Cynthia D'Aprix Sweeney : Unter Freunden

Unter Freunden
Good Company Verlag HarperCollins, New York 2021 Unter Freunden Übersetzung: Nicolai von Schweder-Schreiner Klett-Cotta, Stuttgart 2021 ISBN 978-3-608-98448-4, 347 Seiten ISBN 978-3-608-11703-5 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach 20 Jahren Ehe droht die zufällige Entdeckung eines verloren geglaubten Rings nicht nur die Familie von Flora, Julian und Ruby, sondern auch ihre ebenso enge wie lange Freundschaft mit Margot und David zu zerstören, denn Flora begreift, dass sie − anders als Julian und Margot − die ganze Zeit nichts von einer Lüge wusste ...
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Kritik

Liebe und Freundschaft, Lüge und Illusion, Leere und Desorientierung, Veränderung und Neuanfang sind einige der Themen in dem unterhaltsamen Roman "Unter Freunden", den Cynthia D'Aprix Sweeney nicht zuletzt als sanfte Satire auf den von Hollywood geprägten Kulturbetrieb angelegt hat.
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Flora, Margot, Julian und David

Neun Monate nach der Auflösung ihrer Verlobung mit dem Jugendfreund Patrick McGuire besucht Flora Mancini auf Drängen ihrer Freundin und Mitbewohnerin Margot Letta eine Party im New Yorker Stadtteil West Village − und verliebt sich in den Gastgeber Julian Fletcher. Sie werden ein Paar.

Margot spielt im Delacorte Theatre, einem Open-Air-Theater im Central Park, die Hauptrolle in einem Shakespeare-Stück. Als ihr Bühnenpartner Theodore Best mit einem Herzinfarkt zusammenbricht und nach einem Arzt gerufen wird, eilt David Pearlman auf die Bühne.

David, der gerade das Scheitern einer vier Jahre dauernden Beziehung mit Patricia Casey hinter sich hat, steht kurz vor dem Ende seiner Facharztausbildung zum Kinderherzchirurgen und hat die Karte von einer Kollegin bekommen, die wegen einer Notoperation nicht ins Delacorte konnte.

An diesem Abend gehen Margot, David, Flora und Julian zum ersten Mal miteinander essen. Flora spielte in dem Stück eine Fee, und Julian saß bis zum Zusammenbruch des Schauspielers ebenso wie David im Publikum. Es ist nicht nur der Auftakt zu einer engen Freundschaft der vier, sondern darüber hinaus zu einer Liebesbeziehung von Margot und David.

Flora und Julian trennen sich, sehen sich aber bei der Hochzeit von Margot und David wieder und versuchen es erneut. Auch sie heiraten schließlich. Während die Ehe von Margot und David kinderlos bleibt, bekommen Flora und Julian eine Tochter: Ruby Josephine Fletcher.

Berufliches

Julian engagiert sich als technischer Leiter für die „Good Company“, die auf einem von seinem Partner Ben geerbten Anwesen in Stoneham in Upstate New York ein jährlich stattfindendes Sommertheater organisiert. Flora und Julian, Margot und David gefällt es dort so, dass sie das ganze Jahr über in Stoneham wohnen.

Während David in New York ein Kind operiert, erleidet er einen schweren Schlaganfall. Die kleine Abbie Jensen stirbt zehn Tage später, aber die Eltern zerren David nicht vor Gericht, sondern geben sich mit der vom Krankenhaus angebotenen Entschädigung zufrieden.

Margot wird die weibliche Hauptrolle in einer neuen Fernsehserie angeboten: Dr. Cathryn Newhall, eine mit dem von Charles Percy gespielten Arzt Dr. Langford Walker verheiratete pädiatrische Onkologin in Cedar City. Der Umzug nach Los Angeles hilft David, über Abbie Jensens Tod hinwegzukommen. Mit seinem jüngeren Bruder zusammen baut er in Los Angeles ein Zentrum für Patienten nach einem Schlaganfall auf.

Bald nach Margot und David ziehen auch Flora und Julian mit Ruby nach Los Angeles.

Der Ring

Flora hatte nicht nach dem Ring gesucht, als sie ihn fand. Sie stöberte gerade in einem alten Aktenschrank in der Garage nach einem Foto aus dem Sommer, als Ruby fünf war, das war dreizehn Jahre her. Lange Jahre? Kurze Jahre? Beides, je nachdem, wie sie es betrachtete. Flora war mit dem Gedanken an das Foto aufgewacht und sie wusste, dass es irgendwo im Haus sein musste. Es war von einer hässlichen braunen Kühlschranktür in Greenwich Village an eine noch hässlichere braune Kühlschranktür in Los Angeles gewandert […]

Flora, die in diesen Wochen eine Löwin in einem Zeichentrickfilm synchronisiert, sucht ein 13 Jahre altes Foto, das sie rahmen und ihrer inzwischen 18 Jahre alten Tochter Ruby am Abend zum Abschluss der Darrow Academy schenken möchte. In einem Aktenschrank in der Garage entdeckt die 48-Jährige das Bild, auf dem sie alle zusammen auf einer Treppe in Stoneham sitzen: Flora, Julian und Ruby, Margot und David. Aus dem Kuvert fällt auch ein Ring, den sie sofort erkennt.

Sie steckte Julian den Ehering, den sie zusammen mit Margot bei einem Juwelier ausgesucht hatten, bei der Trauung vor 20 Jahren an den Finger. Als Ruby fünf Jahre alt war, hatte Julian des Öfteren in New York zu tun, und nachdem er eines Abends von dort nach Stoneham zurückgekommen war, erfrischte er sich erst einmal im Teich. Danach klagte er darüber, den Ehering im Wasser verloren zu haben.

Nach der Abschlussfeier an der Darrow Academy und der anschließenden Party für Ruby bei Margot und David stellt Flora ihren Mann zur Rede.

Julian gesteht, dass er damals ein Jahr lang eine Affäre mit der Schauspielerin Sydney Bloom hatte. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern von Good Company, und er war mit ihr bereits zwei Jahre lang zusammen gewesen, bevor er Flora kennenlernte. Sydney wusste, dass er verheiratet war und eine fünfjährige Tochter hatte, aber bevor er zu ihr ins Bett stieg, nahm er den Ehering ab. Er muss ihm aus der Hosentasche gerutscht sein, denn als Margot sich fünf Monate nach Davids Schlaganfall während einer Produktion in Seattle mit Sydney ein Zimmer teilte, fand sie den Ehering, den sie mit ausgesucht hatte, an einem Goldkettchen auf dem Fußboden im Bad. Ohne Sydney etwas zu sagen, steckte sie ihn ein und gab ihn dann Julian.

Flora ist nicht nur wütend auf Julian, sondern auch auf Margot und die damals konsultierte Eheberaterin Maude Langstrom in New York, die ihr Julians Seitensprung verheimlichten.

Veränderungen

Ruby spürte zwar beim Abschiedsfest, dass ihre Mutter etwas bedrückte, aber sie ahnt nichts von der Ehekrise, als sie mit ihrem Freund Ivan Kozlov, dessen Schwester Rachel und den Eltern der Geschwister für vier Wochen nach Spanien reist. Danach will sie Medizin studieren.

Flora und Julian fliegen nach New York, denn das Sommertheater in Stoneham steht wieder bevor.

Weil die Einschaltquoten für „Cedar“ bedenklich sinken, beschließt die Produzentin, mit dem tragischen Tod der Protagonistin neue Emotionen zu erzeugen. Naheliegend wäre es, die Onkologin an Krebs sterben zu lassen, aber Margot, die in den letzten Einstellungen nicht kahl und krank aussehen möchte, kann Bess überreden, stattdessen einen tödlichen Verkehrsunfall ins Drehbuch zu nehmen.

Nach ihrem letzten Drehtag fliegt Margot mit ihrem Mann nach Stoneham und hofft, sich dort wieder mit Flora zu versöhnen.

Der Kirschgarten

Dieses Jahr wird die tragische Komödie „Der Kirschgarten“ einstudiert, das letzte Stück von Anton Tschechow, der ein halbes Jahr nach der Uraufführung im Jahr 1904 starb.

Die Handlung spielt auf dem Besitz der russischen Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die von ihrer Tochter Anja aus Paris zurückgerufen wird, weil das überschuldete Anwesen versteigert werden muss. Der Kaufmann Jermolaj Lopachin, dessen Vater und Großvater noch Leibeigene auf dem Gut waren, erwirbt es, lässt den nutzlos gewordenen Kirschgarten abholzen und auf dem gerodeten Gelände Ferienhäuser für Sommergäste bauen. Anton Tschechow nimmt das Gerede von der „guten alten Zeit“ aufs Korn und führt eine Aristokratin vor, die ihre Augen vor den Veränderungen in der Realität verschließt, bis diese sie aus der Bahn werfen. Der Kirschgarten symbolisiert dabei den für die Gesellschaft nutzlos gewordenen Adel.

Zur Aufführung in Stoneham gehört es, dass Julian sich mit einer Axt an der damals von ihm für die fünfjährige Tochter gepflanzten, inzwischen kranken Tanne zu schaffen macht. Den Baum zu fällen − bzw. das Relikt aus der Vergangenheit zu beseitigen − erweist sich als eine anstrengende Arbeit.

Ruby, die vor dem Abflug in Madrid von Ivan verlassen wurde, kam rechtzeitig zur Aufführung des Stücks nach Stoneham. Am Morgen vor der Rückreise nach Kalifornien überredet sie Flora und Julian, Margot und David, wie vor 13 Jahren auf derselben Treppe mit ihr für ein neues Foto zu posieren.

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In „Unter Freunden“, dem zweiten Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney, geht es um ein langjähriges Beziehungsgeflecht zwischen zwei Ehepaaren und der einzigen Tochter. Nach 20 Jahren Ehe droht die zufällige Entdeckung eines verloren geglaubten Rings nicht nur die Familie von Flora, Julian und Ruby, sondern auch ihre Freundschaft mit Margot und David zu zerstören.

Liebe und Freundschaft, Lüge und Illusion, Leere und Desorientierung, Veränderung und Neuanfang sind einige der Themen. Auch um die Prägung der Gegenwart durch die Vergangenheit dreht sich „Unter Freunden“.

Die unterhaltsame Geschichte spielt im Milieu amerikanischer Schauspielerinnen und Schauspieler teils in New York, teils in Los Angeles. Die Metropolen sind ebenso gegensätzlich wie die beiden Freundinnen Flora und Margot, und während Flora eine Löwin in einem Zeichentrickfilm synchronisiert, macht sich Margot einen Namen als pädiatrische Onkologin in einer Fernsehserie. Cynthia D’Aprix Sweeney hat „Unter Freunden“ nicht zuletzt als sanfte Satire auf den von Hollywood geprägten Kulturbetrieb angelegt. Dabei droht der Roman aber auch selbst einige Male in das Genre der Wohlfühl-Literatur abzugleiten.

Von einer Seifenoper-Folge hebt „Unter Freunden“ sich ab, denn Cynthia D’Aprix Sweeney leuchtet die Figuren und die Veränderung ihrer Beziehungen ernsthaft aus. Großenteils erleben wir das Geschehen aus Floras Sicht, aber Cynthia D’Aprix Sweeney wechselt zwischendurch auch zu anderen Perspektiven und fügt Rückblenden ein. Sie vermeidet laute Töne und effekthascherische Szenen.

Bemerkenswert ist das Leitmotiv Herz. David ist Kinderherzchirurg. Eine seiner kleinen Patientinnen stirbt nach der Operation, bei der er einen Schlaganfall erleidet, aber zuvor rettete er einem auf der Bühne bei einem Herzinfarkt zusammengebrochenen Schauspieler das Leben. Und ein herzförmiges Medaillon erhält Ruby zum Abschluss der Highschool als Geschenk.

Den Roman „Unter Freunden“ von Cynthia D’Aprix Sweeney gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Britta Steffenhagen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

Cynthia D’Aprix Sweeney: Das Nest

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Auf 180 Seiten reiht Ferdinand von Schirach 48 Kapitel aneinander. Die Bandbreite reicht von guten Beobachtungen und Gedanken bis zu Banalitäten und Trivialitäten. Das "Konzept" dürften manche als Beliebigkeit abqualifizieren. Wohlmeinend könnte man sagen, die Heterogenität des Buches spiegele das Leben.
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