Carson McCullers : Die Ballade vom traurigen Cafe

Die Ballade vom traurigen Cafe
Originalausgabe: "The Ballad of the Sad Café" Erstveröffentlichung: "Harper's Bazaar", 1943 Buchausgabe: Houghton Mifflin, Boston, 1951 Deutschsprachige Ausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 1961 Übersetzung: Elisabeth Schnack Überarbeitung: 1971
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein bösartiger Mann wird durch die Liebe vorübergehend verwandelt, aber nicht erlöst: In der Hochzeitsnacht verweigert sich die Angebetete. Nach zehn Tagen Ehe gibt er auf und wird nun endgültig zum Verbrecher. Er scheitert an einer gefühlsmäßig verkrüppelten Frau, die sich in ihrer Einsamkeit ausgerechnet in einen buckligen Zwerg verliebt, dessen Bösartigkeit sich erst allmählich zeigt.
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Kritik

"Die Ballade vom traurigen Café" ist eine groteske Dreiecksgeschichte mit Zügen eines Schauermärchens. Die Sätze sind einfach. Aber gerade das trägt zu der dichten Atmosphäre dieser schwermütigen Novelle bei, deren Bann sich der Leser kaum entziehen kann.
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In der Hauptstraße einer Kleinstadt im Süden der USA steht ein unheimliches Haus.

Das Haus sieht völlig verlassen aus. Im ersten Stock ist jedoch ein Fenster nicht mit Brettern vernagelt, und manchmal in den späten Nachmittagsstunden, wenn die Hitze am schlimmsten ist, kommt es vor, dass eine Hand langsam die Läden öffnet und ein Gesicht auf die Stadt niederblickt. Es ist ein Gesicht, wie es einem in Träumen begegnet, von schrecklicher Unbestimmtheit, bleich und geschlechtslos, mit grauen, schielenden Augen, die beide so stechend einwärts gerichtet sind, als tauschten sie untereinander einen langen Blick verschwiegenen Grams aus.

Das Haus gehört Miss Amelia Evans. Sie hat es von ihrem Vater geerbt. Früher war unten ein Laden, in dem sie Futtermittel, Guano, Maismehl, Schnupftabak u.a. verkaufte. Außerdem schenkte sie illegal Schnaps aus, den sie im Sumpf, drei Meilen entfernt, selbst brannte. Obwohl sie reich war – denn sie besaß auch noch eine Baumwollplantage – nutzte sie jede Gelegenheit, andere zu übervorteilen. Und ständig strengte sie irgendwelche Gerichtsverfahren gegen andere Bürger der Stadt an. Kranke behandelte sie allerdings kostenlos mit Heilmitteln, die sie selbst braute und an sich selbst ausprobierte. Aus Männern machte Miss Amelia sich nichts. An Werktagen trug sie einen Overall, am Sonntag ein dunkelrotes Kleid, „das merkwürdig komisch an ihr herunterhing“. Sie war 1,85 m groß und androgyn.

Sie war eine dunkle, hochgewachsene Frau und hatte Muskeln und Knochen wie ein Mann.

Im Frühling des Jahres, in dem sie 30 wurde, tauchte plötzlich ein buckliger Zwerg auf, den manche auf 12, andere auf 40 schätzten. Er behauptete, Lymon Willis zu heißen und mit Miss Amelia verwandt zu sein:

„Meine Mutter war Fanny Jesup, und sie stammte aus Cheehaw. Vor dreißig Jahren, als sie zum ersten Mal geheiratet hat, ist sie aus Cheehaw weggezogen. Ich kann mich noch erinnern, wie sie oft erzählt hat, sie hätte eine Stiefschwester namens Martha. Und in Cheehaw ist mir heute gesagt worden, die Martha wäre Ihre Mutter gewesen. Fanny und Marthy Jesup waren also Stiefschwestern. Und ich bin der Sohn von Fannys drittem Mann, und Sie und ich … wären … also …“

Zur Verblüffung der Umstehenden holte ihn Amelia ins Haus und gab ihm zu essen. Als der Fremde am anderen Morgen das Haus immer noch nicht verlassen hatte, befürchteten die Nachbarn, Miss Amelia habe ihn umgebracht. Merlie Ryan setzte das Gerücht in die Welt: „Ich weiß, was Miss Amelia getan hat. Sie hat den Fremden umgebracht, weil er etwas in seinem Koffer hatte.“

Acht oder zehn Männer lungerten unschlüssig auf der Veranda des Ladens herum, dann traten sie ein, um nach dem Buckligen zu sehen. Der war bester Laune, fand rasch Kontakt zu jedem Einzelnen und unterhielt sie durch ein paar Späße und Kunststücke. Man holte die Bank aus Miss Amelias Büro und ein paar Stühle dazu. So wurde aus dem Laden ein Café, in dem die Leute der Kleinstadt sich trafen. Miss Amelia stellte Tische auf und begann, den Whisky glasweise auszuschenken. Das Café florierte. Der Bucklige verbreitete gute Laune, doch er selbst genoss Krawall und hetzte immer wieder Leute gegeneinander auf, um Unheil zu stiften. Dabei war er wehleidig und hatte Angst, im Dunkeln zu schlafen.

Sechs Jahre nach seiner Ankunft erhielt Henry Macy einen Brief, in dem ihm sein Bruder Marvin mitteilte, er werde auf Bewährung aus dem Zuchthaus entlassen.

Marvin und Henry Macy waren zwei von sieben ungewollten Kindern einer Familie. Die Eltern arbeiteten in der Baumwollspinnerei und kümmerten sich nicht um sie. Der älteste Sohn, der damals acht war, ging nach Cheehaw und kehrte nie zurück. Drei der Geschwister starben. Die beiden jüngsten, Marvin und Henry, kamen bei Mrs. Mary Hale unter. Sie entwickelten sich sehr verschieden: Henry wurde scheu und gutmütig, Marvin dagegen dreist, furchtlos und grausam. Zum Spaß hackte er Eichhörnchen den Schwanz ab.

Schon als junger Bursche hatte er jahrelang das getrocknete und eingepökelte Ohr eines Mannes mit sich herumgetragen, den er im Messerkampf umgebracht hatte.

Marvin Macy wurde Webstuhlmechaniker. Trotz seines bösartigen Charakters fielen immer wieder Mädchen auf den 1,82 m großen, stattlichen Mann herein und wurden von ihm geschändet. Als er 22 war, entschied er sich für die drei Jahre jüngere Amelia, deren Vater seit vielen Monaten tot war. Zwei Jahre lang liebte er sie, ohne sich zu erklären. In dieser Zeit besserte er sich und besuchte sogar den Gottesdienst. Eines Abends brachte er Amelia einen Strauß Sumpfblumen, einen Sack Gekröse, einen silbernen Ring – und hielt um ihre Hand an. Ohne lang zu überlegen, willigte sie ein.

Nach der Trauung ging sie nicht am Arm ihres Mannes, sondern rannte zwei Schritt vor ihm aus der Kirche. Nach dem Abendessen las wie, wie gewohnt, die Zeitung und kümmerte sich um ein Verzeichnis der Vorräte im Laden. Um 23 Uhr nahm sie die Lampe und ging nach oben. Macy folgte ihr. Aber nach weniger als einer halben Stunde kam sie wieder herunter, setzte sich für den Rest der Nacht in die Küche, las im Farmerkalender, trank Kaffee und rauchte die Pfeife ihres Vaters.

Die Geschenke, die Macy ihr am nächsten Morgen kaufte, stellte sie zum Verkauf auf den Ladentisch. Er kam mit einem Rechtsanwalt und überschrieb Amelia den Wald, den er von seinen Ersparnissen gekauft hatte. Doch es änderte sich nichts. Als er ihr betrunken die Hand auf die Schulter legte, schlug sie ihm mit der Faust so heftig ins Gesicht, dass er gegen die Wand taumelte und einen Schneidezahn einbüßte. Daraufhin putzte er ostentativ sein Gewehr, aber Amelia ließ sich nicht einschüchtern: Sie fuhr zum Gericht in Cheehaw, um ihn wegen Hausfriedensbruchs zu verklagen. Zehn Tage nach der Hochzeit verließ er die Stadt.

Macy vergaß die guten Vorsätze und wurde endgültig zum Verbrecher: Er raubte drei Tankstellen aus und überfiel ein Warenhaus. Schließlich wurde er zu einer Zuchthausstrafe verurteilt.

Die Liebe ist erstens einmal ein gemeinsames Erlebnis zweier Menschen; die Tatsache jedoch, dass es ein gemeinsames Erlebnis ist, bedeutet noch nicht, dass es für die beiden Beteiligten ein ähnliches Erlebnis ist. Es geht immer um den Liebenden und den Geliebten – doch stammen die beiden aus verschiedenen Landen. Oftmals löst der Geliebte nur all die aufgespeicherte Liebe aus, die bis dahin so lange im Liebenden geschlummert hat. Und irgendwie ahnt das auch jeder Liebende. Er fühlt es in seinem Herzen, dass seine Liebe ihn vereinsamt. Er erlebt eine neue, seltsame Einsamkeit, und er leidet unter dieser Erfahrung.

Marvin Macy kam als Anhalter auf einem Lastwagen. Vor dem Café sprang er ab. Amelia war gerade nicht da, aber der Bucklige erspähte ihn und folgte ihm neugierig.

Seit der Bucklige zum erstenmal Marvin Macy erblickt hatte, war er von einem unnatürlichen Geist besessen.

Macy nistete sich wieder bei Mary Hale ein. Wenn es Essen gab, stieß er ihre Kinder wortlos beiseite und häufte sich den Teller voll, obwohl es kaum für alle reichte. Sonntags zog er stets ein rotes Hemd an.

Seit der Rückkehr des Galgenvogels trug Amelia ihr rotes Kleid auch an Werktagen.

Obwohl Macy den Buckligen immer wieder wegstieß und demütigte, lief dieser ihm wie ein geprügelter Hund nach. Eines Tages kam er mit Macy ins Café. Der hatte seinen metallenen Koffer und seine Gitarre bei sich, und Amelia glaubte schon, er würde wieder abreisen. Aber Lymon Willis erklärte ihr: „Marvin Macy bleibt ein Weilchen bei uns zu Besuch.“

Am nächsten Morgen schnitt Amelia den Sandsack ab, mit dem sie seit einiger Zeit trainiert hatte. Marvin rieb sich den nackten Oberkörper mit Schweinefett ein. Ein Habicht mit blutroter Brust flog über der Stadt. Man holte die Tische aus dem Café und stellte sie auf die Veranda, damit Platz genug war für den Kampf. Es wurde ein harter Schlagabtausch. Amelia und Marvin bluteten und waren benommen, doch am Ende erwies Amelia sich als die Stärkere. Zentimeter um Zentimeter drückte sie ihren Gegner auf den Boden.

Doch im gleichen Augenblick, gerade als der Sieg errungen war, ertönte im Café ein Schrei, der jedermann einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Was eigentlich geschah, ist bis auf den heutigen Tag ein Rätsel geblieben. Die ganze Stadt war anwesend und Zeuge, und doch waren einige darunter, die ihren eigenen Augen nicht trauen wollten. Denn die Theke, auf der Vetter Lymon gestanden hatte, war ja mindestens drei Meter von der Mitte des Cafés und von den Kämpfenden entfernt. Im Augenblick jedoch, als Miss Amelia ihre Finger um Marvin Macys Kehle legte, sprang der Bucklige los und segelte wie auf Habichtsflügeln durch die Luft. Er landete auf Miss Amelias breitem, starkem Rücken und verkrallte sich mit seinen kleinen Klauen in ihrem Hals.

Macy stand auf und schlug Amelia bewusstlos. Jemand goss ihr einen Eimer Wasser über den Kopf, damit sie wieder zu sich kam. Weinend zog sie sich in ihr Büro zurück. Marvin Macy und der Bucklige verwüsteten ihr Haus und verließen vor Tagesanbruch die Stadt.

Drei Jahre lang wartete Amelia auf die Rückkehr des Buckligen. Sie wurde wunderlich und prophezeite der Hälfte ihrer Patienten, sie würden sterben, und der anderen Hälfte empfahl sie so qualvolle Heilkuren, dass niemand sie in Betracht zog. Im vierten Jahr bestellte Miss Amelia einen Zimmermann und ließ die Fensterläden vernageln. Seither blieb sie in ihrer abgedunkelten Wohnung.

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Die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers (1917 – 1967) beschäftigte sich immer wieder mit dem tragischen Schicksal kontaktarmer Außenseiter, die vergeblich nach Liebe und Selbstverwirklichung suchen, nicht fähig zur Kommunikation sind und ihre Isolation nicht überwinden können. So auch in „Die Ballade vom traurigen Café“, einer grotesken Dreiecksgeschichte mit Zügen eines Schauermärchens.

Es geht um einen bösartigen Mann, der sich durch die Liebe vorübergehend bessert, aber nicht erlöst wird: In der Hochzeitsnacht verweigert sich die Angebetete. Nach zehn Tagen Ehe gibt er auf und wird nun endgültig zum Verbrecher. Er scheitert an einer gefühlsmäßig verkrüppelten Frau, die sich in ihrer Einsamkeit ausgerechnet in einen buckligen Zwerg verliebt, dessen Bösartigkeit sich erst allmählich zeigt.

Die Sätze sind einfach. Aber gerade das trägt zu der dichten Atmosphäre dieser schwermütigen Novelle bei, deren Bann sich der Leser kaum entziehen kann. Die poetische Wirkung beruht mehr auf mythischen Beschwörungen und tiefenpsychologischen Assoziationen als auf einer intellektuellen „Botschaft“.

Simon Callow verfilmte die Novelle 1991 mit Vanessa Redgrave in der Hauptrolle: „Die Ballade vom traurigen Café“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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