Jerome David Salinger : Der Fänger im Roggen

Der Fänger im Roggen
Originalausgabe: The Catcher in the Rye, New York 1951 Der Fänger im Roggen Übersetzung: Irene Muehlon Durchgesehen und überarbeitet von Heinrich Böll Kiepenheuer & Witsch 1956
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seiner schnoddrigen Sprache erzählt uns ein 17-Jähriger von dem letzten Tag im Internat und den folgenden drei Tagen, an denen er in New York herumirrte, weil er sich wegen seines erneuten Versagens in der Schule nicht nach Hause wagte ...
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Kritik

Es ist erstaunlich, wie feinfühlig sich der beim Erscheinen des Buches 32-jährige Autor Jerome David Salinger in Sprache, Denkweise und Weltanschauung eines 16- bzw. 17-Jährigen versetzt hat: "Der Fänger im Roggen".
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„Ich will nur die verrückten Sachen erzählen, die sich letzte Weihnachten abspielten, bevor ich vollkommen zusammenklappte und hierher gebracht wurde, um mich zu erholen“, schreibt der 17-jährige Holden Caulfield. Für einige Monate befindet er sich in einem Sanatorium in der Nähe von Hollywood.

Holdens Vater ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt in New York. Sein älterer Bruder D. B. arbeitet als Drehbuchautor in Hollywood. Holden bewundert ihn, wirft ihm aber vor, sich in der Traumfabrik zu „prostituieren“. Spielfilme findet er oberflächlich und verlogen. Während Holden zu seinen Eltern offenbar kein sehr enges Verhältnis hat, trauert er seinem am 18. Juli 1946 an Leukämie gestorbenen jüngeren Bruder Allie nach, der „fünfzigmal so intelligent“ war, und er hängt zärtlich an seiner zehnjährigen rothaarigen Schwester Phoebe, die ebenso mager ist wie er.

Kurz vor Weihnachten (da war er noch 16) wurde Holden Caulfield zum vierten Mal von einem Internat verwiesen, weil er in allen Fächern – bis auf seine Muttersprache – versagt hatte.

Seine Abreise aus Pencey in Pennsylvania ist erst für Mittwoch geplant. An diesem Tag beginnen die Weihnachtsferien. Doch als sein Zimmergenosse Stradlater am Samstagabend von einem Treffen mit Holdens früherer Schulfreundin Jane Gallagher zurückkommt und ihn nach einem heftigen Streit verprügelt, packt er plötzlich seine Sachen, geht zum Bahnhof und nimmt den nächsten Zug nach New York. Weil seine Eltern noch nichts von seinem erneuten Scheitern wissen und mit seiner Rückkehr erst am Mittwoch rechnen, nimmt er sich in einem billigen Hotel ein „mieses Zimmer mit Aussicht auf die andere Seite des Hotels“. Von seinem Fenster aus beobachtet er, wie „ein grauhaariger, sehr distinguiert aussehender Mann“ Frauenkleider anzieht und sich im Spiegel betrachtet. In einem anderen Hotelzimmer spucken sich ein Mann und eine Frau gegenseitig Wasser ins Gesicht und lachen dabei wie besessen. „Ich übertreibe nicht, das Hotel wimmelte von Perversen.“

Holden irrt in New York herum. Mit einem Taxifahrer namens Horwitz fängt er ein Gespräch an.

„He, Horwitz“, sagte ich. „Kommen Sie manchmal am See im Central Park vorüber? Beim Central Park South?“
„Wo vorbei?“
„Am See. An dem kleinen Teich. Wo die Enten sind, wissen Sie.“
„Ja, was ist damit?“
„Haben Sie die Enten dort gesehen? Im Frühling oder so? Und wissen Sie zufällig, wo die im Winter hinkommen?“
„Wo wer hinkommt?“
„Die Enten. Wissen Sie das zufällig? Ich meine, holt sie wohl jemand mit einem Wagen oder fliegen sie von selbst fort – in den Süden oder so?“
Der gute Horwitz drehte sich zu mir um und schaute mich an. Er war ein aufbrausender Typ. Aber nicht unsympathisch.
„Wie zum Teufel soll ich etwas so Blödes wissen?“
„Ärgern Sie sich doch nicht“, sagte ich. Irgend etwas ärgerte ihn offenbar daran.
„Wer ärgert sich hier? Ich sicher nicht.“
Ich brach die Unterhaltung ab, da er so empfindlich zu sein schien. Aber er fing von selbst wieder an. Er drehte sich wieder um und sagte: „Die Fische kommen nirgends hin. Die bleiben, wo sie sind. Einfach in dem verdammten See.“
„Fische sind etwas anderes. Ich rede aber von den Enten.“
„Was soll daran anders sein? Gar nichts ist anders“, sagte Horwitz. Alles, was er sagte, klang gereizt. „Für die Fische ist es im Winter noch viel schlimmer als für die Enten. Herrgott nochmal, brauchen Sie doch Ihren eigenen Verstand.“
„Die Enten können aber doch nicht einfach so tun, als ob das Eis nicht da wäre. Sie können’s doch nicht einfach ignorieren.“
„Wer ignoriert es denn? Keiner ignoriert es“, sagte Horwitz. Er wurde so aufgeregt, dass ich befürchtete, er würde gegen eine Laterne oder was weiß ich fahren. „Sie leben einfach in dem verdammten Eis. Das ist ihre Natur, verflucht noch mal. Sie frieren einfach den ganzen Winter lang in einer Stellung fest.“
„So? Was fressen sie denn dann? Wenn sie festgefroren sind, können sie ja nicht herumschwimmen und Futter und so suchen.“
„Mit dem Körper, verdammt noch mal – wo fehlt’s denn bei Ihnen? Mit dem Körper nehmen sie Nahrung auf, einfach durch den gottverfluchten Seetang und alles, was im Eis ist. Sie haben die ganze Zeit die Poren offen. Das ist einfach ihre Natur so. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?“ Er drehte sich wahrhaftig schon wieder um und schaute mich an.
„Aha“, sagte ich. Ich ließ das Thema fallen.

Auf der Suche nach Menschen, mit denen er reden kann, ruft Holden Bekannte an und flirtet in der Hotelbar mit drei doppelt so alten Mädchen. „Sie forderten mich zwar nicht auf, mich an ihren Tisch zu setzen – vor allem wohl, weil sie zu ungeschliffen waren –, aber ich setzte mich trotzdem zu ihnen. Die Blonde, mit der ich getanzt hatte, hieß Bernice Soundso – Crabs oder Krebs. Die beiden hässlichen hießen Marty und Laverne. Ich stellte mich als Jim Steele vor, einfach aus Blödsinn. Dann versuchte ich ein bisschen intelligente Konversation mit ihnen zu machen, aber das war praktisch unmöglich.“ Die Mädchen machen sich über ihn lustig, aber als sie gehen, überlassen sie ihm die Rechnung.

Holden fährt noch einmal weg. Als er gegen Morgen zurückkehrt und der Liftboy Maurice fragt: „Soll ich Ihnen ’ne Kleine ins Zimmer schicken?“, stimmt er zu, doch als die junge Prostituierte – sie nennt sich Sunny – dann ihr Kleid auszieht, versucht er sie krampfhaft durch eine Konversation hinzuhalten und behauptet schließlich, gerade erst am „Klavichord“ operiert worden zu sein. Er gibt ihr die vereinbarten 5 Dollar, aber sie verlangt jetzt das Doppelte, und als er sich weigert, mehr als den vereinbarten Betrag zu bezahlen, kommt Sunny noch einmal mit dem Liftboy zurück, der Holden zusammenschlägt, während sie ihm das Geld aus der Brieftasche nimmt.

Er checkt aus und bringt sein Gepäck in ein Schließfach der Grand Central Station. Beim Frühstück in einer Sandwich-Bar kommt er mit zwei gerade aus Chicago angekommenen Nonnen ins Gespräch, die Schulunterricht geben. Er findet sie sympathisch und gibt ihnen 10 Dollar, obwohl sie gar nicht sammeln und er kaum noch Geld hat.

Mit seiner ehemaligen Mitschülerin Sally Hayes sieht er sich am Broadway ein Stück an; anschließend gehen sie Schlittschuhlaufen. Holden vertraut dem Mädchen an, dass er alles „satt hat“: die Schule, New York, die Busfahrer, die ihn immer anbrüllen, die „affektierten Esel“, die „verlogenen Heuchler“ – einfach alles. „Zum Beispiel Autos. Die meisten Leute sind mit Autos nicht bei Trost. Sie nehmen es furchtbar tragisch, wenn der kleinste Kratzer dran ist, und reden die ganze Zeit davon, wie viele Liter Benzin es braucht, und wenn sie einen ganz neuen Wagen haben, denken sie schon wieder dran, ihn gegen einen noch neueren umzutauschen. Ich kann nicht einmal alte Autos ausstehen. Sie interessieren mich einfach nicht. Ich hätte lieber ein verdammtes Pferd. Ein Pferd ist doch wenigstens menschlich.“ Sally sei der einzige Grund, warum er überhaupt noch hier sei. Holden schlägt ihr vor, mit einem Leihwagen wegzufahren. „Im Ernst. Wir bleiben einfach auf den Campingplätzen und so, bis uns das Geld ausgeht. Wenn wir dann keins mehr haben, kann ich irgendwo eine Arbeit finden und wir könnten irgendwo an einem Fluss und so weiter leben, und später könnten wir heiraten und so. Im Winter würde ich für uns Holz fällen. Großer Gott, wir hätten es fabelhaft schön! Was meinst du?“ Aber Sally interessiert sich nicht für seine Probleme; es ist ihr peinlich, dass er so laut spricht, und auf seinen Vorschlag erwidert sie, ob er sich schon mal überlegt habe, was er tun wolle, wenn er keine Arbeit findet. Darüber geraten die beiden in Streit, und sie fährt ohne ihn nach Hause.

Mitten in der Nacht – nach einem ebenfalls im Streit beendeten Treffen mit seinem früheren Schulfreund Carl Luce – ruft er Sally nochmals von einer Telefonzelle an. Inzwischen ist er betrunken. Sie legt auf.

Da beschließt er, allein auszureißen und sich Arbeit auf einer Farm zu suchen. Aber vorher möchte er sich noch von seiner Schwester verabschieden: Er schleicht sich in die Wohnung der Eltern und weckt Phoebe. Endlich ein Mensch, der ihm zuhört! Holden erzählt von einer Familie, der er begegnete. Der sechsjährige Sohn sang auf der Straße „Wenn einer einen anderen fängt, der durch den Roggen läuft“. Phoebe klärt ihn darüber auf, dass der Text aus einem Gedicht des schottischen Lyrikers Robert Burns stammt und es eigentlich heißt: „Wenn einer einen anderen trifft…“ Darauf entgegnet Holden: „Ich dachte, es hieße ‚Wenn einer einen anderen fängt.‘ Aber jedenfalls stelle ich mir immer kleine Kinder vor, die in einem Roggenfeld ein Spiel machen. Tausende von kleinen Kindern, und keiner wäre in der Nähe – kein Erwachsener, meine ich – außer mir. Und ich würde am Rand einer verrückten Klippe stehen. Ich müsste alle festhalten, die über die Klippe hinauslaufen wollen – ich meine, wenn sie nicht Acht geben, wohin sie rennen, müsste ich vorspringen und sie fangen. Das wäre einfach der Fänger im Roggen. Ich weiß schon, dass das verrückt ist, aber das ist das einzige, was ich wirklich gern wäre.“

Noch in derselben Nacht besucht er einen früheren Lehrer, der ihm ein Zitat von dem Psychoanalytiker Wilhelm Stekel auf ein Blatt Papier schreibt: „Das Kennzeichen des unreifen Menschen ist, dass er für eine Sache nobel sterben will, während der reife Mensch bescheiden für eine Sache leben möchte.“ Als er den Eindruck hat, der Lehrer wolle sich ihm nähern, verlässt er fluchtartig dessen Wohnung und verbringt den Rest der Nacht im Wartesaal einer U-Bahn-Station.

Bevor er New York endgültig verlässt, verabredet er sich noch einmal mit seiner Schwester vor einem Kunstmuseum. Sie kommt mit ihren Sachen in einem großen Koffer und will mitkommen. Da wird Holden wütend. Sie habe doch zugesagt, Weihnachten in einer Schüleraufführung aufzutreten. Da könne sie nicht weglaufen. Sie zanken sich. Schließlich schlägt er einen Kompromiss vor: „Wenn ich dich heut nachmittag die Schule schwänzen lasse und einen kleinen Spaziergang mit dir mache, hörst du dann mit dem Blödsinn auf? Gehst du dann morgen wieder wie ein braves Mädchen in die Schule?“

Auf getrennten Straßenseiten gehen sie in den Zoo und anschließend in einen Park mit einem Karussell. Holden verspricht seiner Schwester, mit ihr zu den Eltern nach Hause zu gehen. Dann überredet er sie, mit dem Karussell zu fahren, setzt sich auf eine Bank und schaut zu. „Die Kinder versuchten alle den goldenen Ring zu erwischen, auch Phoebe, und ich hatte manchmal Angst, dass sie von dem blöden Pferd fallen würde, aber ich sagte nichts und unternahm nichts. Wenn die Kinder den goldenen Ring erwischen wollen, muss man es sie versuchen lassen und nichts sagen. Wenn sie herunterfallen, dann fallen sie eben in Gottes Namen, aber man darf nichts zu ihnen sagen.“ Selbst als es in Strömen zu regnen anfängt und alle Erwachsenen sich unter das Dach des Karussells flüchten, bleibt Holden sitzen. „Ich war plötzlich so verflucht glücklich, weil Phoebe immer im Kreis herumfuhr. Ich hätte beinah geheult, so verflucht glücklich war ich, falls das jemand interessiert. Ich weiß nicht warum. Einfach weil sie so verdammt nett aussah, während sie dort herumfuhr – in ihrem blauen Mantel und allem. Großer Gott, so was muss man gesehen haben.“

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In seiner schnoddrigen Sprache erzählt ein Siebzehnjähriger in „Der Fänger im Roggen“ von dem letzten Tag im Internat und den folgenden drei Tagen, an denen er in New York herumirrte, weil er sich wegen seines erneuten Versagens in der Schule nicht nach Hause wagte. Durch seine derbe Ausdrucksweise versucht er seine Empfindsamkeit zu verleugnen. Wir erleben die verzweifelte Suche eines Heranwachsenden nach jemand, der ihm zuhört, seinen Abscheu vor der Welt der Erwachsenen, die er für falsch und verlogen hält, seine erwachende Sinnlichkeit und zugleich seine Angst vor der Sexualität und dem Erwachsenwerden.

Es ist erstaunlich, wie feinfühlig sich der beim Erscheinen von „Der Fänger im Roggen“ (1951) zweiunddreißigjährige Autor Jerome David Salinger (1919 – 2010) in Sprache, Denkweise und Weltanschauung eines Jugendlichen versetzt hat. Durch die zahlreichen Dialoge wirkt „Der Fänger im Roggen“ sehr lebendig, und obwohl es sich um eine unspektakuläre Geschichte handelt, in der – oberflächlich betrachtet – nicht viel geschieht, reißt einen die Lektüre mit.

Schade, dass Jerome David Salinger nach diesem hervorragenden Roman über eine kritische Entwicklungsphase im Leben eines Jugendlichen außer ein paar Erzählungen nichts mehr veröffentlichte.

Herbert Rosendorfer dachte möglicherweise bei der Figur des Schriftstellers Florious Fenix in dem Roman „Ein Liebhaber ungerader Zahlen. Eine Zeitspanne“ (1994) an J. D. Salinger.

In dem Film „Forrester. Gefunden!“ von Gus Van Sant weist die Figur des William Forrester Parallelen mit Jerome David Salinger auf.

Von Shane Salerno stammt ein Dokumentarfilm über J. D. Salinger:

Originaltitel: Salinger – Regie: Shane Salerno – Drehbuch: Shane Salerno – Kamera: Anthony Savini, Buddy Squires – Schnitt: Jeffrey Doe – Musik: – Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Martin Sheen, Ed Norton, John Cusack, Judd Apatow, Tom Wolfe, Gore Vidal u.a. – 2013; 120 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002 / 2010
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

John Updike - Wie war's wirklich
Wenn es um Sex geht, werden Familienväter zu Nomaden. John Updike leuchtet in "Wie war's wirklich" hinter die Fassaden der Mittelschicht in Neuengland. Seine Sprache ist brillant, intelligent, und die ironischen Formulierungen funkeln darin.
Wie war’s wirklich

John Updike

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