Florian Scheibe : Kollisionen

Kollisionen

Florian Scheibe

Kollisionen

Kollisionen Originalausgabe: Klett-Cotta, Stuttgart 2016 ISBN: 978-3-608-98031-8, 372 Seiten, 19.95 € (D) ISBN: 978-3-608-10041-9 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Während die 16-jährige heroinsüchtige Obdachlose Mona Felber ungewollt schwanger wird, müssen die Architektin Carina Winter und ihr Lebensgefährte, der Journalist Thomas Kocialek, die Hoffnung aufgeben, ein Kind auf natürliche Weise zeugen zu können. Aber auch bei der künstlichen Befruchtung bleibt der Erfolg aus. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Mona, Carina und Thomas ...
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Kritik

Florian Scheibe wechselt in dem Gesellschaftsroman "Kollisionen" immer wieder die Perspektive und schildert einzelne Szenen mitunter aus zwei verschiedenen, sich ergänzenden Blickwinkeln. Das ist reizvoll und betont die Spiegelungen, Parallelen und Gegensätze.
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Die Architektin Carina Winter lebt seit sieben Jahren mit dem Journalisten Thomas („Tom“) Kocialek zusammen in Berlin. Nach jahrelanger Berufstätigkeit in einem Architekturbüro fing Carina an, als Maklerin für den auf ausgefallene Immobilien spezialisierten schwedischen Geschäftsmann Göran Isaksson zu arbeiten. Zur Zeit versucht sie, Lofts in einer umgebauten früheren Brauerei in Berlin zu verkaufen. Tom gehört seit zehn Jahren der Redaktion des Stadtmagazins „Metropol“ an und schreibt die Kolumne „Mextropolis“. Das Paar möchte Kinder, aber bisher ist Carina nicht schwanger geworden. Das frustriert sie. Als ihr eine junge Drogensüchtige vors Rad läuft, sie beide stürzen und Carina dann sieht, dass das verwahrloste Mädchen schwanger ist, ohrfeigt sie es im Zorn.

Mona Felber – so heißt die 16-Jährige – ließ den Gedanken an eine Schwangerschaft bisher nicht zu, aber nach dem Blick der Frau auf ihren Bauch und dem Schlag ins Gesicht sucht sie noch am selben Abend eine Apotheke auf, lässt sich einen Schwangerschaftstest zeigen, packt ihn und rennt damit los, denn Geld hat sie nicht. Bei der schlechten Ernährung, dem Heroin und den Zigaretten darf sie nicht schwanger sein! Aber der Teststreifen zeigt, dass es so ist. Verzweifelt wünscht sie sich, dass das Kind aus ihrem Bauch verschwindet.

Sie sucht Petr, einen zwei, drei Jahre älteren, aus Rumänien stammenden, ständig betrunkenen Obdachlosen, mit dem sie vor ein paar Monaten Sex hatte. Die verbale Verständigung ist schwierig, denn Petr spricht kaum ein Wort Deutsch. Aber als Mona ihr T-Shirt lüftet und ihm den gewölbten Bauch zeigt, begreift er, dass er sie geschwängert hat – und freut sich.

Carina geht mit ihrer Dogge Bennie in den Park, obwohl sich dort Junkies herumtreiben. Als der Hund aus einem Gebüsch kommt, hat er sich in eine Bestie verwandelt und knurrt Carina mit fletschenden Zähnen an. Tom, der sich zufällig in der Nähe befindet, hört das Bellen von weitem. Aufgeregte Parkbesucher kommen ihm entgegen und warnen ihn: „Da ist ein tollwütiger Hund!“ Tom sieht, wie Benni Carina angreift. Aber im letzten Augenblick bricht die Dogge mit konvulsiven Zuckungen zusammen und verendet. Offenbar hat sie im Gebüsch Speed oder Crystal Meth erwischt.

Carina lässt die geliebte Dogge kremieren und kauft eine Urne aus Silber für 1000 Euro.

Bezüglich des Kinderwunsches verliert sie die Geduld und besteht auf einer medizinischen Untersuchung. Dabei stellt sich heraus, dass ihre Fortpflanzungsorgane gesund sind, aber Toms Spermien sowohl quantitativ als auch qualitativ zu wünschen übrig lassen. Aufgrund des Spermiogramms raten die Ärzte zu einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion. Zur Vorbereitung injiziert Carina sich einmal täglich subkutan Hormone.

Die künstliche Befruchtung kostet mehr als 6000 Euro. Toms Gehalt reicht für den gemeinsamen Lebensunterhalt und Extraausgaben wie diese nicht. Carina muss dringend eines der Lofts in der ehemaligen Brauerei verkaufen.

Wenige Minuten vor dem Besichtigungstermin mit dem Ehepaar Judith und Devid Weinert drückt sie ein paar vor dem Eingang herumlungernden Punks das Geld aus ihrem Portemonnaie in die Hand, damit diese verschwinden. Aber als sie Judith Weinerts Bauchwölbung sieht und erfährt, dass das Ehepaar Zwillinge erwartet, bringt sie die Interessenten davon ab, das Loft haben zu wollen, indem sie von den Junkies und Dealern in der Gegend, von den auf Spielplätzen herumliegenden Spritzen, der Hilflosigkeit der Polizei und der Bürgerbewegung gegen die Unangepassten berichtet.

Trotz Petrs Freude über die Vaterschaft beschließt Mona, sich das Leben zu nehmen. Um drei Kügelchen Heroin kaufen zu können, stellt sie sich auf den Kinderstrich. Ein Mann, der soeben den nahen Sexshop verlassen hat, starrt sie an und hält ihr dann unerwartet einen 50-Euro-Schein hin, nicht als Freier, sondern im Gegenteil, damit sie sich nicht länger prostituiert.

Mona ahnt nicht, dass es sich um Carinas Lebensgefährten Tom handelt. Als er an dem Sexshop vorbeikam, assoziierte er ihn mit der Abgabekabine in der Kinderwunschpraxis, in der nicht nur Pornohefte auslagen, sondern auch Pornovideos abgespielt werden konnten.

Fortpflanzung gegenüber Verschwendung. Sinnlose Überproduktion gegenüber sorgfältiger Aufbereitung. Krankenkassenübernahme versus Münzeinwurf. Zwei komplett getrennte Welten, die beide in der gleichen Sphäre angesiedelt waren: ein Bildschirm, ein Sessel, Zellstoff für die Nachsorge.

Dass er den Sexshop betrat und in einer Kabine masturbierte, rechtfertigte er innerlich, indem er sich einredete, es handele sich um eine journalistische Recherche. Aber als er den Laden verließ, schämte er sich, und als er die halbwüchsige Prostituierte sah, gab er ihr 50 Euro, damit sie wegging. Gleich darauf bemerkte er auf der anderen Straßenseite Soph, eine Redaktionsvolontärin des Stadtmagazins „Metropol“ Anfang 20. Gewiss hat sie beobachtet, wie er aus dem Sexshop kam und dem Mädchen einen Geldschein anbot.

Zweieinhalb Stunden später begegnet er Soph im Kopierraum der Redaktion.

„Soph … Hör mal, ich …“
„Du musst nichts sagen“, unterbrach sie ihn, und ohne ihn aus den Augen zu lassen, knöpfte sie seine Jeans auf.

Mona besorgt sich mit dem Geld das Material für einen „goldenen“ Schuss. Damit schließt sie sich in einer Toilettenkabine ein.

[…] die drei Alukügelchen aus ihrer Jeans holen, dazu den Löffel und das Feuerzeug aus der Lederjacke; die Packung mit der Spritze, dem Filter und der Ascorbinsäure aufreißen; die Jacke ausziehen und den Gürtel an der Schnalle aus den Laschen der Jeans zerren; sich vor den Altar knien und das Heroin mit der Ascorbinsäure und einem Schluck Wasser aufkochen; den Löffel vorsichtig auf dem Toilettenrand parken – am besten hinten, wo der Rand am breitesten ist –, nach der Spritze greifen und die schmutzig-braune Suppe durch den Filter hindurch aufziehen; den Gürtel mit den Zähnen so fest wie möglich um den linken Oberarm zurren, die Hand zur Faust ballen und eine noch nicht allzu zerstochene Vene suchen; die Luft aus der Spritze rausdrücken, ansetzen und die angeschrägte Spitze der Nadel unter die Haut schieben; ein wenig Blut in den Zylinder saugen, und schließlich – endlich! – die Augen schließen und den Kolben hinunterdrücken.

Aber sie sieht keine Vene: Um die Junkies zu vertreiben, wurden die Leuchtstoffröhren durch UV-Lampen ersetzt. Mona verbirgt die aufgezogene Spritze unter ihrer Jacke, läuft durch den Regen und sucht Zuflucht in einem Waschsalon. Obwohl dort andere Leute sind, will sie sich die Überdosis Heroin injizieren. Allerdings zittert sie so, dass sie sich nach vier oder fünf vergeblichen Versuchen die Nadel einfach in den Arm rammt. Vor Schmerz schreit sie auf. Gleich darauf atmet sie tief ein, fixiert die Vene und führt die Nadelspitze schräg in die blau schimmernde Ader hinein.

In einem Krankenhaus kommt Mona wieder zu sich. Dort erhält sie Methadon.

Carina werden unter Narkose sieben gut entwickelte Eizellen entnommen. Weil sich Toms Spermiogramm im Vergleich zu den ersten Tests verschlechtert hat, fragt die Ärztin, ob er die Karenzzeit eingehalten habe, und er antwortet rasch: „Selbstverständlich.“

Als die inzwischen befruchteten Eizellen eingesetzt werden sollen, will Tom dabei sein, bleibt jedoch im Stau stecken: Ein Straßenzug ist wegen Dreharbeiten gesperrt. Kurzerhand lässt er das Auto stehen, spurtet los und durchbricht die Absperrung.

Er rannte, so schnell er konnte, und es dauerte einen Moment, bis er bemerkte, dass sich auf dem Set inzwischen etwas verändert hatte. Er entdeckte zwei Oldtimer, die mit knatternden Motoren direkt auf ihn zusteuerten, und kurz darauf wurde er der gesamten Szenerie gewahr: Etliche Menschen wuselten in Zwanzigerjahre-Outfits um ihn herum. Fahrradfahrer, ein Zeitungsjunge, ein Mann mit einem Handkarren und ein Fotograf, der sein Holzstativ direkt neben einer alten Litfaßsäule aufgebaut hatte. Und mittendrin er selbst, Tom Kocialek, mit seiner Jeans, seinen Turnschuhen und dem kurzärmeligen Karohemd, das ihm hinten über den Hosenbund hing.
Er wandte den Kopf nach rechts und entdeckte die Kamera, hoch oben schwebend an einem riesigen Kran, der von mehreren Männern auf einer schmalen Schiene geschoben wurde.

Dem Aufnahmeleiter, der sich ihm in den Weg stellt, bricht Tom mit einem Faustschlag das Nasenbein.

Als er in die Klinik kommt, liegt Carina auf einem Gynäkologiestuhl, und die Prozedur hat bereits begonnen.

Trotz des Eingriffs wird Carina nicht schwanger. Die Ärztin empfiehlt, einen Monat abzuwarten und es dann erneut mit einer künstlichen Befruchtung zu versuchen.

Tom wütet in seiner Kolumne gegen Straßensperren aufgrund von Dreharbeiten. Dadurch wird die Filmgesellschaft Pegasus auf ihn aufmerksam. Weil es im Internet Fotos von ihm gibt und die Filmkamera lief, während er durchs Bild rannte, fällt es nicht schwer, in dem Kolumnisten den Mann zu erkennen, der den Schaden bei den Dreharbeiten verursachte. Der Aufnahmeleiter erklärt sich allerdings bereit, gegen 15 000 Euro Schmerzensgeld und Schadenersatz auf eine Anzeige zu verzichten.

Fünf Wochen nachdem Toms erster Versuch mit Soph neben dem Kopierer scheiterte, weil er keine Erektion zustande brachte, entdeckt er sie nach Dienstschluss im Grafikraum. Zuerst will er sich nur von ihr verabschieden, aber dann zieht er sie vom Stuhl hoch, küsst ihren Hals und presst sich an sie.

„Na, schau mal einer an …“ Soph kicherte.
Ungeduldig riss Tom an seinem Gürtel, fummelte sich den Knopf auf, zerrte an dem Reißverschluss und stieß sich die Jeans über die Hüfte. Als er wieder aufschaute, saß Soph bereits splitternackt auf der anderen Seite des Schreibtischs. Sie lächelte. […] Mehrfach änderte Soph ihre Position, und schließlich lag sie mit angewinkelten Beinen quer über dem Tisch, während Tom sich mit beiden Händen auf der Platte abstützte.

In dem Moment, in dem Tom zum Orgasmus kommt, sieht er Carina in der Tür stehen.

Sie dreht sich um und rennt zum Auto zurück. Tom läuft ihr nach, aber sie gibt Gas. Er gerät ihr direkt vor den Wagen und wird durch die Luft geschleudert.

Während er operiert wird, holt Carina sich am Automaten einen Becher Kaffee. Auf dem Rückweg irrt sie sich in der Etage, gerät in die gynäkologische Abteilung und trifft dort auf Mona, die wegen einer Blutung von der benachbarten Villa Abeona, einem Wohnprojekt für zwölf drogensüchtige Schwangere, in die Klinik gebracht wurde.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist Tom erst einmal auf Krücken angewiesen. Drei Wochen nachdem Carina ihn mit Soph erwischte und überfuhr, soll er Sperma für den nächsten Versuch einer künstlichen Befruchtung abgeben. Aber es gelingt ihm nicht, in der Kabine zu ejakulieren. Frustriert kehrt er zurück:

„Scheiß drauf! Scheiß auf die Hormone!
Scheiß auf die Spermien und die Eizellen! Scheiß auf die Kinderwunschmedizin! Scheiß auf das ganze Kinderkriegen! Scheiß auf eine eigene Familie! Ich will nicht mehr! Ich kann nicht mehr!“

Zu Hause findet Carina einen Zettel vor: „Bin weg und komme nicht wieder.“

Tom nimmt ein Hotelzimmer, obwohl er durch die Zahlung der vom Pegasus-Aufnahmeleiter geforderten Summe tief im Dispo-Minus steckt.

Die Chefredakteurin des Stadtmagazins „Metropol“ teilt ihm mit, dass seine Kolumne an Soph übergeben wird. Aufgebracht stellt er Gesine vor die Wahl: „Entweder ich behalte die Kolumne, oder ich gehe ganz.“ Und als seine Chefin nicht nachgibt, kündigt er auf der Stelle.

Carina geht es nicht viel besser als Tom.

Ihr Hund war tot, ihre Beziehung kaputt, ihr Traum von einer Familie ausgeträumt. Sie arbeitete täglich zwölf Stunden und war dennoch hoch verschuldet, weil niemand ein schickes Loft unweit eines „dreckigen Dealerparks“, des „Junkie-Wohnzimmers“, des „Spritzen-Paradieses“, kurz: inmitten der „Drogenhölle“ kaufen wollte.

Die Gynäkologin preist die Samenbank des Unternehmens und rät Carina, sie zu nutzen, um ohne ihren Lebensgefährten ein Kind zu bekommen.

Mona erhält in der Villa Abeona Besuch von ihrer Mutter Sibyl und ihrem Vater, den sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Die beiden haben ihrem achtjährigen Sohn Jakob ebenso wie Freunden und Bekannten erzählt, Mona sei in einem elitären Internat in England untergebracht. Sibyl Felber versucht ihre Tochter davon zu überzeugen, dass es das Beste wäre, wenn sie und ihr Mann das Sorgerecht für das Enkelkind übernähmen. Aber das will Mona auf keinen Fall. Sie rennt davon.

Zum Glück findet sie Petr. Mit ihm, Anisia, Daria, vier weiteren Rumänen – allesamt Punks – und vier Hunden findet sie Zuflucht in einem leer stehenden Loft in der ehemaligen Brauerei. Petr besorgt Mona regelmäßig Methadon. Die Gruppe, die darauf achtet, möglichst nicht aufzufallen, bleibt drei Wochen lang ungestört. Dann besetzen Dutzende von Aktivisten das Gebäude und sorgen für größtmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Die Polizei bereitet die Räumung vor. Fernsehteams bauen ihre Kameras auf. Mona entdeckt Carina, die aufgeregt mit einem der Uniformierten redet und vergeblich versucht, auf eine Deeskalation der Lage hinzuwirken. Aber Göran Isaksson hat die Polizei telefonisch aus Melbourne aufgefordert, die Hausbesetzung unverzüglich zu beenden. Der Dachstuhl geht in Flammen auf.

Göran Isaksson gelingt es zwar, den Schaden als Versicherungsfall anerkannt zu bekommen, aber an einen Verkauf der Lofts in der ehemaligen Brauerei ist vorerst nicht mehr zu denken. Mittelfristig wird die Hausbesetzung allerdings den Wert der Immobilie erhöhen, denn nach den Ereignissen sorgt die Polizei in dem Viertel für die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung. Obdachlose und Drogensüchtige werden hier nicht länger geduldet.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Carina nimmt die silberne Urne mit der Asche ihrer Dogge und verteilt den Inhalt in dem Gebüsch, in dem Bennie drei Monate zuvor die tödliche Drogendosis aufnahm. Dann stellt sie das leere Gefäß auf eine Mauer und kehrt nach Hause zurück.

Petr findet die Urne und bringt sie zu einem Trödler. Obwohl Mona inzwischen ohne Methadon auskommt und das Rauchen ohnehin bereits aufgegeben hat, können sie das Geld gut gebrauchen.

Mit Darias Hilfe bringt Mona ihr Kind in einer kleinen, schmutzigen Badewanne zur Welt. Es ist ein Junge. Als Petr auftaucht, bittet Mona seinen Kumpel Radu, zu dolmetschen, denn sie hat dem Vater des Neugeborenen etwas Wichtiges zu sagen. In ihrer Lage wäre es unverantwortlich, das Kind zu behalten, meint sie. Ihren verhassten Eltern will sie es aber auch nicht überlassen. Stattdessen schlägt sie vor, es der Frau anzuvertrauen, der sie vors Fahrrad lief.

Noch in der Nacht bringen Mona und Petr das wenige Stunden alte Baby zu Carina. Verwundert stellen sie fest, dass in der Wohnung alles in Umzugskisten verpackt ist. Carina und Tom haben sich versöhnt, die Wohnung der Bank überschrieben und den PKW gegen einen gebrauchten Campingbus getauscht. Sie wollen ohne präzises Ziel für einige Monate wegfahren und danach einen Neuanfang versuchen.

Carina bringt den Säugling zu einem Krankenhaus mit einer Babyklappe.

Mona fährt mit Petr per Anhalter nach Rumänien, zu seinem Heimatort Eforie am Schwarzen Meer.

Manchmal stellte sie sich vor, wie Petr und sie nach ein paar Jahren in Rumänien wieder nach Deutschland zurückkehrten. Wie sie mit der Frau Kontakt aufnahmen, die wiederum den Kontakt zu ihrem Sohn herstellte.

An einer Raststätte sieht Mona einen VW-Bus, der vom Parkplatz zur Autobahn fährt. Sie greift nach dem Pappkarton mit der Aufschrift „SÜDEN“ und hält ihn hoch.

Kurz vor der Auffahrt entdeckt Tom zwei vermummte Anhalter.

Die linke Gestalt hielt das Seitenteil eines Pappkartons in die Höhe: „SÜDEN“ stand in dicken schwarzen Lettern darauf. Tom warf einen kurzen Blick zu Carina, die unverändert mit geschlossenen Augen am geöffneten Fenster neben ihm lehnte, und machte eine entschuldigende Geste: Tut mir leid, aber wir haben nur zwei Sitzplätze.
Dann drückte er das Gaspedal hinunter, kuppelte und schaltete in den dritten Gang.

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Florian Scheibe beschäftigt sich in dem Gesellschaftsroman „Kollisionen“ mit Themen wie Stadtplanung, Gentrifizierung und Hausbesetzungen, soziale Unterschiede, eine Bürgerbewegung gegen Unangepasste, die Drogenproblematik und die Rolle der Medien.

Dem Titel entsprechend, beginnt „Kollisionen“ mit dem Zusammenstoß einer Radfahrerin und einer Fußgängerin. Dieser Unfall wird zunächst aus Sicht der Architektin Carina Winter und dann noch einmal aus dem Blickwinkel der drogensüchtigen Mona Felber geschildert. Die beiden Darstellungen ergänzen sich. Von Kapitel zu Kapitel wechselt Florian Scheibe die Perspektive, und manchmal erleben wir auch im weiteren Verlauf der Handlung zumindest Teile einer Szene wie zwei verschiedene Personen. Wenn sich gegen Ende zu die Lebens­wege der Hauptfiguren vorübergehend ineinander verhakt haben, erhöht Florian Scheibe die Frequenz der Umsprünge, die nun auch innerhalb der Kapitel stattfinden. Das ist reizvoll und betont die Spiegelungen, Parallelen und Gegensätze. Die Perspektivwechsel erleichtern es Florian Scheibe auch, die Lebensauffassungen der Figuren nachvollziehbar zu machen, die Charaktere auszuleuchten und ihre Motivationen aufzuzeigen.

Einige Zusammenhänge und Abläufe wirken allerdings konstruiert, und einige Formulierungen in „Kollisionen“ sind missglückt, zum Beispiel:

Wie ein Lappen, der in einer schnellen Bewegung über einen verkrümelten Frühstückstisch gezogen wird, schrammte sie mit ihrem Sommerkleid über die Straße, und ihre Haut griff willig nach dem winzigen Splitt, der den Asphalt bedeckte.

Und dann, ganz plötzlich, war der Gedanke wieder da. Saß mitten auf ihrem Schoß und schnurrte so laut, dass sie ihn nicht mehr überhören konnte.

Blumentöpfe kletterten über die Balkonumrandungen eines Mietshauses auf der anderen Seite und stürzten in die Tiefe.

Fahles, blaugraues Licht, das durch den Vorhang sickerte wie Feuchtigkeit durch ein dünnes Baumwollshirt.

[…] die dreireihigen, in silberne Plastikrüstungen eingefassten Neonlichter, die Lüftungen, die mit ihren schrägen, rund angeordneten Schlitzen aussahen wie Kreissägen, die keck hervorstehenden Rauchmelder, die grünen Notausgangsschilder mit ihren rennenden Männchen und die großen, grün-roten Leuchtanzeigen über den Krankenzimmern.

„Kollisionen“ ist in 33 Kapaitel und fünf Teile mit den Überschriften Zusammenprall, Zwietracht, Zwist, Zerwürfnis und Aufprall gegliedert.

Florian Scheibe wurde 1971 in München geboren. Nach Geschichte und Kulturwissenschaft in Paris und Bremen studierte er Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 2012 debütierte er mit dem Roman „Weiße Stunde“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH und Florian Scheibe

Siegfried Lenz - Der Überläufer
Am Beispiel eines Überläufers im Zweiten Weltkrieg, aber auch mit skurrilen Figuren und tragikomischen Szenen veranschaulicht Siegfried Lenz die Absurdität des Kriegs.
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