Der Eissturm

Der Eissturm

Der Eissturm

Der Eissturm - Originaltitel: The Ice Storm - Regie: Ang Lee - Drehbuch: James Schamus, nach dem Roman "Der Eissturm" von Rick Moody - Kamera: Frederick Elmes - Schnitt: Tim Squyres - Musik: Mychael Danna - Darsteller: Kevin Kline, Sigourney Weaver, Joan Allen, Elijah Wood, Tobey Maguire, Christina Ricci, Courtney Peldon, Henry Czerny u.a. - 1997; 115 Minuten

Inhaltsangabe

USA 1973. Die sexuelle Revolution hat auch die Mittelklasse in den Vorstädten an der Ostküste erreicht. Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert, und die Familie bietet keine Geborgenheit mehr. Leere, Sinnlosigkeit, Entfremdung und Einsamkeit, aber auch unterschwellige Aggressionen werden mit Konsum und einer zur Schau getragenen Gleichgültigkeit übertönt ...
Weiterlesen

Kritik

Bei dem Roman "Der Eissturm" von Rick Moody und der Verfilmung durch Ang Lee handelt es sich um um ein verstörendes, schonungsloses und atmosphärisch dichtes Porträt der amerikanischen middle class zu Beginn der Siebzigerjahre.
Weiterlesen

Der schüchterne, introvertierte sechzehnjährige Internatsschüler Paul Hood (Tobey Maguire) schwärmt für seine Mitschülerin Libbets Casey (Katie Holmes), aber die zieht seinen selbstbewussten Zimmergenossen Francis Davenport (David Krumholtz) vor, der im Gegensatz zu ihm bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hat und mit Drogen experimentiert.

Anlässlich von Thanksgiving 1973 fährt Paul für ein verlängertes Wochenende von New York City nach Hause, nach New Canaan, Connecticut. Im Zug liest er das neueste Comic-Heft über die „Fantastischen Vier“, Superhelden, die in jeder Situation zusammenhalten.

In Pauls Familie ist das nicht so: Elena Hood (Joan Allen) ist frustriert und findet keinen Zugang zu anderen Menschen, lenkt sich durch Hausarbeit ab und stiehlt aus Langeweile ein paar Lippenstifte in der Drogerie – wobei sie prompt ertappt wird. Ihr Ehemann Ben (Kevin Kline) befriedigt seine Triebe heimlich mit der Nachbarin Janey Carver (Sigourney Weaver), deren Ehemann Jim (Jamey Sheridan) häufig auf Dienstreisen ist. Nach außen hin spielen Ben und Elena das glückliche Paar und geben vor, den einzigen Streit über die Frage geführt zu haben, ob sie weiter zur Eheberatung gehen sollten oder nicht. Ihre Tochter Wendy (Christina Ricci), die von ihrem älteren Bruder „Charles“ gerufen wird, hängt nach der Schule vor dem Fernseher herum und entrüstet sich über den Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei im Watergate-Building in Washington, D. C., über den immer neue Einzelheiten aufgedeckt werden (Watergate-Affäre). Wenn ihr Vater darauf besteht, dass sie um 22 Uhr das Licht ausmacht, schimpft sie ihn einen „Faschisten“. Und als sie ein Tischgebet sprechen soll, setzt sie zu einer Hasstirade auf die Amerikaner an, die ihr Land den Indianern weggenommen haben. Einmal lockt sie Sandy (Adam Hann-Byrd), den jüngeren der beiden Carver-Söhne, ins Bad, zeigt ihm ihre Vulva und will daraufhin seinen Penis sehen, aber der Zehnjährige fängt zu schreien an. Dabei himmelt Sandy das Nachbarmädchen ebenso an wie sein größerer Bruder Mikey (Elijah Wood). Sonst redet Sandy nicht viel. Stattdessen packt er Sprengstoff in seine alten Modellflugzeuge, lässt sie explodieren und träumt von einem ferngesteuerten Flugzeug, damit er die Sprengladung in ein Ziel steuern kann.

An Thanksgiving geraten die schwelenden Konflikte außer Kontrolle. Als Ben seiner Frau erzählt, er habe Wendy und Mikey zusammen auf dem Boden im Keller des Nachbarhauses ertappt und nicht glaubwürdig erklären kann, was er während Jims Abwesenheit bei den Carvers zu tun hatte, merkt Elena, dass Ben sie betrügt.

Trotz des Ehekrachs fahren Ben und Elena zu einer Thanksgiving-Party, zu der auch die Carvers eingeladen sind. Die Gastgeberin überrascht sie bei der Begrüßung mit der Aufforderung, die Autoschlüssel in eine große Glasschale zu werfen. Es handelt sich um eine so genannte Schlüsselparty, bei der am Ende jede der Frauen einen Autoschlüssel zieht und mit dem entsprechenden Mann nach Hause fährt. Elena argwöhnt, dass Ben seinen Autoschlüssel markiert hat, damit Janey ihn erkennen und aus der Schale nehmen kann. Sie ahnt nicht, dass Janey sich mit Ben inzwischen genauso langweilte wie mit ihrem Ehemann und die Affäre gerade beendete. Janey nimmt denn auch irgendeinen Schlüssel aus der Schale und folgt dem Besitzer zu dessen Auto. Daraufhin betrinkt Ben sich so, dass er sich übergeben muss. Während Ben im Bad auf dem Boden kauert, sind nur noch zwei Gäste im Wohnzimmer: Elena und Jim. Elena wählt statt des eigenen Autoschlüssels den ihres Nachbarn und steigt zu ihm ins Auto. Sie verführt ihn, aber der Koitus wird zur Farce. Von seinem schlechten Gewissen gequält, fährt Jim seine Nachbarin nach Hause.

Während der Party ist ein Eissturm über das Land hereingebrochen. Auf dem Blitzeis verliert Jim die Kontrolle über den Wagen. Sie schlittern in den Straßengraben und kommen erst im Morgengrauen nach Hause.

Dort findet Elena ihre Tochter vor, die neben Sandy nackt im Doppelbett des Gästezimmers schläft.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Einige Zeit später trifft auch Ben ein. Trotz seines Rausches nahm er das Auto. Unterwegs musste er anhalten, weil eine vom Eissturm abgerissene Stromleitung die Straße blockierte. Da fand er Mikey. Der Junge lag leblos auf der Straße. Offenbar wurde er von einem Stromschlag getötet. Janey erwacht vom Wehklagen ihres Mannes um den toten Sohn.

Paul fuhr bereits vor der Party wieder nach New York City, weil er Thanksgiving mit Libbets Casey in der Wohnung ihrer Eltern verbringen wollte. Aber er findet die Angebetete nicht allein vor, sondern zusammen mit Francis. Um den Rivalen auszuschalten, bietet Paul ihm eine Schlaftablette wie eine LSD-Pille an – aber Libbets will unbedingt auch eine und schläft dann ebenso wie Francis ein. Enttäuscht steigt Paul wieder in den Zug. Wegen des vom Eissturm verursachten Stromausfalls trifft er erst am Morgen in New Canaan ein. Zu seiner Verwunderung erwarten Ben, Elena und Wendy ihn auf dem Bahnsteig. Als sie zusammen im Auto sitzen, bricht Ben schluchzend über dem Steuer zusammen.

nach oben

USA 1973. Das Trauma des Vietnam-Krieges ist noch nicht überwunden. In den Nachrichten wird über neue Enthüllungen im Watergate-Skandal berichtet. Der „Summer of Love“ liegt sechs Jahre zurück, und inzwischen hat die sexuelle Revolution auch die Vorstädte der Mittelklasse an der Ostküste erreicht. Swinger-Clubs gibt es noch nicht, aber man organisiert den Partnertausch auf „Schlüsselpartys“; niemand möchte als spießig gelten. Partygespräche drehen sich um den Existenzialismus. Die Eltern sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert, und die Familie bietet keine Geborgenheit mehr. Weil den selbstsüchtigen Menschen in dieser zerrütteten, amoralischen Gesellschaft die Fähigkeit zur Kommunikation verloren gegangen ist, übertönen sie Leere, Sinnlosigkeit, Entfremdung und Einsamkeit, aber auch unterschwellige Aggressionen mit Konsum und einer zur Schau getragenen Gleichgültigkeit. Erst der Unfalltod eines Kindes in einem (die Gefühlskälte symbolisierenden) Eissturm reißt die Mitglieder zweier Familien aus der Lethargie und führt sie zusammen.

Ang Lee verfilmte den 1994 veröffentlichten Roman „The Ice Storm“ („Der Eissturm“) des amerikanischen Schriftstellers von Rick Moody (*1961) und hielt sich dabei eng an die Vorlage. Ungeachtet der satirischen Elemente handelt es sich bei „Der Eissturm“ um ein verstörendes, schonungsloses und atmosphärisch dichtes Porträt der amerikanischen middle class zu Beginn der Siebzigerjahre, eine zynische Darstellung einer Generation, deren Liberalisierungsbewegung scheiterte.

Das Drehbuch für „Der Eissturm“ wurde bei den Filmfestspielen 1997 in Cannes ausgezeichnet. Erstklassig ist auch die Besetzung mit Sigourney Weaver, Joan Allen, Kevin Kline, Christina Ricci, Elijah Wood und Tobey Maguire – um nur die wichtigsten Schauspieler zu nennen.

Außer der Filmmusik von Mychael Danna und Musik von Johann Sebastian Bach sind folgende Songs in „Der Eissturm“ zu hören:

  • Billy Blanco, Baden Powell: „Samba Triste“
  • David Bowie: „I Can’t Read“
  • Antonio Carlos Jobim, Vinicius de Moraes: „O Grande Amor“
  • Elton John: „Levon“
  • Kris Kristofferson: „Help Me Make It Through the Night“
  • Gerry Mulligan: „Night Lights“
  • Harry Nilsson: „Coconut“
  • Frank Zappa: „Dirty Love“
nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006

Ang Lee (kurze Biografie / Filmografie)

Ang Lee: Das Hochzeitsbankett
Ang Lee: Sinn und Sinnlichkeit
Ang Lee: Tiger & Dragon
Ang Lee: Hulk
Ang Lee: Brokeback Mountain
Ang Lee: Gefahr und Begierde
Ang Lee: Life of Pi. Schiffbruch mit Tiger

Herbert Rosendorfer - Der Mann mit den goldenen Ohren
Humor, Komik und Satire kommen in "Der Mann mit den goldenen Ohren" nicht zu kurz, Sprachspielereien lassen den Leser schmunzeln, aber Herbert Rosendorfer hätte sich vielleicht auf die besten Einfälle und die Hälfte der Seiten beschränken sollen.
Der Mann mit den goldenen Ohren

Herbert Rosendorfer

Der Mann mit den goldenen Ohren

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.