschungsprogramms MKULTRA psychotrope Substanzen verabreicht bekommen. Damit sollten Möglichkeiten der Gedankenkontrolle getestet werden. Seine Erlebnisse inspirierten ihn zu dem Roman „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“ / „Einer flog über das Kuckucksnest“, der 1962 veröffentlicht und 1972 von Hans Hermann ins Deutsche übersetzt wurde. (Neu übersetzt wurde „Einer flog über das Kuckucksnest“ 1985 von Carl Weissner für Zweitausendeins.)

Die tragische Geschichte ist als Anklage gegen die Bevormundung von vermeintlich Benachteiligten zu verstehen. Als exemplarische Figur versucht McMurphy, Schwache und Unterdrückte in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken. Der Rebell spornt sie dazu an, sich gegen ein herzloses „System“ aufzulehnen.

Die dramatische Handlung weist auch komischen Momente auf. Die Sprache ist einfach, bildhaft und originell. Einfallsreich beschreibt Ken Kesay gut beobachtete Situationen.

Der Titel des bewegenden Buches bezieht sich auf einen Abzählvers für Kinder:

Vintery, mintery, cutery, corn, / Apple seed and apple thorn, / Wire, briar, limber lock. / Three geese in a flock. / One flew east, / And one flew west, / And one flew over the cuckoo’s nest.

In der englischen Umgangssprache bedeutet das Adjektiv cuckoo auch verrückt bzw. durchgeknallt.

Eine von Dale Wasserman verfasste Bühnenversion von „Einer flog über das Kuckucksnest“ wurde bereits 1963 am Broadway in New York aufgeführt. Kirk Douglas, der zuvor die Rechte erworben hatte, den Roman auf die Bühne zu bringen, spielte die Hauptrolle.

Es besaß auch die Filmrechte, aber es gelang ihm nicht, einen Produzenten für eine Verfilmung des Romans „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey zu gewinnen. Schließlich überließ er die Rechte seinem Sohn Michael Douglas. Bei dem Film, den dieser mit Saul Zaentz zusammen produzierte, führte Miloš Forman Regie: „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975). Die Kinoadaption erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter fünf Oscars: Bester Film, Beste Regie (Miloš Forman), Bestes adaptiertes Drehbuch, Bester Hauptdarsteller (Jack Nicholson), Beste Hauptdarstellerin (Louise Fletcher). Damit war der Film nach „Es geschah in einer Nacht“ (1935) von Frank Capra der zweite Film, der in den fünf wichtigsten Kategorien – den sogenannten Big Five – einen Oscar gewinnen konnte.

„The Guardian“ nahm „Einer flog über das Kuckucksnest“ 2009 in die Liste der 1000 Romane auf, die man gelesen haben sollte.

Den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey gibt es auch als Hörbuch, gesprochen von Dominic Raacke (ISBN 978-3-491-91230-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002 / Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Zweitausendeins

Lobotomie
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