Imre Kertész : Detektivgeschichte

Detektivgeschichte
Originaltitel: Detektívtörténet Magvetö, Budapest 1977 Detektivgeschichte Übersetzung: Angelika und Peter Máté Rowohlt Verlag, Reinbek 2004 ISBN 3-498-03525-8, 138 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach einem Umsturz in irgendeinem lateinamerikanischen Land muss ein Geheimpolizist des ehemaligen Willkürregimes sich vor den neuen "Volksrichtern" verantworten. Freiwillig schreibt er in seiner Zelle einen Rechenschaftsbericht. Kopfschmerzen signalisierten ihm damals seine Beteiligung an dem Unrecht, aber er wollte es nicht wahrhaben ...
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Kritik

Trotz des Titels handelt es sich bei der Erzählung nicht um eine harmlose "Detektivgeschichte", sondern um eine intelligente, sarkastische, kammerspielartige Parabel auf ein Willkürregime, geschrieben aus der Perspektive eines Geheimpolizisten und Mitläufers.
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Nach dem Sturz eines Willkürregimes in irgendeinem lateinamerikanischen Land wird zwar nach Major Diaz, dem ehemaligen Chef der Geheimpolizei („Corps“), vergeblich gefahndet, aber der unbedarfte Ermittlungsbeamte Antonio Rojaz Martens muss sich vor den neuen Richtern verantworten, die sich gern „Volksrichter“ nennen. In der Gefängniszelle bittet er seinen Pflichtverteidiger, ihm die Möglichkeit zu verschaffen, schriftlich Rechenschaft abzulegen. Der Anwalt kommt dem Wunsch des Angeklagten nach und veröffentlicht später dessen Bericht, der folgendermaßen beginnt:

Ich will eine Geschichte erzählen. Eine einfache Geschichte. Sie können sie auch ungeheuerlich nennen. Doch das ändert nichts an ihrer Einfachheit. Ich möchte also eine einfache und ungeheuerliche Geschichte erzählen. (Seite 13)

Als das sog. Corps zusätzliche Mitarbeiter anforderte, wurde der Kriminalbeamte Antonio Rojaz Martens von seinem Chef empfohlen. Beim Corps könne er sich profilieren, hieß es.

Ich absolvierte den Lehrgang, und man wusch mir das Gehirn. Aber nicht genug, bei weitem nicht genug. Es blieb noch eine Menge drin, viel mehr, als ich gebrauchen konnte – doch sie hatten es eben verdammt eilig. Damals war alles eilig. Es hieß, Ordnung zu schaffen, die Konsolidierung voranzubringen, das Vaterland zu retten, den Widerstand zu liquidieren – und es sah aus, als läge das alles auf unseren Schultern. (Seite 15)

Die moralische Existenz des Vaterlandes beruhte auf dem Gewissen des Corps. Darauf legte der Oberst Wert. Er wollte ein sauberes Volk sehen und saubere Seelen. Das gehörte ausnahmsweise zu den Äußerungen, die er sowohl im Parlament als beim Corps mit dem gleichen Nachdruck vernehmen ließ. (Seite 53)

Rodriguez, Martens‘ unmittelbarer Vorgesetzter, hasste alle Andersdenkenden und hielt sie ausnahmslos für Juden. Als Martens ihm entgegenhielt, dass es im ganzen Land nur ein paar hundert, allenfalls tausend Juden gebe, erwiderte er:

„Das ist mir egal. Wer etwas anderes will, der ist Jude. Warum sollte er sonst etwas anderes wollen?!“ (Seite 20)

Auf Rodriguez‘ Schreibtisch tauchte eines Tages das zehn, fünfzehn Zentimeter große Modell einer sog. Boger-Schaukel auf, die er dann für die Verhöre im „Atelier“ aufstellen ließ: An der von zwei Gestellen gehaltenen waagrechten Stange konnte man einen Menschen mit dem Kopf nach unten zwischen seinen angewinkelten Knien und den hinter den Knien gefesselten Handgelenken aufhängen.

Man muss an etwas glauben, um so hundsgemein zu sein. (Seite 23f)

Martens berichtet über den Fall Salinas. Federigo Salinas war etwa fünfzig Jahre alt und der Eigentümer einer im ganzen Land bekannten Kaufhauskette. Er und seine zwei Jahre jüngere Frau Maria hatten einen zweiundzwanzigjährigen Sohn namens Enrique, der damals studierte. Was geschah, weiß Martens aus verschiedenen Verhören und vor allem auch aus Enriques Tagebuch, das er sich aneignete.

Enrique fuhr mit Estella Jill, seiner Geliebten, zum Baden an die Blaue Küste und nutzte die Gelegenheit, um mit den am Strand versammelten Mitgliedern einer studentischen Widerstandsgruppe Kontakt aufzunehmen. Er wollte mitmachen, doch weil ihm die anderen misstrauten – nicht zuletzt, weil er der Sohn eines reichen Unternehmens war – wiesen sie ihn zurück. Frustriert fuhr Enrique mit Estella Jill zurück und missachtete auf der Höhe eines Corps-Gebäudes die auf der Schnellstraße vorgeschriebene Mindestgeschwindigkeit. Ein Streifenwagen hielt sie deshalb an. Einer der drei Beamten berührte mit der Stiefelspitze sein Schienbein, doch als er merkte, dass er Federigo Salinas‘ Sohn vor sich hatte, verzichtete er darauf, ihn zusammenzuschlagen, kündigte nur ein Bußgeld an und ließ die beiden jungen Leute weiterfahren.

Der einflussreiche Unternehmer und seine Frau warteten zu Hause besorgt auf ihren Sohn. Enrique gestand seinem Vater, dass er von der Polizei aufgehalten worden war und mit einem Bußgeld rechnen müsse. Dann erzählte er auch von seiner Absicht, sich im Widerstand gegen das Regime zu engagieren. Federigo Salinas hielt das für eine Fantasterei.

„Aber eine Fantasterei, aus der jeden Moment blutige Wirklichkeit werden kann.“ (Seite 84)

Er konnte sich nur zwei Gründe vorstellen, warum jemand gegen die Macht kämpfen sollte: Entweder um selbst an die Macht zu kommen, oder weil die Machthaber sein Leben bedrohten. Nichts davon traf auf seinen Sohn zu. Warum also wollte dieser sich in Gefahr begeben? Enrique versuchte es ihm zu erklären:

„Wie ich diese heimtückischen Blicke um mich herum hasse, diese Menschen, die heute feiern, was sie gestern noch verachtet haben. Ich hasse das Erdulden, die Habgier, das Versteckspielen, das ewige Who-is-who-Spiel, die Privilegien und die Duckmäuser …“ (Seite 90)

„Ich bin krank von meiner Tatenlosigkeit, meiner Situation, von dieser lauen Mitte.“ (Seite 93)

Als der Vater begriff, dass er seinen Sohn nicht umstimmen konnte, tat er so, als habe er nur Enriques Ernsthaftigkeit prüfen wollen und deutete an, selbst Mitglied einer geheimen Widerstandsgruppe zu sein.

Zur gleichen Zeit hatte das Corps Wind von einem geplanten Attentat auf das Regime bekommen. Es musste verhindert werden! Doch als die Geheimpolizei zugreifen wollte, waren die oppositionellen Studenten („Zottelköpfe“) plötzlich abgetaucht. Da bekam Rodriguez einen Hinweis von dem Studenten Ramón G., der den Spitznamen „der Stahläugige“ trug. Ramón war mit siebzehn von zu Hause fortgelaufen und hatte sich mit dem schwulen Max einer Kommune angeschlossen, in der Männer und Frauen nackt dasaßen und Kunstgewerbeartikel herstellten. Wegen seiner Drogensucht konnte Rodriguez ihn erpressen, Spitzeldienste für das Corps zu leisten. Nun nannte er den Namen Enrique Salinas, und weil die Geheimpolizei im Dunkeln tappte, ging sie dem Hinweis nach.

Wir mussten also bei dem anpacken, was uns zur Hand war. Und Enrique war gerade zur Hand. Wir erkannten ihn auf einem Foto [von der Versammlung an der Blauen Küste], unter denen, die nicht zur Hand waren. Wie war er auf das Foto gekommen? Gehörte er zu ihnen? Wenn ja, warum war dann nicht auch er untergetaucht? Hatten sie ihn etwa als Köder dagelassen? Oder hatte er einen Auftrag? Wieso hatten sie dann zugelassen, dass er auf das Bild kam? Oder hatte er überhaupt nichts mit ihnen zu tun und war nur zufällig darauf geraten?
Fragen, nichts als Fragen. Wir hatten keine Zeit, uns mit Fragen abzugeben. Da war der ganze große, technisierte Apparat, das Register, die Agenten, die vielen Bullen, die auf Arbeit warteten: Wir waren auf Organisieren eingestellt, auf Aktion, nicht auf Rätselraten. (Seite 96)

Enrique wurde also beschattet. Und siehe da, die Agenten filmten ihn bei zwei konspirativen Treffen mit dem Handelsvertreter Manuel Figueras, der bei Salinas angestellt war. Ihm steckte Enrique jedes Mal heimlich einen Umschlug zu. Das Corps nahm Figueras fest. Er kenne weder den Inhalt der Umschläge, beteuerte er, noch wisse er, woher Enrique Salinas sie bekommen hatte. Er habe sie jedenfalls an Federigo Salinas weitergegeben und sich über das Vertrauen des Firmenchefs und die Extravergütung gefreut. Vielleicht seien es vertrauliche Börseninformationen von einem Insider gewesen. – Martens fragte sich, wieso Enrique die Umschläge nicht unmittelbar seinem Vater übergeben hatte. Das konnte nur bedeuten, dass der Unternehmer aus dem Hintergrund die Drähte zog und nicht einmal seinen Sohn eingeweiht hatte.

Einige Stunden nach der Verhaftung von Enrique Salinas erschien dessen Vater in der Corps-Zentrale. Höflich begrüßten sich er und Major Diaz.

Diaz verneigte sich wie ein ausgedienter Tanzlehrer. (Seite 117)

Nach einigen Floskeln sagte Federigo Salinas, er mache sich Sorgen um seinen vermissten Sohn, zumal am Vortag einer seiner Angestellten ebenso spurlos verschwunden sei. Als er vorsichtig fragte, ob Enrique vom Corps festgehalten werde, stellte Major Diaz klar, dass er hier die Fragen stellte. Unvermittelt setzte Diaz sich vor dem Unternehmer auf die Kante seines Schreibtisches; Rodriguez stellte sich neben Salinas, und Martens postierte sich hinter den besorgten Vater. Der schwieg bei dem folgenden Verhör ebenso wie es sein Sohn getan hatte. Erst als Enrique hereingeschleift wurde – gehen konnte er nicht mehr –, knickte er ein.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

„Von wem erhielt Enrique den Umschlag?“
„Von mir.“
„Wem hat Figueras den Umschlag gegeben?“
„Mir.“ (Seite 122)

Aus Furcht, sein idealistischer Sohn könne sich einer studentischen Widerstandsgruppe anschließen und in Schwierigkeiten kommen, gaukelte Federigo Salinas ihm vor, er habe ihn in eine Geheimorganisation aufgenommen, die jedoch in Wirklichkeit überhaupt nicht existierte. Weitere Umschläge der gleichen Art – alle einheitlich mit seiner Schreibmaschine beschriftet – hatte Salinas bei Notar Quintieros hinterlegt, um ggf. seine Unschuld beweisen zu können. – Der Notar wurde daraufhin ebenfalls festgenommen.

Wie ich schon gesagt habe, ich war noch neu, ich fing damals gerade erst an zu erkennen, wo ich war und worauf ich mich eingelassen hatte. Ich hatte natürlich gewusst, dass beim Corps andere Maßstäbe herrschten, doch geglaubt, dass es immerhin Maßstäbe gab. Nun ja, es gab sie nicht: Seien Sie also nicht erpicht darauf zu erfahren, was sich dort an jenem Abend abgespielt hat. (Seite 126)

Dann passierte das Attentat, welches das Corps eigentlich hatte verhindern sollen.

Der Oberst kam und beschwerte sich über die unfähigen Mitarbeiter des Corps. Er fragte auch nach dem Fall Salinas und schimpfte:

„Mein Corps foltert unschuldige Menschen. Und was sage ich dem Parlament?! Was sage ich der Handelskammer?! Was sage ich der ausländischen Presse?!“ (Seite 134)

Er war schon wieder halb aus der Tür, als Diaz ihm nachrief, was denn nun mit den Salinas geschehen sollte. „Stellen Sie die Beweise zusammen“, befahl der Oberst. Eineinhalb Stunden später verurteilte ein Sondergericht Federigo und Enrique Salinas wegen erwiesener Geheimbündelei gegen die Sicherheit des Vaterlandes zum Tod, und sie wurden im Hof standrechtlich erschossen.

Martens suchte ein halbes Jahr später Estella Jill auf, Enriques ehemalige Geliebte, die inzwischen mit dem Unternehmer Anibal Roque T. verheiratet war. Zuerst erschrak sie, aber als sie begriff, dass er sie nicht abholen wollte, war sie erleichtert. Weil sie damals mit Enrique zusammen gewesen war, konnte Martens sie dazu erpressen, sich auf ein heimliches Verhältnis mit ihm einzulassen. In dieser Sache habe schließlich jeder seinen Teil bezahlen müssen, meint der Geheimpolizist in seinen Aufzeichnungen.

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Nachdem Imre Kertész im Frühjahr 1976 das Manuskript seines Romans „Der Spurensucher“ abgegeben hatte, verlangte der ungarische Verleger zusätzlichen Text und behauptete, das Buch würde sonst keinen „Korpus“ haben. In seiner Not fiel Imre Kertész eine alte, flüchtige Idee ein, und in den zwei Wochen bis zum Abgabetermin schrieb er die „Detektivgeschichte“.

Trotz des Titels handelt es sich bei der Erzählung nicht um eine harmlose „Detektivgeschichte“, sondern um eine intelligente, kammerspielartige Parabel auf ein Willkürregime, die Imre Kertész, um die Zensur zu überlisten, in einem fiktiven lateinamerikanischen Land spielen lässt.

Nach dem Sturz einer Diktatur wird zwar nach dem Chef der Geheimpolizei vergeblich gefahndet, aber der unbedarfte Ermittlungsbeamte Antonio Rojaz Martens muss sich vor Gericht verantworten. Während er auf das Todesurteil wartet, legt er in einem schriftlichen Bericht Rechenschaft ab, und sein Pflichtverteidiger veröffentlicht später dieses Manuskript, dessen Inhalt wir hier lesen. Durch diesen Kunstgriff ist es Imre Kertész möglich, sich in die Rolle eines Täters hineinzuversetzen und aus dieser Perspektive einen Mitläufer, einen fanatischen Folterer, den auf seine Reputation bedachten Chef der Geheimpolizei, einen Spitzel, einen naiven Idealisten und dessen besorgten Vater zu beschreiben. Es wird Martens nicht bewusst, wie dumm und lächerlich die Geheimpolizisten in seinem Bericht wirken. Allerdings sind sie auch skrupellos genug, zwei unschuldige Männer zu foltern und mit gefälschten Beweisen dafür zu sorgen, dass sie vor ein Erschießungspeloton gestellt werden.

„Detektivgeschichte“ ist ein witziges und sarkastisches Schelmenstück – aber das Lachen bleibt dem Leser im Hals stecken.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

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