Georg Klein : LiBiDiSSi

LiBiDiSSi
Libidissi Originalausgabe: Alexander Fest Verlag, Berlin 1998 Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2006 ISBN: 978-3-499-24258-8, 199 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der aus Deutschland stammende Geheimagent Spaik wurde vor Jahren in die orientalische Stadt Libidissi entsandt. Obwohl er im letzten Jahr erst seinen 40. Geburtstag feierte, hat ihn das Klima gesundheitlich schwer mitgenommen. Weil er gegen Anweisungen verstoßen hat, sind zwei Agenten in Libidissi eingetroffen und suchen nach ihm, um ihn zu eliminieren. Mehrmals kreuzen sich ihre Wege, ohne dass die Häscher Spaik erkennen. Aber sie geben nicht auf ...
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Kritik

Zynisch, fantasievoll und mit großer Liebe zum skurrilen Detail entwickelt Georg Klein in "LiBiDiSSi" eine absurde, wahnwitzige Handlung mit kafkaesken Zügen. Das Lesevergnügen ergibt sich aus der eigentümlichen Komposition und einer ganz besonderen Sprache.
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Der aus Deutschland stammende Geheimagent Spaik wurde vor Jahren in die orientalische Stadt Libidissi entsandt. Obwohl er im letzten Jahr erst seinen vierzigsten Geburtstag feierte, hat ihn das ungesunde Klima schwer mitgenommen: Sein linkes Augenlid ist erschlafft, er hinkt, weil die Zehen seines rechten Fußes nicht mehr richtig durchblutet werden, und sein Körper ist verfettet. Wegen seiner Tablettenabhängigkeit holt Spaik sich regelmäßig Nachschub aus dem Münzautomaten, den sein Arzt, Doc Lynch Zinally, im Wartezimmer aufgestellt hat.

Mit den Einheimischen verständigt Spaik sich in Piddi-Piddi, dem Alltagsidiom von Libidissi. Er besitzt das Blaue Dauervisum, abgestempelt vom Nationalen Befreiungsrat und den Internationalen Kontrollbehörden. Die in Plastik eingeschweißte blaue Karte hat er mit einer Nylonschnur um die Hüfte gebunden. Seine geheimen Anweisungen bekommt er verschlüsselt in der Fernsehsendung „German Fun“, deren Erkennungsmelodie die als Polka gespielte deutsche Nationalhymne ist. In der Ruine des Goethe-Instituts sind unter herausnehmbaren Dielenbrettern ein Personal Computer und ein Monitor versteckt, mit denen Spaik Daten an das American World Net senden kann.

Statt im Hotel Esperanza wohnt Spaik seit einiger Zeit heimlich in einem Haus im ehemaligen Lumpensiederviertel, in dem vor ihm ein italienischer Bildjournalist und passionierter Radsportler gelebt hatte. Der war mit grässlich verzerrtem Gesicht an der Mau-Seuche gestorben, für die es damals noch gar keinen Namen gegeben hatte. Der Eigentümer des Hauses, ein Esel- und Ziegenschlachter, akzeptierte Spaik als Nachmieter unter der Voraussetzung, dass er die Miete für ein Jahr im Voraus entrichtete und die Leiche diskret beseitigte. Freddy, der Besitzer des Dampfbades, in dem Spaik beinahe jede zweite Nacht verbringt, riet ihm, sich mit einem kyrenäischen Bestatter in Verbindung zu setzen, der unter Umständen bereit wäre, auch einen toten Ausländer wegzuschaffen und in einer Tierverwertungsanlage am Unterlauf des Flusses zu kremieren. Dessen Mitarbeiter weigerten sich dann allerdings, den Toten anzufassen, bevor Spaik ihn nicht in einen Plastiksack verpackt hatte.

Dazu musste der Körper ein letztes Mal gestreckt werden. Die beiden Sargträger erklärten mit wenigen Worten und Gesten, dass die Finger des Toten zu brechen seien, um deren Griff um die Fußknöchel zu lösen. Schwieriger war es, mir zu verdeutlichen, wie sich die Krümmung des bogenförmig erstarrten Rumpfes beheben ließ. Schließlich spielte einer der beiden den Toten, und der andere stieg über dessen hochgerecktes Gesäß, um unmissverständlich klarzumachen, dass mit kräftigem Wippen, unter Einsatz des eigenen Körpergewichts, Hüftgelenke und Lendenwirbel der Leiche zu einer leidlich flachen Gesamtlage zurückgebrochen werden könnten. (Seite 83f)

Während Spaik sich abmühte, verschwanden die Sargträger mit dem Geld, das er ihnen bereits übergeben hatte.

Zu seiner Verwunderung fand Spaik in dem Haus einen Rohrpostanschluss. Obwohl die Rohrpostgesellschaft schon kurz nach der Gründung in Konkurs gegangen war und man die Anlage abgebaut hatte, bekommt er hin und wieder eine Sendung.

Auf dem Dachboden, auf dem die Bewohner von Libidissi normalerweise Hühner züchten, lebt Lieschen, obwohl man dort nur kriechen kann. Bevor das Kind bei Spaik einzog, hatte es den Altstoffsammler begleitet, der zweimal im Monat durch die Straßen gezogen war.

Er fuhr ein schweres Motorrad, eine russische Militärmaschine. Das Fahrzeug war zu einer Dreiradlieferkarre umgebaut, auf deren Pritsche, in einem großen Drahtkorb, der verwertbare Müll, Schrott, Flaschen, Papier und abgelegte Kleidung, transportiert wurde. Der alte Händler war ein Seuschene, zumindest trug er stets die an einen Fes erinnernde Katzenfellmütze, jenes letzte Requisit der seuschenischen Hirtentracht, an dem die in der Stadt lebenden seuschenischen Männer hartnäckig festhalten. Den Sattel seines Gefährts verließ er nur selten. Die Anwohner kamen auf die Straße und warfen ihren Abfall in hohem Bogen in den Drahtkäfig. Dann versuchten sie ein kleines Entgelt dafür herauszuhandeln. Das Kind, ein dünngliedriges Mädchen, das durch den Innenraum des Drahtkorbs turnte, war für mich, den damals noch neugierigen Fremden, der eigentliche Augenfang. Mit affenartiger Geschicklichkeit kletterte es im Korb auf und ab, hielt sich mit Fingern und Zehen am Draht fest und schichtete das Gesammelte nach irgendeinem System über- und untereinander. (Seite 52f)

Bei einer seiner Fahrten fiel der Altstoffhändler vor Spaiks Haustüre tot aus dem Sattel seines Motorrads. Der Süßbäcker Sukkum, der sein Geschäft auf der anderen Straßenseite hat, warf Spaik das Kind zu, und er fing es auf. Im nächsten Augenblick stürzten sich die Anwohner auf die Habe des Toten. Seither haust Lieschen auf dem Dachboden.

In Libidissi werden Unmengen von Importautos verbraucht, weil selbst robuste Motoren bei dem Flugsand und dem mörderischen Kriechverkehr auf aberwitzig steilen Gassen nicht lange durchhalten. Unfallopfer sind eine begehrte Ware, „eine Art Halbfabrikat“ (Seite 99). Mit den Rettungsfahrzeugen der Hospitäler und Hilfsdienste konkurrieren Motorrad-Ambulanzen. In der Funkzentrale wird die Beute an das meistbietende Krankenhaus verhökert. Die Angehörigen des Verletzten müssen für die Kosten aufkommen und ein Kopfgeld entrichten, das sich am geschätzten Vermögen der Familie bemisst. Wer weder Geld noch Verwandte hat, kann sich nur mit einer Niere oder Knochenmarkspende freikaufen.

Jahrhundertelang waren die Schweinezucht und die Herstellung des Nationalgetränks Suleika aus vergorener Stutenmilch fest in der Hand der egichäischen Minderheit. Nach dem Abzug der Fremdmacht wurden die Egichäer, die sich Reste einer eigenen Sprache und Religion bewahrt hatten, allerdings beschuldigt, noch dreister als die anderen Bevölkerungsgruppen mit den verhassten Besatzern kollaboriert zu haben. Nur wenige Egichäer überlebten die blutigen Machtverteilungskämpfe. Sie flohen in die Vereinigten Staaten von Amerika und brachten es dort zu märchenhaftem Reichtum.

In der ersten Reinheitskampagne des damals noch blutjungen Sektenführers Gahis wurde Suleika verboten. Ertappten dessen Anhänger einen Ausländer beim Trinken, kippten sie ihm den Inhalt des Glases vor die Füße, rissen ihm die Hose herunter und zwangen ihn, den Boden damit aufzuwischen. Einheimischen wurde die Hand abgehackt. Drei Jahre dauerte die Kampagne. In dieser Zeit brachte es die Agoman-Sippe durch Schwarzhandel mit Suleika zu unermesslichem Reichtum. Fast die ganze Sippe lebt jetzt in Nordamerika. Der Schmuggel und illegale Handel mit Suleika brachen nach dem Massenselbstmord der Gahis-Jünger im Fußballstadion zusammen, denn seither wird das Suleika-Verbot kaum noch beachtet.

Spaik erhielt eine Warnung. Er muss damit rechnen, abgelöst zu werden. Deshalb lässt er sich von einem Taxifahrer zum Flughafen bringen, um von der baufälligen Besucherterrasse aus die ankommenden Passagiere mit seinen Blicken zu prüfen. Er glaubt, dass er seinen Nachfolger erkennen würde.

Hier am Rande der Stadt, auf der Kante ihres Sprungbretts in meine ferne heimatliche Welt, erwarte ich=Spaik meinen Nachfolger. Die Ankündigung seines Kommens hat mich bis zum Flughafen hinaus getrieben. Ich=Spaik habe mich von einem Taxi aus dem Lumpensiederviertel der Altstadt bis an die Freitreppe der Flughafenterrasse verfrachten lassen. Mir ist bis jetzt kein Ausländer begegnet, der eine Autofahrt in die Peripherie alleine wagen würde. (Seite 5)

Unter den Neuankömmlingen entdeckt Spaik jedoch keinen, der für den Job in Frage kommt. Nachdem die letzte Maschine gelandet ist, lässt er sich zu Freddys Dampfbad fahren. Während das Auto durch den Basar der Blechschmiede rollt, legt sich ein Verkäufer aufs Dach und drängt Spaik, ihm eine Art Collier abzukaufen.

Es war mit feinen Zangen und mit dem Lötkolben, gewiss unter der Lupe, aus den Innereien elektronischer Geräte gearbeitet. Sein zartes Netzwerk aus Drähten, Widerständen, Diödchen und Transistörlein schillerte in den Farben der polierten Edelmetalle und der vielfältigen Lackierungen. (Seite 28f)

Freddy wechselt seine nur mit Nummern benannten Hausboys häufig aus, und er führt seinem Stammgast regelmäßig einen frisch eingetroffenen Knaben zu, „jenen knabenhaften, sehnigen, aber nicht allzu mageren Typ, den mein Altersgeschmack bevorzugt“ (Seite 15). Sein Vater sei Pilot der einheimischen Fluggesellschaft gewesen, behauptet Freddy, und seine Mutter eine maltesische Stewardess, aber Spaik glaubt ihm das nicht, zumal Freddys Muttersprache Deutsch zu sein scheint.

Als ihm ein anderer Deutscher auf die Nerven geht, verlässt Spaik das Dampfbad vorzeitig.

Zum dritten Mal versuche ich=Spaik ohne einheimische Hilfe nach Hause zu finden. Es muss möglich sein, die Strecke gehend zu bewältigen, es kann sich nur um eine gute Stunde, höchstens anderthalb Stunden Fußmarsch handeln, aber es gilt dabei, den Rand des alten Egichäer-Viertels zu überwinden, eine Barriere besonderer Art. Hier wurden die Häuser von zwei Seiten, vom Viertel der egichäischen Minderheit und von der umgebenden Stadt, in lückenlosen Reihen Rücken an Rücken errichtet. Diese plumpen, vier oder fünf Stockwerke hohen Lehmbauten bilden einen mehr als fünfzehn Meter breiten Gebäudegürtel. Es gibt keine Straßen, die ihn durchbrechen. Hinein in das Viertel oder aus ihm hinaus kommt man nur durch tunnelartige Passagen, die durch das Innere zweier Häuser, durch ein altes Egichäer-Haus und durch sein Gegenbauwerk, führen. (Seite 25f)

Zum Glück findet Spaik unterwegs ein Taxi.

Er ahnt nicht, dass zwei Geheimagenten eingetroffen sind und nach ihm suchen. Der Einsatzbefehl des Bundeszentralamts hatte sie im Trainingslager auf Korsika erreicht. Instruiert wurden die beiden während eines kurzen Aufenthalts auf Zypern von Kuhl, dem langjährigen Führungssachbearbeiter Spaiks im Bundeszentralamt. Ein Frachtflugzeug, das im Auftrag des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Impfseren und medizinisches Gerät nach Libidissi brachte, nahm sie mit, und sie gaben sich nach der Landung auf dem alten Militärflughafen als zwei österreichische Augenärzte aus.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte im Hotel Esperanza das früher von Spaik bewohnte Doppelzimmer für sie gebucht.

Schnell hattest du zwei antiquierte Mikrofone aufgespürt, ein tschechisches und ein israelisches Fabrikat, beide dilettantisch angebracht und von fettigem Staub und toten Fliegen überkrustet. Die einst von Spaik entdeckte Abhöranlage im Schlafzimmer war inzwischen herausgerissen worden. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Spuren der Demontage zu kaschieren. Das Esperanza, vom Tag seiner Eröffnung an das bevorzugte Hotel der Westeuropäer und US-Amerikaner, roch in fast aufdringlicher Weise nach unsresgleichen, nach der Geschäftigkeit, die unsere Rasse andernorts auszuschwitzen pflegt. Du zeigtest ein gewisses Verständnis dafür, dass Spaik sich nach einem anderen Domizil umgesehen hatte. Aber sein Auszug, sein Verschwinden in ein dem Zentralamt gegenüber geheim gehaltenes Privatquartier, blieb dennoch unbestreitbar die erste schwerwiegende seiner dienstlichen Verfehlungen. (Seite 45)

Das Hotel Esperanza gehört Madame Haruri. Man hat sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Gerüchten zufolge lebt sie unter dem Dach, sitzt in einem Rollstuhl und wird von der Mau-Krankheit zerfressen.

Vorsichtshalber will Spaik sich eine Handfeuerwaffe besorgen. Als Erstes versucht er es bei seinem Schuster Axom.

Axoms Arbeit ist teuer. Unverschämt teuer vielleicht, denn von Anfang an verlangte er die Hälfte des Lohns in harten Devisen. Auf Doc Zinallys Rat halten wir ihn zusätzlich mit kleinen Geschenken bei Laune, vor allem mit bestimmten Pornofilmen indischer Produktion, die Lieschen in preiswerten Zwölferpacken auf dem Videobasar besorgt. Gern nimmt unser Schuster auch Feinkostkonserven, sie müssen nur von weit her sein, denn Axom liebt die fremdartigen Etiketten mit den für ihn unverständlichen Aufschriften. (Seite 59)

Weil Axom keinen einzigen „Schießprügel“ mehr hat, rät er Spaik, sich an den alten Lui zu wenden. Den kennt der Geheimagent, denn Lui war der Chefkellner auf der Etage im Hotel Esperanza, in der Spaik sein Zimmer hatte. Inzwischen trat er vorzeitig in den Ruhestand. Er wohnt in einer Dachkammer des Hotels. Auf der Veranda des Hotels bemerkt Spaik zwei junge Ausländer. Denen fällt wiederum ein völlig verlotterter, übel riechender Kerl auf, den sie für einen Italiener halten. Spaik lässt sich zeigen, wo Luis Kammer ist. Als er die Türe öffnet, prallt er vor einer offensichtlich durch die Mau-Krankheit entstellten Leiche zurück.

Neuankömmlinge sind verpflichtet, sich innerhalb von achtundvierzig Stunden einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Die beiden österreichischen Agenten suchen deshalb Doc Lynch Zinally am Boulevard Der Meinungsfreiheit auf. Der weiß zwar noch nichts von dem Erlass, nimmt ihnen aber die obligatorische Blutspende ab. Einer der beiden Agenten erkundigt sich nach einem angeblichen Geschäftsfreund seines Vaters. Zinally gibt zu, Spaik zu kennen und verspricht, bis zum nächsten Tag im Keller dessen Karteikarte mit der Adresse herauszusuchen.

Den Abend verbringen die Agenten im Naked Truth Club, einem Künstler-Café, auf dessen Bühne ein Poetry Slam stattfindet. Eine Kellnerin, die sich Leila Calvin nennt, setzt sich zu den Agenten und lässt sich von ihnen auf einen Cuba Libre einladen.

Sie bat uns, sie mit ihrem Vornamen anzusprechen, und zählte auf, was es im Club zu erwerben gab: Souvenirs, dazu diverse Dienste, die ohne Umstände während des Bühnenvortrags im Halbdunkel der Nischen geleistet werden könnten. Für Gäste, die Komfort nicht missen wollten, stünden im oberen Stockwerk Zimmer zur Verfügung, die viertelstundenweise zu buchen seien. Auch die gepflegten, sicher verriegelbaren Kabinen der Toiletten böten sich für die Inanspruchnahme des einen oder anderen Services an. (Seite 106)

Spaik, der in den Naked Truth Club gekommen ist, um nach einer Waffe zu fragen, beobachtet zwei Ausländer, die ihn an die Touristen auf der Veranda des Hotels Esperanza erinnern, die es sogar sein könnten. Der kleine Calvin sitzt bei ihnen. Der Rock des Transvestiten ist so kurz, dass die Rüschen des Unterhöschens zu sehen sind.

Die Agenten gehen zum Schein auf Leilas Vorschlag ein, in einem der Zimmer Tschugg zu kauen und alten Suleika zu trinken. Es entgeht ihnen nicht, dass Leila auf dem Weg durchs Lokal kurz unter den Rock greift und einem Gast, bei dem es sich um den verkommenen Italiener von vorhin handeln könnte, etwas zusteckt. Sie folgen der vermeintlichen Frau ins zweite Stockwerk. Im Zimmer schlagen sie Leila in die Nieren und in den Unterleib, drohen, sie umzubringen und fragen nach Spaik. Zu ihrer Verwunderung behauptet Leila, er sitze unter den Gästen.

Obwohl Calvin sich kaum auf den Beinen halten kann, stürzt er durch einen Geheimgang hinunter und warnt Spaik. Der flieht mit dem Päckchen, das er zuvor zugesteckt bekam, über den Hinterhof und begibt sich an Bord eines Aussichtsbootes. Dort schaut er sich die zweiläufige Pistole an, die er von Calvin bekam, und merkt dabei nicht, wie sich ein Mann aus einer japanischen Reisegruppe nähert, in dem Spaik einen amerikanischen Spion vermutet. Beim Anlegen im Hafen am Großen Tor Der Prophezeiung, dem Zugang zum Goto, dem ältesten Teil der Stadt, den Ausländer nicht betreten dürfen, wird das Aussichtsboot beschossen. Es sinkt. Ein australischer Tourist stirbt. Mit dem Funktelefon des Kapitäns ruft Spaik Lieschen zu Hilfe. Der Japaner weicht ihm nicht von der Seite.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Die beiden Agenten werden auf einer Brücke von Freddy angesprochen, den sie bereits im Hotel Esperanza kennengelernt hatten. Sie erkundigen sich bei ihm nach einer Möglichkeit, das Goto zu besichtigen, und er führt sie zu einem kyrenäischen Abdecker und Seifensieder, der auf seinem Fuhrwerk ein Versteck gebaut hat und in wolkenarmen Vollmondnächten Touristen durch das verbotene Viertel fährt. Nachdem Freddy mit dem Kutscher verhandelt hat, will er sich verabschieden, aber die Agenten packen ihn und zerren ihn zu sich in das Versteck.

Mit Freddy hatten wir einen wunderbaren Fremdenführer gewonnen. Als er in einem jähen Aufbäumen noch einmal versucht hatte, aus der anfahrenden Kutsche zu entkommen, hatte ihn dein letzter Ellenbogenstoß zwar unglücklich im Gesicht getroffen, und seine Unterlippe war sofort heftig angeschwollen; aber die Schwellung stoppte auch das Bluten, und bald ließ sich der gute Kerl nicht mehr von seiner dicken Lippe beeinträchtigen und kommentierte uns die Einfahrt ins Goto. (Seite 143)

Sie fahren zur verwüsteten amerikanischen Baptisten-Mission, die sich im selben Gebäude wie das Goethe-Institut befindet. Die Büroeinrichtung ist zertrümmert, und der Gestank ist unerträglich. Einen Hinweis auf Spaik finden die Agenten nicht. Also fragen sie Freddy nach ihm.

Lange leugnete er die Bekanntschaft von Spaik, aber als du in geschickter Drehung den kleinen Finger seiner Rechten aus dem Gelenk springen ließest, fiel ihm ein, dass ein Deutscher dieses Namens zu den treuesten Gästen seines Dampfbades gehöre. Mindestens jede zweite Nacht verbringe der Mann in seinem Etablissement, bleibe dort in der Regel bis zum Morgengrauen, und es sei gut möglich, dass wir ihn noch im Dampfbad antreffen würden, wenn wir uns jetzt gleich, nach dem Verlassen des Gotos, dorthin begäben. Freddys Bereitschaft, ein sofortiges Treffen mit Spaik herbeizuführen, stimmte uns misstrauisch. Wir nahmen uns die Zeit, uns genauer nach Spaiks Lebensumständen zu erkundigen. Bei aller Geduld war es schließlich nötig, auch an Freddys linker Hand den kleinen Finger auszukugeln, um Spaiks Adresse zu erfahren. (Seite 157f)

Sie versuchen, ein Taxi anzuhalten, aber die meisten sind besetzt, und die wenigen anderen halten auch nicht.

Dir kam schließlich der Gedanke, es könnte an Freddys Anblick liegen, der, gekrümmt zwischen uns hängend, für einen Betrunkenen gehalten werden mochte. (Seite 159)

Endlich bringt ein Taxi sie ins Lumpensiederviertel. Einer der beiden Agenten zieht aus dem Polsterwinkel der Rücksitzbank ein offenbar von einem früheren Fahrgast verlorenes Schmuckstück, und sein Kollege legt es ihm um den Hals.

[…] eine Art Collier, aus den Innereien elektronischer Geräte gearbeitet. Sein zartes Netzwerk aus Drähten, Widerständen, Diödchen und Transistörlein schillerte in den Farben der polierten Edelmetalle und der vielfältigen Lackierungen. (Seite 162)

Freddy zeigt ihnen, wo Spaik wohnt, und sie schleifen ihn vor das Haus. Die Türe ist unverschlossen. Im Flur treten sie Freddy tot. Dann durchsuchen sie die Räume. In einem Plastiksack finden sie die mumifizierte Leiche eines Mau-Toten.

Der hintere Raum ist Spaiks Schlafzimmer. Vor dem Bett ist eine bunte Vielzahl Tabletten in die Fugen der Dielen getreten. Mit spitzen Fingern ziehst du die Bettdecke beiseite. (Seite 170)

Das Bettlaken ist gelb, an manchen Stellen braun verfärbt.

Nachdem die Agenten sich umgesehen haben, warten sie auf Spaik.

Den bringt Lieschen mit der Altstadtbahn nach Hause. Er trägt einen Kuud, ein altertümliches Pilgerkleid, das aus einem langen Umhang aus weißer Ziegenwolle mit Kapuze und einer Gesichtsmaske besteht. Weil einer der Messingringe, die die beiden Läufe der Pistole zusammenhalten, zerbarst, als er den amerikanischen Agenten erschoss, der ihm nicht von der Seite weichen wollte, ist Spaiks rechter Zeigefinger aufgerissen.

Die auf Spaik angesetzten Agenten sehen durchs Fenster einen alten Gahisten im Pilgergewand, der sich auf ein Mädchen gestützt nähert. Dann hören sie die Haustüre.

Wie gewohnt, setzt Spaik sich auf die zweite Stufe der Treppe, um sich zu erholen. Von oben hört er Schritte und das „Quarren“ der Dielen.

Als er die beiden Lächler über die Treppe herunterkommen sieht, schießt Spaik zweimal, obwohl ihm die kaputte Waffe den rechten Zeigefinger endgültig zerfetzt. Der eine Lächler bricht tot zusammen, der andere flüchtet verletzt aus dem Haus.

Lieschen blieb unbeschadet. Die österreichischen Agenten hatten das Mädchen gar nicht bemerkt.

Doc Zinally verspricht Spaik am Telefon, alles mitzubringen, was zur Amputation des Fingers nötig ist, aber er wirkt unkonzentriert und hört nicht richtig zu, weil er seit dem frühen Morgen vor dem Fernsehgerät sitzt. Kurz vor Tagesanbruch stürmten die Gahisten den Flughafen von Libidissi. Die internationalen Sicherheitsorgane und die lokalen Machthaber waren in der Nacht aus geheimdienstlicher Quelle gewarnt worden und hatten ihre Kräfte auf dem Flughafen zusammengezogen. Bei dem Angriff kam es unter den Verteidigern des Flughafens zu panikartigen Abzugsbewegungen. Schweres Gerät fiel in die Hände der Gahisten. Amerikanische Marineinfanteristen und paramilitärische Einheiten der Volksmiliz gelang es zwar, einen neuen Verteidigungsring um den Flughafen zu bilden, aber der wurde gegen Mittag ebenfalls überrannt. Schließlich hielten die Verteidiger nur noch den Tower des Militärflughafens – bis dieser versehentlich von der Bombe eines amerikanischen Marinefliegers getroffen wurde und in Flammen aufging.

Trotz der Unruhen kommt Doc Zinally zu seinem Patienten.

Zinally ist Rassenkundler, und wer von seiner Behandlungskunst profitieren will, muss seine Tiraden über die Mehr- oder Minderwertigkeit von Völkern und Volksgruppen erdulden. (Seite 85)

Zinally stellt seine Tasche auf den Boden. Er wirft sich in Positur und grüßt seinen Patienten, ohne ein Wort, nur mit erhobenem Arm. Die einfache Geste des Amerikaners im Exil rührt Spaik, und in einem Anflug weichen Humors hebt er selbst den rechten Arm, so hoch er kann. Das blutrote Handtuch plumpst ihm in den Schoß, aber Spaik lässt die Hand nicht sinken. So gibt Spaik dem wackeren Mediziner, dem wohl letzten Rassisten reinsten Wassers, dem Verehrer des Gahis, den gleichen Gruß zurück und haucht dazu jenes altertümelnde einsilbige deutsche Grußwort, das uns – wäre es der historischen Bosheit wieder entrissen – wie kein zweites mit dem Leben in Einklang zu setzen verstünde. (Seite 199)

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„LiBiDiSSi“ ist eine Mischung aus Science Fiction, Agenten- und Großstadtroman, die sich jeder Schubladisierung entzieht. Das Lesevergnügen ergibt sich aus der eigentümlichen Komposition und einer ganz besonderen Sprache.

Georg Klein hat seinen Debütroman „LiBiDiSSi“ in siebenundzwanzig kurze Kapitel mit rätselhaften Überschriften gegliedert: „Hohn“, „Gewogenheit“, „Kitzel“ … „Gedenken“, „Hoffnung“, „Liebe zum Leben“. Jedem Kapitel ist eine Vignette mit einem Ausschnitt aus dem von Anke Feuchtenberger gezeichneten Stadtplan von Libidissi vorangestellt. Ein Teil der Handlung wird in der ersten Person Singular von einem deutschen Spion erzählt, der von sich als „Ich=Spaik“ redet und nur einmal „ich, der ich bin“ (Seite 116) sagt. Spaiks Bericht wechselt sich mit einer Parallelhandlung ab, in deren Mittelpunkt ein unzertrennliches, namenloses Agentenpaar steht, das Spaik verfolgt. Einer der beiden Agenten erzählt in der „Wir“-Form, und wenn er seinen Partner meint, wählt er die zweite Person Singular. Dieser Perspektivenwechsel (der unter der Überschrift „Hoffnung“ sogar mehrmals innerhalb eines Kapitels erfolgt) ist höchst amüsant, denn die Protagonisten kommen sich zwar räumlich nahe, aber ihre Wahrnehmungen derselben Situationen unterscheiden sich zum Teil erheblich.

Mit Ausnahme einer Hotelbesitzerin und eines Mädchens, das Spaik Lieschen nennt, begegnen wir in der heruntergekommenen orientalischen Stadt Libidissi keiner weiblichen Person. Welcher Natur die Beziehung des österreichischen Agentenpaares ist, erfahren wir nicht, aber Spaik ist unzweifelhaft schwul bzw. pädophil, denn er verkehrt im Dampfbad mit Knaben.

Georg Klein ist ein Autor. Georg Klein weiß um die Geschlechtlichkeit in der Kunst. Spaik, die Hauptfigur in Libidissi, gehört zum Zeugenden Geschlecht.
Aber. Dieser Mann Spaik weiß fast nichts mehr von seinem Zeugen Können.
Fast überhaupt gar nichts mehr weiß dieser Mann Spaik von seinem Zeugen Können.
Die Nachfolger Spaiks wissen nichts mehr wissen überhaupt gar nichts mehr von ihrem Zeugen Können.
Bedenken Sie.
Ich sage.
Zeugen Können.
Das Wissen um das Zeugen Können ist etwas grundsätzlich anderes als das Zeugen. (Katrin de Vries auf ihrer Website)

Zynisch, fantasievoll und mit großer Liebe zum skurrilen Detail entwickelt Georg Klein eine absurde, wahnwitzige Handlung mit kafkaesken Zügen. Dabei evoziert er eine dichte Atmosphäre.

Auch wenn sich in „LiBiDiSSi“ keine message erkennen lässt, handelt es sich um große Literatur. Georg Klein wurde dafür 1999 mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet.

Es wimmelt von unappetitlichen, aber faszinierenden Einzelheiten, mittels derer ein ungleicher Wettbewerb ausgetragen wird: orientalisches Dunkel contra westlicher Rationalismus. Es siegt das Dunkel, selbstredend […]
Hier stimmt einfach jeder Satz, jede Beobachtung, jedes Adjektiv, und sei es noch so bunt.
(Katrin Hillgruber, Süddeutsche Zeitung, 19. Dezember 1998)

Den Roman „LiBiDiSSi“ gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen (Bearbeitung: Georg Klein, Regie und Aufnahmeleitung: Martin Freitag, Berlin 2007, 4 CDs, ISBN: 978-3-8291-1874-3).

Georg Klein wurde am 29. März 1953 in Augsburg geboren. 1998 veröffentlichte er seinen Debütroman „LiBiDiSSi“. 2010 erhielt Georg Klein den Preis der Leipziger Buchmesse. Er lebt mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Katrin de Vries, in Ostfriesland.

Georg Klein: Bibliografie

  • „LiBiDiSSi“ (Roman, 1998)
  • Anrufung des blinden Fisches (Erzählungen, 1999)
  • Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte (2001)
  • Von den Deutschen (Erzählungen, 2002)
  • Die Sonne scheint uns (Roman, 2004)
  • Sünde Güte Blitz (Roman, 2007)
  • Roman unserer Kindheit (Roman, 2010)


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2010
Textauszüge: © Alexander Fest Verlag

Don Winslow - Satori
Der Politthriller "Satori" unterhält mit einem Superhelden, einer Traumfrau, Luxus, Profikillern und spektakulären Action-Szenen. In teilweise weniger als eine Seite langen Kapiteln treibt Don Winslow die Handlung rasch voran.

Satori

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