Eugene O'Neill : Trauer muss Elektra tragen

Trauer muss Elektra tragen
Originaltitel: Mourning Becomes Electra Uraufführung: New York 1931 Trauer muss Elektra tragen Deutsche Erstaufführung: Hamburg 1947 Buchausgabe: S. Fischer Verlag Übersetzung: Marianne Wentzel
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Industrielle und Brigadegeneral Ezra Mannon wird von seiner Frau Christine mit Kapitän Adam Brant betrogen und nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg 1865 während eines Herzanfalls von ihr vergiftet. Ihre Tochter Lavinia, die das Verbrechen durchschaut, trauert um den geliebten Vater und hasst ihre Mutter ...
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Kritik

Eugene O'Neill übertrug die Atridensage nach Neuengland. Wie die antiken Dichter bejaht er die tragische Unausweichlichkeit des Schicksals, aber er erklärt die inneren Kämpfe und perversen Gefühlsverstrickungen innerhalb der Familie mit Sigmund Freuds Psychoanalyse und vor allem durch sexuelle Frustrationen.
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1. Teil: Heimkehr (Homecoming):

Der Industrielle und Brigadegeneral Ezra Mannon wird von seiner Frau Christine mit Kapitän Adam Brant betrogen und nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg 1865 während eines Herzanfalls von ihr vergiftet. Ihre Tochter Lavinia, die das Verbrechen durchschaut, trauert um den geliebten Vater und hasst ihre Mutter.

2. Teil: Die Gehetzten (The Hunted):

Lavinias 20 Jahre alter Bruder Orin kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück. Er sieht sowohl seinem Vater als auch Adam Brant ähnlich. „Gott, wie hab ich davon geträumt, nach Haus zu kommen!“, seufzt er bei der Ankunft. „Ich dachte, es hörte nie mehr auf, wir würden ewig so weitermorden und gemordet werden — bis keiner mehr übrig wäre!“

Ohne es sich einzugestehen, findet Lavinia selbst Gefallen an dem attraktiven Kapitän der „Flying Trades“ — und die Eifersucht verstärkt ihren Hass auf die Mutter. Unmittelbar nach einem Treffen Adam Brants mit Christine bringt Lavinia ihren Bruder dazu, den Kapitän auf seinem Schiff zu erschießen und sorgt anschließend dafür, dass es wie ein Raubmord aussieht. Zu Hause beschuldigt Orin seine Mutter, ihren Mann ermordet und mit Adam Brant betrogen zu haben: „Lüg nicht! Du hast genug gelogen, Mutter! Ich war auf dem Schiff — ich habe alles mitangehört! Was hättest du getan, wenn du mich entdeckt hättest? Hättest du deinen Liebhaber bewogen, mich umzubringen Mutter? Ich habe gehört, wie du ihn vor mir warntest! Aber deine Warnung war umsonst!“ Christine: „Was –? Sag mir –!“ Orin fährt fort: „Ich habe ihn getötet!“ Lavinia kommt hinzu: „Er hat die gerechte Strafe für sein Verbrechen gefunden. Du weißt, dass es Gerechtigkeit war. Nur so war wahre Gerechtigkeit möglich.“ Christine flieht ins Haus. Lavinia macht eine Bewegung, als wolle sie ihr folgen, dreht sich dann aber entschlossen um und wartet — bis sie aus dem Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters einen Pistolenschuss hört. Christine hat sich selbst gerichtet.

3. Teil: Die Verfluchten (The Haunted):

Ein Aufenthalt auf exotischen Inseln sollte es Orin und Lavinia ermöglichen, zu vergessen und neu anzufangen. Aber sie finden keinen Frieden. Orin fühlt sich schuldig. Lavinia redet auf ihn ein:

Lavinia: Es hängt soviel von deinem neuen Anfang hier ab. Hör, Orin! Ich will, dass du noch einmal beginnst — indem du gleich jetzt all deinen Geistern ins Auge blickst. Wer hat Vater gemordet?
Orin: Brant — aus Rache, weil —
Lavinia: Wer hat Vater gemordet? Antworte!
Orin: Mutter stand unter seinem Einfluss —
Lavinia: Du lügst! Er stand unter dem ihren. Du weißt die Wahrheit!
Orin: Ja.
Lavinia: Sie war eine Ehebrecherin und Mörderin, nicht wahr?
Orin: Ja.
Lavinia: Wenn wir unsere gesetzliche Pflicht erfüllt hätten, wäre sie gehängt worden, nicht wahr?
Orin: Ja.
Lavinia: Aber wir haben sie davor bewahrt. Sie hätte leben können, nicht? Aber sie hat als Strafe für ihr Verbrechen den Selbstmord gewählt — freiwillig! Es war ein Akt der Gerechtigkeit! Du hattest nichts damit zu tun! Das siehst du jetzt ein, nicht wahr? Antworte!
Orin: Ja.

Als Lavinia merkt, dass ihr Bruder sie mit „mit einem verzerrten Ausdruck von Begierde“ ansieht, weicht sie vor ihm zurück: „Was hast du Entsetzliches in der letzten Zeit gedacht — hinter all deinem verrückten Gerede? Nein, ich will’s nicht wissen! Orin! Warum siehst du mich so an?“ Verzweifelt schlägt er vor, „den Mord an Mutter“ zu gestehen, zu sühnen und Frieden zu finden. Doch Lavinia braust auf: „Nein! Du Feigling! Es gibt nichts zu gestehn! Es war nur Gerechtigkeit!“ Sie verliert ihre Selbstbeherrschung und schreit ihn wütend an: „Ich hasse dich! Ich wollte, du wärst tot! Du bist zu erbärmlich, um zu leben! Wenn du nicht so feige wärst, brächtest du dich um!“ Da geht er ins Arbeitszimmer des Vaters. Er müsse seine Pistole reinigen. „Das verdammte Ding ist ganz verrostet.“ Als er die Tür hinter sich schließt, will Lavinia ihm zunächst folgen. Dann aber bleibt sie. Als sie einen Schuss hört, sinkt sie zusammen und stöhnt: „Orin! Vergib mir!“

„Keine Angst“, sagt sie später. „Ich gehe nicht den Weg, den Mutter und Orin gegangen sind. Das ist Flucht vor der Strafe. Und es ist niemand mehr übrig, um mich zu strafen. Ich bin die letzte Mannon. Ich muss mich selber strafen! Hier allein mit den Toten zu leben, ist ein schlimmerer Akt der Gerechtigkeit als Tod oder Kerker! Ich gehe nicht mehr aus und lasse niemand mehr ein! Ich verschließe die Läden vor jedem Sonnenstrahl. Ich lebe allein mit den Toten und hüte ihre Geheimnisse und lasse mich von ihnen hetzen, bis der Fluch getilgt ist und die letzte Mannon sterben darf!“

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Mit der am 26. Oktober 1931 im Guild Theatre in New York uraufgeführten Trilogie „Trauer muss Elektra tragen“ erreichte Eugene O’Neill den Höhepunkt seines literarischen Schaffens.

Er übertrug die Atridensage nach Neuengland. Wie die antiken Dichter bejaht er die tragische Unausweichlichkeit des Schicksals, aber er erklärt die inneren Kämpfe und perversen Gefühlsverstrickungen innerhalb der Familie mit Sigmund Freuds Psychoanalyse und vor allem durch sexuelle Frustrationen. Eugene O’Neills Thema sind „die schrecklichen Familienkonflikte zwischen Wesen, deren Verhältnis zueinander nur von sexuellen Regungen beherrscht wird, wodurch Hass und Liebe sich gegenseitig durchdringen und einander täuschend ähnlich werden; die sorgfältig aufrechterhaltenen Maskierungen; die grausam ins grelle Licht des Tages gezerrten verworrenen Emotionen und Besessenheiten; das Gefühl der Entfremdung und die Suche nach etwas, was dem Leben einen Sinn gibt; das Gefühl der Fatalität und gleichzeitig das Bedürfnis, seine Menschenwürde durch eine Art tragischer Erhöhung seiner selbst zu beweisen“. (John Gassner: Leben und Werk von Eugene O’Neill)

Anlässlich der Verleihung des Literatur-Nobelpreises sagte Per Hallström am 10. Dezember 1936 über Eugene O’Neill, dieser sei der „tragischste Dramatiker, den die Welt je gesehen“ habe. „Die Lebensauffassung, der er Ausdruck verleiht, ist nicht das Ergebnis eines Denkprozesses, sie trägt vielmehr den authentischen Stempel wirklich gemachter Erfahrung. Sie beruht sozusagen auf einem herzzerreißenden Bewusstsein der Härte des Lebens und andererseits auf einer Art Begeisterung für die Schönheit, wie sie bei menschlichen Schicksalen, die im Kampf gegen höhere Mächte Gestalt gewinnen, nicht selten in Erscheinung tritt … Ein urtümlicher Sinn für die Tragödie scheint hier am Werk zu sein, ohne moralischen Plan im Hintergrund und ohne das Ziel innerer Siege: nur Baumaterial für den gewaltigen Tempel der antiken Tragödie.“

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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