Eduard von Keyserling : Wellen

Wellen
Wellen Erstausgabe: 1911 Neuausgabe: Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Radecke Reclam Verlag, Ditzingen 2018 ISBN 978-3-15-011156-7, 189 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Wellen" handelt von einer jungen und schönen Adeligen, die sich aus den Fesseln ihrer Ehe mit einem mehr als doppelt so alten Grafen befreit, mit einem bürgerlichen Künstler ein neues Leben beginnt, sich aber auch in dieser Beziehung eingeengt fühlt und nach einer Affäre mit einem ungestümen Leutnant allein mit einem alten Krüppel zurückbleibt.
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Kritik

"Wellen" liest sich wie eine ironische, humorvolle Sommergeschichte, aber in dem elegant aufgebauten Roman geht es um ernste Themen wie die Selbstbestimmung der Frau und die überkommene Gesellschaftsordnung der Aristokratie.
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Die verwitwete Generalin von Palikow hat für den Sommer das Haus „Bullenkrug“ an der Ostsee gemietet und reist mit ihrer langjährigen Gesellschafterin Malwine Bork, der Mamsell Klinke und dem Dienstmädchen Ernestine hin. Drei Tage später trifft auch Baronin von Buttlär, die Tochter der Generalin, mit ihren beinahe erwachsenen Töchtern Lolo und Nini sowie ihrem fünfzehnjährigen Sohn Wedig ein. Auf der Veranda stehend, zeigt ihnen die Generalin das Haus des Strandwächters, in dem sich der verkrüppelte Geheimrat Knospelius eingemietet hat:

„Er ist bei der Reichsbank etwas, er unterschreibt, glaube ich, das Papiergeld.“ (Seite 136)

Baronin von Buttlär ist schockiert, als sie erfährt, wer bei der Fischerfamilie Wardein wohnt: Doralice Gräfin Köhne-Jasky und der Maler Hans Grill. Niemand in der gehobenen Gesellschaft von Dresden hat den Skandal vergessen: Doralice verließ ihren dreißig Jahre älteren Ehemann, einen angesehenen Gesandten, und folgte dem bürgerlichen Künstler. Obwohl es heißt, dass sich die beiden in London trauen ließen, sorgt die Baronin sich um ihre Kinder, die mit dem unsittlichen Verhalten konfrontiert werden. Die Generalin ist zwar auch der Meinung, dass man die Gräfin bei einer eventuellen Begegnung am Strand nicht grüßen dürfe, aber sie glaubt nicht, dass die Kinder durch das anstößige Beispiel verdorben werden.

Vom „Bullenkrug“ aus sehen sie Doralice und Hans Grill am Strand spazierengehen. Der Maler nimmt seine Frau auf die Arme und trägt sie hinaus ins Wasser, hält sie dicht über die Wellen. Doralice genießt das Gefühl und ist traurig, als er sie nicht länger halten kann und deshalb wieder ans Land bringt.

Doralice war noch ein junges Mädchen, als sie mit dem mehr als doppelt so alten Grafen Jasky vermählt worden war. Ständig lobte er sie, aber das geschah nur, um sie nach seinen Vorstellungen zu erziehen.

[…] das war seine Erziehungsmethode, er tat, als sei Doralice so, wie er sie wollte. Er lobte sie beständig für das, was er doch erst in sie hineinlegen wollte, er zwang ihr gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf, indem er tat, als sei sie schon da […] Diese ihr aufgezwungene fremde Doralice tyrannisierte sie, schüchterte sie ein, beengte sie wie ein Kleid, das nicht für sie gemacht war. (Seite 152f)

Dann kam Graf Jasky auf die Idee, seine außergewöhnlich schöne Frau malen zu lassen, und er bestellte Hans Grill auf sein Schloss. Doralice fühlte sich durch das laute Lachen und das unbesonnene Verhalten des gutmütigen Mannes an ihre Jugend erinnert und verspürte auch wieder neue Lebenslust. Es dauerte nicht lang, da wurden sie ein Liebespaar. Hans, dem die Heimlichkeiten mehr als ihr ausmachten, drängte sie, dem Grafen die Wahrheit zu gestehen, aber der kam ihnen zuvor, indem er dem Künstler eines Tages sagte, er brauche nicht wiederzukommen und das Gemälde nicht fertigzustellen. Daraufhin erklärte Doralice ihrem Ehemann, sie werde ihn verlassen und dem Maler folgen. Selbst in dieser Situation verlor Graf Jasky nicht die Beherrschung, sondern informierte sie ruhig über den nächsten Zug.

Jetzt leben Hans und Doralice bei dem Fischer Wardein, dessen achtzigjähriger Mutter, seiner Frau und den Kindern, von denen das jüngste noch gestillt wird. Agnes, eine ältere, entfernte Verwandte des bürgerlich-tüchtigen Malers, führt den Haushalt des Paares.

Ernestine sorgt für Aufregung, als sie „am hellen Mittag“ nackt ins Meer springt. Die Generalin lacht darüber – bei einem jungen Dienstmädchen hält sie das nicht für eine Affäre –, aber Baronin von Buttlär ist entsetzt, als ihre Mutter den Vorfall im Beisein der „Kinder“ erwähnt.

Kurz darauf schwimmt Lolo weit hinaus, gerät in Atemnot und schafft es gerade noch bis zu einer Sandbank. Doralice, die zufällig dasselbe Ziel hatte, stützt das erschöpfte Mädchen, und als Lolo sich wieder einigermaßen erholt hat, schwimmt sie neben ihr und gibt auf sie acht. Baronin von Buttlär, die es vom „Bullenkrug“ aus beobachtet hat, eilt aufgeregt zum Strand hinunter und schließt ihre Tochter in die Arme, ohne Doralice eines Blickes zu würdigen, aber Lolo ist hingerissen von der schönen Frau, der sie aus Dankbarkeit und im Überschwang der Gefühle die Hand küsste. Die Baronin zetert:

„Aber du hast keinen Stolz, du bist verlobt, du sollst eine ehrliche Frau werden; wir ehrlichen Frauen müssen doch Front machen gegen diese Damen und du küsst ihnen die Hände. Dein Bräutigam wird sich freuen. Ach Gott, mir ist ganz übel, so schäme ich mich.“ (Seite 170f)

Schließlich treffen auch die Herren ein: Baron von Buttlär und Lolos Bräutigam, Hilmar Baron von dem Hamm, ein junger Leutnant der Braunschweiger Husaren. Als Baron von Buttlär erfährt, dass Gräfin Köhne in der Nähe ist und Lolo geholfen hat, meint er:

„So, hm! Die Gräfin Köhne hier, eine süperbe Frau übrigens. Das war eine böse Geschichte. Der Graf hat einen Schlaganfall gehabt und seine Schwester, die Gräfin Benedikt, pflegt ihn. Sehr traurig! Nun, gesellschaftlich kommt diese Dame nicht mehr in Betracht, aber sie hat uns einen Dienst erwiesen, so kann ich ihr gelegentlich dafür danken.“ (Seite 186)

Schon am nächsten Tag sieht Baronin von Buttlär ihren Ehemann bei einer lebhaften Unterhaltung mit Doralice am Strand. Auch Lolo und ihr Verlobter sowie Hans Grill und Geheimrat Knospelius gesellen sich zu ihnen.

Aus Anlass seines Geburtstages lädt Geheimrat Knospelius alle zu einer kleinen Feier in der Zibbe Waldhüterei ein. Sein Diener Klaus kümmert sich um die Gäste, und der verkrüppelte Gastgeber ermuntert sie zum Tanzen. Lolo sinkt plötzlich ohnmächtig um. Hilmar und ihre Verwandten bringen sie nach Hause.

Als Doralice am nächsten Tag allein im Heidekraut sitzt, nähert Hilmar sich und spricht sie an.

„Sie und allein sein. Jeder Augenblick, den Sie allein sind, ist eine furchtbare Verschwendung für einen – für einen von uns anderen.“ (Seite 223)

Am Abend küsst Hilmar seine Verlobte und geht in der Dunkelheit zum Strand hinunter. Auch Nini und Wedig schleichen sich mit Ernestine durch die Küchentür aus dem Haus. Sie nähern sich dem Haus der Wardeins, um einen Blick auf die wunderschöne junge Frau zu erhaschen. Aber vor dem erleuchteten Fenster steht bereits der Geheimrat, und nachdem er sich entfernt hat, taucht Hilmar auf.

Entschlossen geht Hilmar Baron von dem Hamm am nächsten Tag auf Doralice zu, die neben Hans steht, der gerade die achtzigjährige Großmutter Wardein malt. Hilmar lädt die „gnädige Frau“ ein, mit ihm und dem Fischer Andree Stibbe zu segeln. Doralice lehnt zunächst ab und meint, das sei ihrem Mann bestimmt nicht recht, aber der gibt höflich seine Einwilligung, und daraufhin nimmt sie irritiert die Einladung an. Obwohl Hans sich beherrschte, solang die beiden noch da waren, ist er außer sich vor Eifersucht.

Als die Fahrt zu Ende war, als Doralice und Hilmar am Strande niedergeschlagen einander gegenüberstanden, reichte Doralice Hilmar die Hand und sagte: „Danke.“ Hilmar zog die Augenbrauen zusammen. „Das Land“, versetzte er grimmig, „das Land ist eine Gemeinheit.“ Dann trennten sie sich. (Seite 242)

Lolo sieht durchs Fenster, wie ihr Bräutigam spätabends im Haus der Wardeins vor Doralice kniet. (Hans fuhr mit einem der Fischer aufs Meer hinaus.) Zwar kann Lolo nicht hören, wie Hilmar seine Angebetete beschwört, Hans Grill zu verlassen und mit ihm fortzugehen, aber sie versteht die Situation auch so. Langsam steigt sie in die Wellen und schwimmt hinaus, immer weiter, bis sie das Bewusstsein verliert. Zwei Fischer retten sie und bringen sie zu den Wardeins. Als Lolo wieder zu sich kommt, sagt sie zu Doralice:

„Er kann nichts dafür. Das wusste ich, als ich Sie sah, er wird nicht anders können und Sie – Sie können nichts dafür, dass Sie so schön sind.“ (Seite 251)

Die Generalin, die mit Malwine Bork und Ernestine gekommen ist, um Lolo nach Hause zu führen, ermahnt Doralice:

„Wenn der junge Mensch morgen zu ihnen herrennt, sagen Sie ihm ein vernünftiges Wort. Sie haben ihn unvernünftig gemacht, machen Sie ihn auch wieder vernünftig.“ (253)

Am nächsten Tag schicken die Sommergäste aus dem „Bullenkrug“ zum Strandwächter nach Pferden, um das Gepäck zur Bahn zu bringen: Sie reisen vorzeitig ab. Hilmar kommt noch einmal zum Haus der Wardeins, doch Agnes weist ihn barsch zurück: Doralice weigert sich, ihn noch einmal zu sehen.

Als Doralice ihren Mann auffordert, doch endlich etwas zu sagen, meint er gequält:

„Was kann ich sagen, was habe ich für ein Recht? Das Recht, das du mir gegeben hast, kannst du mir nehmen und dem anderen geben. Wie du es dem alten Herrn genommen und es mir gegeben hast, anders ist es nicht. Wir Bauern können gut rechnen.“ (Seite 257)

Doralice leidet unter seiner Selbstbeherrschung und erinnert sich daran, dass er immer wieder von der Freiheit jedes Einzelnen schwärmte. Vorwurfsvoll klagt sie:

„Ich dachte, du wirst mir tragen helfen an der Verwantwortung, aber du wolltest immer nur gerecht und abgeklärt sein. Ich war allein in meiner Not, und dann diese Freiheit, das mit der Freiheit klingt so schrecklich nach Alleinsein.“ (Seite 264)

Bevor Hans mit dem Fischer Steege wieder nachts hinausfährt, küsst er Doralice und verspricht ihr, am folgenden Tag über alles mit ihr zu reden. – Mitten in der Nacht schreckt Doralice hoch: Agnes steht mit einer Lampe bei ihr im Zimmer. Draußen tobt ein heftiger Sturm.

Vier Tage später wird Steeges Boot angespült. Es ist stark beschädigt. Seine Witwe verkauft es auf der Stelle.

Vereinsamt geht Doralice am Strand entlang. Sie kommt vom Meer nicht los. Geheimrat Knospelius gesellt sich zu ihr.

„Ja, ich sage wir, denn Sie müssen einen haben, der sie begleitet und beschützt, und, sehen Sie, ich bin der geborene Begleiter, der geborene Beschützer, sozusagen der geborene Vormund, ich kompromittierte niemand […] Sehen Sie die Wellchen dort, jetzt ist die eine oben im Licht, dann geht’s herunter in den Schatten – gut, gut – ich bin der geborene Kamerad des Wellentals. Wenn es dann wieder aufwärts geht, können Sie mich stehen lassen, daraus mache ich mir nichts, das bin ich gewohnt. Man hat mich mein ganzes Leben hindurch stehen lassen […] es hätte auch nicht das Geringste zu bedeuten, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte; man kann ein gekrümmtes Rückgrat und doch seine Sentiments haben, aber die gehen einen dann ganz allein etwas an. Ich sage das nur, damit Sie nicht glauben, ich bin ein Opfer, im Gegenteil – aber wie gesagt, das ist egal.“ (Seite 283f)

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Hans Grill sagt einmal zu Geheimrat Knospelius:

„Sie wissen, ich male das Meer, ich male es den ganzen Tag, wenn ich es nicht gerade studiere. Nun, bei diesem Winde sitzt das Meer schlecht, es hat alle fünf Minuten ein anderes Gesicht.“
„Das kann ich mir denken“, bemerkte Knospelius. „Die Mutter Wardein ist bequemer, die sitzt da wie eine aus Holz geschnitzte heilige Anna.“
Hans, von seinem Gedanken hingenommen, fuhr eifrig fort: „Überhaupt eine verteufelte Geschichte mit diesem Meere, es lässt sich nicht fassen, ich kriege die Logik seiner Linien und Bewegungen nicht heraus, sein Durchschnittsgesicht, wissen Sie, denn bei dem Porträt muss ich mir in dem Modell ein Durchschnittsgesicht konstruieren, das die Möglichkeit aller Augenblicksgesichter in sich schließt. Nun, bei dem Meere bringe ich es nicht fertig, und ich studiere es doch in- und auswendig.“ (Seite 258f)

Das wilde Meer steht im Gegensatz zu der starren Gesellschaftsordnung um 1900, die vor allem die Frauen in ihrer Freiheit einschränkt. „Wellen“ handelt von einer Adeligen, die sich in der Ehe mit einem auf Form bedachten Grafen eingesperrt fühlt, mit einem Bürgerlichen ein neues Leben beginnt und schließlich merkt, dass sie erneut in eine Art unsichtbaren Käfig geraten ist. Ein junger Baron, der sie anhimmelt, bringt sie in dieser Situation arg in Versuchung, auch ihren zweiten Ehemann zu verlassen. Am Ende geht sie vereinsamt am Strand spazieren, und ein verkrüppelter Geheimrat bietet ihr seinen Schutz an.

Mit subtiler Beobachtungsgabe, ironisch und humorvoll schildert Eduard von Keyserling in seinem elegant aufgebauten Roman, wie sich die rechtschaffene Baronin von Buttlär über die geschiedene Gräfin Köhne entrüstet, während ihr Ehemann rasch den Kontakt zu der Geächteten sucht und ihr Schwiegersohn in spe der jungen Gräfin leidenschaftlich den Hof macht. „Wellen“ liest sich wie eine leichte Sommergeschichte, obwohl es Eduard von Keyserling um ernste Themen geht: Das Meer, der Sturm und das einfache Leben der Fischer bilden die Kulissen und Symbole für die eigentliche Geschichte, in der es um die Selbstbestimmung der Frau und die überkommene Gesellschaftsordnung der Aristokraten geht.

Im Reclam Verlag erschien im März 2018 eine von Gabriele Radecke herausgegebene und kommentierte Neuausgabe des Romans „Wellen“ von Eduard von Keyserling (ISBN: 978-3-15-011156-7).

Vivian Naefe adaptierte Eduard von Keyserlings Roman 2004 für einen Fernsehfilm: „Wellen“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Die Seitenangaben beziehen sich auf einen Band der von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Buchreihe „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“ (© Deutscher Bücherbund, Stuttgart / München 1992).

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