Anne Swärd : Polarsommer

Polarsommer

Anne Swärd

Polarsommer

Originalausgabe: Polarsommar Wahlström & Widstrand, Stockholm 2003 Polarsommer Übersetzung: Sabine Neumann Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 2005 ISBN 3-518-45694-6, 234 Seiten, 8.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach zwei Jahren Abwesenheit kehrt Kristian ins Elternhaus zurück, um während eines dreiwöchigen Floridaurlaubs seiner Mutter und seines Bruders Jens auf seine 23-jährige verhaltensgestörte Stiefschwester Kaj aufzupassen. Kaj wäre gern mit ihrem Lieblingsbruder allein, aber sie kann nicht verhindern, dass Jens' Frau mit ihren beiden Töchtern immer häufiger herüberkommt ...

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Kritik

"Polarsommer" wird abwechselnd von sechs Romanfiguren erzählt. Die eigentliche Handlung spielt in drei Sommerwochen; die verhängnisvolle Vorgeschichte erschließt sich Stück für Stück aus multiperspektivischen Rückblenden. Von Anfang an sorgt Anne Swärd für eine unheilvolle Atmosphäre.
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Nach zwei Jahren Abwesenheit kehrt der siebenundzwanzigjährige Medizinstudent Kristian in sein Elternhaus zurück, um auf seine vier Jahre jüngere verhaltensgestörte Stiefschwester Kaj aufzupassen, während seine Mutter mit seinem älteren Bruder in die USA fliegt. Kaj gewann nämlich für einen Reim über knusprige Chocopops eine dreiwöchige Floridareise für zwei Personen, und da sie selbst stets in der Reichweite des Hauses bleibt, schenkte sie Jens die Tickets. Der wiederum beschloss, nicht seine Ehefrau Lisette mitzunehmen, sondern seine Mutter Ingrid, obwohl Lisette ihm dafür zornig eine Szene machte.

Jens und Lisette haben zwei kleine Töchter: Anna und Nina. Nach der Geburt von Anna hatte Jens seiner Frau zwar versprochen, in Zukunft aufzupassen und sie nicht noch einmal zu schwängern, aber dann passierte es doch noch einmal: nach einem Urlaub in Skagen auf der Bahnhofstoilette, während sie auf den Zug warteten.

Ingrid ist Landärztin. Ihren Ehemann Jack lernte sie kennen, als sie während der Semesterferien in einem Hotel putzte, in dem er gerade als Portier angefangen hatte. Sie fielen in den benützten Betten abgereister Gäste übereinander her oder – wenn die Laken zu unappetitlich waren – auf dem Fußboden der Zimmer und mussten sich dabei stets beeilen, um nicht ertappt zu werden. Einmal trieben sie es in einer Dusche. Da schaffte Jack es nicht mehr rechtzeitig, seinen Penis vor der Ejakulation herauszuziehen. Ingrid geriet in Panik, schlug Jack ins Gesicht und hockte sich aufgeregt über den Strahl der Dusche, während er fortwährend beteuerte: „Es tut mir Leid, es tut mir Leid, es tut mir Leid.“ Weil sie zu lange in dem Zimmer waren, erwischte ihr Chef sie und warf sie hinaus. Aber Ingrid wurde wenigstens nicht schwanger. Am Tag bevor sie wieder an ihren Studienort reiste, kam Jack spätabends bei ihr und ihren Eltern vorbei. Die mochten Jack zwar nicht, hielten Ingrid jedoch nicht davon ab, ihn zu heiraten.

Jens war drei Jahre alt und dabei, als Ingrid in einem Lastwagen ihres Vaters mit Kristian niederkam.

Als Jack und Ingrid mit den beiden Söhnen von ihrer Einzimmer-Mietwohnung in ein eigenes Haus zogen, tauchte plötzlich ein dreizehn- oder vierzehnjähriges Mädchen bei ihnen auf: Maria. Sie kümmerte sich um den kleinen Kristian, ging Jens aus dem Weg, befreundete sich mit Ingrid und wurde schließlich wie ein Familienmitglied aufgenommen: Sie aß mit am Tisch, und manchmal übernachtete sie sogar im Haus. Ingrid war zu dieser Zeit häufig fort: tagsüber in Vorlesungen, Prüfungen und in der Bibliothek, nachts im Krankenhaus. Jack fuhr Taxi. Anfangs und im Beisein Ingrids beachtete er Maria nicht weiter, doch allmählich erregte ihr Anblick ihn, und eines Tages passierte es dann. Maria war vorher schon keine Jungfrau mehr gewesen. Danach verschwand sie so plötzlich, wie sie aufgetaucht war.

Auch bei der neuen Nachbarin Helle konnte Jack sich nicht beherrschen. Einige Wochen nachdem er mit ihr geschlafen hatte, fand er die Leichen von Helle und ihrem Ehemann Leif: Sie waren in den Wald gefahren und hatten die Autoabgase mit einem Schlauch ins Wageninnere geleitet.

Vier Jahre nach Kristians Geburt brachte eine unbekannte Frau einen Säugling vorbei und behauptete, Jack sei der Vater. Der gab es weder zu, noch leugnete er es. So kam Kaj Angelika zur Familie. Der Name war auf ihrem Pullover aufgenäht. (Später stellte Kaj selbst fest, dass ihr Name rückwärts gelesen wie Jack klang.) Ingrid versuchte zunächst, das Kind ihres Mannes nicht zu lieben. Das ging nicht. Dann versuchte sie, es zu lieben, aber das gelang ihr ebenso wenig. Einige Jahre hielt die Ehe noch, dann verließ Jack seine Familie und begann, allein mit seinem Wohnwagen herumzuziehen. Das war vor fünfzehn Jahren.

Nur einmal schickte Ingrid ihre Stieftochter für einige Zeit zu Jack. Das war, als die Dreizehnjährige einem verletzten, von Kristian geretteten Vogel die Federn ausgerissen hatte.

Lisette ist noch immer wütend auf ihren Mann, der ohne sie nach Amerika gereist ist. Allein mit den Kindern und dem Hund hält sie es nicht aus. Obwohl es Kaj gar nicht recht ist, schaut sie immer häufiger zu ihrer Schwägerin und ihrem Schwager hinüber, räumt das Haus auf, spült das Geschirr und kümmert sich um die Wäsche. Vergeblich drängt Kaj ihren Bruder, Lisette weitere Besuche zu verbieten.

Eines Tages wirft sie Kristian unversehens auf dem Gartenweg zu Boden. An dem scharfkantigen Kies reißt er sich Kinn, Lippen, Wangen und Stirn auf, bevor er sich auf den Rücken drehen und sie abwälzen kann. Gleich darauf rasiert Kaj ihm auch noch das Haar ab und triumphiert: „Jetzt wird dich niemand haben wollen … Nicht einmal Lisette. Niemand außer mir.“

Lisette ist entsetzt über Kristians Aussehen. Obwohl ihm die Leute nachblicken, gehen sie alle zusammen ins Freibad: Kristian, Lisette, Anna, Nina und Kaj, die vergeblich dagegen protestierte. Kaj schwimmt zwar jeden Tag ausdauernd im Meer, aber unter den vielen Menschen und in dem verhältnismäßig kleinen Pool fühlt sie sich unwohl. Unversehens hüpft sie vom höchsten Brett und bleibt dann am Beckenboden liegen. Als Kristian ihr nachspringt, versucht sie, ihn unter Wasser festzuhalten, bis der Bademeister die beiden herausholt.

Etwa zur gleichen Zeit klopft ein dreizehn- oder vierzehnjähriger Junge, den Jack zunächst für ein Mädchen hält, an dessen Wohnwagentür. Charlie sucht seinen fortgelaufenen Retriever. Am anderen Morgen wühlt der Hund in den Abfällen, die Jack vor dem Wohnwagen vergaß. Mit seinem Handy ruft Jack die Nummer an, die Charlie ihm hinterließ. Die Eltern des Kindes melden sich. Sie wissen nicht, wo ihr Sohn ist, und für dessen Hund interessieren sie sich nicht. Jack bringt das Tier zu ihnen, aber es reißt gleich wieder aus. Inzwischen haben sie Charlie bei der Polizei als vermisst gemeldet. Jack sieht kurz darauf den gelben Regenmantel, den der Junge trug, im Fluss vorbeitreiben. Zwei Tage später wird der Kadaver des Hundes im Wasser gefunden. Von Charlie fehlt jede Spur. Zwei Polizisten durchsuchen Jacks Wohnwagen und verheimlichen ihren Argwohn nicht. Um nicht noch verdächtiger zu erscheinen, lügt Jack, er mache nur ein paar Wochen Urlaub und gibt als Adresse die von Ingrid an.

Als er dort anruft, erfährt er von Kristian, dass Ingrid und Jens in Florida sind. Ohne lang nachzudenken, beschließt Jack, Kaj und Kristian zu besuchen.

Beim Essen fragt er, warum Jens mit Ingrid statt mit seiner Frau gereist sei, und Kaj antwortet: „Weil Lisette jetzt mit Kristian zusammen ist.“

Sobald Jack mit Kristian allein ist, warnt er ihn vor Jens.

Kristian und Lisette hatten bereits vor zwei Jahren einmal miteinander geschlafen – nach einem heftigen Streit von Jens und Lisette –, und dabei waren sie von Ingrid entdeckt worden. Um eine Wiederholung zu verhindern, warf Ingrid ihren jüngeren Sohn aus dem Haus, riet ihm allerdings, die Familie an Weihnachten zu besuchen, damit Jens keinen Verdacht schöpfte. Vor ihrer Abreise nach Florida hatte Ingrid ihrer Schwiegertochter ausdrücklich verboten, während ihrer Abwesenheit ins Haus zu kommen.

Inzwischen hat Jens bei Tampa Bay in Florida ein Traumhaus gefunden, einen Mietvertrag unterschrieben und die Miete für drei Monate im Voraus bezahlt. Er ist sicher, dass es Lisette gefallen wird und will sie damit überraschen. Ungeduldig drängt er seine Mutter, zwei Tage früher als geplant heimzufliegen.

Zur Überraschung der beiden Urlauber sind Kaj und Kristian nicht allein, sondern auch Jack, Lisette und die Kinder anwesend. Weil Lisette jedoch wieder einmal schlechter Laune zu sein scheint, weiht Jens erst einmal nur Anna in sein Geheimnis ein.

Kristian will noch den 50. Geburtstag seines Vaters mitfeiern und am Tag darauf an seinen Studienort zurückkehren. Er beabsichtigt, Kaj mitzunehmen. Sie soll bei ihm wohnen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Nach dem Mittagessen fahren Jack und Ingrid los, um die Geburtstagstorte zu holen. Die anderen bleiben noch am Tisch sitzen. Jens möchte endlich mit Lisette allein reden und fordert sie zu einem kleinen Spaziergang auf, aber sie will angeblich erst noch aufessen, obwohl sie auf ihrem Teller nur herumstochert. Plötzlich sagt Kaj: „So sag es schon, Kristian, sag es … erzähl es ihm!“ Zuerst findet Jens es witzig, aus Kajs Mund das Wort vögeln und die Namen Lisette und Kristian im Zusammenhang zu hören, aber dann begreift er, springt auf, wirft seinen Bruder gegen die Wand und schlägt auf ihn ein. Lisette umschlingt von hinten seinen Hals und versucht, ihn zurückzuzerren, aber er hämmert Kristians Kopf gegen die Wand, dann gegen den Boden und spaltet ihm mit seinem Knie beinahe den Schädel. Anna und Nina schauen mit aufgerissenen Augen zu. Kaj steht in der Tür und raucht ungerührt.

Als wäre diese Katastrophe genau das, womit sie gerechnet hatte. (Seite 223)

Kristian ist ins Koma gefallen, und die Ärzte im Krankenhaus rechnen nicht damit, dass er sich von den Gehirnblutungen erholt. Jack besucht seinen Sohn jeden Tag, und Kaj muss ihn dabei begleiten, auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus allerdings im Auto warten.

Vergeblich schreibt Jens aus der Haftanstalt Briefe und ruft zu Hause an: Lisette will nichts mehr von ihm wissen. Vor Zorn zertrümmert Jens den Hörer an der Wand. Um trotz des deshalb verhängten Kontaktverbots an ein Telefon zu kommen, schlägt Jens sich in seiner Zelle die Stirn blutig. Nachdem die Wunde in der Krankenstation genäht worden ist, steckt eine Krankenschwester ihm ein Telefon zu, und er ruft Jack an, aber der glaubt nicht, dass er Lisette überreden kann, wenigstens Anna und Nina einen Besuch bei ihrem Vater zu erlauben.

Kristian erwacht aus dem Koma, und Jack wundert sich darüber, dass er sich zwar nicht an seinen Namen erinnert, aber Baisers verlangt.

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„Polarsommer“, der Debütroman der Schwedin Anne Swärd, wird abwechselnd von Kaj, Kristian, Jens, Lisette, Ingrid und Jack erzählt, die von ihren Gefühlen mitgerissen werden. Die eigentliche Handlung spielt in drei Sommerwochen; die verhängnisvolle Vorgeschichte erschließt sich Stück für Stück aus multiperspektivischen Rückblenden. „Polarsommer“ ist reich an Symbolen, Parallelen und Spiegelungen, aber vieles wird nur angedeutet. Von Anfang an sorgt Anne Swärd für eine unheilvolle Atmosphäre, die sich dann zunehmend verdichtet. „Polarsommer“ ist eine erschütternde Familientragödie.

Anne Swärd (*1969) studierte in Stockholm Kunst und Sozialanthropologie. Die schwedische Schriftstellerin arbeitet auch als Illustratorin und Kunsterzieherin.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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