Carson McCullers : Madame Zilensky und der König von Finnland

Madame Zilensky und der König von Finnland

Carson McCullers

Madame Zilensky und der König von Finnland

Erstveröffentlichungen: 1936 -– 1971 Madame Zilensky und der König von Finnland Übersetzung: Elisabeth Schnack Diogenes Verlag, Zürich 1974 ISBN 3-257-20141-9, 127 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Erzählungen schildern Ausschnitte aus dem Leben einzelner Personen und thematisieren die seelische Isolierung der Individuen:

Die Fremden
–Madame Zilensky und der König von Finnland
Wenn es so ist ...
Atem vom Himmel
Ein häusliches Dilemma
Der Jockey
Hof in den West Eighties
Der Marsch
Weihnachten zuhause
Weihnachtszauber
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Kritik

Das Augenmerk der Erzählungen liegt auf der Problematik persönlicher Beziehungen im privaten Bereich sowie in der Gesellschaft. Selbst in den kurzen Geschichten gewinnen die einfühlsam beobachteten Personen Profil durch die Schilderung ihrer individuellen Eigenarten.
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Die Fremden

Originaltitel: The Aliens, Erstveröffentlichung in „The Mortgaged Heart“, Houghton Mifflin, Boston 1971; deutsch: „Das Diogenes Lesebuch“, Diogenes Verlag, Zürich 1973

Seit fünf Uhr morgens sitzt Felix Kerr in einem Bus. Er fährt nach Lafayetteville, wo er sich ein neues Heim einrichten will, um dort mit seiner Frau Ada und seiner kleinen Tochter Grissel zu wohnen. Im Laufe der langen Reise steigen immer wieder Personen zu. Unter anderem auch ein junger Mann, der sich neben den jüdischen Musiker setzt und ihn mit seiner derben Art in ein Gespräch zieht. Kerr versteht den Dialekt und die Ausdrucksweise des Südstaatlers schlecht und ist froh, als dieser aussteigt.

Es ist bereits dunkel, und die Fahrgäste haben sich für die Nacht eingerichtet. Auch Kerr versucht zu schlafen, aber die ungewisse Zukunft und der Kummer wegen seiner älteren Tochter Karen, von der er nicht weiß, wie es ihr geht und wo sie wohnt, machen ihn unruhig.

Nach einem fahrplanmäßigen Halt um elf Uhr geht die Fahrt weiter, und gegen Mitternacht schläft er ein. Kurz vor Tagesanbruch erreicht der Bus das Reiseziel, und der Fahrer muss den Juden aufwecken. „Denn endlich hatte er seine Reise hinter sich gebracht.“

Madame Zilensky und der König von Finnland

Originaltitel: Madame Zilensky and the King of Finland, Erstveröffentlichungen im „New Yorker“, 1941, und in „The Ballad of the Sad Café“, Houghton Mifflin, Boston 1951; deutsch: „Die Ballade vom traurigen Café“, Diogenes Verlag, Zürich 1961

Dem Leiter der Musikhochschule in Westbridge, Mr Brook, ist es gelungen, die angesehene Komponistin und Pädagogin Madame Zilensky als Dozentin für das Wintersemester zu gewinnen.

Als er sie, ihre drei Kinder sowie die alte finnische Bedienstete am Bahnhof abholt, ist er erstaunt, dass sie nur zwei riesige Schachteln mit Manuskripten mit sich führt. Ihr übriges Gepäck hat sie beim Umsteigen vergessen. Dann fällt ihr noch ein, dass sie auch ihr „Tick-tick-tick – oder wie nennt man es gleich?“ vermisst. Damit meint sie ein Metronom.

Mr Brook hat für die extravagante Dame und deren Kinder Sigmund, Boris und Sammy das Nachbarhaus angemietet. Madame macht keine Anstalten, die Zimmer wohnlich zu gestalten; die Haustür steht Tag und Nacht offen, und sie scheint auch keinen Schlaf zu brauchen, denn die ganze Nacht über brennt Licht im Wohnzimmer. Nicht nur im College entsteht um sie herum außerordentlicher musikalischer Lärm, auch nachts zu Hause arbeitet sie lautstark an ihrer zwölften Sinfonie.

Mr Brook hat es also mit einer exzentrischen und etwas zerstreuten Persönlichkeit zu tun. So steht sie zum Beispiel plötzlich in seinem Büro und verwirrt ihn mit einem Geistesblitz: ihr Metronom könnte sie „bei dem Franzmann gelassen haben, mit dem sie verheiratet war“. Auf Nachfrage von Mr Brook, sie meine wohl einen „Franzosen“, und den Vater ihrer drei Kinder, protestiert sie energisch. Die Rede sei von Sammys Vater. Als Mr Brook sich nach dem Vater der anderen beiden Söhne erkundigt, sagt sie ihm, Boris sei von einem Pikkoloflöte spielenden Polen. Über Sigmunds Vater gibt sie erst nach weiterem Nachhaken die lapidare Auskunft, dass er ein Landsmann von ihr war. Da sich die Kinder untereinander gleichen und ihrer Mutter überhaupt nicht ähnlich sehen, findet Mr Brook die Angelegenheit sehr merkwürdig. Da er schon öfter den Eindruck hatte, Madame Zilensky bei Unwahrheiten und Flunkereien ertappt zu haben, ist er fest davon überzeugt, dass sie eine pathologische Lügnerin ist. Da fällt ihm auch noch eine Bemerkung ein, die ihn in dieser Ansicht bestärkt. Sie hatte gesagt: „Als ich eines Tages vor einer Konditorei stand, kam der König von Finnland in einem Schlitten vorbei.“ Er nimmt sich ein Herz und spricht sie auf diese Aussage an. Sein Einwand, dass es keinen König von Finnland geben könne, da Finnland eine Republik sei, macht sie fassungslos. Sie sei doch in Finnland geboren und finnische Staatsbürgerin. Im Krieg sei sie sogar als Meldebote mit dem Motorrad gefahren! Madame Zilensky scheint sich in ihrer Vaterlandsliebe verletzt zu fühlen. Sie wird totenbleich, sodass sich Mr Brook wie ein Mörder vorkommt. Er kann nur noch stammeln: „Ja. Natürlich. Der König von Finnland. War er nett?“ Völlig verstört sitzt er in seinem Büro und schaut aus dem Fenster. Er sieht seinen Nachbarn, der mit seinem Airedale-Terrier die Straße entlanggeht.

Er hatte es schon hundertmal beobachtet – was kam ihm also daran so sonderbar vor? Dann begriff er mit einer Art kalter Überraschung, dass der alte Hund rückwärts lief. (Seite 26)

Atem vom Himmel

Originaltitel: Breath from the Sky, Erstveröffentlichung in „Redbook Magazine“, 1971, und in „The Mortgaged Heart“, Houghton Mifflin, Boston 1971; deutsch: „Madame Zilensky und der König von Finnland“, Diogenes Verlag, Zürich 1974

Zum ersten Mal darf Constance im Freien sitzen, nachdem sie wegen einer Lungenentzündung lange Zeit im Bett liegen musste. Sie erfreut sich zwar an der Natur, ist aber auch deprimiert, weil sie zusehen muss, wie ihre zwei Geschwister spielen. Als sie dann noch erfährt, dass sie in ein 300 Meilen entferntes Sanatorium gebracht werden soll, um sich dort ohne ihre Familie vollends von ihrer Krankheit zu erholen, fühlt sie sich restlos entmutigt. Ihre Mutter schickt sich an, mit dem Auto wegzufahren und Constance einer Bediensteten zu überlassen. Das Mädchen will ihrer Mutter noch etwas nachrufen, aber ein Hustenanfall macht es ihr unmöglich, auf die lieblose und wohl auch gedankenlose Umgehensweise mit ihr hinzuweisen. Erschöpft schaut sie dem wegfahrenden Auto nach, ohne zu wissen, dass die Mutter soeben vom Arzt erfuhr, wie ernst es um die Kranke steht.

Ihre Hände, die so schlaff und farblos wie Talg waren, sanken auf die heiße Nässe, die ihr die Wangen hinunter rann. Und ohne Atem schwamm sie in eine weite, gnadenlose Bläue hinein, wie die des Himmels. (Seite 48)

Ein häusliches Dilemma

Originaltitel: A Domestic Dilemma, Erstveröffentlichung in „The Ballad of the Sad Café“, Houghton Mifflin, Boston 1951; deutsch: „Die Ballade vom traurigen Café“, Diogenes Verlag, Zürich 1961

Donnerstags, wenn das Dienstmädchen Virgie Ausgang hat, verlässt Martin Meadows sein Büro in Manhattan so früh wie möglich und fährt mit dem Expressbus zu seinem Landhaus am Hudson River.

Die Kinder – der sechsjährige Andy und die kleine Marianne – haben die Christbaumbeleuchtung aus dem Schrank geholt und an die Steckdose angeschlossen, um mit den bunten Lichtern zu spielen, obwohl sie das nicht dürfen, weil es zu gefährlich ist. Die Mutter kümmert sich jedoch nicht darum: Martin findet seine Frau Emily oben in ihrem Zimmer. Sie ist betrunken.

Nun will sie sich um das Abendessen kümmern. Martin, der nicht möchte, dass die Kinder ihre Mutter in diesem Zustand sehen, drängt sie, oben zu bleiben und ihn das machen zu lassen. Aber er kann sie nicht daran hindern, dass sie über die Treppe nach unten taumelt. Andy schreckt vor ihr zurück. Daraufhin schluchzt Emily und beschuldigt ihren Mann, die Kinder gegen sie aufzuhetzen.

Als sie noch in einer Kleinstadt in Alabama lebten, war das anders. Erst seit Martin nach New York versetzt wurde, trinkt Emily. Einmal ließ sie Marianne fallen, und das Baby blutete am Kopf. Am nächsten Morgen schwor Emily zwar, dass sie keinen Alkohol mehr anrühren wolle, aber nach ein paar Wochen fing sie wieder zu trinken an. Trotz der hohen Löhne in New York stellte Martin dann eigens ein zuverlässiges Hausmädchen aus Alabama ein.

Nachdem er Emily wieder in ihr Zimmer gebracht hat, zieht Martin seinem Sohn noch einen wackligen Milchzahn. Sobald die Kinder im Bett sind, verschlingt er eine hastig zusammengestellte Mahlzeit, ohne auf den Geschmack zu achten. Dann geht auch er ins Schlafzimmer. Emily schläft bereits.

Während Martin den ruhigen Schlummer seiner Frau beobachtete, wich die Spukgestalt des alten Zornes. Alle tadelnden und anklagenden Gedanken rückten weit fort. Martin löschte das Badezimmerlicht und öffnete das Fenster. Behutsam, um Emily nicht zu wecken, schlüpfte er in sein Bett. Im Mondschein warf er noch einen letzten Blick auf seine Frau. Seine Hand suchte das nahe Fleisch, und in der unendlichen Vielgestalt der Liebe vermählten sich Kummer und Sehnsucht.

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Das Augenmerk der Erzählungen liegt auf der Problematik persönlicher Beziehungen im privaten Bereich sowie in der Gesellschaft. Selbst in den kurzen Geschichten gewinnen die einfühlsam beobachteten Personen Profil durch die Schilderung ihrer individuellen Eigenarten.

Die Fremden

Ein kürzeres Roadmovie hat man wohl selten gelesen. Wie die beschwerliche Busfahrt und die Unannehmlichkeiten durch aufdringliche Mitreisende den labilen Seelenzustand des Protagonisten zusätzlich belasten, ist mit feinen Beobachtungen einfühlsam geschildert.

Madame Zilensky und der König von Finnland

Vordergründig hat man den Eindruck, bei Madame Zilensky handele es sich um eine zerstreute, exzentrische Künstlerin. Erst bei weiterem Lesen kommt man dahinter, dass es sich bei dieser Frau um eine traumatisierte Person mit einer leidvollen Vergangenheit handelt, die sich nun in einem fremden Land eine neue Zukunft erhofft. Die drei Kinder, die bei ihr sind, sind wahrscheinlich nicht ihre eigenen; sie hat sie möglicherweise aus einer gefährdeten Situation gerettet und auf ihrer Flucht mitgenommen. Der pedantische, stets pflichtbewusste Mr Brook kann die chaotisch handelnde und sich in Widersprüche verwickelnde Frau aus Europa nicht verstehen und schätzt sie deshalb als Lügnerin ein. Er versucht, ihre Handlungsweise mit rationellen Überlegungen zu deuten – genau wie es der Leser tut –, kommt damit aber nicht weiter. Was bei Madame Zilensky der „König von Finnland“ ist, entspricht dem „rückwärtslaufenden Hund“ bei Mr Brook.

Atem vom Himmel

Die deprimierende Geschichte, die man aus der Sicht des todkranken Mädchens erfährt, lässt die Verhaltensweise der Mutter als kalt und herzlos erscheinen. Berücksichtigt man deren Verzweiflung über die schlechte Nachricht des Arztes, ihre Erschöpfung durch die monatelange Krankenpflege und den seelischen Konflikt, sich nicht anmerken zu lassen, wie ernst der Zustand ihrer Tochter ist, kann ihr die von der Kranken als gefühlskalt empfundene Reaktion nachgesehen werden.

Das Blau des Himmels steht zunächst als Symbol der Frische und der Freiheit. Nachdem Constance sich aber ihrer Krankheit, ihrer Verlassenheit und der Aussichtslosigkeit ihrer Situation bewusst wird, empfindet sie den Himmel zunehmend als Bedrohung, als fiebrige grelle, Stichflammen. „Die Luft abwürgend und mordend.“

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene und Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Diogenes Verlag

Carson McCullers (Kurzbiografie)

Carson McCullers: Die Ballade vom traurigen Cafe
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