Cynthia d'Aprix Sweeney : Das Nest

Das Nest

Cynthia d'Aprix Sweeney

Das Nest

Originalausgabe: The Nest HarperCollins, New York 2016 Das Nest Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner Klett-Cotta, Stuttgart 2016 ISBN: 978-3-608-98000-4, 416 Seiten, 19.95 € (D) ISBN: 978-3-608-10015-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Geschwister Jack, Beatrice und Melody haben sich auf die Auszahlung eines vom Vater für sie eingerichteten millionen­schweren Fonds eingerichtet. Ihre An­sprüche und Privilegien halten sie für selbst­verständlich. Als jedoch Leo, der älteste Bruder, ihre finanziellen Er­war­tun­gen zunichtemacht, werden sie aus der Bahn geworfen. Das bringt sie aber auch dazu, wieder miteinander zu reden und eröffnet ihnen die Chance, zu begreifen, was in ihrem Leben wirklich zählt ...
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Kritik

Obwohl Cynthia D'Aprix Sweeney die Familiengeschichte mit zusätzlichen Figuren, Handlungssträngen und Mi­nia­turen spickt, behält sie alles unter Kontrolle. Geschickt wechselt sie die Perspektive. Man kann "Das Nest" als Satire lesen. Auf jeden Fall ist es eine unterhaltsame Lektüre.
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Als die New Yorker Literaturzeitschrift SpeakEasy, deren Mitherausgeber Leo Plumb war, nicht mehr genügend abwarf, gründete er das Internet-Magazin SpeakEasyMedia. Statt den Redakteur Paul Underwood mitzunehmen, stellte er Leo Gordon FitzGerald ein. Bevor Leo Plumb heiratete, verkaufte er seinen Anteil an dem bis dahin erfolgreichen Dotcom-Unternehmen – zum Ärger des Mit­eigen­tümers Nathan Chowdhury, dessen finanzielle Möglichkeiten nicht ausreichten, um auch die andere Hälfte des Geschäfts zu übernehmen.

Bei der Hochzeitsfeier eines Cousins auf Long Island fällt Leo Plumb eine hübsche Mitarbeiterin der Catering-Firma auf. Es handelt sich um Matilda Rodriguez, eine 19-jährige Mexikanerin, die von einer Karriere als Sängerin träumt. Leo be­haup­tet, Freunde bei Columbia Records zu haben und schlägt vor, sich in seinem Porsche ihre Demo anzuhören. Als Matilda neben ihm sitzt, nimmt er ihre Hand und legt sie in seinen Schritt. Sie spürt seine Erektion und begreift, was er von ihr erwartet. Ohne die Sicherheitsgurte anzulegen, fahren sie los. Obwohl der 46-Jährige angetrunken ist, Kokain geschnupft und Wellburtrin geschluckt hat, kommt er viel zu rasch – und übersieht ein SUV.

Im Krankenhaus wird Matildas rechter Fuß amputiert. Leo erfährt in der Entzugs­klinik, dass seine Ehefrau Victoria, die ihn ein paar Wochen vor dem Unfall mit einer Babysitterin von Freunden erwischte, die Scheidung eingereicht hat. Sein Anwalt George Plumb, ein Cousin seines Vaters, versucht in beiden Fällen, den Schaden zu begrenzen. Aber Victoria verlangt nicht nur das Haus in Tribeca, sondern auch einen Großteil des Vermögens. Ohne die Scheidung hätte Leo über genügend Geld verfügt, um Matilda Rodriguez und ihre Eltern, die allesamt illegal in den USA leben, ruhigstellen zu können. Das Millionen-Vermögen, das Leo auf einem Offshore-Konto angesammelt hat und von dem niemand außer ihm etwas weiß, kann er wegen der Scheidung und Victorias Geldgier nicht nutzen.

Leo wendet sich deshalb an seine Mutter Francie, die über eine Vollmacht für den vom Vater Leonard eingerichteten Fonds verfügt. Die Plumbs gehörten früher zu den steinreichen Bewohnern von Eastern Long Island.

Als Leonard in die Highschool kam, hatten Jahrzehnte persönlicher Fehltritte, unüberlegter Ehen und in den Sand gesetzter Geschäfte so gut wie alles verschlungen. Er ergatterte ein Stipendium für ein Ingenieursstudium an der Cornell University und danach einen Job bei Dow Chemical.

Leonard Plumb entwickelte einen Kunststoff, der in der Lage ist, ein Vielfaches seines Eigengewichts an Flüssigkeit aufzusaugen, einen Superabsorber, wie er inzwischen in Windeln und in der Damenhygiene verwendet wird. Als Melody, das jüngste der vier Kinder, 16 Jahre alt war, legte Leonard Plumb einen Fonds für sie und ihre Geschwister an. Aus Sorge, dass die Sprösslinge das Geld in jugend­lichem Leichtsinn verschwenden könnten, ließ er den von seinem Cousin George Plumb verwalteten Fonds bis zu Melodys 40. Geburtstag sperren. Zwei Jahre später erlag Leonard einem Herzinfarkt. Seine Witwe heiratete bald darauf einen Geschäftsmann und Lokalpolitiker.

Ohne Leos jüngere Geschwister auch nur zu fragen, macht Francie von ihrer Vollmacht Gebrauch und lässt Leo die erforderliche Summe – knapp zwei Millionen Dollar – ausbezahlen. Wenige Monate vor Melodys 40. Geburtstag erfahren Jack, Beatrice und Melody, dass sie lediglich 200 000 Dollar aus dem Fonds erhalten werden, den sie familienintern als „Nest“ bezeichnen. Das sind gerade einmal zehn Prozent des erwarteten Betrags.

Dass Leo es derartig vermasselt hatte, war erschreckend, aber, da waren die Geschwister sich leider einig, nicht überraschend. Dass sein idiotisches Verhalten ihre abwesende Mutter dazu gebracht hatte, Gebrauch von ihrer Vollmacht zu machen und das Nest quasi auszuräumen, war allerdings ein Schock.

Um mit Leo über die Differenz zu verhandeln, verabreden sich Jack, Beatrice und Melody mit ihm zum Lunch in der Oyster Bar der Grand Central Station in Manhattan. Aus Rücksicht darauf, dass Leo gerade erst in einer Entzugsklinik war, nehmen sie ihre Lunchtime-Drinks bereits zuvor einzeln zu sich, Jack in der Jazz-Age-Bar der Grand Central Station, Melody in der Lobby des Hyatt und Beatrice in der Pendlerkneipe von Garrie Murphy, einem irischen Freund ihres vor drei Jahren verstorbenen Ehemanns Tucker McMillan.

Tucker war knapp 20 Jahre älter als Beatrice. Sie hatte ihn zwei Jahre lang gepflegt, nachdem er vor fünf Jahren durch einen Schlaganfall zum Pflegefall geworden war.

Melody wohnt mit ihrem fünf Jahre älteren, als Computerexperte in Pearl River arbeitenden Ehemann Walter und den 16-jährigen Zwillingen Nora und Louisa 30 Meilen nördlich von Manhattan in einem großen Haus. Die Hypothek dafür konnten sie sich nur in Erwartung ihres Anteils am Nest leisten. Für Nora und Louisa sollte nur ein teures Elite-College in Frage kommen. Ohne das Geld aus dem Nest werden Melody und Walter das Haus verkaufen und die Töchter auf ein staatliches College schicken müssen.

Melodys vier Jahre älterer Bruder Jack Plumb ist seit sieben Wochen mit Walker Bennett verheiratet. Die Geschwister wissen zwar, dass die beiden seit 20 Jahren ein Paar sind, aber die Eheschließung fand heimlich statt. Im West Village betreibt Jack einen kleinen Antiquitätenladen, aber der wirft kaum etwas ab. Ohne Absprache mit Walker nahm er eine Hypothek auf das Sommerhaus auf dem North Fork auf, das der Rechtsanwalt mit in die Ehe gebracht hatte. Falls Jack den Kredit nun nicht, wie geplant, tilgen kann, wird er Walker beichten müssen. Schlimmer noch: Sie werden das als Kapitalanlage und Alterswohnsitz gedachte Sommer­haus nicht halten können.

Als Beatrice, die drei Jahre vor Melody geboren worden war, die Graduate School abgeschlossen hatte, überredete Leo sie, für SpeakEasy zu schreiben und brachte Paul Underwood dazu, eine erste Kurzgeschichte von ihr zu drucken. Leos Freundin Stephanie Palmer wurde ihre Literaturagentin. Als Leo SpeakEasyMedia verkaufte und Beatrice mit ihrem Debütroman nicht weiterkam, kündigte Stephanie die Zusammenarbeit mit ihr auf. Inzwischen arbeitet Beatrice für die von Paul Underwood gegründete unbedeutende Literaturzeitschrift Paper Fibres und wohnt allein in einem von ihrem Mann geerbten Apartment in Uptown.

Leo Plumb kommt als Letzter. Stephanie Palmer, die ein Haus in Brooklyn besitzt, hat den fünf Jahre älteren Freund nach der Entlassung aus der Entzugsklinik aufgenommen.

„Drei Bedingungen, Leo“, sagte sie. „Keine Drogen. Kein Sex. Und Geld leihe ich dir auch keins.“

Drogen besorgt Leo sich dennoch, ohne dass Stephanie etwas davon merkt. Und die mittlere Bedingung wird nach einiger Zeit stillschweigend gestrichen.

In der Oyster Bar klagt Leo:

„Ich wünschte, ich hätte das Geld irgendwo liegen und könnte euch einfach einen Scheck ausstellen.“

Er gibt sich zuversichtlich, den Geschwistern das Geld zurückgeben zu können und bittet sie um etwas Geduld.

„Gebt mir drei Monate.“
„Um uns auszubezahlen?“, fragte Jack.
„Nein, aber um mir etwas auszudenken.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Jack und Walker laden die Geschwister anlässlich von Melodys 40. Geburtstag zum Essen ein. Melody und Walter bringen Nora und Louisa mit. Beatrice kommt allein – ebenso wie Stephanie, die den anderen eröffnet, dass Leo seit zwei Wochen verschwunden und sie von ihm schwanger ist.

Damit schwindet jede Hoffnung der jüngeren Plumb-Geschwister, ihre Geld zu bekommen.

Melody sackte auf einmal in sich zusammen und fing an zu weinen. […] „Tut mir leid“, sagte sie endlich. „Ist gleich wieder gut.“
„Bestimmt wird es das“, sagte George, um sie zu besänftigen.

„Ich bin zwar pleite, und wir müssen unser Haus verkaufen und den Mädchen erzählen,
dass kein Geld fürs College da ist, außerdem sind wir offenbar mit einem Soziopathen verwandt …“ Die Tränen flossen wieder. Mit erstickter Stimme fuhr sie fort: „Aber
bestimmt ist gleich wieder alles gut!“

Beatrice bietet Jack und Melody an, zu deren Gunsten auf ihren Anteil an den 200 000 Dollar zu verzichten. Jack bleibt dennoch nichts anderes übrig, als Walker endlich zu gestehen, dass er das Sommerhaus verpfändet hat und sie es verkaufen müssen. Der Anwalt trennt sich daraufhin von ihm und reicht die Scheidung ein.

George Plumb verrät den Betroffenen später, dass ihr ältester Bruder vermutlich auf Grand Cayman Geld versteckt hat.

„Victoria wusste nichts davon. Ich selbst weiß das nicht als sein Anwalt, nur um das klarzustellen. Er hat es vor Jahren mal erwähnt, als er das Konto eröffnete, und, na ja, ich hielt das damals für keine schlechte Idee, so wie die Sache mit Victoria sich entwickelte.“
„Und bei der Scheidung hast du es geheim gehalten?“, fragte Jack.
„Ich habe gar nichts geheim gehalten. Leo hat die Vermögenserklärung ausgefüllt, ich habe gefragt, ob alles der Wahrheit entspricht, und er hat Ja gesagt. Er hat kein Offshore-Konto angegeben, und ich habe nicht danach gefragt.“

Beatrice fliegt mit Paul Underwood über Miami in die Karibik. Dort suchen sie nach Leo. Ihre Bemühungen bleiben vergeblich. Erst als Paul unmittelbar vor der Abreise in einer Hütte am Fährhafen Aspirin und Guaven-Limonade kauft, stößt er auf Leo. Er hört sein Lachen, bevor er ihn sieht. Ohne mit Leo Kontakt auf­ge­nom­men zu haben, kehrt Paul zu Beatrice zurück, die am Kai sitzt. Von seiner Ent­deckung berichtet er ihr nichts. Leo, der Paul ebenfalls bemerkte, beobachtet die beiden. Sie küssen sich. Als Beatrice den Blick hebt, sieht sie Leo. Sofort versteift sie sich und senkt den Kopf.

Atmen, sagte Bea sich, tief durchatmen. Regungslos blieb sie stehen, sie hatte Angst, sich zu bewegen oder hochzusehen. Sie wartete darauf, dass er ihren Namen rief, hatte Angst, dass er ihren Namen rief. Paul hielt sie noch fester umschlungen. Er roch nach Shampoo und Sonnenmilch und ein bisschen nach Jerk Chicken. In der Nähe kreischte eine Möwe, es klang wie ein Lachen. Die Fähre hupte dreimal. Letzter Aufruf.
„Bist du bereit?“, fragte Paul. Sie hob den Kopf und kniff die Augen zusammen. Die Gestalt war verschwunden. Sie sah ein zweites Mal hin, legte die Hand über die Augen. Niemand.
Unzählige Male hatte sie auf dieser Reise geglaubt, Leo zu sehen, täglich, manchmal stündlich. Sie sah ihn in ihrem Hotel zu einer Calypso-Band tanzen, dann in einem Restaurant am Nebentisch Fisch servieren und ein andermal am Straßenrand Mangos kaufen. Sie sah ihn mit Flipflops in der Hand am Strand entlanglaufen, auf dem Rücksitz eines Taxis sich durch den Verkehr schlängeln und hinter einer offenen Tür Billard spielen, auf zahllosen Barhockern und in unzähligen sonnendurchfluteten Alleen unter wedelnden Palmen. Aber nie war er es wirklich gewesen. Nie war es Leo gewesen.
„Ich bin bereit“, sagte sie, nahm ihren Hut von der Bank und hängte sich die Korbtasche über die Schulter. „Lass uns nach Hause fahren.“

Stephanie ist im siebten Monat schwanger, als sie die von ihr vertretene Autorin Olivia Russet zusammen mit Matilda Rodriguez und Vinnie Massaro zum Mittag­essen einlädt. Vinnie Massaro, der Sohn eines Pizzeria-Betreibers, trägt eine Prothese, weil ihm eine explodierende Sprengladung während seines Militär­dienstes einen Arm abriss. Er kümmert sich um Matilda. Damit sie eine bessere Fußprothese schmerzfrei tragen kann, ist vermutlich eine Nachoperation erforderlich. Olivia Russet, die als junges Mädchen ein Bein verloren hat und als Journalistin viel über Prothesen vor allem im Zusammenhang mit dem Golfkrieg schreibt, soll sie dabei beraten.

Stephanie bringt eine Tochter zur Welt, der sie den Namen Lillian („Lila“) Plumb Palmer gibt.

Zur Feier von Lilas erstem Geburtstag kommen Melody und Walter. Nora bringt ihre lesbische Freundin Simone mit. Louisa wohnt seit kurzem ohnehin bei Stephanie, denn sie will am Pratt Institute in Brooklyn Kunst studieren. Paul begleitet Beatrice. Sie hat ihre Wohnung verkauft, ist zu ihm gezogen, und Schreiben ist jetzt wieder ihre Vollzeitbeschäftigung. Jack ist allein. Er erzählt den anderen, er habe gehört, dass Walker mit einem neuen Partner zusammenlebt.

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In ihrem Debütroman „Das Nest“ beschäftigt sich die Amerikanerin Cynthia D’Aprix Sweeney mit Geschwistern aus einer reichen Familie an der Ostküste der USA. Jack, Beatrice und Melody haben sich auf die Auszahlung eines vom Vater für sie eingerichteten millionenschweren Fonds eingerichtet, den sie als „Nest“ bezeichnen. Jacks Ehemann Walker Bennett meint dazu:

Abgesehen davon, dass es total kindisch war, konnte er nicht fassen, wie eine Gruppe von Erwachsenen diesen Begriff offenbar allen Ernstes benutzte und nicht ein einziges Mal darüber nachdachte, was für eine verquere Metapher das war und wie sehr sie ihr gestörtes Verhalten als Individuen und als Gruppe auf den Punkt brachte. Das war nur eine der vielen Sachen, die er an der Plumb-Familie nicht verstand. Inzwischen hatte er es aufgegeben.

Jack, Beatrice und Melody stehen für Menschen, die ihre Ansprüche und Privilegien für selbstverständlich halten. Als jedoch Leo, der älteste Bruder, ihre finanziellen Erwartungen zunichtemacht, werden sie aus der Bahn geworfen und müssen mit ihren Schulden klarkommen. Die radikale Wende bringt sie aber auch dazu, wieder miteinander zu reden und eröffnet ihnen die Chance, zu begreifen, was in ihrem Leben wirklich zählt. Leo betrügt sie, aber ehrlich sind sie alle nicht: Jack hintergeht Walker und will Stephanie Palmers Mieter Tommy O’Toole heimlich beim Verkauf einer Skulptur an einen Hehler helfen, Melody torpediert die Bemühungen ihres Mannes, das überschuldete Haus zu verkaufen, und Bea täuscht sich selbst vor, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu sein.

Cynthia D’Aprix Sweeney spickt die Geschichte der vier Geschwister und ihrer Angehörigen in „Das Nest“ mit einer ganzen Reihe zusätzlicher Figuren, Handlungsstränge und Miniaturen.

Viel Raum widmet sie dem Feuerwehrmann Tommy O’Toole, der beim Anschlag am 11. September 2001 auf das World Trade Center seine Frau verliert und sich nun allein um die drei Töchter kümmert. Ronnie arbeitete im 95. Stock des nördlichen Turms für einen Finanzdienstleister. In der Hoffnung, etwas von ihr zu finden, beteiligt sich der Witwer an den Aufräumarbeiten, und Anfang April 2002 stößt er tatsächlich auf einen Abguss der Rodin-Skulptur „Der Kuss“, der in ihrem Büro stand. Das Feuer hat die Figur stark beschädigt: dem Mann fehlt ein Arm (wie Vinnie Massaro), der Frau ein Fuß (wie Matilda Rodriguez).

Matilda und Vinnie werden übrigens ein Paar und bekommen im Lauf der Jahre drei Söhne.

Die Immobilienmaklerin Vivienne Rubin vermittelt Melody und Walter einen Käufer für ihr Haus, einen Bauunternehmer, der alles abreißen lässt, um Platz für einen Neubau zu schaffen.

Als die Zwillinge Nora und Louisa noch klein waren, hörte Melody am Spielplatz anderen Müttern zu.

„Ich war mal wer!“, klagte eine andere Mutter. „Ich habe über Menschen und Budgets verfügt und bin dafür bezahlt worden. Und jetzt?“ Sie zeigte auf das Baby vor ihrer Brust. „Jetzt sitz ich hier halb nackt im Park und es ist mir egal, ob mich jemand sieht. Und das Schlimmste ist, es guckt noch nicht mal jemand.“ Sie nahm das Baby von der Brust und fuhr ihm mit dem Finger über die kleine Pausbacke. „Diese Brüste haben mal für Aufregung gesorgt, versteht ihr? Da ist früher niemand dran eingeschlafen.“

Melody überwacht ihre 16-jährigen Zwillingstöchter zwar mit der App „Stalkerville“, aber Nora und Louisa legen ihre Handys in den Spind, wenn sie die Schule zusammen mit der Mitschülerin Simone schwänzen. Dass Nora dabei mit der schönen Afroamerikanerin Simone ein Liebesverhältnis beginnt, erfährt Melody erst sehr viel später.

Die erfolgreiche Schriftstellerin Lena Novak läuft Beatrice über den Weg. Sie wuchs als eines von vier Kindern einer alleinerziehenden Mutter in einem Trailerpark in Ohio auf. Inzwischen wohnt Lena mit ihrem Mann, einem gut aussehenden Architekten, und ihrer bezaubernden dreijährigen Tochter Mary Patience in Brooklyn und verfügt außerdem über ein Wochenendhaus in Litchfield/Connecticut.

„Das ist sie“, sagte sie, reichte Bea ihr Handy und wischte sich durch gefühlte Hunderte von Fotos von ihrer Tochter. „Sie ist jetzt drei. An einem Mittwochmorgen hatte ich die Änderungen an meinem letzten Buch fertig, hab die Seiten meinem Verleger gemailt, bin aufgestanden, und dann ist meine Fruchtblase geplatzt.“
„Du warst schon immer top organisiert.“
„Ich weiß!“

Trotz ihres Einfallsreichtums behält Cynthia D’Aprix Sweeney in „Das Nest“ die Handlungsstränge unter Kontrolle, und das, obwohl sie auch noch zeitlich vor und zurück springt. Immer wieder wechselt sie die Perspektive, besonders eindrucksvoll in einer kurzen Szene im Fährhafen einer Karibik-Insel, die wir zunächst aus Pauls, dann aus Leos und zuletzt aus Beatrices Sicht erleben. Vieles wird in Dialoge und innere Monologe aufgelöst. Man kann „Das Nest“ als Satire lesen, und auf jeden Fall handelt es sich um eine unterhaltsame Lektüre mit einem Happy End.

Den Familienroman „Das Nest“ von Cynthia D’Aprix Sweeney gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Johann von Bülow (ISBN 978-3-86231-825-4).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Alex Capus - Eine Frage der Zeit
Alex Capus entwickelt die beiden Handlungsstränge chronologisch und parallel. Ironie und Situationskomik sind dabei nicht Selbstzweck, sondern führen uns die Absurdität des Kriegs vor Augen.
Eine Frage der Zeit

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