Eveline Hasler : Die Wachsflügelfrau

Die Wachsflügelfrau
Die Wachsflügelfrau Geschichte der Emily Kempin-Spyri Verlag Nagel & Kimche, Zürich / Frauenfeld 1991
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Die Wachsflügelfau" ist ein Roman von Eveline Hasler über das unglückliche Leben der Schweizer Juristin Dr. Emily Kempin-Spyri (1853 - 1901), einer ehrgeizigen Frau, die an der Borniertheit ihrer männlichen Kollegen scheiterte.
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Kritik

Eveline Hasler löst den Lebensweg einer der ersten promovierten Frauen und der ersten Juristin Europas in einzelne Szenen auf und ordnet diese nicht chronologisch, sondern wie die Steinchen eines Mosaiks.
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Johann Ludwig Spyri ist Pfarrhelfer in Altstetten bei Zürich. Mit seiner Ehefrau Elise zeugt er fünf Töchter und zwei Söhne. Emily wird 1853 geboren. Als sie zwölf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Zürich, wo der Vater Diakon in der Kirchengemeinde Neumünster wird. 1875 wechselt er als Direktor ins Statistikamt der Nordostbahn.

Robert Kempin kommt in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts aus Stettin nach Zürich, arbeitet zunächst als Typograph und eröffnet später eine Buchhandlung. Robert Kempin heiratet die Pfarrerstochter Anna Häsli. Eines ihrer sechs Kinder ist Walter. Er kommt 1850 zur Welt. Im Frühjahr 1874 wird er Pfarrverweser in der Enge bei Zürich. Gegen den Willen des Schwiegervaters heiratet er am 22. Juni 1875 Emily Spyri.

Im gleichen Jahr übernimmt Walter Kempin die Pfarrei in der Enge. 1881 gründet er eine eigene Zeitschrift und im Jahr darauf den „Centralverein des Schweizerischen Rothen Kreuzes“.

Zu dieser Zeit sind noch an keiner deutschen Universität Studentinnen zugelassen. Nur in Zürich dürfen Frauen seit 1864 studieren. Dort eröffnete 1874 die erste Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin, ihre Praxis. Aber nur wenige Schweizerinnen sind an der Universität Zürich immatrikuliert; die meisten Studentinnen stammen aus Russland, und bei der Mehrzahl handelt es sich um Medizinerinnen.

Emily Kempin immatrikuliert sich im Sommersemester 1884 an der Juristischen Fakultät der Universität Zürich. Die 31-Jährige kümmert sich von nun an nicht nur um ihre drei Kinder und den Haushalt, sondern auch um ihr Studium.

1885 stirbt ihre Mutter. Der Vater ignoriert Emily am Grab, denn seit sie zu studieren begonnen hat, will der konservative Mann nichts mehr von ihr wissen.

Walter Kempin verliert im gleichen Jahr seine Pfarrei, und die Familie zieht aus dem Pfarrhaus in der Enge in eine Züricher Wohnung. Auch aus dem „Centralverein des Schweizerischen Rothen Kreuzes“ wird Walter Kempin verdrängt.

Am 24. November 1886 will Emily ihren Mann in einem Streitfall vor dem Bezirksgericht Selnau-Zürich vertreten. Der Richter weist sie zurück. Auf der Gegenseite steht ein Prozessvertreter ohne Jurastudium, denn jeder Aktivbürger hat das Recht, als Anwalt zu praktizieren. Emily Kempin beruft sich auf Artikel 4 der Bundesverfassung — „Jeder Schweizer ist vor dem Gesetz gleich“ –, aber der Richter entgegnet, da stehe nichts von Schweizerinnen, sie erfülle deshalb nicht die Voraussetzung für eine Anwaltstätigkeit. Das Bundesgericht lehnt Emilys Beschwerde am 29. Januar 1887 ab: Artikel 4 der Bundesverfassung sehe keineswegs die volle rechtliche Gleichstellung der Geschlechter vor.

Ende Mai 1887 reicht sie ihre Dissertation ein („Die Haftung des Verkäufers einer fremden Sache“) und promoviert am 16. Juli im Alter von 34 Jahren mit „magna cum laude“ als erste Juristin in Europa.

Im Frühjahr 1888 kommt es an der Juristischen Fakultät zu einem Eklat: Dr. Emily Kempin vertritt Dr. Wächter, einen Privatdozenten für Römisches Recht, in dessen Vorlesungen. Im Juni 1888 entscheidet der Senat, man werde keine Privatdozentinnen dulden.

1869 wurde in Iowa die erste Rechtsanwältin vor Gericht zugelassen: Arabella A. Mansfield. Einige Jahre später folgte Lenna Barkaloo in Missouri. Belva Lockwood erhielt 1873 die Erlaubnis, sich im Columbia-District als Anwältin niederzulassen, und in einer jahrelangen Auseinandersetzung erstritt sie sich 1879 das Recht, am Obersten Gerichtshof und am Federal Court of Claims zu plädieren. Emily hofft deshalb, ihren Beruf in den USA ausüben zu können.

Im Herbst 1888 gehen Walter und Emily Kempin mit ihren drei Kindern Gertrud, Robert Walter und Agnes sowie dem 16-jährigen Dienstmädchen Elsbeth an Bord eines Postdampfers, der sie nach New York bringt. Emiliy lernt während der Überfahrt Fanny Weber kennen, die vor vier Jahren in Manhattan die „Arbitration Society“ gründete, eine Hilfsorganisation für Mittellose. Da die ungebildeten Menschen selten ihre Rechte kennen, überredet Fanny Weber die Schweizerin, ihre juristischen Fachkenntnisse in die „Arbitration Society“ einzubringen. Zweimal pro Woche ist die Beratungsstelle geöffnet. Dr. Emily Kempin studiert die Fälle der Ratsuchenden und gibt den jungen amerikanischen Juristen, die sie vor Gericht vertreten, entsprechende Instruktionen. Die New Yorker Anwaltskammer lässt die Juristin nicht zu, obwohl eine Gesetzesnovelle vom 19. Mai 1886 Frauen das Recht einräumte, sich im Staat New York als Anwältinnen niederzulassen.

Einem Gesuch Emilys, an der juristischen Fakultät der University of the City of New York studieren zu dürfen, wird Anfang 1889 stattgegeben.

Im Oktober richtet sie mit ein paar gleichgesinnten Amerikanerinnen eine Rechtsschule für Frauen ein: „Emily Kempin’s Law School for Women“. Die Absolventinnen sollen sich für eine Zulassung vor den Gerichten des Staates New York qualifizieren. Die Zahl der Studentinnen reduziert sich rasch von vierzehn auf drei; erst im Jahr darauf kommen vier neue dazu. Emily Kempin, Fanny Weber und einige andere Frauen gründen am 14. Juni 1890 die „Woman’s Legal Education Society“, deren Zweck es ist, die nunmehr der Juristischen Fakultät der Universität angeschlossene „Woman’s Law Class“ durch Spenden zu finanzieren. Am 30. Oktober 1890 hält Dr. Emily Kempin ihre Antrittsvorlesung.

Ihr Mann kehrt mit der älteren Tochter Gertrud und dem Sohn Robert Walter nach Zürich zurück und nimmt dort sein 1885 bis 1887 begonnenes Jurastudium wieder auf. (Er wird im Alter von 65 Jahren in Heidelberg promovieren.) Als Robert Walter an einem ernsten Halsdrüsenleiden erkrankt, lässt sich seine Mutter für das Sommersemester 1891 beurlauben und schifft sich mit Agnes nach Europa ein. Aber vor dem Beginn des Wintersemesters entschließt sie sich, bei ihrer Familie in der Schweiz zu bleiben.

Ihre Petition an den Kantonsrat, sich in Zürich als Anwältin niederlassen zu dürfen, wird abgelehnt. Aufgrund ihrer nochmaligen Bewerbung akzeptiert die Universität Dr. Emily Kempin als Dozentin: Am 4. März 1892 hält sie ihre Antrittsvorlesung.

In diesem Jahr erscheint in Leipzig ihr Buch: „Die Rechtsstellung der Frau nach den zur Zeit in Deutschland gültigen Gesetzbestimmungen für das Deutsche Reich“.

Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie ein Anwaltsbüro, doch die Vertretung der vorwiegend weiblichen Klientel vor den Gerichten bleibt Walter Kempin vorbehalten.

Der Witwer Johann Ludwig Spyri lehnt nach wie vor jeden Kontakt mit seiner Tochter ab. Im Februar 1895 erfährt Emily, dass er schwer krank ist. Sie eilt zu ihm, aber die Verwandten erlauben ihr nur, einen kurzen Blick auf ihren schlafenden Vater zu werfen; bevor er aufwacht muss sie das Haus wieder verlassen.

Nachdem ihre Ehe gescheitert ist, lernt Emily den um ein paar Jahre jüngeren Mathieu Schwann kennen und verliebt sich in ihn, doch der verheiratete „Privatgelehrte“ zieht schließlich die 19-jährige Tochter Gertrud der Mutter vor.

Emily lässt sich für das Wintersemester 1895/96 von der Universität Zürich beurlauben und zieht mit ihren Kindern Robert Walter und Agnes nach Berlin, wo sie seit einem ersten Besuch im Frühsommer 1888 Kontakt zur Frauenbewegung hat. Gertrud bleibt bei ihrem Vater in Zürich zurück. Robert Walter, der das Gymnasium in Zürich vorzeitig verließ, beginnt in Berlin eine Buchdruckerlehre. Emily kehrt nicht mehr nach Zürich zurück und gibt ihre Dozentenstelle im September 1896 ganz auf.

Gertrud Kempin ist schwanger und heiratet Mathieu Schwann. Die Hochzeit — zu der nur Gertruds Vater, nicht aber die Mutter eingeladen wird — findet in London statt, denn der Bräutigam ist nicht geschieden und kann deshalb in Deutschland keine neue Ehe schließen. Robert Walter bricht die Lehre ab und zieht nach München, um dort Musik zu studieren. Emily bleibt mit ihrer 16-jährigen Tochter Agnes allein in Berlin zurück.

Ein Gynäkologe diagnostiziert Gebärmutterkrebs. Im September 1897 bricht Emily zusammen und wird in die Klinik Berolinum in Lankwitz eingeliefert. Mit einem Vierteljahr rechnet Emily zunächst,

aber nach 15 Monaten ist sie immer noch in der Nervenheilanstalt, und sie wird für unmündig erklärt. Im gleichen Jahr, am 3. Juli 1898, tritt in Zürich ein neues Gesetz in Kraft, das die Zulassung als Rechtsanwalt für beide Geschlechter von einer Prüfung abhängig macht. Jetzt könnte Emily Kempin sich in ihrer Heimat erfolgreich um eine Niederlassung als Rechtsanwältin bewerben — aber es ist zu spät. Nach einem missglückten Fluchtversuch bringt man sie im März 1899 in die Irrenanstalt von Basel. Sie schreibt verzweifelte Briefe, bewirbt sich bei einem Pfarrer als Haushälterin und fleht darum, in die Züricher Irrenanstalt („Burghölzli“) verlegt zu werden, aber ihre Briefe werden von der Anstaltsleitung zurückgehalten.

Am 12. April 1901 stirbt Emily Kempin.

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In ihrem Roman „Die Wachsflügelfrau“ schildert Eveline Hasler das unglückliche Leben von Emilie (Emily) Kempin-Spyri. Der Titel bezieht sich auf die Sage von Daidalos, der aus Wachs und Federn Flügel anfertigt, um mit seinem Sohn Ikaros aus dem Labyrinth des Minotaurus zu fliehen. Obwohl er seinem Sohn einschärfte, nicht zu hoch zu fliegen, wagt sich dieser zu nah an die Sonne; das Wachs schmilzt, er stürzt ins Meer und ertrinkt.

Eveline Hasler löst den Werdegang einer der ersten promovierten Frauen und der ersten Juristin Europas in einzelne Romanszenen auf und ordnet diese nicht chronologisch, sondern wie die Steinchen eines Mosaiks.

Die literarische Qualität macht nicht den Wert des Buches aus. Wichtiger ist in diesem Fall das erschütternde Schicksal einer ehrgeizigen Frau, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts an der Borniertheit ihrer männlichen Kollegen die Flügel verbrannte, mit ihrem Lebensentwurf tragisch scheiterte und daran zugrunde ging.

Eveline Hasler wurde 1933 in Glarus geboren. Bevor sie sich mit Kinderbüchern einen Namen machte, hatte sie Psychologie und Geschichte studiert.

Ein Kapitel in dem Buch „WageMutige Frauen. 16 Porträts aus drei Jahrhunderten“ von Dieter Wunderlich ist Emilie Kempin-Spyri gewidmet.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002/2003

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