Eugen Kogon : Der SS-Staat

Der SS-Staat
Der SS-Staat Das System der deutschen Konzentrationslager Manuskript: 1945 Originalausgabe: 1946 Neuausgabe: Kindler Verlag, München 1974
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eugen Kogon berichtet über die SS, den SD, das Reichssicherheitshauptamt und die Kriminalpolizei sowie über die Organisation der Konzentrationslager, beschreibt die Lebensbedingungen in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager und setzt sich mit der Frage auseinander, wieviel die Bevölkerung von den Lagern wusste. Seine Perspektive ist weniger die eines Historikers, als die eines Soziologen.
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Kritik

Eugen Kogon, der selbst von 1939 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt gewesen war, veröffentlichte 1946 die erste umfassende und eingehende Darstellung über "das System der deutschen Konzentrationslager".

Der Publizist und Vermögensverwalter Eugen Kogon (München 1903 – Falkenstein im Taunus 1987), der 1927 über den Kooperativstaat des Faschismus promoviert hatte, wurde nach zwei vorübergehenden Inhaftierungen am 12. März 1938 erneut in Wien festgenommen und nach eineinhalb Jahren Untersuchungshaft in einem Gestapo-Gefängnis in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt.

Am 16. April 1945, fünf Tage nach den ersten amerikanischen Panzertruppen, traf ein Intelligence Team der Psychological Warfare Division im Konzentrationslager Buchenwald ein und bat Eugen Kogon – für den sich Emigranten in den USA einsetzten –, einen Bericht darüber zu verfassen, „wie ein deutsches Konzentrationslager eingerichtet war, welche Rolle es im nationalsozialistischen Staat zu spielen hatte, und welches Schicksal über jene verhängt wurde, die von der Gestapo in die Lager eingewiesen und von der SS dort festgehalten wurden“ (Vorwort zur Neuausgabe 1974). Innerhalb von vier Wochen stellte Eugen Kogon in Weimar einen Bericht zusammen, der aus 150 Beiträgen anderer KZ-Häftlinge und seinem 125 Schreibmaschinenseiten langen eigenen Erlebnisbericht bestand.

Daraufhin forderte man Eugen Kogon auf, eine Darstellung für die breitere Öffentlichkeit zu verfassen. Nach drei Wochen Arbeit an dem Manuskript holte er seine Familie aus Österreich und zog mit ihr nach Oberursel. Dort schrieb er in weiteren acht Wochen den Rest. 1946 erschien sein Buch unter dem Titel „Der SS-Staat“. Es handelte sich um die erste eingehende und umfassende Darstellung über „das System der deutschen Konzentrationslager“. Später stellte Eugen Kogon ein Referat voran, das er 1948 beim Deutschen Soziologentag gehalten hatte: „Der Terror als Herrschaftssystem“. Das Buch galt schon bald als Standardwerk über die nationalsozialistischen Konzentrationslager.

Die deutschen Konzentrationslager waren eine Welt für sich, ein Staat für sich – eine Ordnung ohne Recht, in die der Mensch geworfen wurde, der nun mit all seinen Tugenden und Lastern – mehr Lastern als Tugenden – um die nackte Existenz und das bloße Überdauern kämpfte. Gegen die SS allein? Beileibe nicht; genauso, ja noch mehr gegen seine eigenen Mitgefangenen! Das Ganze hinter den eisernen Gitterstangen einer terroristischen Disziplin ein Dschungel der Verwilderung, in den von außen hineingeschossen, aus dem zum Erhängen herausgeholt, in dem vergiftet, vergast, erschlagen, zu Tode gequält, um Leben, Einfluss und Macht intrigiert, um materielle Besserstellung gekämpft, geschwindelt und betrogen wurde, neue Klassen und Schichten sich bildeten, Prominente, Parvenüs und Parias innerhalb der Reihen der Skalven, wo die Bewusstseinsinhalte sich wandelten, die sittlichen Wertmaßstäbe bis zum Zerbrechen sich bogen, Orgien begangen und Messen gefeiert, Treue gehalten, Liebe erwiesen und Hass gegeifert, kurzum die tragoedia humana in absonderlichster Weise exemplifiziert wurde. (a. a. O.)

Eugen Kogon berichtet über die Ziele des nationalsozialistischen Staates, die SS, den SD, das Reichssicherheitshauptamt und die Kriminalpolizei sowie über die Organisation der Konzentrationslager. Es folgt eine Darstellung der Lebensbedingungen in einem Konzentrationslager:

Einlieferung, Tagesablauf, Arbeit, Strafen, Ernährung, Geld- und Postempfang, „Freizeit“, sanitäre Verhältnisse. Desweiteren beschreibt Eugen Kogon Sondereinrichtungen wie zum Beispiel Krematorien, Gaskammern, medizinische Versuchsstationen, Bordelle und Luxusbetriebe der SS, den Kampf zwischen der SS und antifaschistischen Kräften im Lager und schließlich das Ende der Konzentrationslager. In zwei Kapiteln beschäftigt er sich mit der „Psychologie der SS“ und der „Psychologie der KL-Gefangenen“. Den Abschluss bildet eine Betrachtung über „Das deutsche Volk und die Konzentrationslager“.

Entstanden war nicht eine Geschichte der deutschen Konzentrationslager, auch nicht ein Kompendium aller verübten Grausamkeiten, sondern ein vorwiegend soziologisches Werk […] (a. a. O.)

Trotz seiner schrecklichen Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald behielt Eugen Kogon seinen Geschichtsoptimismus bei und engagierte sich für den Aufbau einer europäischen Union. 1951 richtete die Technische Hochschule Darmstadt für ihn einen Lehrstuhl für Politikwissenschaft ein.

Unter dem Titel „Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ geben Wolfgang Benz und Barbara Distel eine auf neun Bände angelegte Buchreihe heraus (Verlag C. H. Beck).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004/2007
Textauszüge: © Kindler Verlag, München

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