Saskia Hennig von Lange : Hier beginnt der Wald

Hier beginnt der Wald
Hier beginnt der Wald Originalausgabe: Verlag Jung und Jung, Salzburg/Wien 2018 ISBN: 978-3-99027-216-9-, 149 Seiten ISBN: 978-3-99027-161-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein einsamer LKW-Fahrer ist auf der Flucht vor seinem noch ungeborenen Kind. Dass seine Frau schwanger ist, hat ihn verstört. Er will kein Kind. Immer wieder erinnert er sich an seine Mutter und Szenen aus der Kindheit. Das Leben verwirrt und überfordert ihn. Nach einem Sturz auf einem Rastplatz und einem Verkehrsunfall driftet seine Wahrnehmung immer weiter von der Realität weg. Im Wald glaubt er, einen Jungen retten zu müssen, aber vielleicht findet das alles nur in seiner Vorstellung statt ...
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Kritik

Mit ungewöhnlicher Nähe und Genauigkeit folgt Saskia Hennig von Lange in ihrem Roman "Hier beginnt der Wald" der Wahrnehmung des verstörten Protagonisten, seinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Das ist große, eindrucksvolle Literatur.
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Flucht

Ein LKW-Fahrer ist im Auftrag einer Speditionsfirma mit Umzugsgut unterwegs. Zugleich entfernt er sich dadurch von seiner schwangeren Frau. Er will kein Kind.

Denn eigentlich fahre ich ja nur, damit ich fahren kann, denkt er, damit ich von dir wegkomme. Nur deshalb hat er diesen Job angenommen, nachdem er so lange keinen mehr hatte. […] Damit ich wegkomme von dir und von dem, was du in dir hast, denkt er. Dieses Kind war ganz und gar ihre Idee.

Denn er wird nicht zurückkommen. Er will dieses Kind nicht und will sich selbst nicht wiedererkennen in ihm.

Als er zur Rast auf einen Parkplatz fährt und sich trotz des Regens auf eine Leitplanke setzt, rutscht er weg und schlägt mit dem Hinterkopf auf. Jemand kommt zu ihm und fragt, ob alles in Ordnung sei. Er stößt den Fremden um, klettert ins Führerhaus seines Lastwagens und fährt weiter.

Kurz darauf gerät er in einen Auffahrunfall. Der Airbag knallt ihm ins Gesicht. Er bleibt sitzen. Blaulichter blinken. Ein Sanitäter klopft an die Seitenscheibe, öffnet die Tür, fühlt seinen Puls. Der Fahrer steigt aus, geht zu Fuß zurück, am Stau entlang. Ein Arzt oder Sanitäter ruft zwei Männer mit einer Trage. Widerstandslos legt er sich darauf und lässt sich in ein Krankenhaus bringen. Es dauert lang, bis eine Ärztin die Platzwunde an seiner Stirn näht.

Nachdem er herausgefunden hat, in welcher Werkstatt der LKW steht, holt er ihn ab, obwohl noch nichts repariert wurde.

Wald

Um die heraushängenden Airbags abschneiden zu können, benötigt er ein Messer. Das besorgt er sich in einem Kaufhaus. In einer Umkleidekabine zieht er sich nackt aus. Eine Verkäuferin ruft den Sicherheitsdienst. Er springt auf und rennt ohne Schuhe und Kleidung davon.

Hier oben, in seinem Fahrerhaus, kann ihn keiner sehen, und das ist gut so. Kein Hemd, keine Hose, nichts. Auch seine Schuhe sind weg.

Er verlässt die Stadt. Dann fährt er den Laster ein Stück weit in einen Wald hinein und trennt mit dem Taschenmesser die Airbags ab. Weil er friert, sucht er in den Umzugskartons auf der Ladefläche nach etwas zum Anziehen. Er findet nur Frauensachen, schlüpft schließlich in einen Pullover, eine Skihose und Gummistiefel. Auch eine Pelzjacke kann er gebrauchen. Damit die abgeladenen Kartons auf dem Waldboden nicht feucht werden, hievt er sie wieder zurück in den Laderaum.

Mit seinem Handy ruft er die Spedition an und teilt mit, dass er in einen Verkehrsunfall geraten und kurz im Krankenhaus gewesen sei. Deshalb werde sich seine Ankunft am Bestimmungsort verzögern. Die Angestellte notiert es und verspricht, der Kundin Bescheid zu geben.

Erinnerungsfotos

Er geht zu einer nahen Siedlung. Die ersten Häuser stehen hinter hohen Mauern, aber dann entdeckt er einen leicht zu überkletternden Jägerzaun. Wie erhofft, findet er an der Außenwand des Hauses einen Wasserhahn. Er kniet sich hin, trinkt und hält den Kopf unter das Wasser. Bevor er den Garten verlässt und in den Wald zurückkehrt, pflückt er noch ein paar Äpfel.

Als er nach Kleidung suchte, fiel ihm eine Kiste mit Fotoalben auf. Die holt er nun ins Führerhaus. Blut tropft auf die Bilder: die Verletzung an der Stirn muss aufgeplatzt sein.

Das Album liegt in seinem Schoß. Da ist überall Blut. Auf den Fotos, auf dem Seidenpapier. Alles ist verschmiert und verdorben.

Er zerrt an dem Karton. Der reißt.

Der Karton ist endgültig hinüber, den kann man nur noch wegschmeißen. Aber das ist egal, so einen Karton kann man leicht ersetzen. Mit den Alben ist das etwas anderes. Die gehören jemandem, und die zeigen etwas, das schon längst verschwunden ist. Was man nicht wieder herbeischaffen kann. Man kann nicht einfach in den Laden gehen und neue kaufen, denkt er, und irgendwelche Bilder einkleben […]

Der Junge

Ein Jäger geht mit seinem Hund vorbei.

[…] ich verschwinde, denkt er. Er ist gar nicht da, hier kann ihn keiner finden. Hier liegen nur ein paar Sachen, die ihm nicht gehören. Das bin gar nicht ich, der hier liegt. Hier liegt jemand anders, hier liegt einer, den ich nicht kenne, sagt er sich. Hier liegt niemand.

Später glaubt er, einen im Wald spielenden Jungen aus der Siedlung vor dem Jäger retten zu müssen. Er trägt ihn zum Lastwagen, hebt ihn in den Laderaum und legt ihm eine Decke um die Schultern. Aus einer Garage in der Siedlung stiehlt er Einweckgläser mit Obst für sich und den Jungen.

Sie schleppen Vorräte, Decken und eine Matratze zu einem Bunker im Waldboden.

[…] er muss noch einmal zum Laster, er hat etwas vergessen, die Fotoalben. Die sind ihm eingefallen auf dem Weg, die will er da nicht liegen lassen, im Fußraum des Beifahrersitzes, so dass sie jeder sehen kann, der zufällig hereinschaut. Und er muss ja auch den Schlüssel dalassen, den kann er ja nicht behalten.

Während sie gemeinsam eines der Fotoalben anschauen, erzählt er dem Jungen von angeblichen Erlebnissen.

Die beiden vertreten sich die Beine, als plötzlich Rufe und Hundegebell zu hören sind. Da wirft er sich den Jungen über die Schulter, rennt zum Bunker zurück und schiebt ihn durch den Eingang. Breitbeinig bleibt er im Freien stehen. Polizisten in Uniform und Männer mit Warnwesten tauchen auf. Ein Polizist nähert sich. Unbemerkt öffnet der Umstellte das Taschenmesser. Die Klinge drückt er dem Polizisten an die Kehle. Er will ihn nicht verletzen. Es geht ihm nur darum, zu dem Jungen in den Bunker zu kommen.

Von innen schiebt er einen Riegel vor.

Er zündet eines der Fotos an.

Die Mutter des Kindes ist von draußen zu hören: „Geben Sie unseren Jungen her, er hat Ihnen nichts getan.“ Der Junge hört es und erklärt dem Mann: „Ich muss los. Meine Eltern sind da draußen.“

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Ein einsamer Mann, dessen Namen wir nicht erfahren, ist auf der Flucht vor seinem noch ungeborenen Kind. Dass seine Frau schwanger ist, hat ihn verstört. Er will kein Kind.

Was für ein Mensch soll das werden, der an einer Stelle wächst, wo vorher schon kein Platz war?

Immer wieder erinnert er sich an seine Mutter und Szenen aus der Kindheit. Das Leben verwirrt und überfordert ihn. Nach einem Sturz auf einem Rastplatz und einem Verkehrsunfall driftet seine Wahrnehmung immer weiter von der Realität weg. Er glaubt, einen Jungen retten zu müssen, aber vielleicht findet das alles nur in seiner Vorstellung statt.

War er nicht die ganze Zeit allein? Hat nur die Angst um den Jungen ihn so durcheinandergebracht? Und die Müdigkeit und der Durst? So dass er jemanden gesehen hat, wo gar keiner war.

Er […]kann nicht weiter im Wald herumsitzen und an Dinge denken, sich Dinge vorstellen, die es überhaupt nicht gibt.

Und weiß ja auch, dass das alles nur in seinem Kopf ist.

Saskia Hennig von Lange versetzt sich gewissermaßen in den Kopf des Protagonisten und entwickelt das Geschehen konsequent aus dessen Perspektive. Mit ungewöhnlicher Nähe und Genauigkeit folgt sie in ihrem Roman „Hier beginnt der Wald“ der Wahrnehmung des Mannes, seinen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Saskia Hennig von Lange schreibt im Präsens und in der dritten Person und baut immer wieder innere Monolog ein.

Trotz oder gerade wegen der radikalen Konzentration weist „Hier beginnt der Wald“ eine dichte Atmosphäre auf, in der die Einsamkeit, Isolation und Verrücktheit des Mannes für die Leserin bzw. den Leser intensiv erlebbar werden. Saskia Hennig von Lange beweist mit „Hier beginnt der Wald“ auch ein sicheres Sprach- und Rhythmusgefühl.

Das ist große, eindrucksvolle Literatur.

Saskia Hennig von Lange (*1976) studierte in Gießen Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften. 2013 veröffentlichte sie die Novelle „Alles, was draußen ist“. Im Jahr darauf folgte der Roman „Zurück zum Feuer“. „Hier beginnt der Wald“ (2018) ist ihr drittes Buch. Alle drei Bücher wurden vom Verlag Jung und Jung herausgebracht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Verlag Jung und Jung

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