Sibylle Lewitscharoff : Blumenberg

Blumenberg

Sibylle Lewitscharoff

Blumenberg

Blumenberg Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 ISBN: 978-3518422441, 220 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als der Münsteraner Philosophieprofessor Blumenberg im Mai 1982 nachts am Schreibtisch sitzt, liegt unvermittelt ein ausgewachsener Löwe auf dem Teppich. Das mächtige Tier versetzt Blumenberg nicht in Angst und Schrecken, im Gegenteil, und als der Löwe am nächsten Tag während der Vorlesung über die Trostbedürftigkeit des Menschen bei dessen gleichzeitiger Trostunfähigkeit den Mittelgang des Hörsaals herunterkommt, atmet Blumenberg erleichtert auf. Außer ihm sieht offenbar keiner der Anwesenden den Löwen ...
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Kritik

Mit ihrem Roman "Blumenberg" hat Sybille Lewitscharoff dem Philosophen Hans Blumenberg ein literarisches Denkmal gesetzt. Ihr Buch ist jedoch keine Biografie, sondern eine poetische Komposition.

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Während der Münsteraner Philosophieprofessor Blumenberg im Mai 1982 nachts in seinem häuslichen Arbeitszimmer in Altenberge vor seinen 36 660 Karteikarten sitzt, einen Text aufs Diktiergerät spricht, den seine Sekretärin an der Universität am nächsten Tag tippen soll, und vom Schreibtisch aufblickt, liegt vor ihm auf dem Bucharateppich ein ausgewachsener Löwe. Die Anwesenheit des mächtigen Tieres, das ruhig zu ihm hinschaut, versetzt Blumenberg nicht in Angst und Schrecken, im Gegenteil, sie beruhigt ihn. Aber wie soll er damit umgehen?

Blumenberg zweifelte, ob mit dem Löwen eine Konversation überhaupt möglich sein würde. Es ging ja nicht hin, dass er nun aufstand, um dem Löwen in die Mähne zu fahren und diese tüchtig zu walken. Der Löwe schien einer zärtlichen Handlung in keiner Weise bedürftig. Obwohl er keine Angst verspürte, war Blumenbergs Respekt vor dem Tier groß.

Schließlich steckt Blumenberg die besprochene Kassette in einen Umschlag, beschriftet ihn, klebt eine Briefmarke darauf und geht ungeachtet der Anwesenheit des Löwen in seinem Arbeitszimmer zum Briefkasten. Als er zurückkommt, ist der Löwe verschwunden. Auch als der Professor am nächsten Tag gegen Mittag vom Schlaf erwacht, findet er das Arbeitszimmer verlassen vor.

Kein Löwe, nirgends. Was weiter nicht verwunderlich war, denn es herrschte ja heller Tag, ein strahlend heller Maitag, an dem alles leuchtete wie neu geschaffen und nur berührbare Dinge ans Licht traten.

Bevor Blumenberg an diesem Tag mit seiner Vorlesung in der im Schloss untergebrachten Universität beginnt, räumt er sechs leere, klebrige Cola-Flaschen vom Pult. Da kommt der Löwe durch den Mittelgang des Hörsaals herabgetrottet. Blumenberg ist froh darüber. Er nimmt an, dass niemand außer ihm den Löwen sieht, denn die Studenten blicken weiter aufmerksam nach vorn und zeigen keinerlei Unruhe. In der Vorlesung geht es zwar um die Trostbedürftigkeit des Menschen bei dessen gleichzeitiger Trostunfähigkeit, aber Blumenberg selbst findet die Anwesenheit des Löwen tröstlich.

Für die Sprechstunde des Professors hat sich der Student Gerhard Optatus Baur angemeldet.

Die Bescheidenheit des jungen Mannes, sein Eifer, die Intelligenz, die aus manchen seiner Redewendungen hervorblitzte, waren ein Beweis: es war doch nicht alles umsonst.

Gerhards Mutter Gerlinde Baur, die Tochter eines Knopffabrikanten in Heilbronn, arbeitete als Köchin in der Kantine der Landesbibliothek. Sie starb im Alter von 54 Jahren im Robert-Bosch-Krankenhaus an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Als Gerhard zur Welt kam, lebte sein Vater Eberhard Optatus Schneckenburger schon nicht mehr, und der Stiefvater wurde auch nur 41 Jahre alt.

Befreundet ist Gerhard mit seiner Kommilitonin Elisabeth („Isa“) Kurz aus Heilbronn, einer Blumenberg-Jüngerin, die die Bücher des Philosophen mit möglicherweise noch größerem Eifer liest als Gerhard und deren Denken außerdem von Virginia Woolf beherrscht wird.

Isa stellt sich heimlich vor, ein Liebesverhältnis mit ihrem Idol Blumenberg zu haben.

Davon ahnen weder Gerhard noch Blumenberg etwas. Der Philosophieprofessor ist überhaupt kaum an anderen Menschen interessiert. Nur weil er es für seine Pflicht hält, fährt er nach Isenhagen, um einen sterbenden Freund zu besuchen, mit dem er 1956 drei Monate in Ägypten verbracht hatte. Als er sich bei einer vermutlich über 90 Jahre alten, den Wildwuchs in einem Garten beseitigenden und Ordnung schaffenden Nonne des Damenstifts in Isenhagen nach dem Weg erkundigt, fragt sie: „Wen haben Sie denn dabei?“.

Blumenberg drehte sich überrascht um – und Tatsache – der Löwe hatte ihn begleitet, war hinter ihm hergeschlichen, ohne dass es ihm aufgefallen war.
Er folgt mir seit zwei Tagen, sagte Blumenberg.

Offenbar kann auch die Klosterschwester Käthe Mehliss den Löwen sehen.

Währenddessen erblickt Gerhard seine Freundin Isa auf der Straße. Sie fährt Rad, und es grenzt an ein Wunder, dass ihr flatterndes weißes Kreppkleid nicht in die Speichen gerät. Er spricht sie an, aber sie geht nicht auf ihn ein, sondern will weiter. Längst für Gerhard außer Sichtweite, stürzt sie sich von einer Brücke auf die Straße darunter und wird von einem Sattelschlepper überrollt.

Als Gerhard sich am Abend mit dem befreundeten Doktoranden Richard Pettersen trifft, erfährt er von Isas Suizid. Eigentlich wollte Richard, der in Paderborn geborene Sohn eines höheren Postbeamten im Verwaltungsdienst, seinen Freund darüber unterrichten, dass er beabsichtigt, sein Studium in Münster für zwei Semester zu unterbrechen und in dieser Zeit mit dem von seiner Großmutter geerbten Geld Südamerika zu bereisen. Der Doktorand glaubt nämlich, dass seine geistigen Fähigkeiten nicht ausreichen, um seinen Doktorvater Professor Blumenberg zufriedenzustellen.

Blumenberg erfährt am übernächsten Tag aus der Zeitung von dem tragischen Selbstmord einer seiner Studentinnen. Welche Rolle er dabei gespielt hatte, kann er nicht wissen.

In der nächsten Blumenberg-Vorlesung wählt Gerhard den Platz neben Hansjörg („Hansi“) Cäsar Bitzer, der sich darüber wundert, weil er sonst von anderen Studenten gemieden wird und immer allein sitzt. Obwohl er in einer Villa wohnt und keine finanziellen Sorgen kennt, sagt er auf der Straße Gedichte auf und bettelt. Im Winter geht er regelmäßig von Lokal zu Lokal und macht das Gleiche. Gerhard versucht, an den schrulligen Kommilitonen heranzukommen, aber dessen Gleichgültigkeit lässt sich nicht durchbrechen.

Richard reist, wie beabsichtigt, nach Südamerika.

Gerhard fühlte sich einsam. Nicht nur seine Freundin hatte er verloren, auch Richard war ihm abhanden gekommen, der ewig verdrossene, aber hin und wieder hoch amüsante Richard, der sich in der Ferne allmählich in einen anderen Menschen zu verwandeln schien. Seine Briefe, die in immer größeren Abständen aus Argentinien, Chile, Bolivien, Peru in Münster anlangten, zeugten mehr und mehr von einer selbstvergessenen Beobachtungsgabe, die Gerhard gar nicht an ihm kannte. Offenbar war das fremde Leben so auf den Freund eingestürmt, dass keine Luft blieb für seine üblichen Nörgeleien und Besserwissereien.

Richard begegnet der jungen, höchstens 14 Jahre alten Brasilianerin María und verliebt sich in sie. Ihre Familie wohnt in Belém, aber sie ist unterwegs, um eine Tante in Manaus zu besuchen, und Richard begleitet sie. In Manaus laufen sie jedoch Kriminellen über den Weg, und Richard wird vor den Augen seiner neuen Freundin erstochen.

Vor dem offenen Schuppentor, lichtumflossen, stand María, die Füße einwärts gedreht, Hände unter den Bauch gekrampft. Lange konnte er diesen Anblick nicht begrübeln. Der schwarze Kompaktmann rannte auf ihn zu und stieß ihm ein Messer ins Herz.

Richards Eltern erhalten die Nachricht von seinem Tod erst zwei Monate später, und als Hermann Pettersen nach Brasilien reist, um die Leiche seines Sohnes abzuholen, ist sie verschwunden.

Käthe Mehliss stirbt am 12. März 1987.

Blumenberg hat sich an den Löwen gewöhnt. Nach seiner Emeritierung wird es einsam um ihn, und er verlässt das Haus nur noch selten. Anfang September 1994 verschwindet der Löwe und kehrt auch nicht mehr zurück. Am 28. März 1996 findet Blumenbergs Ehefrau ihren Mann tot im Bett liegend vor. Dass am Oberteil seines Pyjamas stumpfe, gelbliche Haare hängen, fällt weder ihr noch den anderen Menschen auf, die sich um den Leichnam kümmern.

Gerhard erhält an der Ludwig-Maximilian-Universität in München eine Assistentenstelle und heiratet eine Münchnerin. 1997 bewirbt der 39-Jährige sich an der ETH Zürich um eine Professorenstelle im Fachbereich Philosophie, aber nach seiner glänzenden Bewerbungsrede erliegt er einem Hirnschlag. Er hinterlässt eine Frau, eine sechsjährige Tochter und einen eineinhalb Jahre alten Sohn.

Hansi hat Münster ebenfalls verlassen. Zunächst pendelt er zwischen Zürich und Berlin, ohne ein Studium abzuschließen, denn zieht er dauerhaft nach Berlin. Aufgrund seines Vermögens ist er nicht auf einen Broterwerb angewiesen, aber er eröffnet eine Praxis für Lebensberatung. Weil er nicht zuhören kann, muss er sie bald wieder schließen. Danach setzt er seine Angewohnheit fort, Passanten auf der Straße oder Gästen in Lokalen etwas vorzusprechen, allerdings keine Gedichte mehr wie früher, sondern selbstverfasste Traktate. Seine ursprünglich teure Kleidung verlottert ebenso wie er selbst. Als er in einer U-Bahn-Station kreischend eine Rede hält, wird er von zwei Sicherheitsleuten abgeführt.

Lämmer! das Wort füllte die Halle, während Hansi zwischen den beiden zusammensackte. Sie glaubten erst an einen Trick, ließen den Leblosen vorsichtig zu Boden gleiten, sie stießen ihn, rüttelten an seiner Brust, dann riefen sie den Rettungsdienst, Männer in grellen Jacken, die sich an ihm zu schaffen machten, aber nicht mehr tun konnten, als den Tod des Mannes festzustellen.

Als Blumenberg die Augen öffnet, befindet er sich mit fünf Personen und einem sprechenden Rebhuhn in einer Höhle. Auch der Löwe ist wieder da. Blumenberg erinnert sich nicht mehr an seinen Namen. Auch die anderen – Isa, Gerhard, Richard, Hansi und Käthe Mehliss – haben vergessen, was ihnen wichtig war. Die Metaphern ihres Lebens flattern durch die Höhle und werfen Schatten an die Wände.

Da hieb ihm [Blumenberg] der Löwe die Pranke vor die Brust und riss ihn in eine andere Welt.

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Mit ihrem Roman „Blumenberg“ hat Sybille Lewitscharoff dem Philosophen Hans Blumenberg ein literarisches Denkmal gesetzt.

Sie hat jedoch keine Biografie angestrebt und entwickelt auch keine stringente Handlung. Stattdessen verwebt sie auf poetische Weise die Schicksale von vier in jungen Jahren sterbenden Studenten mit den letzten 14 Lebensjahren des Philosophieprofessors, der sich daran gewöhnt, dass immer mal wieder ein Löwe in seinem Arbeitszimmer, im Hörsaal oder auch auf der Straße auftaucht, den außer ihm offenbar nur die greise Nonne Käthe Mehliss sieht.

Hans Blumenberg hatte nicht nur Bilder von und Geschichten über Löwen gesammelt, sondern auch Betrachtungen dazu geschrieben. Daraus entstand 2001, fünf Jahre nach seinem Tod, das Buch „Löwen“. Als „Löwe von Münster“ wurde Clemens August Kardinal Graf von Galen bezeichnet, weil er als Bischof von Münster öffentlich gegen Maßnahmen und Anschauungen der Nationalsozialisten protestiert hatte. Eine der berühmtesten Löwen-Legenden wird von dem heiligen Hieronymus erzählt: Während die anderen Mönche vor einem herannahenden Löwen fliehen, bleibt Hieronymus furchtlos zurück und zieht dem wilden Tier einen Dorn aus der schmerzenden Pranke. Der Löwe kehrt nicht mehr in die Wildnis zurück, sondern begleitet den Esel des Klosters auf die Weide. Weil er eingeschlafen ist, kann er nicht verhindern, dass der Esel von einer Karawane geraubt wird. Die Mönche nehmen an, der Löwe habe den Esel gefressen und machen ihn zum Ersatz-Lasttier. Aber als die Karawane auf dem Rückweg wieder vorbeikommt, macht der Löwe Hieronymus auf den Esel aufmerksam.

Das Ende von „Blumenberg“ ist von dem Theaterstück „Der Verwaiser“ von Thomas Beckett inspiriert.

Die Handlung ist artifiziell wie die Figuren, strotzt aber von Anspielungen und Verweisen. Zu der poetischen Sprache und Komposition von „Blumenberg“ gehört auch, dass sich der Inhalt einer platten Deutung entzieht.

Zum erkenntnistheoretischen Aspekt von „Blumenberg“ passen die selbstreflexiven Einschübe der Autorin.

Was weiß ein Erzähler, was weiß er nicht?

Aber was genau der Selbstmörder gedacht hat?

Anders als versprochen, meldet sich der Erzähler noch einmal zu Wort.

Eine der Szenen – Isas Suizid – wird nacheinander aus drei Perspektiven dargestellt. Zuerst begegnet Gerhard seiner Freundin, dann erleben wir das Geschehen aus ihrer Sicht, und schließlich hören wir den LKW-Fahrer, dem sie vor den Sattelschlepper sprang.

Ein Kalauer ist der Name der Nonne: Mehliss, das erinnert schon sehr an „Klosterfrau Melissengeist“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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