Paul Touvier


Paul Touvier wurde am 3. April 1915 in Saint-Vincent-sur-Jabron (Alpes-de-Haute-Provence) als Sohn einer streng katholischen Familie geboren. Im Alter von sechzehn Jahren begann er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann.

Als Anhänger von Philippe Pétain meldete sich Paul Touvier 1940 zur Légion française des combattants, die 1941 von Joseph Darnand in den Service d’ordre légionnaire umgewandelt wurde, aus der wiederum ein Jahr später die Milice française hervorging, eine mit den Nationalsozialisten kollaborierende Miliz des Vichy-Regimes.

Paul Touvier stieg zu einem regionalen Anführer der Milice française auf und war bald für zehn Départements verantwortlich. Zu seinen besonderen Anliegen gehörte das Aufspüren und Deportieren von Juden (Holocaust). Er führte nicht nur Razzien gegen Juden durch, sondern auch gegen mutmaßliche Mitglieder der Résistance, die seiner Meinung nach jüdische und kommunistische Ziele verfolgte. Dabei bereicherte sich Paul Touvier auch persönlich. Im Januar 1944 rückte er an die zweithöchste Stelle in der Regionalverwaltung des Vichy-Regimes vor.

Nach der Befreiung Frankreichs [Charles de Gaulle] tauchte Paul Touvier im September 1944 unter und führte zeitweilig den Decknamen „Trichet“. Am 10. September 1946 und am 4. März 1947 wurde er in Abwesenheit zum Tod verurteilt.

Als Paul Touvier 1947 eine Bäckerei in Paris überfiel, wurde er verhaftet. Bevor er in Lyon hingerichtet werden konnte, brach er aus und verschwand erneut.

Die Frau, mit der er 1947 von dem Gefängnispfarrer Pierre Duben getraut worden war, brachte 1948 eine Tochter und zwei Jahre später einen Sohn zur Welt.

Mit Hilfe von Geistlichen konnte sich Paul Touvier dem Zugriff der Justiz entziehen, bis die Todesurteile 1966 verjährten. Im Auftrag des Erzbischofs von Lyon bemühten sich seine Anwälte um seine Begnadigung. Der französische Staatspräsident Georges Pompidou entsprach 1971 diesem Anliegen und ordnete auch die Rückgabe des konfiszierten Vermögens an, obwohl es zum großen Teil von deportierten Juden gestohlen worden war.

Ein Franzose namens Georges Glaeser reichte am 3. Juli 1973 in Lyon eine neue Klage gegen Paul Touvier ein und beschuldigte ihn, am 29. Juni 1944 in Rillieux-la-Pape bei Lyon zur Vergeltung für den tödlichen Anschlag auf Philippe Henriot,

den Propagandaminister des Vichy-Regimes, den Befehl zur Erschießung von sieben jüdischen Geiseln gegeben zu haben. Weil es sich bei diesem siebenfachen Mord um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit handelte, trat keine Verjährung ein. Bevor nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen am 27. November 1981 ein neuer Haftbefehl gegen Paul Touvier erlassen wurde, tauchte er wieder unter. Auch diesmal fand er Zuflucht in Klöstern und erhielt Papiere auf den Namen Paul Perthet. Die finanziellen Zuwendungen einer Gruppe rechtsradikaler Geistlicher, der „Chevaliers de Notre-Dame“, an Paul Touvier brachten den Gendarmerieoffizier Jean-Louis Recordon auf die Spur des Gesuchten: Am 24. Mai 1989 wurde Paul Touvier in einem Kloster bei Nizza festgenommen.

Aus gesundheitlichen Gründen kam Paul Touvier im Juli 1991 vorläufig frei. Ab 17. März 1994 musste er sich vor Gericht verantworten, das ihn am 20. April für schuldig befand und zu lebenslanger Haft verurteilte.

Am 17. Juli 1996 erlag Paul Touvier im Gefängniskrankenhaus Fresnes (Val-de-Marne) einem Prostatakrebsleiden. Seine Beerdigung wurde von Erzbischof Lefèbvre in der Kirche Saint Nicolas du Chardonnet in Paris zelebriert.

Brian Moore griff den authentischen Fall für seinen Roman „Hetzjagd“ („The Statement“) auf, der später von Norman Jewison verfilmt wurde: „The Statement. Am Ende einer Flucht“.

© Dieter Wunderlich 2007

Philippe Pétain und das Vichy-Regime
Maurice Papon (Kurzbiografie)
Brian Moore: Hetzjagd
Norman Jewison: The Statement. Am Ende einer Flucht

Stephan Thome - Fliehkräfte
Stephan Thome erzählt konsequent aus der Perspektive des Protagonisten und wechselt dabei elegant zwischen den Zeitebenen. Die Sprache ist unaufgeregt, und "Fliehkräfte" besticht nicht zuletzt durch lebensnahe Dialoge.
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