Der Elefantenmensch

Der Elefantenmensch

Der Elefantenmensch

Der Elefantenmensch - Originaltitel: The Elephant Man - Regie: David Lynch - Drehbuch: Christopher de Vore, Eric Bergren und David Lynch, nach Büchern von Frederick Treves und Ashley Montagu - Kamera: Freddie Francis - Musik: John Morris und Samuel Barber - Darsteller: Anthony Hopkins, John Hurt, John Gielgud, Anne Bancroft, Freddie Jones, Wendy Hiller, Hannah Gordon, Michael Elphick, Helen Ryan - 1980; 115 Minuten

Inhaltsangabe

In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts wird ein monströs deformierter Mann von einem Schausteller von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezerrt, bis ein Chirurg sich der gepeinigten Kreatur annimmt. Doch ohne böse Absicht macht auch der Arzt aus dem "Elefantenmenschen" ein Opfer der sensationslüsternen Gesellschaft.
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Kritik

In der authentischen Geschichte zeigt David Lynch einen monströsen Menschen mit integrem Charakter als Zerrspiegel der intakt erscheinenden, tatsächlich aber entarteten Gesellschaft: "Der Elefantenmensch".
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London 1881. John Merrick (John Hurt) weiß von seiner Mutter nur, dass sie schön war, denn das ist auf einem Foto von ihr zu sehen, das er immer bei sich trägt. Der 21-jährige Engländer hinkt, sein linker Arm hängt wie eine unbrauchbare Flosse nach unten, die Wirbelsäule ist verkrümmt, der Rücken von Geschwüren übersät, die Haut faltig wie die eines Elefanten, das Gesicht scheußlich verzerrt, und sein riesiger Kopf ist deformiert. Weil er wegen des schweren Kopfes im Liegen ersticken würde, muss er im Sitzen schlafen. Seine Mutter soll im vierten Monat der Schwangerschaft von einem Elefanten getreten worden sein. „Ich muss eine große Enttäuschung für sie gewesen sein“, befürchtet er. Seit Jahren zerrt ihn der geldgierige Schausteller Bytes (Freddie Jones) von Jahrmarkt zu Jahrmarkt.

Nachdem Bytes wieder einmal die Eintrittsgelder vertrunken hat, prügelt er so heftig auf die hilflose Kreatur ein, dass sie zu sterben droht. Ein kleiner Junge holt den Unfallchirurgen Frederick Treves (Anthony Hopkins) zu Hilfe, und der bringt den „Elefantenmenschen“ heimlich in der Isolierstation des Krankenhauses unter, in dem er beschäftigt ist. Aber der seltsame Patient lässt sich nicht lange verbergen.

Das Monster reagiert auf keine Frage, und eine Krankenschwester kritisiert Dr. Treves: „Er versteht nur Schläge. Er gehört nicht hierher. Seien Sie ehrlich: Was können Sie für ihn tun?“ Treves weiß keine Antwort, aber aus Mitleid und wissenschaftlichen Neugier — vielleicht auch wegen der Aussicht auf eine spektakuläre Vorführung im Hörsaal — setzt er sich dafür ein, dass der Patient im Krankenhaus bleiben darf. Er hält ihn für schwachsinnig, und als der Chefarzt (John Gielgud) seinen Besuch in der Dachkammer ansagt, bringt er John Merrick mühsam einige Sätze bei. Dass die Äußerungen des Patienten einstudiert sind, durchschaut der Klinik-Direktor bei der Visite sofort, aber sobald die beiden Ärzte den Raum verlassen haben, hören sie durch die Tür, wie John Merrick Psalmen vorträgt. Er hat mehrmals die Bibel gelesen! Allmählich entdeckt Frederick Treves in dem verunstalteten Wesen einen sensiblen, ehrlichen und lernbereiten Charakter.

Er nimmt John Merrick mit zu sich nach Hause und macht ihn mit seiner Frau bekannt. Nachdem die Zeitungen groß aufgemacht über den Besuch der berühmten Schauspielerin Madge Kendal (Anne Bancroft) bei John Merrick im Krankenhaus berichtet haben, will man ihn kennen lernen.

Sauber gekleidet erscheint er zu Tee- und Abendgesellschaften. In der Theaterloge muss er aufstehen und sich dem begeistert klatschenden Publikum zeigen. John Merrick fühlt sich so wohl wie noch nie, aber eine Krankenschwester kritisiert, dass die Menschen ihn nur anstarren und vor ihren Bekannten damit prahlen, die Sensation beschreiben zu können. Aufgrund des Rummels gerät Frederick Treves in Gewissensnöte und vergleicht sich mit dem Schausteller, der John Merrick ausbeutete.

Ein Nachtwächter des Krankenhauses (Michael Elphick) führt Gäste einer Kneipe gegen Bezahlung heimlich in das Zimmer des „Elefantenmenschen“ und hält diesem zum Spaß einen Spiegel vors Gesicht. Als Bytes davon hört, schließt er sich einer dieser „Vorführungen“ an, versteckt sich in Merricks Zimmer und entführt ihn, um den „Elefantenmenschen“ erneut auf Jahrmärkten präsentieren zu können.

John Merrick bricht auf der Bühne zusammen; sein „Besitzer“ sperrt ihn zu den Affen in den Käfig, aber Artisten befreien den Kranken und bringen ihn auf eine Fähre nach Oostende — wo er von der Polizei aufgegriffen und nach London zurückgeschickt wird.

„Ich habe zu mir selbst gefunden“, sagt John Merrick zu seinem Arzt, „weil ich weiß, dass ich geliebt werde.“ Nachdem Frederick Treves ihm eine gute Nacht gewünscht hat, entfernt John Merrick ein halbes Dutzend Kissen aus seinem Bett, die ihm das Sitzen ermöglichten, und legt sich nieder …

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Der „Elefantenmensch“ lebte tatsächlich, und zwar von 1860 bis 1890. Er hieß allerdings nicht John, sondern Joseph Merrick. Die Krankheit wird als multiple Neurofibromatose bezeichnet.

Durch die Wahl eines Schwarzweiß-Films gibt David Lynch der authentischen Geschichte einen dokumentarischen Charakter. Er zeigt den verunstalteten Menschen mit dem integren Charakter als Zerrspiegel der intakt erscheinenden, tatsächlich aber entarteten Gesellschaft. Aus reiner Sensationslust und ohne Mitgefühl begaffen die Menschen die verunstaltete Kreatur. Da verwundert es auch nicht, dass von Maschinen verstümmelte Industriearbeiter als notwendige Begleiterscheinungen des technischen Fortschritts hingenommen werden.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

David Lynch (Kurzbiografie)

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