Monika Maron : Animal triste

Animal triste
Animal triste Erstausgabe: S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1996
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Ist es dreißig oder fünfzig oder vierzig Jahre her?" Die Erzählerin, die zurückgezogen in ihrer Wohnung lebt, versucht, sich wieder und wieder vor Augen zu führen, wie das damals war, als sie den einzigen Lebenssinn und -zweck durch ihren Geliebten erfuhr. Bis Franz eines Tages nicht mehr wiederkam. ...
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Kritik

"Animal triste" wurde von Marcel Reich-Ranicki "als einer der schönsten Liebesromane dieser Jahre und als hocherotisches Buch von einer außerordentlichen Intensität" gelobt. Ich lese das Buch eher als Reflexion einer leidenden Frau über ihre die herkömmlichen Grenzen sprengende Liebe und obsessive Leidenschaft.
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„Ist es dreißig oder fünfzig oder vierzig Jahre her?“ Die Erzählerin, die zurückgezogen in ihrer Wohnung lebt („Ich kümmere mich nicht mehr um die Welt und weiß darum nicht, in welcher Zeit sie gerade steckt“), versucht, sich wieder und wieder vor Augen zu führen, wie das damals war, als sie den einzigen Lebenssinn und -zweck durch ihren Geliebten erfuhr. Bis Franz eines Tages nicht mehr wiederkam.

In der „seltsamen Zeit“, wie die Ich-Erzählerin die Jahre der DDR nach dem Mauerbau nennt, arbeitet sie als Paläontologin in einem Ostberliner Naturkundemuseum. Ihre Ehrfurcht gilt einem Brachiosaurus. Unter dem Schatten seines Skeletts bahnt sich die Liebe mit Franz an. Der Hautflügelforscher (Schwerpunkt: Ameisen) stammt aus Ulm und wohnt jetzt, nach der Wiedervereinigung, in Berlin. Er ist verheiratet und muss um ½1 Uhr nachts die Wohnung seiner Geliebten verlassen, damit er um ein Uhr (pünktlich!) zu Hause ist — er versäumt es auch nicht, im Auto eine Pfeife zu rauchen, um eventuelle Geruchsspuren der Liebesnacht zu überdecken. Vorsichtshalber hatte er seiner Geliebten schon das Parfum geschenkt, das auch seine Frau benutzt.

Nach einem Ohnmachtsanfall, bei dem die Erzählerin den Tod vor Augen hatte, macht sie sich Gedanken, was sie versäumt hätte, wenn sie gestorben wäre. „Man kann im Leben nichts versäumen als die Liebe. Das war die Antwort, und ich muss sie, lange bevor ich den Satz endlich ausspreche, gekannt haben.“ Die bedingungslose Liebe beherrscht fortan ihr Leben und bewirkt eine grundsätzliche Wandlung ihres Ego. „Ich weiß noch nicht einmal, ob Liebe einbricht oder ausbricht. Manchmal glaube ich, sie bricht in uns ein wie ein anderes Wesen, das uns monatelang sogar jahrelang umlauert, bis wir irgendwann, von Erinnerungen oder Träumen heimgesucht, sehnsüchtig unsere Poren öffnen, durch die es in Sekunden eindringt und sich mit allem mischt, was unsere Haut umschließt.“

Dass sich die Stadt im Umbruch und Aufbau befindet, geht ebenso an ihr vorbei wie das Bewusstsein, dass sie sich von ihren früheren sozialen Kontakten isoliert hat.

In einem selbstquälerischen Rückblick („das Erinnern hat mit dem Nichtvergessen nicht das Geringste zu tun“) spielt sie die mit Franz verbundenen Situationen, Erlebnisse, Gespräche und Gedanken in allen möglichen Variationen durch, um herauszufinden, warum sie sich wann wie verhalten hat. Mit schonungsloser Kritik betrachtet und beschreibt sie „ihren nicht mehr ganz jungen, aber auch noch nicht alten Körper“ („wer so aussah, konnte noch lieben, aber nicht mehr geliebt werden…“). Sie fragt sich, was Franz an ihr findet, wo er doch mit seiner gepflegten, blonden „kleinen Frau mit zu kleinen Füßen“ immerhin vierzehn Tage in Urlaub fährt. Das hat die Protagonistin in schiere Verzweiflung gestürzt, noch dazu wo sie sich dazu hinreißen ließ, das Ehepaar am Flughafen beim Abflug heimlich zu beobachten.

Ein anderer Satz, den sie aus ihrer Jugend erinnert: „…dich zu gewinnen oder umzukommen“ (Kleist: Penthesilea), zieht sich wie ein roter Faden durch ihre zwanghafte Beziehung mit Franz. Die Paläontologin („der Brachiosaurus, der Inbegriff des Maßlosen“ und „der ausgestorbene Einzelgänger“) und der Ameisenforscher („die kleinen als Einzelexemplare lebensuntauglichen Ameisen, die erst als Volk einen vollkommenenen Organismus darstellen“): Wer gewinnt, wer kommt um? Der Leser erfährt es auf der letzten Seite.

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Der Roman von Monika Maron wurde von Marcel Reich-Ranicki „als einer der schönsten Liebesromane dieser Jahre und als hocherotisches Buch von einer außerordentlichen Intensität“ gelobt. Ich lese „Animal triste“ eher als Reflexion der leidenden Frau über ihre die herkömmlichen Grenzen sprengende Liebe und obsessive Leidenschaft. Die Betroffene analysiert unbarmherzig ihre Emotionen, die sie zur Verzweiflung und letztendlich zum Absturz aus ihrem gewohnten Leben gebracht haben.

Die vielen Zitate in „Animal triste“ zeigen, dass Monika Maron oft auf Nachdenkenswertes hinweist, was obendrein originell und trotz aller Unerbittlichkeit teilweise tragikomisch formuliert ist. („Der belehrte Mensch liebt, was sich ihm nicht entziehen kann. Er kauft sich einen Hund und liebt ihn. Wenn der Hund stirbt, kauft er sich einen neuen und liebt den Hund weiter.“)

Ein Buch nicht im konventionellen Stil, sondern gegen den Strich.

Monika Maron wurde 1941 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik und lebt heute wieder in Berlin.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2002

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