Zadie Smith : Swing Time

Swing Time
Swing Time Penguin Press, New York 2016 Swing Time Übersetzung: Tanja Handels Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017 ISBN 978-3-462-04947-3, 627 Seiten ISBN 978-3-462-31600-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Erzählerin erinnert sich, wie sie und Tracey sich als Kinder für Tanz-Videos begeisterten. Tracey wird Tänzerin, aber als ihre Jugendfreundin nach langer Zeit wieder von ihr hört, ist sie arbeitslos und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, jettet als Assistentin des Weltstars Aimee um die Welt und ist dabei, als ihre Chefin in Westafrika eine Mädchenschule gründet. Am Ende verliert aber auch sie ihren Job ...
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Kritik

"Swing Time" kann man als zweifachen Adoleszenz-Roman lesen. Aber Zadie Smith geht es vor allem um Herkunft, Identität und Selbstwahrnehmung, den Zusammenprall von Kulturen und die Kritik an reich gewordenen Stars wie Madonna, die ihre Wünsche bedenkenlos realisieren, z. B. die Gründung einer Mädchenschule in Afrika oder die Adoption eines afrikanischen Babys.
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Kindheit

1982 kreuzen sich in London die Wege von zwei siebenjährigen Mädchen: Tracey ist die Tochter einer weißen Engländerin und eines schwarzen Jamaikaners. Bei der Ich-Erzählerin − deren Namen wir nicht erfahren − ist es umgekehrt: die Mutter stammt aus Jamaika und beim Vater handelt es sich um einen englischen Briefträger. Die beiden dunkelhäutigen Mädchen begeistern sich fürs Tanzen und nutzen jede Gelegenheit, Tanzfilme wie „Swing Time“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers anzuschauen.

Tracey behauptet, ihr Vater Louie gehöre zu den Background-Tänzern von Michael Jackson. Tatsächlich verbüßt der Kleinkriminelle eine Haftstrafe. Traceys Mutter wird von anderen Frauen verachtet, solange sie arbeitslos ist, aber als sie dann endlich eine Putzstelle gefunden hat, heißt es, sie kümmere sich nicht um ihre Tochter.

Als die beiden Freundinnen zur Feier des zehnten Geburtstags ihrer gleichaltrigen Mitschülerin Lily Bingham eingeladen sind, bringen sie ihr die Debüt-Single der zwölf Jahre älteren amerikanischen Tänzerin und Popsängerin Aimee als Geschenk mit. Tracey drängt ihre Freundin, mit ihr in Miederhemdchen, die sie aus der Wäscheschublade von Lilys Mutter genommen haben, vor den Gästen zu tanzen. Als Mrs Bingham die Tür öffnet, stockt ihr beim Anblick der halbnackten Mädchen der Atem.

Ausbildung

Während Tracey in der Pubertät eine Tanz- und Schauspielausbildung beginnt, besucht ihre Freundin weiter die Schule. In dieser Zeit trennen sich die Eltern der Erzählerin. Die Mutter nimmt sie mit zu Demonstrationen gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, Atombomben, Rassismus und die Deregulierung der Finanzmärkte. Schwäche werde von Macht ausgebeutet, lautet einer ihrer Glaubenssätze.

Nach dem Studium der Medienwissenschaften absolviert die Erzählerin ein Volontariat beim britischen Ableger des kanadischen Kabelfernsehsenders YTV und wird dann dort angestellt.

Schulgründung in Afrika

Im Juni 1998 schaut die inzwischen zum Weltstar avancierte Amerikanerin Aimee bei YTV in London vorbei, und ein paar Tage später beauftragt sie ihre langjährige Managerin Judy Ryan, die 22-jährige YTV-Angestellte als Ersatz für die entlassene Chefassistentin Melanie Wu zu engagieren.

Aimee plant den Bau einer Mädchenschule in Afrika. Mit ihrem Engagement will sie vor Ort etwas ändern und die Welt ein Stück besser machen. Die Mutter der Erzählerin spottet allerdings über die reich gewordene Amerikanerin, die sich als „weiße Retterin Afrikas“ sehe.

Die von Aimee finanzierte Illuminated Academy for Girls wird schließlich in einem westafrikanischen Dorf eröffnet. Dort erkennt die Erzählerin rasch die Kluft zwischen Machbarkeitsstudien für Entwicklungsprojekte und dem Leben.

Sie beobachtet, wie der Kankurang die Jungen aus dem Dorf versammelt, um sie zur Beschneidung in den Busch zu bringen. Über die einzige Steckdose, an der sie ihr Handy aufladen kann, verfügt der Schuldirektor. Der Strom wird von einem solarbetriebenen Generator erzeugt. Als sie die früheren Sklavenfestungen besichtigen möchte, in denen auch ihre Vorfahren vor der Überfahrt in die Karibik eingesperrt waren, wird sie davon abgehalten und es heißt wie so oft: „Die Dinge sind hier kompliziert.“ In Begleitung des Lehrers Lamin kauft sie auf dem Markt Stoff für ihre Mutter und denkt dann erst daran, was wohl Lamin dabei empfand, der mehrere Monate arbeiten muss, um den von ihr soeben ausgegebenen Betrag zu verdienen. Einmal bringt sie einem kleinen Jungen ein ferngesteuertes Spielzeugauto aus New York mit, aber sobald die Batterien aufgebraucht sind, steht es nutzlos herum.

Die Betreiberin eines Cafés mit vier Tischen unter einem Wellblechdach kommt mit ihr ins Gespräch. Es handelt sich um eine Amerikanerin, die vor 20 Jahren als Touristin nach Westafrika gekommen war und sich in einen Einheimischen verliebt hatte. In den Sommermonaten lebt sie hier mit ihrem Mann; die Winter verbringt sie ohne ihn in ihrer Heimat Berkeley.

Intermezzo in London

Nach acht Jahren sieht die Erzählerin Tracey durch Zufall in London wieder, und zwar auf der Bühne, wo sie unter dem Künstlernamen Tracee Le Roy in der Chorus Line des Musicals „Showboat“ mitwirkt.

Sie trifft sich mit ihrer Mutter, die inzwischen in die Politik gegangen ist, Aimee Komplizenschaft mit einem westafrikanischen Diktator vorwirft und ihrer Tochter vorhält, sich dieser Frau ausgeliefert zu haben.

„Man kommt von irgendwo, man hat Wurzeln − und du hast dieser Frau erlaubt dich mitsamt deinen Wurzeln aus dem Boden zu reißen. Du hast keine Wohnung mehr, du hast gar nichts mehr, ständig sitzt du im Flugzeug. Wie lange kann man denn so leben?“

Von einer anderen Frau erfährt die Erzählerin, dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, bereits operiert wurde und sich einer Chemotherapie unterzog.

Die kranke Politikerin wird von Tracey mit hasserfüllten Mails bombardiert. Die arbeitslose alleinerziehende Mutter wirft Politikerinnen und Politikern vor, nichts gegen die Ungerechtigkeit des „Systems“ zu unternehmen.

Um den Mail-Terror zu beenden, sucht die Erzählerin ihre Jugendfreundin auf. Tracey öffnet mit einem Baby auf dem Arm. Hinter ihr tauchen noch eine Tochter und ein Sohn auf. Bo wurde von der Schule relegiert. Er hat ADHS, und Tracey behauptet, sein IQ betrage 130. Offenbar stammen die drei Kinder von verschiedenen Männern („Vanille, Mokka und Schokolade“).

Scheitern

Aimee, die ihre beiden Kinder − den Sohn Jay und die Tochter Kara − von der Kinderfrau Estelle aufziehen lässt, adoptiert in dem westafrikanischen Dorf mit der von ihr gegründeten Mädchenschule ein Baby. Die Erzählerin vermutet, dass der Popstar das Kind Sankofa den Eltern abgekauft und Schmiergeld für die Adoptionsurkunde bezahlt hat.

Als Aimees Chefassistentin eine Nacht mit dem Lehrer Lamin verbringt, den ihre Arbeitgeberin begehrt, wird sie von dem ebenfalls für Aimee tätigen Projektmanager Fernando Carrapichano ertappt, einem promovierten afrikanischen Wirtschaftswissenschaftler, der in die Assistentin verliebt ist.

Seine Rache trifft sie im Oktober 2008 in New York. Nachdem er dafür gesorgt hat, dass Aimee von der Affäre des Lehrers und ihrer Assistentin erfährt, lässt der Popstar sie von Judy Ryan feuern.

Vorübergehend kommt die Arbeitslose bei dem schwulen Schriftstellerpaar James und Darryl in New York unter. Dann fliegt sie mit Lamin nach London.

Als sie dort ihre 57-jährige Mutter in Hampstead besuchen möchte, klärt eine Nachbarin sie darüber auf, dass diese vor einiger Zeit ins Hospiz gebracht wurde. Bald darauf stirbt die Kranke.

Bis zuletzt wurde sie von Tracey mit Mails terrorisiert, aber kurz vor ihrem Tod meinte sie noch, ihre Tochter solle sich der Kinder der verzweifelten Jugendfreundin annehmen. Deshalb geht die Erzählerin erneut zu dem Wohnblock. Tracey tanzt im Morgenmantel auf dem Balkon und wird von ihren Kindern umringt.

Es waren nicht meine Kinder, es konnten nie meine Kinder werden. Fast wäre ich umgekehrt, wie jemand, der beim Schlafwandeln plötzlich aufwacht, wenn da nicht diese neue Idee gewesen wäre, dass ich vielleicht noch etwas anderes zu bieten hatte, etwas Schlichteres, Ehrlicheres, etwas zwischen der Rettung, die meiner Mutter vorschwebte und dem Nichtstun.

[…] nahm die Brücke. Ich ignorierte beide Brüstungen, ging einfach in der Mitte, über den ganzen Fluss, bis ich auf der anderen Seite war.

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In ihrem Roman „Swing Time“ erzählt Zadie Smith von zwei tanzbegeisterten dunkelhäutigen Mädchen, die als Töchter britisch-jamaikanischer Eltern in London aufwachsen. Sie spiegeln sich gegenseitig. Tracey wird Tänzerin, aber als ihre Jugendfreundin nach langer Zeit wieder von ihr hört, ist sie arbeitslos und alleinerziehende Mutter von drei Kindern mit verschiedenen Hautfarben. Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, jettet als Assistentin der zum Weltstar avancierten Tänzerin und Sängerin Aimee um die Welt und ist dabei, als ihre Chefin in Westafrika eine Mädchenschule gründet. Am Ende verliert aber auch sie ihren Job und sie muss sich neu orientieren.

„Swing Time“ kann man als zweifachen Adoleszenz-Roman lesen. Aber mehr noch als um das Erwachsenwerden von zwei Mädchen geht es Zadie Smith um Themen wie Herkunft, Identität und Selbstwahrnehmung. Die in London aufgewachsene Tochter einer Jamaikanerin und eines Engländers wird in Afrika als „Weiße“ wahrgenommen und erlebt den Zusammenprall von Kulturen, das gegenseitige Unverständnis und ihre eigene Gedankenlosigkeit. Zadie Smith kritisiert zugleich, dass es für Aimee − bei der man an Madonna denkt − selbstverständlich ist, ihre Wünsche mit viel Geld bedenkenlos zu realisieren. Wenn ihr danach ist, gründet sie eine Mädchenschule in Afrika oder adoptiert ein Baby aus einem afrikanischen Dorf.

Die Protagonistin erzählt retroperspektivisch in der Ich-Form und springt dabei von Kapitel zu Kapitel zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Sie beginnt 1982, als die Erzählerin sieben Jahre alt ist und endet 2008. Eine stringente Handlung weist der Roman „Swing Time“ nicht auf. Stattdessen reiht Zadie Smith zahlreiche − um nicht zu sagen: zu viele − Szenen und Episoden aneinander. Eine Straffung hätte „Swing Time“ wohl gutgetan.

Der Titel bezieht sich auf den 1936 von George Stevens nach einem Drehbuch von Howard Lindsay und Allan Scott mit Fred Astaire und Ginger Rogers in den Hauptrollen gestalteten Kinofilm „Swing Time“, für den Jerome Kern die Musik schrieb (Kamera: David Abel, Schnitt: Henry Berman).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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