Ken Kesey : Einer flog über das Kuckucksnest

Einer flog über das Kuckucksnest
Originalausgabe: One Flow over the Cuckoo's Nest,New York 1962 Einer flog über das Kuckucksnest Übersetzung: Carl Weissner Zweitausendeins, Frankfurt/M 1985 Übersetzung: Hans Hermann Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003 (24. Auflage) ISBN 978-3-499-15061-6, 342 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Chief Bromden, ein hünenhafter Indianer, ist Insasse einer Nervenheilanstalt. Eines Tages wird ein Neuzugang eingeliefert: McMurphy, ein kräftiger rothaariger Ire, der sich aus dem Gefängnis nur deshalb in die Anstalt überstellen ließ, weil er sich hier einen angenehmeren Aufenthalt als in der "Knastfarm" verspricht. Der Raufbold, Spieler und Frauenheld macht von Anfang an deutlich, dass er sich nicht anpassen will ...
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Kritik

Die tragische Geschichte ist eine ätzende Anklage gegen die Bevormundung von vermeintlich Benachteiligten. Der Autor, und als exemplarische Figur McMurphy, fordern dazu auf, die Schwachen und Unterdrückten in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu unterstützen, sich gegen ein herzloses "System" aufzulehnen.
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Chief Bromden, ein Hüne von einem Mann, ist Insasse einer Nervenheilanstalt. Der Indianer zählt zu den „Chronischen“, weil er schon ein paar Jahre dort ist. Es gibt dann noch die „Akuten“ und die „Gurken“ (so genannt, weil sie nur noch dahinvegetieren). Die Leitung des „Apparats“ obliegt einer langjährig tätigen Stationsschwester, die mit eiserner Hand unter dem Deckmantel der Güte- und Verständnisvollen unbarmherzig das Regiment führt. Und alle fügen sich der „Großen Schwester“.

Der Indianer, der die Geschichte erzählt, hat sich einen Nebel erfunden, in dem er sich verstecken zu können glaubt und, wie er meint, auch von anderen nicht wahrgenommen wird. Es wundert sich keiner, dass er nicht spricht und nichts zu hören scheint. Im Gegensatz zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ erfahren wir gleich am Anfang, dass er die Taubheit und das Stummsein nur simuliert. Diese „Gebrechen“ verhelfen ihm allerdings zu einem Privileg: Er ist dazu abgestellt, dem Personal beim Putzen zu helfen (darum wird er auch „Chief Broom“ genannt). Beim Saubermachen kann er manchmal Ärzte und Wärter bei Gesprächen belauschen, die nicht für die Ohren der Patienten bestimmt sind.

Eines Tages wird ein Neuzugang eingeliefert: McMurphy, ein kräftiger rothaariger Ire, der sich aus dem Gefängnis nur deshalb in die Anstalt überstellen ließ, weil er sich hier einen angenehmeren Aufenthalt als in der „Knastfarm“ verspricht. Der Raufbold, Spieler und Frauenheld macht von Anfang deutlich, dass er sich nicht anpassen will. Mit der „Großen Schwester“, Miss Ratched, legt er sich sofort an und macht einen Sport daraus, sie zu demütigen. Er schließt mit den Kranken sogar Wetten ab, wann er sie endlich mürbe gemacht haben wird. Und überhaupt ist alles anders, seit er da ist. Er setzt zum Beispiel durch, dass den Männern ein gesonderter Raum zum Kartenspielen zur Verfügung gestellt wird,

und zum Baseballspielen fordert er sie heraus.

Bei den von Miss Ratched akribisch vorbereiteten, immer nach dem gleichen Schema geführten Gruppensitzungen ermuntert er die eingeschüchterten Teilnehmer zu selbstbewussterem Auftreten. McMurphys Bettnachbar im Schlafsaal ist der Indianer. Bald durchschaut er dessen Simulieren, und es entwickelt sich eine persönlichere Beziehung zwischen den beiden. Der listige Aufwiegler hilft dem zurückgezogenen Chief, sich auf seine psychische wie physische Kraft zu besinnen und „aus seinem Nebel zu treten“.

McMurphy organisiert einen Schiffsausflug, an dem mehrere Männer der „akuten Abteilung“, auch Chief Bromden und sogar ein Anstaltsarzt teilnehmen. Der Tag gestaltet sich etwas chaotisch, aber abends kehren sie alle müde und glücklich zurück. Von dieser Angeltour war Miss Ratched natürlich überhaupt nicht begeistert: Der Privatkrieg zwischen der Stationsschwester und dem unangepassten Patienten eskaliert.

Nach dem Ausflug sollen alle daran Beteiligten desinfiziert werden, um eventuell eingeschlepptem Ungeziefer entgegenzuwirken. Einer der Männer wehrt sich gegen die brutale Prozedur. McMurphy unterstützt ihn und legt sich mit den Pflegern an. Dabei kommt es zu einer ausgewachsenen Schlägerei, bei der auch die Wärter verletzt werden. Wieder ein Grund für Miss Ratched, ihre Macht demonstrieren zu können. Sie veranlasst, dass bei McMurphy die allseits gefürchteten Elektroschocks angewendet werden. Sichtlich gezeichnet kehrt er in die Abteilung zurück, tut aber so, als ob ihm die foltergleiche Therapie nichts ausgemacht hätte.

Bei den Gruppensitzungen hält er sich mehr und mehr zurück, versäumt es aber nicht, die beteiligten Männer dazu anzuregen, sich auf ihre Werte zu besinnen. Die meisten von ihnen sind nämlich freiwillig in die Anstalt gegangen, weil sie sich in der Gesellschaft als absonderlich oder nicht ernst genommen fühlten, also im eigentlichen Sinne gar nicht nervenkrank sind. Er macht ihnen Mut, ihr „Anderssein“ zu akzeptieren und sich ihrer Würde bewusst zu werden.

Die Männer scheinen McMurphy davon zu überzeugen, dass er mit seiner Aufmüpfigkeit nicht weiterkommt und den Kampf mit der Schwester, die am längeren Hebel sitzt, nicht gewinnen kann: Er müsse sich der Willkür von Miss Ratched entziehen, also ausbrechen! Die Flucht wird organisiert. Vorher soll aber noch gefeiert werden. McMurphy schleust nachts durchs Fenster zwei leichte Mädchen ein, die auch alkoholische Getränke mitbringen (Hustensaft aus dem Apothekerschrank findet ebenfalls Verwendung). Es kommt zu einem wilden Gelage, das in einem Chaos endet. Alle sind so betrunken, dass sie übersehen, McMurphy morgens zu wecken, der somit (in den Armen eines der Mädchen) seine Flucht verschlafen hat.

Dieses wirklich schlimme Ereignis mit weitreichenden Folgen für einige der Beteiligten und der tätliche Angriff McMurphys auf Miss Ratched – er hat sie bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt –, sind der Auslöser für die Stationsschwester, ihren letzten großen Trumpf auszuspielen. Sie setzt durch, dass bei McMurphy eine Lobotomie durchgeführt wird. Als der Indianer ihn nach dem Eingriff apathisch auf der Trage liegen sieht, fasst er einen folgenreichen Beschluss: Er kann sich nicht vorstellen, dass McMurphy als hilfloser, entwürdigter Körper dahinvegetieren möchte – und erstickt ihn mit einem Kissen. Er selbst reißt (dank McMurphys Ermunterung hat er seine Kraft wiedererlangt) ein Waschbecken aus der Verankerung im Fußboden, wirft damit ein Fenster samt Gitter ein und flieht. Er will dahin zurück, wo er hergekommen ist.

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Ken Kesey hatte 1959 vorübergehend als Aushilfe in der Psychiatrieabteilung des Veterans Hospital in Menlo Park/Kalifornien gearbeitet und dort im Rahmen des geheimen CIA-Forschungsprogramms MKULTRA psychotrope Substanzen verabreicht bekommen. Damit sollten Möglichkeiten der Gedankenkontrolle getestet werden. Seine Erlebnisse inspirierten ihn zu dem Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Die tragische Geschichte in „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist eine ätzende Anklage gegen die Bevormundung von vermeintlich Benachteiligten. Der Autor, und als exemplarische Figur McMurphy, fordern dazu auf, die Schwachen und Unterdrückten in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu unterstützen, sich gegen ein herzloses „System“ aufzulehnen.

So dramatisch die Handlung ist, so hat sie auch ihre komischen Momente. Die Sprache ist einfach, bildhaft (drei der Aufseher sind Farbige: „schwarz wie Telefone“) und originell. Gut beobachtete Situationen sind einfallsreich beschrieben („ihr Lächeln tropfte ihr am Kinn herunter“).

Der Titel bezieht sich auf einen Abzählvers für Kinder: „Vintery, mintery, cutery, corn, / Apple seed and apple thorn, / Wire, briar, limber lock. / Three geese in a flock. / One flew east, / And one flew west, / And one flew over the cuckoo’s nest.“ (In der englischen Umgangssprache bedeutet das Adjektiv cuckoo auch verrückt bzw. durchgeknallt.)

Das Buch ist 1962 erschienen und hat inzwischen eine Weltauflage von über 4 Millionen erreicht. Neu übersetzt wurde es 1985 von Carl Weissner für Zweitausendeins.

Miloš Forman verfilmte den Roman 1975: „Einer flog über das Kuckucksnest“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002

Lobotomie
Milos Forman: Einer flog über das Kuckucksnest

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