Milan Kundera : Abschiedswalzer

Abschiedswalzer
Manuskript: 1972 Originalausgabe: Valčík na rozloučenou Erstveröffentlichung: Paris 1976 Abschiedswalzer Übersetzung: Susanna Roth Carl Hanser Verlag, München / Wien 1989 Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M 1991 ISBN 3-518-38315-9, 243 Seiten dtv, München 1998 ISBN 978-3-423-12429-4
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Handlung spielt in einem tschechischen Kurort, dessen Quellwasser Frauen angeblich von der Unfruchtbarkeit heilen kann. Die dort geborene Krankenschwester Rosa träumt davon, den langweiligen Ort verlassen zu können. Als sie feststellt, dass sie schwanger ist, ruft sie den Trompeter Klima in Prag an, mit dem sie eine Nacht verbrachte, und behauptet, das Kind sei von ihm. Der verheiratete Musiker drängt sie zur Abtreibung ...
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Kritik

Obwohl es sich bei dem Roman "Abschiedswalzer" um eine tragische Geschichte handelt, erzählt Milan Kundera sie mit verblüffender Leichtigkeit und viel Ironie.
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Rosa arbeitet als Krankenschwester in dem tschechischen Badestädtchen, in dem sie geboren wurde. Weil das Quellwasser angeblich Frauen von der Unfruchtbarkeit heilen kann, gibt es unter den Kurgästen neunmal so viele Frauen wie Männer, und Rosa träumt deshalb davon, den langweiligen Ort verlassen zu können. Ein junger Monteur namens Franta macht ihr zwar den Hof, aber sie hat nicht vor, sich an ihn zu binden. Als der berühmte Jazztrompeter Klima nach einem Konzert in dem Städtchen eine Nacht mit Rosa verbringt, verliebt sie sich in den Mann, der sie hoffentlich mit in die Welt hinausnimmt. Der dreißigjährige Musiker ist jedoch seit sechs Jahren in Prag verheiratet und lässt nach dem One-Night-Stand nichts mehr von sich hören.

Klima liebt seine überaus attraktive Ehefrau Kamila, die vor Jahren ihre Karriere als Sängerin aufgab. Andere Frauen betrachtet Klima gewissermaßen nur als Huren.

„Niemand versteht das, am wenigsten meine eigene Frau. Sie denkt, eine große Liebe manifestiere sich darin, dass man nichts mit anderen Frauen hat. Das ist aber Unsinn. Immer wieder treibt es mich zu irgendeiner fremden Frau, in dem Moment aber, da ich sie nehme, schleudert mich eine starke Sprungfeder wieder zu Kamila zurück.“ (Seite 31)

Nach zwei Monaten ruft Rosa ihn an und teilt ihm mit, sie sei von ihm schwanger. Klima ist entsetzt, als er hört, dass Rosa nicht vorhat, sich einer Abtreibung zu unterziehen. Ein Schlagzeuger rät ihm, dem Mädchen Liebe vorzutäuschen.

Klima wird sie […] in ein Bad aus Vertrauen, Liebe und Zärtlichkeit tauchen. Ihr alles versprechen, einschließlich der Scheidung. Ihr eine herrliche gemeinsame Zukunft ausmalen. Im Namen dieser Zukunft wird er sie dann bitten, die Schwangerschaft liebenswürdigerweise abzubrechen. Er wird ihr erklären, dass die Geburt eines Kindes zu früh käme und sie um die ersten, allerschönsten Jahre ihrer Liebe brächte. (Seite 15)

Dem Trompeter bleibt nichts anderes übrig, als noch einmal in das Badestädtchen zu reisen. Chefarzt Skreta, der auch in der Abtreibungskommission sitzt, will ihm helfen und regt außerdem ein weiteres Konzert an.

Rosa ist glücklich, als Klima ihr Liebe schwört, aber sie bringt das Gespräch schließlich auf die Schwangerschaft und macht Klima klar, dass sie nicht bereit ist, das Kind wegmachen zu lassen. Da meint der Trompeter:

„Nichts ist peinlicher als Ehen, die nur geschlossen werden, weil irrtümlicherweise ein Kind gezeugt wurde.“ (Seite 57)

„Liebling, ich sehne mich nicht nach einer Familie. ich sehne mich nach Liebe. Du bist für mich die Liebe, und ein Kind verwandelt jede Liebe in Familie. In Langeweile. In Sorgen. In Verdruss. Und es verwandelt jede Geliebte in eine Mutter. Du bist für mich keine Mutter. Du bist meine Geliebte, und ich will dich mit niemandem teilen. Auch nicht mit einem Kind.“ (Seite 58)

Erst als zwei Kolleginnen ihr eindringlich raten, Klima nicht zu glauben und sie davor warnen, dass er sie nach der Abtreibung verlassen werde, erwacht Rosa aus ihrem Wunschtraum.

Inzwischen trifft Jakub in dem Badestädtchen ein. Der Fünfundvierzigjährige erhielt einen Ruf an eine Universität im Ausland, und die Behörden der CSSR bewilligten seine Ausreise, obwohl er als Regimekritiker im Gefängnis gesessen hatte. Nun möchte er sich von zwei Personen verabschieden: Olga und Dr. Skreta. Olga ist die Tochter eines früheren Freundes, der hingerichtet wurde, als sie sieben Jahre alt war. Seither betrachtet Jakub sie als Ziehtochter, obwohl ihr Vater ihn denunziert und ins Gefängnis gebracht hatte. Nach der Entlassung bat er seinen Freund Skreta um ein tödliches Gift, denn er wollte im Fall einer erneuten Verhaftung selbst über sein Schicksal entscheiden. Skreta verschaffte ihm damals eine hellblaue Tablette, die Jakub bis heute aufbewahrt hat. Nun wird er sie nicht mehr benötigen.

Da Skreta anders keine Zeit hätte, sich mit Jakub zu unterhalten, gibt er ihm einen Arztkittel und lässt ihn bei seinen gynäkologischen Untersuchungen zusehen. Er verrät seinem Freund auch, dass er den Frauen, die ihn konsultieren, weil sie keine Kinder bekommen haben, sein eigenes Sperma injiziert. Wenn nicht die Frau, sondern ihr Partner unfruchtbar ist, kommt es in vielen Fällen zu der gewünschten Schwangerschaft.

In einem Lokal beobachtet Jakub, wie eine Krankenschwester, die er nicht leiden kann, weil sie Hundefängern hilft, ein Röhrchen mit hellblauen Tabletten liegen lässt. Er setzt sich an den Tisch und legt seine Gifttablette in das Röhrchen mit der Aufschrift „3x täglich“. Kurz darauf kehrt Rosa zurück. Jakub will ihr die Tabletten nicht geben, aber sie entreißt ihm das Röhrchen.

Mehrmals überlegt er, wie er sie warnen könnte, doch als er einen Tag später erfährt, dass sie noch lebt, obwohl sie inzwischen drei Tabletten eingenommen haben müsste, ist er froh: Offenbar handelte es sich bei der Tablette, die Skreta ihm damals verschafft hatte, um ein harmloses Mittel.

Sein Freund hatte ihm eine Tablette der Illusion geschenkt. (Seite 197)

Als Klima wegen des von Skreta angeregten Konzerts zum dritten Mal in das Badestädtchen gereist ist, fordert er Rosa auf, nach der Veranstaltung zu ihm hinter die Bühne zu kommen. Rosa begegnet jedoch zuvor Bertlef, einem reichen Amerikaner um die fünfzig, einem der wenigen Männer unter den Kurgästen. Die beiden verlieben sich auf der Stelle und verbringen die Nacht miteinander.

In derselben Nacht verführt Olga ihren Ziehvater Jakub.

Kamila Klima, die ihrem Mann ins Badestädtchen gefolgt ist, geht mit ihrem Mann ins Bett, doch ihre Bemühungen bringen bei ihm keine Erektion zustande. Dabei weiß er, dass sie ihn nur prüfen möchte und das Ausbleiben der Erregung als Beweis seiner Untreue wertet, aber gerade diese Zwangslage macht ihn vorübergehend impotent.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Am nächsten Morgen wartet Klima vor dem Badehaus auf Rosa. Sie soll mit ihm zur Abtreibungskommission gehen. Rosa ist einverstanden. Nicht weil Klima sie überredet habe, betont sie, sondern weil sie in einen anderen Mann verliebt sei. Ob das Kind von Klima oder Franta ist, weiß sie in Wirklichkeit nicht. Skreta sorgt als Mitglied der Kommission dafür, dass Rosa einen Termin für die Abtreibung bekommt.

Franta, der Rosa eifersüchtig beschattet, ist entsetzt, als er merkt, wo sie war. Er dringt ins Badehaus ein und stellt sie mitten unter den nackten Frauen zur Rede. Als Vater des ungeborenen Kindes habe er ein Recht mitzubestimmen, schreit er, und er werde keine Abtreibung zulassen. Rosa greift nach dem Röhrchen mit dem Beruhigungsmittel und schluckt eine der hellblauen Tabletten. Im nächsten Augenblick bricht sie zusammen und stirbt. Verzweifelt beschuldigt Franta sich, Rosa ermordet zu haben.

Beim Verhör sagt Skreta aus, Klima habe wohl nichts mit Rosa gehabt, sondern sich nur bereit erklärt, vor der Kommission die Vaterschaft zu übernehmen, um ihr zu helfen, denn bei einer durch Ehebruch erfolgten Zeugung wird eine Abtreibung in der Regel erlaubt.

Ohne von Rosas Tod etwas zu ahnen, überquert Jakub die Staatsgrenze.

Skreta bittet Bertlef, ihn zu adoptieren, damit er die US-Staatsbürgerschaft bekommt. Er hat zwar nicht vor, die CSSR zu verlassen, aber mit einem amerikanischen Pass könnte er sich frei bewegen und auf Wunsch verreisen. Bertlef hat zunächst Bedenken, weil er nur sieben Jahre älter als Skreta ist und seine Ehefrau fünfzehn Jahre jünger als Skretas Sohn, aber der Chefarzt versichert ihm, das sei kein Hinderungsgrund für eine Adoption.

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Die Handlung des Romans „Abschiedswalzer“ spielt an fünf aufeinanderfolgenden Tagen in einem tschechischen Badestädtchen. Dementsprechend hat Milan Kundera das Buch in fünf Kapitel eingeteilt. Nach und nach verwebt er die Geschicke der acht Hauptfiguren. Obwohl es sich bei „Abschiedswalzer“ um eine tragische Geschichte handelt, erzählt Milan Kundera sie mit verblüffender Leichtigkeit und viel Ironie.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag
Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe

Milan Kundera: Der Scherz
Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Milan Kundera: Die Unsterblichkeit
Milan Kundera: Die Identität
Milan Kundera: Die Unwissenheit
Milan Kundera: Der Vorhang
Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit

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