Die Klassenfahrt

Die Klassenfahrt

Die Klassenfahrt

Die Klassenfahrt - Originaltitel: La classe de neige - Regie: Claude Miller - Drehbuch: Emmanuel Carrère und Claude Miller, nach dem Roman "Schneetreiben" von Emmanuel Carrère - Kamera: Guillaume Schiffman - Schnitt: Anne Lafarge - Musik: Henri Texier - Darsteller: Clément van den Bergh, Lokman Nalcakan, François Roy, Yves Verhoeven, Emmanuelle Bercot, Tina Sportolaro, Yves Jacques, Chantal Banlier, Benoît Herlin, Julien Le Mouel, Tom Jacon u.a. - 1998; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Als die Schulklasse des zwölfjährigen Nicolas für eine Woche in die Berge fährt, lässt sein übermäßig besorgter Vater ihn nicht im Bus mit den anderen anreisen, sondern besteht darauf, ihn selbst mit dem Auto hinzubringen, obwohl er ihn damit immer mehr zum Außenseiter macht. Nicolas setzt die ständigen Ermahnungen seines Vaters in Gewaltfantasien um. Dann erfährt er, dass tatsächlich ein Kind vermisst wird ...
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Kritik

"Die Klassenfahrt" ist ein ruhiger, beklemmender, einfühlsam aus der Sicht eines introvertierten Zwölfjährigen erzählter Film, in dem geschickt zwischen den Zeit- und Realitätsebenen gewechselt wird.
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Als die Schulklasse ihres zwölfjährigen Sohnes Nicolas (Clément van den Bergh) für eine Woche zum Skilaufen in die Berge fährt, machen sich seine Eltern (François Roy, Tina Sportolaro) Sorgen, denn erst kürzlich verunglückte ein Omnibus mit Kindern. Nicolas‘ Vater besteht darauf, seinen abgöttisch geliebten Sohn selbst mit dem Auto hinzubringen, statt ihn zusammen mit den anderen im Bus fahren zu lassen, obwohl Nicolas dadurch immer mehr zum Außenseiter wird und das Ziel der Klassenfahrt 200 Kilometer entfernt ist. Da er sein Geld als Handelsvertreter verdient, sei er es gewohnt, lange Strecken zu fahren, sagt er. Am Zielort vergessen Nicolas und sein Vater, das Gepäck aus dem Kofferraum zu nehmen, und Nicolas muss sich von seinem Mitschüler Hodkann (Lokman Nalcakan) einen Schlafanzug leihen.

Weil Nicolas Bettnässer ist und seine Gummimatte im Auto seines Vaters vergaß, versucht er, in dieser Nacht nicht zu schlafen, aber das gelingt ihm nicht. Er träumt, wie sein Vater noch einmal zum Schullandheim kommt, um ihm die Reisetasche zu bringen. Während er sie ins Gebäude trägt, schleicht sich Hodkann zu dem offenen Kofferraum, um neugierig nach Prothesen zu schauen, denn Nicolas hatte ihm erzählt, sein Vater sei damit als Handelsvertreter unterwegs. Gerade als Nicolas‘ Vater den Jungen am Kofferraum überrascht, wird er erschossen, und vom Wald her kommt eine Gruppe Männer mit automatischen Waffen, die unter den Kindern und Lehrern im Schullandheim ein Blutbad anrichten.

Am nächsten Tag ruft die Lehrerin Grimm (Emmanuelle Bercot) Nicolas‘ Mutter wegen des fehlenden Gepäcks an, aber die hat oft tagelang keinen Kontakt zu ihrem Mann und kann ihn auch jetzt nicht nach der Reisetasche fragen. Während die beiden Frauen telefonieren, glaubt Nicolas im Fernsehen zu sehen, wie sein Vater bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kommt. Der Lehrer Patrick (Yves Verhoeven) fährt mit Nicolas zum nächsten Ort und kauft Wäsche und Kleidung für ihn. Während der Fahrt erzählt Nicolas, seine Lieblingslektüre sei das Märchen „Die kleine Meerjungfrau“.

Nicolas träumt, dass seine Eltern drei Wünsche frei haben. Ohne lang nachzudenken, wünscht seine Mutter sich eine Million und wird von ihrem Mann getadelt, weil sie nicht „eine Milliarde“ sagte. Im nächsten Augenblick klingelt der Besitzer einer Wurstfabrik und teil ihnen mit, dass Nicolas in eine Maschine geriet und zerstückelt wurde. Als Wiedergutmachung bringt er einen Scheck über eine Million mit. Verzweifelt wünscht die Mutter sich ihren Sohn zurück. Es klingelt erneut. Diesmal liegen Nicolas‘ Kopf und zuckende Stücke seines Körpers vor der Tür; eine abgetrennte Hand läuft in die Wohnung. Erschrocken zertritt der Vater sie und wünscht sich den Tod seines Sohnes.

Ein anderes Mal träumt Nicolas von einem Besuch mit seinem Vater und seinem kleinen Bruder Tom (Tom Jacon) auf einem Rummelplatz. Da waren sie ein halbes Jahr vor der Klassenfahrt. Er wollte mit der Achterbahn fahren, aber das wäre nur in Begleitung eines Erwachsenen erlaubt gewesen, und sein Vater wollte Tom nicht unbeaufsichtigt lassen und auch nicht einem Fremden anvertrauen, der sich bereit erklärte, auf das Kind aufzupassen. Anschließend erklärte der Vater den Grund: Unlängst sei ein Kind auf einem Rummelplatz entführt worden und man habe ihm eine Niere herausoperiert. Im Traum fährt Nicolas nun doch mit seinem Vater in der Achterbahn, und der Fremde, der auf Tom aufpassen sollte, geht mit dem kleinen Jungen fort zu einem zwischen den Kirmesbuden geparkten Krankenwagen.

Es schneit. Nicolas schaut nachts hinaus und achtet nicht auf die Haustür, die hinter ihm zufällt. Er kriecht in Patricks „2 CV“ und hüllt sich in Decken ein. Wieder beginnt er zu träumen und sieht, wie der Lehrer seinen leblosen Körper aus dem Auto holt und in einen Sarg legt. Auf dem Weg zum Friedhof kommt Nicolas wieder zu sich, klopft und schreit, um auf sich aufmerksam zu machen, aber die Sargträger gehen unbeirrt weiter.

Tatsächlich wird Nicolas am nächsten Morgen in Patricks Wagen gefunden. Er ist zwar nicht erfroren, aber er hat sich erkältet und muss in einer warmen Gaststätte warten, bis die anderen vom Skifahren zurückkommen. Zwei Polizisten (Loïc Pichon, Thierry Redler) bringen ein Plakat mit dem Foto eines seit zwei Tagen vermissten Jungen namens René vorbei.

Nicolas erzählt Hodkann von dem vermissten Jungen. Er nehme an, sagt er, dieser René sei ebenso wie sein eigener kleiner Bruder Tom den Organhändlern in die Hände gefallen. Sein Vater bekämpfe sie aber und tarne sich nur als Handelsvertreter, weil er deshalb in Gefahr sei.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Am nächsten Tag wird die Leiche des vermissten Jungen gefunden. Die Polizei, die in dem Mordfall ermittelt, fragt auch im Schullandheim nach einem grauen Renault. Hodkann läuft dem Streifenwagen nach und meldet den Beamten, dass Nicolas‘ Vater mit so einem Fahrzeug hier war.

Frau Grimm erhält einen Anruf, und Nicolas erkennt durch die Milchglasscheibe des Büros an ihren Gesten, dass es sich um eine schreckliche Mitteilung handelt. Am nächsten Morgen fährt Patrick ihn vorzeitig nach Hause. An einer Raststätte sieht Nicolas im Fernsehen einen Bericht über den Kindermörder und sieht, wie sein Vater abgeführt wird.

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Ein introvertierter Zwölfjähriger setzt die ständigen Ermahnungen seines ebenso besorgten wie dominanten Vaters, der ihn durch seine übertriebene Fürsorge zum Außenseiter gemacht hat, in Gewaltfantasien um. Einfühlsam aus der Sicht des Jungen erzählen Claude Miller und Emmanuel Carrère die schreckliche Geschichte, und sie wechseln dabei sehr geschickt zwischen den Zeit- und Realitätsebenen. „Die Klassenfahrt“ ist ein ruhiger, beklemmender Film, in dem es um die krankhafte Liebe eines Vaters geht, durch die er seinen Sohn in eine Außenseiterrolle drängt. Seine übersteigerte Sorge um den Jungen – das begreifen wir am Ende – ist darauf zurückzuführen, dass er selbst pädophil ist …

Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde „Die Klassenfahrt“ von Claude Miller 1998 mit einem Spezialpreis ausgezeichnet.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

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