Alan Isler : Goetzens Bilder

Goetzens Bilder

Alan Isler

Goetzens Bilder

Originalausgabe: Kraven Images Bridge Works Publishing, Bridgehampton (NY) 1996 Goetzens Bilder Übersetzung: Heidi Zerning Berlin Verlag, Berlin 1998 ISBN 3-8270-0257-5, 300 Seiten dtv, München 2000 ISBN: 3-423-12813-5, 300 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nicholas Goetzen ist Dozent für englische Literatur an einem College in der Bronx. Obwohl er seit zwei Jahren ein Verhältnis mit seiner verheirateten Nachbarin Stella Poore-Moody hat, nutzt er jede Gelegenheit, eine seiner hübschen Studentinnen ins Bett zu bekommen. Im Frühjahr 1974 gerät der 40-Jährige jedoch aus der Bahn: Stella ertappt ihn mit einer Studentin, deren eifersüchtiger Freund droht ihm mit einem Racheakt; er läuft Gefahr, als Plagiator überführt zu werden – und es kommt noch schlimmer ...
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Kritik

"Goetzens Bilder" ist eine aberwitzige und recht unterhaltsame Satire von Alan Isler. Der Aufbau – ein Wechsel zwischen chronologischer Handlung und Erinnerungen – ist gelungen, und Alan Isler lässt auch keinen Handlungsfaden fallen.
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Nicholas („Nicko“) Marcus Goetzen wurde 1934 geboren. Bei der Familie seines Vaters Felix Goetzen handelte es sich um Mitte des 19. Jahrhunderts von Polen nach Wien und in den Dreißigjahren des 20. Jahrhunderts von dort nach London ausgewanderte Juden; die Eltern seiner Mutter Victoria Blum waren 1897 als junges Brautpaar von Krakau nach London gezogen.

Als die deutschen Luftangriffe auf London begannen, schickte Felix Goetzen seine Frau mit dem Sohn nach Harrogate in Nordengland. Da er selbst weiterhin in London zu tun hatte, konnte er nur am Wochenende und an Feiertagen bei seiner Familie sein. Einmal wollte Nicko ihn vom Bahnhof abholen. Sein Vater stieg in Begleitung einer unbekannten Dame aus dem Zug. Er brachte sie zu einem Taxi, und zum Abschied küssten sich die beiden leidenschaftlich. Dass unerwartet sein sechsjähriger Sohn vor ihm stand, fand Felix Goetzen nicht besonders erfreulich. Notgedrungen stellte er ihn Angelica Crawford vor.

Nicko verriet seinen Vater zwar nicht, aber als er im April 1941 in seinem Versteck im Garten des Hauses in Harrogate saß und beobachtete, wie der Vater sich nach einer früh erblühten Rose bückte, schoß er mit Pfeil und Bogen auf ihn. Die Entfernung war wohl zu weit für einen Treffer, und der Pfeil hatte außerdem eine Gummispitze, aber Felix Goetzen griff sich in diesem Augenblick an die Brust und brach tot zusammen. „Geschieht ihm recht“, dachte Nicko.

Während Nicko am offenen Grab in Leeds das Kaddisch sprach, purzelten zwei raufende Hunde in die Grube und ließen erst voneinander ab, als Onkel Ferri einen Eimer mit kaltem Wasser über ihnen auskippte.

Als am 2. November 1941 die Sirenen in London heulten, brachten sich Tante Carlotta, Tante Erica und Onkel Gusti in dem Luftschutzbunker in Sicherheit, den Felix Goetzen bereits im Herbst 1939 im Garten seines Hauses in Hampstead angelegt hatte. Onkel Ferri war gerade als Luftschutzwart eingeteilt. Als er mit der Flak auf einen einzelnen deutschen Bomber zielte, der offenbar den Kontakt mit seinem Geschwader verloren hatte, hielt ihn Vizeadmiral a. D. Bunny Mayhew davon ab, zu feuern. Mayhew meinte, der Deutsche werde sowieso von der Luftabwehr an der Südküste abgeschossen und solle wenigstens eine kleine Chance bekommen. Minuten später warf der feindliche Flieger eine Bombe ab, und Goetzens Bunker wurde durch einen Volltreffer zerstört.

Onkel Oskar („Koko“) hielt sich mit seinen Kindern Tillie und Marko bei seiner Schwägerin Victoria und deren Sohn in Harrogate auf, als er vom Tod seiner Ehefrau Carlotta erfuhr.

Onkel Ferri kam in eine psychiatrische Anstalt und war trotz seiner siebenunddreißig Jahre ein alter Mann, als er nach drei Monaten wieder herauskam.

Der Witwer Oskar Goetzen, der am 12. September 1946 von einem Zug überrollt wurde, hatte eine Lebensversicherung zugunsten seiner Kinder abgeschlossen. Tillie war allerdings gleich nach dem Krieg mit einem G. I. durchgebrannt und hatte keine drei Monate später einen für sie tödlichen Verkehrsunfall verursacht. Marcus („Marko“) Nicholas Goetzen war damals vierzehn Jahre alt. Erst mit einundzwanzig sollte er über das Erbe verfügen können.

Victoria Goetzen, der die Vormundschaft für Marko oblag, zwang Nicko, seinem Cousin Nachhilfeunterricht zu geben, damit dieser die Schule schaffte und überredete ihren Neffen und Pflegesohn dann, sich am Clerihew-College der London University einzuschreiben. Während Nicko eifrig lernte, Vergnügungen aus dem Weg ging und seinen Minderwertigkeitskomplex zu verbergen versuchte, betrachtete sein lebensfroher und leichtfertiger Cousin die Universität als Ressource für seine erotischen Abenteuer. Es störte ihn deshalb auch nicht, dass er trotz Nickos Hilfe vierzehn Jahre bis zur Promotion benötigte. Nicko, der alle schriftlichen Prüfungen für Marko absolviert hatte, schrieb auch dessen Dissertation über „Die Eltern-Kind-Beziehung im Shakespeare’schen Drama“.

Im Januar 1964 teilte Marko seinem Cousin mit, dass seine Bewerbung um eine Dozentur am Mosholu College in New York angenommen worden war. Er benötigte nur noch die Promotionsurkunde.

Einen Monat vor der geplanten Abreise lief Dr. phil. Marcus Nicholas Goetzen in London vor einen Bus. Es stellte sich heraus, dass er auf den Rat seiner Freundin Sybil Bowen hin Unmengen Vitamin A geschluckt hatte, um seine Akne zu bekämpfen. Als Folge davon war er an Leberzirrhose erkrankt und so benommen, dass er gegen den Bus prallte.

Nicko, dessen Mutter 1955 gestorben war, flog anstelle von Marko nach New York und wurde Dozent für englische Literatur am Mosholu College in der Bronx. Da sich ihre Namen kaum unterschieden –, Nicholas Marcus Goetzen, Marcus Nicholas Goetzen – fiel niemandem etwas auf.

Zehn Jahre sind vergangen. Wir befinden uns im Frühjahr 1974. Nicholas Goetzen hat inzwischen ein Buch mit dem Titel „Blut, Tribut und Wankelmut in Shakespeares großen Tragödien“ veröffentlicht und unterrichtet weiterhin am Mosholu College. Sein Fachbereichsleiter, Professor Aristoteles Papadakis, hält viel von ihm.

Goetzen stellt sich während seiner Vorlesung so hin, dass er der Studentin Antonia Anstruther unter den Rock schauen kann. Sie sitzt im Hörsaal immer in einer Reihe in seiner Augenhöhe und trägt nie ein Höschen. Giulietta Corombona versucht mit Goetzen zu flirten, aber er geht nicht darauf ein.

Nach der Vorlesung bittet ihn die attraktive Sportstudentin Naomi („Nimuë“) Berkowitz, sich ihre Gedichte anzusehen. In der Absicht, sie ins Bett zu bekommen, heuchelt Goetzen Interesse.

Unangenehm ist nur Alec Feibelmann, ein alter Mann, dessen Lebensgeister sich nicht unterdrücken lassen. Er gehört zu Goetzens Studenten und belästigt ihn mit der These, bei dem Zauberer Merlin in der Artus-Sage habe es sich um einen Juden gehandelt. Goetzen hält das für absurd, und es interessiert ihn auch nicht weiter.

Seit zwei Jahren hat Goetzen eine Affäre mit seiner etwa fünf Jahre älteren Nachbarin Stella. Robert Poore-Moody, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet ist, verdient als Vorsitzender von Aufsichtsräten eine Menge Geld, aber er ist bereits fünfundsechzig.

Als Goetzen an diesem Morgen aufwacht, liegt Stella leblos neben ihm im Bett. Er erschrickt. Sie sollte längst wieder in ihrer Wohnung sein. Augenscheinlich ist sie tot. Hat Robert Poore-Moody seine Frau schon als vermisst gemeldet? Ermittelt die Polizei bereits? Wie soll er die Leiche fortschaffen?

Bevor Goetzen eine Lösung gefunden hat, trifft seine Putzfrau Early Byrd ein. Dass er sie nicht ins Schlafzimmer lässt, findet sie seltsam. Ausgerechnet klingelt an diesem Morgen auch noch Rabbi Menachem Widerschein, der jedes Jahr einmal vorbeikommt, um für das Waisenhaus der Kinder der Spanischen Inquisition in Jerusalem zu sammeln. Plötzlich kommt Stella splitternackt aus dem Schlafzimmer. Zu spät merkt sie, dass Goetzen nicht allein ist. Der Rabbi beruhigt sie: Da sie nicht nach jüdischem Ritus verheiratet sei, gelte sie vor ihm als ledig und habe deshalb in seinen Augen keinen Ehebruch begangen.

Auf einer Party bei Liz und Aristoteles Papadakis kommt Goetzen mit dem renommierten Mediävisten John Crowe Dillinger ins Gespräch. Als ihn dieser fragt, ob er schon einmal darüber nachgedacht habe, dass Merlin ein Jude gewesen sein könnte, wiederholt Goetzen die Argumente, die er von Feibelmann hörte und tut so, als seien es seine eigenen Schlussfolgerungen. Dillinger ist beeindruckt.

Der Abend endet auf unerwartete Weise: Goetzen bringt Diotima von Hoden, eine fast siebzig Jahre alte Dozentin aus Heidelberg, im Taxi zu ihrem Hotel in Brooklyn. Sie gibt ihn dem Nachtportier gegenüber als ihren Bruder aus und lässt ihm keine andere Wahl, als mit in ihr Zimmer zu kommen. Dort drängt ihm die nymphomane Walküre ein aus verschiedenen Pilzen der Klasse Basidiomycetes selbst gemischtes Aphrodisiakum auf. Nachdem Goetzen etwas von der khakifarbigen Flüssigkeit getrunken hat, verliert er das Bewusstsein. Am anderen Morgen erwacht er mit einer Erektion, die erst nach einer halben Stunde so weit abklingt, dass er in seine Hose schlüpfen kann.

Unter dem Vorwand, mit ihr über ihre Gedichte sprechen zu wollen, lädt Goetzen die Studentin Nimuë Berkowitz am Wochenende in seine Privatwohnung ein. Kurz nachdem er sie ins Schlafzimmer geführt hat, ruft ihr Freund Gabriel Princip an und droht seinem Rivalen mit einer Meldung beim Dekan, denn er weiß von anderen Studentinnen, dass Goetzen jedem hübschen Mädchen nachstellt. Nimuë lässt sich den Hörer geben und versucht, Gabriel zu beruhigen.

„Von wo rufst du überhaupt an? … Kein Quatsch? … Och, mach schon, Gabe, hol mich ab … Ich weiß auch nich, inner Stunde ungefähr […] Sie sah Goetzen an und kicherte. „Wer, der? Du hast sie nich alle … Ja, kapiert … Klar … Nein, wir lesen bloß meine Sachen … Ach, halt die Luft an, Gabe. Echt, ja! … Okay, okay …“ (Seite 135)

Sie gibt Goetzen den Hörer zurück, und er legt auf.

Nimuë setzte sich auf dem Bett zurecht und bemerkte erst jetzt Goetzens zitternde Hand in ihrem Schritt. Sie sah ihn mit Erstaunen an, mit Neugier und dann mit bestürztem Verstehen. (Seite 135)

Als Nimuë merkt, dass der sehr viel ältere Dozent sie begehrt, streift sie ihr azurblaues Höschen ab. In diesem Augenblick hämmert jemand gegen die Wohnungstür. Goetzen befürchtet, dass es Princip ist, aber statt des Studenten steht Stella vor ihm, als er öffnet. Am für zwei Personen gedeckten Tisch erkennt sie, dass er nicht allein ist. Er behauptet, eine Studentin sei zu einem Tutorium bei ihm, sie telefoniere gerade, und zwar im Schlafzimmer, weil es sich um eine private Angelegenheit handele. Da kommt Nimuë mit ihrem blauen Slip in der Hand aus dem Schlafzimmer. Goetzen gibt ihr die Papiere mit ihren Gedichten und verabschiedet sie mit den Worten:

„Ausgezeichnet. Setzen Sie die gute Arbeit fort.“ (Seite 138)

Sobald Nimuë die Wohnung verlassen hat, fragt Stella ihren Liebhaber, ob er ihr erklären könne, warum die Studentin ihr Höschen auszog. Er antwortet:

„Mein Gott, Stella, ich weiß es nicht. Das Mädchen ist offensichtlich labil. Sie muss es ausgezogen haben, als ich dich reinließ. Sie hat gerade mit ihrem Freund telefoniert, verstehst du. Vielleicht kriegen die so ihren Kick.“ (Seite 139)

Stella kam aufgeregt zu Goetzen, weil Robert sie verlassen hat. Er will ins Kloster. Dem Abschiedsbrief, den er ihr hinterließ, entnahm sie, dass er über ihr Verhältnis mit Goetzen Bescheid wusste.

Aristoteles Papadakis kündigt den Besuch des emeritierten englischen Professors Cecil U. T. Quimby vom Clerihew-College der London University an. Der sei doch Goetzens Doktorvater gewesen. Deshalb soll Goetzen bei dem geplanten Gastvortrag die Einführung übernehmen. Damit droht der Schwindel mit den vertauschten Identitäten aufzufliegen.

Die Rettung kommt von unerwarteter Seite: John Crowe Dillinger lädt Goetzen ein, seine interessante These über den Zauberer Merlin bei einem Kongress des Instituts zur Erforschung des Mittelalters und der Renaissance in Los Angeles zu vertreten. Da die Veranstaltung genau zu der Zeit ist, in der Quimby in New York sein wird, braucht Goetzen ihm nicht zu begegnen.

Tamara Grieben, Dillingers Sekretärin, schickt Goetzen die Unterlagen für den Kongress in L. A., aber das Flugticket wurde irrtümlich für London ausgestellt. Während Goetzen sich noch darüber ärgert, klopft Feibelmann an seine Bürotür und erzählt ihm, dass sein Schwiegersohn als Arzt in Boston praktiziert und gegenüber einem seiner Patienten, dem Harvard-Professor Terence Hill, einem Mediävisten, die These über Merlins Judentum erwähnt habe. Daraufhin sei Feibelmann von Hill gebeten worden, seine Überlegungen auf der Tagung des Instituts zur Erforschung des Mittelalters und der Renaissance in Los Angeles selbst vorzutragen. Er müsse sich deshalb für ein paar Tage aus Goetzens Shakespeare-Seminar abmelden. Goetzen erschrickt: Man würde ihn in L. A. als Plagiator entlarven! In dieser Lage erweist sich der Irrtum mit dem Flugticket als Segen.

Als Feibelmann sich verabschiedet, betritt die Studentin Giulietta Corombona Goetzens Büro und setzt sich auf seine Chaiselongue. Unverblümt bietet sie ihm für eine gute Note an, alle seine Wünsche zu erfüllen:

„Nein, ich meine, Sie sagen mir einfach, was Sie wollen, vietnamesische Massage, Lecken und Lutschen, Leder und Peitsche, Kinderspiele …“ Sie spreizte leicht die Beine, blinzelte noch einmal und pustete eine rosa Kaugummiblase auf. „Mann, ich weiß, Bildung ist wichtig. Letztes Semester stand ich sogar auf der Auszeichnungsliste des Dekans. Sie brauchen mir bloß zu sagen, wie Sie’s mögen.“ (Seite 195)

Goetzen weigert sich, darauf einzugehen, aber Giulietta zieht das azurblaue Höschen aus der Tasche, das ihr Gabriel Princip gab, droht, ihr T-Shirt zu zerreißen und „Vergewaltigung“ zu schreien. Dann steht sie auf und geht mit den Worten:

„Und jetzt wette ich, dass meine Zensuren so oder so abheben werden, alles klar?“ (Seite 196)

Goetzen fliegt also statt nach Los Angeles nach London und fährt zu seinem Elternhaus in Hampstead, das von der jüngeren, unverheirateten Schwester seiner verstorbenen Mutter bewohnt wird: Tante Cicely. Bei ihr lebt inzwischen ein Greis namens Percy Fishbane, und sie verheimlicht ihrem Neffen nicht, dass es sich dabei nicht nur um ihren Untermieter, sondern auch um ihren Geliebten handelt.

In einem Gespräch unter vier Augen am nächsten Morgen bittet Fishbane den Besucher um einen Gefallen: Fishbane ist Amerikaner, aber als ihn das FBI in der McCarthy-Ära verhaften wollte, setzte er sich gerade noch rechtzeitig nach England ab. In dem Jahr vor seiner Flucht war er mit der „Bühnenkünstlerin“ Miriam Pechvogel zusammen gewesen, die zu diesem Zeitpunkt bereits zwei uneheliche Kinder von zwei verschiedenen Männern hatte. Als er sie Hals über Kopf verließ, war sie im vierten Monat schwanger. Goetzen soll nach Fishbanes Sohn suchen, wenn er wieder zurück in den Staaten ist.

Kurz vor seinem Abflug aus New York lernte Goetzen in der Bar „Donovan’s Amsterdam“ die Stripperinnen Dolly Divine, Sugar Plum und Candy Peaches kennen. Ihnen gegenüber gab er sich als Journalist aus und nannte sich Martin Chuzzlewit. Zufällig sieht er in London Dolly Divine mit Robert Poore-Moody, der seiner Frau zum Abschied geschrieben hatte, er wolle sich in ein Kloster zurückziehen. Der frühere Aufsichtsratsvorsitzende ist also der Sponsor Bobby, von dem Dolly in „Donovan’s Amsterdam“ erzählte. Als Dolly und Poore-Moody sich verabschiedet haben, spricht Goetzen die Stripperin an, die ihm berichtet, dass Bobby mit ihr bei Theaterdirektoren gewesen sei und sich bemüht habe, ihr ein Bühnenengagement als Schauspielerin zu verschaffen – leider vergeblich, obwohl er für Verluste aufkommen wollte. Nun hat er versprochen, eine Shakespeare-Aufführung mit Striptease-Nummern von Dolly Divine, Sugar Plum und Candy Peaches zu finanzieren.

Goetzen telegrafiert Stella, er habe ihren Mann in London gefunden.

Kurz darauf läuft er Candy Peaches über den Weg. Sie erzählt ihm, sie habe sich durchs Collegestudium gestrippt und sei jetzt dabei, ihr Psychologiestudium in Yale auf die gleiche Weise zu finanzieren. Sie arbeitete bereits an ihrer Magisterarbeit über „Verdrängte Erotik in den Romanen von Autorinnen des frühen neunzehnten Jahrhunderts“. Dass er nicht Martin Chuzzlewit heißt und kein Journalist ist, hat sie längst durchschaut, aber sie verrät ihm trotzdem, in welchem Hotel sie wohnt.

Nach Dolly Divine und Candy Peaches trifft Goetzen auch noch Diotima von Hoden, die Dozentin aus Heidelberg, die sich ebenfalls gerade in London aufhält. Sie erwartet ihn am Abend in ihrem Hotelzimmer und lässt ihn wissen, dass sie etwas von ihrem selbst gemachten Aphrodisiakum dabei habe.

Aufgrund des Telegramms kommt Stella sofort nach London. Von ihr erfährt Goetzen, dass seine Wohnung in New York verwüstet wurde. Er zweifelt keinen Augenblick daran, dass es sich dabei um einen Racheakt Gabriel Princips handelte.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Auf Stellas Rat hin ruft Goetzen im Mosholu College an. Bella Trutitz, die Sekretärin des Fachbereichs Englisch, verbindet ihn mit Professor Aristoteles Papadakis, der gerade in einer Besprechung mit Malcolm Pioggi (Spitzname: Pio Nomo), dem Dekan der Philosophischen Fakultät, sitzt. Papadakis und Pioggi wissen längst, dass Goetzen nicht bei der Tagung in Los Angeles war, aber die von ihm angekündigte These über den jüdischen Zauberer Merlin stattdessen überraschend von seinem Studenten Alec Feibelmann vertreten wurde. Professor Cecil U. T. Quimby versicherte während seines Besuchs in New York, der hochbegabte Doktorand Marcus Nicholas Goetzen sei kurz nach der Promotion tödlich verunglückt, bei dem gleichnamigen Dozenten am Mosholu College handele es sich also um einen Betrüger. Außerdem behauptete Giulietta Corombona, von Goetzen sexuell belästigt worden zu sein. Und Antonia Anstruther meldete, dass Goetzen ihr im Hörsaal ständig unter den Rock geblickt habe. Pioggi und Papadakis legen Goetzen nah, von sich aus zu kündigen und sagen ihm zu, in diesem Fall auf eine Strafanzeige zu verzichten.

Über den Verlust seines Jobs und seiner Wohnungseinrichtung tröstet Goetzen sich hinweg, indem er von einer festen Beziehung mit Stella träumt. Aber sie hat Mitleid mit ihrem Mann und meint:

„Er braucht Liebe und Verständnis.“ (Seite 251)

Als Stella und Goetzen ihn in seinem Hotelzimmer besuchen wollen, überraschen sie ihn mit Diotima von Hoden im Bett. Trotzdem hält Stella zu ihrem Mann und reist mit ihm nach Heidelberg, damit er sich dort erholen kann. (Allerdings lebt dort auch Diotima von Hoden.) Goetzen bleibt allein zurück.

Seine akademische Laufbahn war zu Ende, ein schmachvolles, groteskes Ende. Seine Vergangenheit, seine Gegenwart, seine Zukunft, alles fort. Er hatte kein Zuhause, keinen Beruf, kein Ansehen. Und jetzt war auch Stella fort, war eigentlich nie wirklich dagewesen. (Seite 265)

Verzweifelt ruft er Candy Peaches an und verabredet sich mit ihr. Sie berichtet, dass ihre beiden Freundinnen in die USA zurückkehrten, um dort weiter zu strippen, weil Bobby wieder mit seiner Ehefrau zusammen ist. Candy fliegt kurz darauf ebenfalls nach New York.

Zuvor fand Goetzen noch heraus, dass ihr bürgerlicher Name Candida Pechvogel lautet. Miriam Pechvogel war ihre Mutter. Goetzen ruft Fishbane an und unterrichtet ihn darüber, aber der Greis ist enttäuscht, statt eines Sohnes eine Tochter zu haben.

Goetzen nimmt einen Zug nach Leeds und fährt mit dem Leihwagen nach Harrogate. Ein Schild vor dem Haus, in dem er während des Zweiten Weltkriegs erlebte, wie sein Vater tot vor dem Rosenbeet zusammenbrach, kündigt den Bau eines Blocks mit Luxuswohnungen an. Goetzen gibt sich den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend hin.

Hatte er also nicht Grund genug zur Freude, zur Freude im Übermaß? War er nicht aus den Trümmern seiner Vergangenheit heil hervorgegangen? Doch, doch. Wiederum allein, würde er noch einmal von vorn anfangen. Quand même! (Seite 300)

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„Goetzens Bilder“ ist eine aberwitzige Satire von Alan Isler über einen vierzigjährigen Literaturwissenschaftler, der erst zu sich selbst findet, als er alles andere verloren hat. Endlich verarbeitet er ein Kindheitstrauma und durchschaut seine Lebenslügen. Zugleich macht Alan Isler sich in „Goetzens Bilder“ über den Universitätsbetrieb lustig. Mit vielen kuriosen Ideen und Dialogen sorgt er für eine sehr unterhaltsame Lektüre – selbst wenn man als Leser nur einige der zahlreichen Anspielungen auf Theaterstücke und andere Schriftsteller versteht.

Der Roman „Goetzens Bilder“ gliedert sich in ein Vorspiel (Beerdigung von Felix Goetzen im April 1941) und zwei Teile, die im Frühjahr 1974 in New York bzw. London spielen. In die chronologisch entwickelte Handlung hat Alan Isler fragmentarische Erinnerungen Goetzens an die Vorgeschichte eingebaut, und mit einer Reise in die Vergangenheit endet der Roman dann auch.

Hervorzuheben ist auch, dass Alan Isler keinen der Handlungsfäden fallen lässt. Es mag zwar unwahrscheinlich sein, dass Goetzen in London sage und schreibe vier verschiedene Bekannte zufällig wiedersieht, aber die Rädchen der Geschichte sind alle miteinander verzahnt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © Berlin Verlag

Alan Isler: Op. non cit.

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