Heinrich Himmler


Heinrich Himmler wurde am 7. Oktober 1900 als zweiter von drei Söhnen des Gymnasiallehrers Gebhard Himmler und dessen Ehefrau Anna Maria in München geboren. 1906 kam er in die Domschule, war jedoch während des ersten Schuljahres wiederholt krank und benötigte deshalb Nachhilfestunden.

Trotz seiner Kränklichkeit wollte Heinrich Himmler Offizier werden und begann 1917 eine entsprechende Ausbildung, doch als die Reichswehr nach dem verlorenen Krieg [Erster Weltkrieg] bis auf 100 000 Mann demobilisiert wurde, platzten seine Pläne. Deshalb fing Heinrich Himmler nach dem Abitur am 1. August 1919 mit einem Praktikum in der Landwirtschaft an. Einen Monat später erkrankte er an Paratyphus und lag drei Wochen im Krankenhaus. Statt das Praktikum danach wieder aufzunehmen, immatrikulierte er sich am 28. Oktober 1919 für ein landwirtschaftliches Studium an der Technischen Hochschule München, und weil für ihn auch die Mitgliedschaft in einer schlagenden Korporation zum Studentenleben gehörte, trat er im Dezember der Verbindung »Apollo« bei, ließ sich jedoch wegen seines überempfindlichen Magens vom Zwang zum Biertrinken befreien.

Im Frühjahr 1922 wurde der frisch gebackene Diplom-Landwirt landwirtschaftlicher Assistent bei der Düngemittelfirma Stickstoff-Land GmbH in Schleißheim, aber schon im August gab er die Stelle wieder auf und kehrte arbeitslos nach München zurück.

Nachdem Heinrich Himmler sich im Januar 1922 dem von Ernst Röhm (1887 – 1934) geführten ultrarechten Freikorps »Reichskriegsflagge« angeschlossen hatte und im Jahr darauf in die von Adolf Hitler geführte Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) eingetreten war, hielt er am 24. Februar 1924 seine erste politische Rede und startete seine Parteikarriere als Assistent von Gregor Strasser (1892 – 1934). Im Frühjahr 1927 ernannte Adolf Hitler ihn zum stellvertretenden »Reichsführer-SS«.

Als der Sechsundzwanzigjährige bei einem Regenguss in eine Hotelhalle stürmte, stieß er mit einer acht Jahre älteren stattlichen Frau zusammen: Margarete (»Marga«) Boden. Sie kamen ins Gespräch und verabredeten sich. Wahrscheinlich war sie die erste Frau, mit der er schlief. Vier Jahre vor der Begegnung mit ihr hatte er noch in einem Brief an einen Freund geschrieben:

»Wir sprachen über das Gefährliche von solchen Sachen – wenn man beisammen liegt Körper an Körper, heiß, Mensch an Mensch, man gerät in ein Feuer, wo man alle Vernunft zusammennehmen muss. Die Madeln sind dann so weg, die wissen nicht mehr was sie tun. Es ist das heiße zusammengepresste Sehnen des ganzen Individuums nach der Befriedigung eines entsetzlich starken Naturtriebes. – Deswegen ist es auch für den Mann so gefährlich und verantwortungsvoll, mit den Madeln könnte man willenlos machen, was man will und man hat doch mit sich selbst genug zu kämpfen. Die Madeln tun mir ja Leid.« – Himmlers Ideal war die Unberührtheit von Mann und Frau vor der Ehe, doch obwohl es sich bei Marga um eine geschiedene Frau handelte, heiratete er sie am 3. Juli 1928. Nach der Hochzeit verkaufte Marga das kleine Pflegeheim, das sie mit finanzieller Unterstützung ihres Vaters, eines westpreußischen Gutsbesitzers, in Berlin eingerichtet hatte. Vom Erlös erwarb das frisch getraute Ehepaar in München-Waldtrudering einen Hühnerhof. Als Marga im Jahr darauf von ihrer Tochter Gudrun entbunden wurde, begann sich das Paar auseinanderzuleben. Zwar ließ Himmler sich nicht von seiner Frau scheiden, aber nach dem Verkauf des Geflügelhofs brachte er sie zusammen mit Gudrun und dem Pflegesohn Gerhard in Lindenfycht bei Gmund am Tegernsee unter, während er selbst nach Berlin zog, wo er einige Jahre später ein Verhältnis mit seiner Sekretärin Hedwig Potthast anfing.

Am 6. Januar 1929 rückte Heinrich Himmler als Nachfolger von Erhard Heiden zum »Reichsführer-SS« auf. Die SS war zu diesem Zeitpunkt eine zur SA gehörende Leibgarde Hitlers mit 280 Männern. Himmler machte daraus ein stark wachsendes und dennoch elitäres Zentrum der nationalsozialistischen Bewegung, das sich nach dem Vorbild der Samurai wie ein Orden von der proletarischen Massenorganisation abgrenzte. Bis 1933 vergrößerte er die SS auf 50 000 und bis 1937 auf 210 000 Mitglieder. Bewerber mussten nicht nur ihren Stammbaum und ein erbbiologisches Gutachten einreichen, sondern auch ein Foto, auf dem der Reichsführer-SS den Körperbau des Abgebildeten mit einer Lupe begutachtete.

Adolf Hitler, der aus seinem fehlgeschlagenen Putschversuch gegen die Reichsregierung am 8./9. November 1923 in München die Lehre gezogen und die Macht seither auf legalem Weg angestrebt hatte, wurde am 30. Januar 1933 von Reichspräsident Paul von Hindenburg an der Spitze einer Koalitionsregierung zum Reichskanzler ernannt. »Wir haben uns Herrn Hitler engagiert«, versicherte Franz von Papen, einer der Drahtzieher dieser Entscheidung. »In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.« Damit täuschte er sich gewaltig: Innerhalb weniger Monate riss Hitler mit Hilfe von Himmler, Göring, Goebbels und anderen Parteigenossen alle Macht in Deutschland an sich.

Heinrich Himmler wurde am 15. März 1933 kommissarischer Polizeipräsident von München, und am Tag darauf übernahm er auch das Kommando über die Politische Polizei Bayerns. Keine Woche später – am 20. März – gab er auf einer Pressekonferenz die Einrichtung des ersten offiziellen Konzentrationslagers in Dachau bekannt. Schritt für Schritt zog er die Kontrolle über die politische Polizei auch in den übrigen Ländern des Deutschen Reichs an sich. Anfang 1934 fehlte ihm nur noch das Kommando in Preußen. Als Reinhard Heydrich (1904 – 1942), der seit 1931 einen eigenen Nachrichtendienst für ihn aufbaute, Erkenntnisse über einen von Kommunisten geplanten Mordanschlag auf den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring gewann, von dem die preußische Geheime Staatspolizei (Gestapo) nichts wusste, benutzte Himmler das als Argument, um von Hitler endlich auch mit der Führung der politischen Polizei im weitaus größten Land betraut zu werden.

Die Kompetenzen des preußischen Innenministeriums büßte Göring am 1. Mai 1934 auch noch ein; sie fielen an Reichsinnenminister Wilhelm Frick. Während der narzisstische ehemalige Fliegerheld darauf wartete, dass Hitler ihn so bald wie möglich mit dem Aufbau einer neuen Luftwaffe beauftragte, richtete Himmler sein Augenmerk auf die unspektakulären Polizeifunktionen. Er redete nicht gern in der Öffentlichkeit wie Joseph Goebbels und war nicht populär wie Hermann Göring. Statt sich zu bereichern, zahlte er sogar für die Gratiszigarren in seinem Büro. Heinrich Himmler schwelgte nicht in seiner Macht, sondern er blieb im Hintergrund, erfüllte gewissenhaft was er für seine Pflicht hielt und entwickelte sich unauffällig zu einem der einflussreichsten Paladine des »Führers«. Auf Grund seiner Farblosigkeit und unsportlichen Erscheinung, der bis weit über die Ohren kurz geschorenen Haare, des Bärtchens und der randlosen Brille hätte man ihn für einen altmodischen Pauker halten können. Ein Gauleiter witzelte über den chronisch Magenkranken: »Wenn ich so aussehen würde wie Himmler, würde ich von Rasse überhaupt nicht mehr sprechen.« Hitlers Sekretärin Traudl Junge meinte, Himmler habe »schüchtern, nicht etwa selbstsicher, militärisch oder gar brutal« gewirkt und sei wie ein »scheuer, bürgerlicher Mann« aufgetreten. Heinrich Himmler selbst hielt sich jedoch für die Reinkarnation König Heinrichs I., der vor tausend Jahren erfolgreich gegen die Slawen und die Ungarn gekämpft hatte.

Ungeachtet ihrer Rivalität verbündeten Göring und Himmler sich, um Ernst Röhm zu Fall zu bringen, der Anfang 1934 bereits träumte, dass die Reichswehr in der von ihm kommandierten SA aufgehen würde (sog. »Röhm-Putsch«). Hitler persönlich leitete die Verhaftung der SA-Führung am 30. Juni 1934 in Bad Wiessee. Röhm wurde in einer Gefängniszelle in München-Stadelheim erschossen. Göring und Himmler nutzten die Gelegenheit, um schätzungsweise hundert Gegner ermorden zu lassen. Die SA versank in der Bedeutungslosigkeit, während die SS am 20. Juli 1934 eine selbstständige Organisation der NSDAP wurde.

Nominell unterstanden Himmler und Heydrich noch immer dem preußischen Regierungschef, aber faktisch kontrollierten sie die im April 1933 von Hermann Göring gegründete Gestapo längst ohne ihn. Ab Februar 1936 unterlagen die Angelegenheiten der Gestapo keiner richterlichen Überprüfung mehr, und im Oktober dieses Jahres ging die Zuständigkeit für die politische Polizei von den Ländern auf das Reich über. In seiner staatlichen Funktion als Polizeichef unterstand Himmler zwar dem Reichsinnenminister, aber das war bedeutungslos, weil er in seiner Parteifunktion als »Reichsführer-SS« direkten Zugang zu Adolf Hitler hatte. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo), der Nachrichtendienst der NSDAP (SD) und das Reichskriminalpolizei-Amt (RKPA) – also teils Staats-, teils Parteiämter – wurden am 27. September 1939 unter Himmlers Mitarbeiter Reinhard Heydrich im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zusammengefasst.

Eineinhalb Wochen später wurde Heinrich Himmler zum »Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums« ernannt, zu dessen Aufgaben es gehörte, Vernichtungslager aufzubauen und die Judenvernichtung zu organisieren [Holocaust]. »Im Operationsgebiet des Heeres erhält der Reichsführer-SS zur Vorbereitung der politischen Verwaltung Sonderaufgaben«, hieß es in einer Weisung des »Führers« vom 13. März 1941, »die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben. Im Rahmen dieser Aufgaben handelt der Reichsführer-SS selbstständig und in eigener Verantwortung.« In einer am 13. Juli 1941 in Stettin gehaltenen Rede sagte Heinrich Himmler: »Dies ist ein Weltanschauungskampf und ein Kampf der Rassen. Bei diesem Kampf steht hier der Nationalsozialismus, eine auf dem Wert unseres germanischen, nordischen Blutes aufgebaute Weltanschauung, steht eine Welt, wie wir sie uns vorstellen: schön, anständig, sozial gerecht […] eine frohe, schöne, kulturerfüllte Welt […] Auf der anderen Seite steht ein 180-Millionen-Volk, ein Gemisch aus Rassen und Völkern, deren Namen schon unaussprechlich sind und deren Gestalt so ist, dass man sie bloß ohne jede Gnade und Barmherzigkeit zusammenschießen kann.« (zitiert nach Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders, Seite 33f)

Bezeichnend für Himmlers Einstellung ist der folgende Auszug aus einer Ansprache, die er am 4. Oktober 1943 in Posen vor SS-Offizieren hielt:
»[…] Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen; anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens zehntausend russische Weiber an Entkräftigung umfallen oder nicht, interessiert mich nur soweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird […] Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht […] Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen. Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern […] Ich werde niemals zusehen, dass hier auch nur eine kleine Fäulnisstelle entsteht oder sich festsetzt […]« (vgl.: Romuald Karmakar: Das Himmler-Projekt)

Zusätzlich zu seinen bisherigen Funktionen wurde Heinrich Himmler am 24. August 1943 auch noch als Nachfolger von Wilhelm Frick zum Reichsinnenminister ernannt, und nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 löste Heinrich Himmler Generaloberst Friedrich Fromm als Befehlshaber des Ersatzheeres und Chef der Heeresausrüstung ab. Längst gehörte er neben Göring, Goebbels, Speer und Bormann zu den mächtigsten Männern im »Dritten Reich«.

Als Hitler am 28. April 1945 im »Führerbunker« unter der zerbombten Reichskanzlei in Berlin durch eine BBC-Meldung erfuhr, dass Heinrich Himmler sich heimlich mit dem Schweden Folke Graf Bernadotte getroffen hatte, um einen Waffenstillstand mit den westlichen Alliierten herbeizuführen, befahl er Robert Ritter von Greim, den er gerade zum Oberbefehlshaber der Luftwaffe ernannt hatte, den »Reichsführer-SS« in Norddeutschland aufzuspüren und festzunehmen. Dann diktierte er der Sekretärin Traudl Junge sein Testament, in dem er Himmler aus der Partei verstieß.

Am 1. Mai 1945 kam Heinrich Himmler nach Plön und erfuhr dort von Großadmiral Karl Dönitz, dass er aus allen Ämtern entlassen worden war. Himmler bot sich als Stellvertreter des neu ernannten Reichspräsidenten an, aber darauf ließ dieser sich nicht ein. Am übernächsten Tag traf Himmler in Flensburg-Mürwik Graf Schwerin von Krosigk, der im Auftrag des Reichspräsidenten Dönitz eine geschäftsführende Regierung bildete und dem abgesetzten Reichsführer-SS riet, sich dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery zu stellen.

Stattdessen verschaffte sich Heinrich Himmler einen Ausweis auf den Namen Heinrich Hitzinger, rasierte den Bart ab und machte sich am 10. Mai mit zwölf Getreuen auf den Weg zu einem Freund in Arolsen, bei dem er Zuflucht suchen wollte. Am 22. Mai wurden Himmler und seine zwei Adjutanten in Bargstedt westlich von Buxtehude von einer sowjetischen Patrouille festgenommen und unerkannt den Briten überstellt. Erst einem britischen Offizier gegenüber gab Heinrich Himmler sich zu erkennen. Daraufhin kam er ins Hauptquartier der 2. Armee bei Lüneburg, wo er sich am 23. Mai zum wiederholten Mal für eine Leibesvisitation nackt ausziehen musste. Als ein Militärarzt, der ihn untersuchte, in einer Zahnlücke des rechten Unterkiefers einen dunklen Gegenstand entdeckte, forderte er Himmler auf, näher ans Licht zu treten und wollte ihm mit zwei Fingern in den Mund greifen. Blitzschnell biss Himmler auf die versteckte Zyankali-Ampulle. »Er hat es geschafft!«, schrie der Arzt. Die Umstehenden warfen Himmler zu Boden und drehten ihn auf den Bauch, um ihn am Schlucken zu hindern, aber das tödliche Gift wirkte bereits.

Himmlers Leiche wurde von britischen Soldaten an einer absichtlich nicht markierten Stelle in einem Waldstück bei Lüneburg vergraben.

Literatur über Heinrich Himmler

  • Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biografie (Siedler Verlag 2008, 1035 Seiten)
  • Katrin Himmler, Michael Wildt (Hg.): Himmler privat. Briefe eines Massenmörders
    (Piper Verlag 2014, 399 Seiten)
Gerbrand Bakker - Tage im Juni
Gerbrand Bakker erzählt betont leise, langsam und lakonisch. Er evoziert eine Atmosphäre des Stillstands und der Hoffnungslosigkeit. Weil dazu auch noch die Sprache schlicht und einfach ist, handelt es sich bei "Tage im Juni" um einen spröden Roman.
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