Jon McGregor : So oder so

So oder so

Jon McGregor

So oder so

Originalausgabe: So Many Ways to Begin Bloomsbury, London 2006 So oder so Übersetzung: Anke Caroline Burger Klett-Cotta, Stuttgart 2007 ISBN 987-3-608-93767-1, 396 Seiten, 22.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Seit der Kindheit sammelt David Erinnerungsstücke. Auf diese Weise, hofft er, die Vergangenheit bewahren zu können. Er wird denn auch Kurator in einem Museum. Als David erfährt, dass er nicht der leibliche Sohn der Eltern ist, die ihn aufgezogen haben, begibt er sich auf die Suche nach seiner Mutter. Darunter leidet seine depressive Ehefrau Eleanor, die sich mit ihrer verbitterten Mutter überwarf und nichts mehr von ihrer Familie wissen will ...
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Kritik

Jon McGregor reiht in seinem Roman "So oder so" mehr als 62 Episoden aneinander und springt dabei auch in der Chronologie hin und her. Aus den einzelnen Begebenheiten kann der Leser die Geschichte zusammensetzen, etwa so, wie sich historische Ereignisse aus Artefakten und Aufzeichnungen rekonstruieren lassen.
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Während des Zweiten Weltkriegs wurde die dreizehnjährige Irin Mary Friel von ihrem Vater nach London geschickt, wo sie bei einer Familie als Hausangestellte anfing. Als der Hausherr sie nach gut einem Jahr geschwängert hatte, verbarg sie ihren Zustand unter losen Kleidern und arbeitete weiter, bis sie die Wehen nicht mehr aushielt. Dann fuhr sie mit dem Bus ins Krankenhaus, wo sie behauptete, aus einem Dorf bei Galway zu stammen und Bridget Kirwan zu heißen. Das Neugeborene, ein Junge, wurde ihr unmittelbar nach der Geburt weggenommen. Sie sah ihren Sohn nicht wieder. – Einige Monate später heiratete Mary in Irland einen Mann namens Michael Carr. Sie bekam noch vier weitere Kinder.

In Davids in London ausgestellter Geburtsurkunde vom 17. März 1945 steht, dass Albert und Dorothy Carter seine Eltern sind. Seine Schwester Susan ist fünf Jahre älter als er. Zur Familie gehört gewissermaßen auch Julia Pearson, die bereits auf der Schwesternschule Dorothys beste Freundin war und von den Kindern „Tante“ genannt wird. Julia hatte einen Major namens William Pearson geheiratet, wenige Tage bevor er im September 1939 in den Krieg gezogen war. Im November teilte sie ihm in einem Telegramm mit, dass sie schwanger war. Im April 1940 erhielt sie die Nachricht von seinem Tod in Dünkirchen. Gleich darauf kam sie mit ihrem Sohn Laurence nieder.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Albert Carter mit seiner Familie nach Coventry. Dort starb er 1947 im Alter von einundfünfzig Jahren. David, der seit seiner Kindheit Erinnerungsstücke sammelt, fing 1964 als Konservatorenhilfsassistent im Museum von Conventry an.

Tante Julia muss schließlich wegen ihrer Altersdemenz in ein Pflegeheim gebracht werden, aber Dorothy, David und Susan besuchen sie häufig – ganz im Gegensatz zu Laurence, der inzwischen als britischer Offizier in Deutschland stationiert ist und nur selten bei seiner Mutter vorbeischaut. Während eines Besuches von Dorothy und David plappert Tante Julia unvermittelt von der Zeit, als sie und Dorothy als Krankenschwestern im Royal London Hospital in Whitechapel gearbeitet hatten. Durch die Erinnerungen der Demenzkranken erfährt David, dass Dorothy nicht seine leibliche Mutter ist. Auf dem Heimweg gesteht ihm Dorothy, was damals geschehen war. Mary, ein vielleicht fünfzehn Jahre altes irisches Mädchen, hatte einen Sohn geboren. Sie erzählte Julia, sie stamme aus Donegal und sei zwei Jahre lang im Haushalt einer Familie in London beschäftigt gewesen. Die Schwangerschaft habe sie verheimlicht. Da Mary mit dem unehelichen Kind weder arbeiten noch zu ihren Eltern zurückkehren hätte können, nahm Dorothy den kleinen Jungen auf und gab ihn als ihr eigenes Kind aus. Albert hatte zufällig zur passenden Zeit Heimaturlaub gehabt und hielt David bis an sein Lebensende für seinen Sohn.

Aus Tante Julia bekommt David keine weiteren Informationen heraus. Er versucht es im Archiv des Royal London Hospitals in Whitechapel, findet jedoch keine brauchbaren Hinweise.

1966 hatte David bei einem Besuch im Museum von Aberdeen die drei Jahre jüngere Eleanor Campbell kennen gelernt, die als Aushilfe in der Cafeteria des Museums beschäftigt gewesen war. Sie verliebten sich. Gegen den Willen von Eleanors Eltern heiraten sie im Oktober 1968. Dass Dorothy nicht seine leibliche Mutter ist, offenbart David seiner Frau erst etliche Monate später.

Eleanor (*1948) ist das jüngste Kind von Stewart Campbell (1900 – 1981) und dessen Ehefrau Ivy Elaine, einer geborenen Munro (1910 – 2000). Sie hat vier ältere Brüder – Hamish (*1931), Donald (*1932), William (*1933), John (*1936) und eine Schwester: Tessa (*1938). Tessa war mit achtzehn von der Mutter aus dem Haus geworfen worden, weil sie sich mit einem Mann eingelassen hatte. Sechs Jahre später überraschte Ivy ihre damals vierzehnjährige Tochter Eleanor mit deren beiden Freundinnen Ruth und Heather beim Rauchen. Sie ohrfeigte Eleanor in der Öffentlichkeit, stieß sie nach Hause, verprügelte sie und schlug mit den Fäusten auf sie ein.

Seit Eleanor ihr Elternhaus 1968 verließ, will sie von ihrer Familie nichts mehr wissen.

Die Eltern hatten ihr nicht erlaubt, Geologie in Edinburgh zu studieren. Nun möchte sich Eleanor in Coventry immatrikulieren, aber bei ihrem Eintreffen ist die Einschreibefrist für 1968 bereits abgelaufen, und man vertröstet sie aufs nächste Jahr. 1969 wird der Studiengang jedoch aus Mangel an Bewerbungen abgesagt.

Ihr Leben verlief nicht so, wie sie sich das vorgestellt hatten. Es war nicht das, was sie geplant hatten. Sie hatte Geologie studieren wollen, einen Abschluss machen, sich eine Stelle suchen, vielleicht auch nach Aberdeen zurückkehren und allen zeigen wollen, was sie aus sich gemacht hatte, ihnen zeigen, warum sie weggegangen war, und sie würden dann sagen tja, es hat sich wohl gelohnt. Die Verzögerungen bei der Bewerbung, die Finanzierungsschwierigkeiten, die Abschaffung des Studiengangs – das war alles nicht Teil des Plans gewesen. Die unglücklich machenden, wenig ausfüllenden Jobs, die sie nicht aushalten konnte, waren nicht Teil des Plans gewesen. (Seite 205)

Schließlich besorgt Susan ihrer Schwägerin eine Stelle in der Kantine der Stadtverwaltung.

1976 wird Eleanor von einer Tochter entbunden, die den Namen Kate erhält.

Sie leidet immer stärker unter Depressionen und verlässt das Haus kaum noch allein.

David reist 1979 nach Irland, aber weder in Donegal, noch in Kilrean, Ballybofey, Raphoe, Kilross oder Kerrykeel kann ihm jemand bei der Suche nach seiner Mutter helfen.

Im Museum arbeitet David eng mit der sechs oder sieben Jahre jüngeren Assistenzkuratorin Anna Richards zusammen, die mit dem Fließbandarbeiter Chris verheiratet ist. 1983 besucht David sie an einem Sonntag, während ihr Mann nicht da ist. Augenscheinlich will sie mit ihm ins Bett, doch obwohl er deshalb gekommen ist und sie begehrt, besinnt er sich im letzten Augenblick und kehrt nach Hause zurück. Kurz danach schlägt ihn Chris Richards krankenhausreif. David wagt es nicht, Eleanor die Wahrheit zu sagen; stattdessen behauptet er, von einem unbekannten Betrunkenen überfallen worden zu sein. Aber Eleanor ahnt, dass er ihr etwas verschweigt.

Nach seiner Genesung geht er Anna aus dem Weg. Ihre Arbeitsbeziehung wird noch stärker belastet, als Anna sich erfolgreich um die Nachfolge des Chefkurators Malcolm Newbold bewirbt und David damit aussticht.

1986 wird David – angeblich aufgrund von Umstrukturierungen – entlassen. Von seiner Abfindung kauft er sich einen Videorecorder und eine Kamera, damit er später Aufnahmen von seiner Tochter hat. Den Lebensunterhalt für die Familie verdient er mit Gelegenheitsjobs.

1994 macht Kate ihren Schulabschluss und schreibt sich an der Universität ein. Fünf Jahre nachdem sie zu Hause ausgezogen ist, hat David eine befristete Stelle im Stadtarchiv, und Eleanor arbeitet halbtags in der Kantine der Stadtverwaltung.

Als David von seinem Schwager Donald, mit dem er sporadisch telefoniert, vom Tod seiner Schwiegermutter Ivy am 23. April 2000 erfährt, teilt er es Eleanor mit, aber sie weigert sich, ihrer Mutter die letzte Ehre zu erweisen. Also fährt David allein zur Beerdigung nach Aberdeen.

Kate hatte ihm vor ein paar Monaten erklärt, wie man einen Computer benutzt, im Internet surft und Suchmaschinen befragt. David suchte im WWW nach seiner Mutter. Einen Monat vor Ivys Tod erhielt er eine E-Mail aus Irland: Sarah Carr teilte ihm mit, ihre Mutter Mary, eine geborene Friel, habe 1945 in London ihren neugeborenen Jungen weggeben müssen.

Eleanor begleitet David, als er im Juni 2000 eine Fähre nach Irland nimmt. Sie fahren nach Letterkenny und treffen sich dort mit Mary und Sarah Carr. David zeigt Mary Fotos aus seiner Kindheit, aber sie starrt auf die Aufnahme-Karteikarte des Royal London Hospital in Whitechapel, die in Julias Nachlass gefunden worden war. Es ist nicht die ihre.

Die Besucher verabschieden sich und reisen zurück nach Coventry. David gibt die Suche nach seiner leiblichen Mutter auf, und Eleanor erholt sich von ihren Depressionen. Sie schlafen wieder regelmäßig miteinander, auch wenn es inzwischen etwas länger dauert, bis sie zum Orgasmus kommen.

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Jon McGregor erzählt in seinem Roman „So oder so“ keine Handlung aus einem Guss, sondern reiht mehr als 62 Episoden aneinander und springt dabei auch in der Chronologie hin und her. Jeder Abschnitt trägt im Titel die Bezeichnung eines Erinnerungsstücks, z. B.: „Handgeschriebene Liste mit Haushaltsgeräten, ca. 1947“, „Ansichtskarte, John-Lewis-Werft, Aberdeen, ca. 1967“, „Ein paar Kinderfäustlinge, gestreift, ca. 1983“. Aus den einzelnen Begebenheiten kann der Leser die Geschichte zusammensetzen, etwa so, wie sich historische Ereignisse aus Artefakten und Aufzeichnungen rekonstruieren lassen. Beim Protagonisten handelt es sich denn auch um einen Museumskurator. Diese Darstellungsweise, die an einen Kinofilm denken lässt, geht allerdings zu Lasten der Dramaturgie, weil sich auf diese Weise kein Spannungsbogen aufbauen lässt. Für hastige Leser, die gern mitgerissen werden wollen, ist „So oder so“ weniger geeignet; empfehlenswert ist die Lektüre für Literaturliebhaber, die sich Zeit nehmen und Freude daran haben, das Puzzle zusammenzusetzen.

Jon McGregor (* 1976) debütierte 2001 mit dem Roman „Nach dem Regen“ („If Nobody Speaks of Remarkable Things“). „So oder so“ („So Many Ways to Begin“) ist sein zweiter Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolge GmbH

Alan Isler - Goetzens Bilder
"Goetzens Bilder" ist eine aberwitzige und recht unterhaltsame Satire von Alan Isler. Der Aufbau – ein Wechsel zwischen chronologischer Handlung und Erinnerungen – ist gelungen, und Alan Isler lässt auch keinen Handlungsfaden fallen.
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