Alberto Moravia : Die Gleichgültigen

Die Gleichgültigen

Alberto Moravia

Die Gleichgültigen

Originalausgabe: Gli indifferenti, 1929 Die Gleichgültigen Übersetzung: Dorothea Berensbach Verlag Kurt Desch, München / Wien / Basel 1956 Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 1963, 341 Seiten Neuübersetzung: Tobias Eisermann btb, München 2004, 349 Seiten Eder und Bach, München 2015, 319 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Obwohl die Witwe Mariagrazia Ardengo vor dem finanziellen Ruin steht, führt sie mit Sohn und Tochter ein großbürgerliches Leben in einer Villa in Rom, auf die es ihr Liebhaber Leo Merumerci abgesehen hat, der ihr deshalb den Wert des Anwesens verheimlicht. Man belügt nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Carla und ihr Bruder Michele langweilen sich in dieser von Ennui und Dekadenz, Geld und Sexualität geprägten Welt. Sie sind unzufrieden, aber zu träge, um ihr Leben oder die Gesellschaft zu ändern ...
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Kritik

Alberto Moravia hat seinen Debüt­roman "Die Gleichgültigen" beinahe wie ein Theaterstück konzipiert. Die Szenerie wird ausführlich beschrie­ben, und das Geschehen erschließt sich vor allem aus Dialogen. Die Faschisten verboten den Roman, als sie die Kritik begriffen.
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Die Witwe Mariagrazia Ardengo wohnt mit ihrer Tochter Carla und ihrem Sohn Michele in einer Villa mit Park am Rand von Rom. Seit zehn Jahren hat sie ein Verhältnis mit Leo Merumerci, einem Bonvivant und Schürzenjäger, der nicht viel anderes zu tun hat, als seinen vorwiegend aus Immobilien bestehenden Besitz zu verwalten.

Am Tag vor Carlas 25. Geburtstag findet deren jüngerer Bruder Michele heraus, dass die Familie ruiniert ist, weil eine Hypothek Leos auf die Villa in einer Woche fällig wird. Mariagrazia wird ihrem Liebhaber die Villa überlassen müssen. Als sie überlegt, das Anwesen zu versteigern, bringt Leo sie davon ab, denn er will verhindern, dass sie den wahren Wert der Immobilie erkennt. Eilig erklärt er sich bereit, sie mit ihren Kindern auch nach dem Besitzwechsel noch eine Weile in der Villa wohnen zu lassen und ihr außerdem einen Geldbetrag zu zahlen.

Mariagrazia durchschaut nicht, dass Leo sie übervorteilen will. Ebenso wenig ahnt sie, dass er ihrer längst überdrüssig ist und es inzwischen auf ihre Tochter abgesehen hat.

Zu Carlas Geburtstag bringt Leo Champagner mit, und indem er ihr Glas immer wieder nachfüllt, macht er sie betrunken, bevor er mit ihr ins Gärtnerhaus geht. Als er jedoch anfängt, sie auszuziehen, übergibt sie sich, und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie in die Villa zurückzubringen.

Um seine Erregung abzureagieren, besucht er danach seine frühere Geliebte Lisa, die er wegen ihrer Freundin Mariagrazia verlassen hatte. Lisa ist offiziell verheiratet, aber ihr Ehemann hatte sich ein Jahr nach der Hochzeit mit ihrem Schmuck aus dem Staub gemacht. Lisa lehnt es ab, die Affäre mit Leo zu erneuern, zumal sie sich gerade vorgenommen hat, Michele zu verführen: Sie wirft Leo hinaus.

Carla möchte endlich ein anderes Leben führen. Die Entjungferung an ihrem 24. Geburtstag hätte dazu der Auftakt sein sollen. Nachdem das Vorhaben an diesem Tag nicht gelang, schleicht sie sich in der übernächsten Nacht aus der Villa. Leo wartet bereits im Auto auf sie und nimmt sie mit nach Hause, wo die beiden miteinander schlafen. Erst am Morgen kehrt Carla zurück.

Mariagrazia, die Leo an diesem Morgen besucht, glaubt Anzeichen zu erkennen, dass er die Nacht mit einer anderen Frau verbrachte, und ihre Eifersucht richtet sich gegen Lisa.

Michele fühlt sich nicht weniger gelangweilt als seine Schwester. Obwohl Lisa ihm gleichgültig ist, lässt er sich auf das zu erwartende sexuelle Abenteuer ein und besucht sie. Aber ihr übergewichtiger Körper stößt ihn so ab, dass er zum Liebesspiel nicht in der Lage ist. Als er ihr erklärt, dass er sie ebenso wenig lieben wie Leo hassen könne, unterrichtet sie ihn über die Liebschaft von Leo und Carla. Daraufhin gibt sich Michele entrüstet und täuscht Zorn vor. Um Lisa von der Echtheit seiner Gefühle zu überzeugen, kündigt er an, dass er Leo umbringen werde, aber Lisa, die ihm keine Gewalttat zutraut, hält das für leeres Gerede.

Noch am selben Abend kauft Michele in einem Waffengeschäft einen Revolver und Munition. Damit geht er zu Leo. Unterwegs malt er sich aus, wie er sich nach dem Mord verhaften lässt und er dann vor Gericht steht, wo Lisa, Carla und Mariagrazia nacheinander als Zeuginnen aussagen müssen.

Als auf sein Klingeln hin keine Reaktion erfolgt, fühlt Michele sich erleichtert, aber dann taucht Leo doch noch in der Tür auf. Widerwillig lässt er den unerwarteten Besucher ein. Der richtet dann auch noch einen Revolver auf ihn und drückt ab. Aber auch beim zweiten Versuch klickt es nur, denn Michele hat vergessen, die Trommel mit den Patronen zu füllen. Nachdem Leo ihn überwältigt hat, tut er den Überfall als Jungenstreich ab und droht, er werde mit Mariagrazia darüber reden. Michele lässt sich jedoch nicht hinauswerfen, denn er ahnt, dass sich seine Schwester im Schlafzimmer befindet. Nach ein paar Minuten kommt sie heraus. Augenscheinlich hat sie sich hastig angezogen.

Sie versichert ihrem Bruder, dass sie Leo nicht liebe. Michele findet es absurd, dass Leo weder von Carla geliebt noch von ihm gehasst wird und trotzdem eine zentrale Stelle in ihrem Bewusstsein einnimmt.

Leo glaubt, die Situation retten zu können, indem er Carla die Ehe anbietet. Michele bringt sie dazu, Leo eine Antwort erst für den folgenden Tag zu versprechen.

Im strömenden Regen nehmen die Geschwister ein Taxi für die Fahrt nach Hause. Michele drängt Carla, den Heiratsantrag abzulehnen. Er gesteht ihr, dass er mit dem Gedanken gespielt habe, Leo als Gegenleistung für den Verzicht auf die Villa und den finanziellen Unterhalt der Familie seine Schwester anzubieten. Wenn dieser schlimme Plan nun auf andere Weise realisiert würde, müsste Michele sich schuldig fühlen.

Carla ist jedoch entschlossen, Leo zu heiraten, nicht aus Zuneigung oder gar Liebe, sondern weil es für eine mittellose Frau mit zweifelhafter Moral keine andere Chance gibt.

Als das Taxi bei der Villa eintrifft, wartet dort bereits der Chauffeur der Familie Berardi auf Carla und Mariagrazia. Carla hat ganz vergessen, dass sie zu einem Maskenball eingeladen sind. Ihre Mutter hofft noch immer, dass sie Carla mit Pippo Berardi verheiraten kann. Der Industriellen-Sohn ist zwar hässlich, aber reich. Erst kürzlich schlug er Carla beim Tanzen „Akt-Studien“ vor und gab gleich darauf unumwunden zu, dass er weder zeichnen noch malen könne. Daraufhin sprach sie nicht mehr mit ihm.

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Obwohl die Witwe Mariagrazia Ardengo vor dem finanziellen Ruin steht, führt sie mit Sohn und Tochter ein großbürgerliches Leben in einer Villa in Rom, auf die es ihr Liebhaber Leo Merumerci abgesehen hat, der ihr deshalb den Wert des Anwesens verheimlicht. Man belügt nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Carla und ihr Bruder Michele langweilen sich in dieser von Ennui und Dekadenz, Geld und Sexualität geprägten Welt. Sie sind unzufrieden, aber zu träge, um ihr Leben oder die Gesellschaft zu ändern.

Alberto Moravia hat seinen Debütroman „Die Gleichgültigen“ beinahe wie ein Theaterstück mit nur fünf Figuren konzipiert. Die Handlung spielt sich an wenigen Tagen und Schauplätzen ab. Ausführlich beschreibt Alberto Moravia sowohl die Szenerie als auch die Kleidung der Personen, und das Geschehen erschließt sich vor allem aus Dialogen. Was auf der Bühne allerdings schwieriger darzustellen wäre, sind die inneren Monologe und lebhaften Vorstellungen Micheles.

In unserer schnelllebigen Zeit wirken einige Passagen des 1929 veröffentlichten Romans langatmig, aber es handelt sich bei „Die Gleichgültigen“ von Alberto Moravia zweifellos um große Literatur.

Drei Verlage lehnten das Manuskript ab. Ausgerechnet ein Verlag, der Arnaldo Mussolini gehörte, dem jüngeren Bruder des Diktators Benito Mussolini, erklärte sich bereit, es auf Kosten des Autors zu drucken. Nach fünf Auflagen mit insgesamt 5000 Exemplaren verboten die Faschisten den Roman „Die Gleichgültigen“, denn inzwischen hatten sie begriffen, dass Alberto Moravia damit die Gesellschaft kritisierte, die zu gleichgültig war, um das faschistische Regime zu verhindern bzw. zu stürzen.

Nora Hertlein übersetzte und bearbeitete den Roman „Die Gleichgültigen“ von Alberto Moravia für die Bühne und führte bei der Erstaufführung am 6. April 2011 im Schauspielhaus Salzburg Regie.

Francesco Maselli verfilmte den Roman „Die Gleichgültigen“:

Die Gleichgültigen – Originaltitel: Gli indifferenti – Regie: Francesco Maselli – Drehbuch: Suso Cecchi D’Amico und Francesco Maselli nach dem Roman „Die Gleichgültigen“ von Alberto Moravia – Kamera: – Schnitt: Ruggero Mastroianni – Musik: Giovanni Fusco – Darsteller: Claudia Cardinale, Rod Steiger, Shelley Winters, Tomas Milian, Paulette Goddard u.a. – 1964; 90 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © Verlag Kurt Desch

Alberto Moravia: Der Konformist (Verfilmung)
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Natascha Wodin - Sie kam aus Mariupol
Obwohl sich Natascha Wodin für eine sach­lich-nüchterne Darstellung ent­schieden hat und v. a. die Lebens­geschichte ihrer Tante Lidia rekon­struiert, han­delt es sich bei "Sie kam aus Mariupol" um einen Tat­sachen­roman, nicht um einen Bericht oder eine Dokumentation.
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