Edith Templeton : Gordon

Gordon
Louise Walbrook: Gordon (1966) Edith Templeton: GordonPantheon Books, New York 2003 Deutsche Übersetzung: Giovanni und Ditte Bandini Claassen Verlag, München 2004 ISBN 3-546-00321-7, 288 S., 22 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die 28-jährige Louisa Walbrook folgt 1946 in London einem zwanzig Jahre älteren Psychiater, der sie in einen Pub angesprochen hat. Als sie merkt, dass sie ihn als Frau offenbar gar nicht reizt und sich barsch von ihm verabschieden will, reagiert er belustigt. Das entwaffnet sie – und sie folgt ihm in seinen Garten ...
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Kritik

Mitleidlos erzählt Edith Templeton in dem atemberaubenden, zugleich abstoßenden und faszinierenden Roman "Gordon" von einer sexuellen Obsession, von einer Frau, die sich einem Sadisten unterwirft, der seine Macht über sie missbraucht und ihre Abhängigkeit ausbeutet.
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Nachdem Louisa Walbrook ein Jahr lang mit der Royal Army in Deutschland gewesen war und es dabei zum Captain gebracht hatte, kommt die Achtundzwanzigjährige 1946 nach London.

Ihre Mutter verließ ihren Mann, als Louisa vier Jahre alt war. Während das Kind mit seiner Mutter bei seiner Großmutter lebte, ließ der Vater nichts mehr von sich hören. Als Louisa sich fünfzehn Jahre nach der Trennung ihrer Eltern einige Tage in Wien aufhielt, drängten ihre Freunde sie, sich mit ihrem inzwischen sechzigjährigen Vater zu treffen, der dort als Physiker beschäftigt war. Er kam ihr wie ein Wildfremder vor, eisig und korrekt; und er lud sie zu einer Eiskunstvorstellung ein, um nicht viel reden zu müssen.

Mit fünfundzwanzig verließ Louisa nach vier Ehejahren ihren Mann und zog von Leicester nach London. Dort war sie ein Jahr lang mit dem Filmregisseur Reggie Starr zusammen, bevor sie nach Deutschland ging. Jetzt hat sie sich in London ein möbliertes Zimmer im Dachgeschoss einer Pension genommen. Bad und Toilette befinden sich drei Treppen tiefer im Parterre. Irritiert beobachtet Louisa, wie Mr Sewell, der Besitzer, Sardinen für die Katze auf einen Teller legt und Worcestersauce darüber schüttet. Als die Katze die Fische dennoch verschlingt, beschließt er, es beim nächsten Mal mit Cayennepfeffer zu versuchen.

Ihr hüftlanges Haar trägt sie in zwei zu einer Krone geformten Zöpfen und glaubt, damit wie Gretchen in Goethes „Faust“ auszusehen.

Louisa sagt von sich:

Ich bin eine Extremistin. Wenn ich nicht alles haben kann, will ich nichts. (Seite 41)

Am zweiten Tag ihres erneuten Aufenthalts in London sitzt sie in einem Pub, beobachtet die anwesenden Männer und überlegt, welcher von ihnen wohl versuchen wird, sie abzuschleppen. Da hört sie von hinten die leise Stimme eines Mannes:

„Wir genehmigen uns woanders noch einen Drink.“ (Seite 11)

Louisa verlässt mit dem Fremden das überfüllte Pub und folgt ihm zu einem billigen Club. Weil er ihr weder Komplimente macht noch versucht, sie zu berühren, hat sie den Eindruck, dass sie ihn als Frau nicht reizt und er nur etwas Zeit mit ihr totschlagen möchte. Schließlich hat sie genug von ihm.

„Ich will gehen. Ich habe keine Lust, mit Ihnen zusammen zu sein. Ich weiß, dass es nicht sehr nett ist, das zu sagen, aber mir ist überhaupt nicht danach, nett zu Ihnen zu sein.“
[…] Ich hatte schon meine Handtasche an mich genommen, bereit, ihn – zweifellos empört – sitzen zu lassen. Als ich jetzt seine Belustigung sah, fühlte ich mich hilflos.“ (Seite 21)

Unvermittelt sagt er:

„Jetzt werde ich Ihnen meinen Garten zeigen […]“
Ich lachte, um mein Unbehagen zu überspielen […] Erst der Garten und dann das Haus und dann sein Zimmer und dann sein Bett. (Seite 23)

Offenbar liegt ihm nicht viel an ihr, denn statt ein Taxi heranzuwinken, wartet er mit ihr auf einen Linienbus. Nach einem kurzen Fußweg in South Kensington öffnet er das hohe gusseiserne Tor zu einem alten Garten, der ihr auf Anhieb gefällt. Sie gehen hinein.

Er fasste mich um die Taille und bog mich zurück. Ich hatte eine schreckliche Angst zu fallen, aber als ich eine kalte steinerne Oberfläche unter mir spürte, verscheuchte die überraschende Begegnung mit dem Stein meine Angst. Er legte mich hin; eine harte Kante schnitt mir in die Kniekehlen, während meine Füße noch immer den Boden berührten, und sobald ich vollkommen ausgestreckt lag, war er in mir. […] Ich war weder einverstanden noch abgeneigt. Ich war überhaupt nichts. Man hatte mir nicht die Wahl gelassen, eines von beiden zu sein. […]
[…] Ich hatte mich in meinem Leben noch nicht so hilflos gefühlt. (Seite 24f)

Anschließend fordert er sie ohne die geringste Freundlichkeit auf, sich zu erheben.

„Jetzt kommen Sie. Ich begleite sie nach Hause“, sagte er und fasste mich am Handgelenk.
Diese Unart, mich am Handgelenk zu fassen […] machte mich wütend. Es war eine völlig einseitige Geste, das Sichbemächtigen meiner Person, ohne sich darum zu kümmern, ob ich überhaupt mein Einverständnis dazu gab. Es war so, wie wenn man einen Stuhl bei der Lehne packt und dorthin zieht, wo man ihn gerade haben will. (Seite 28f)

Sie verabreden sich für den übernächsten Tag in dem Pub, in dem sie sich kennen lernten. Diesmal nimmt er mit ihr den Bus zum Portman Square und bringt sie in ein altes mehrgeschossiges Haus, in dem er ein möbliertes Zimmer hat.

Der Achtundvierzigjährige heißt Dr. Richard Weir Gordon und ist Psychiater. Er behauptet, seine beiden Schwestern verführt zu haben, als sie dreizehn beziehungsweise vierzehn Jahre alt waren. Seine Frau hatte ihn wenige Monate nach der Geburt ihres Kindes verlassen, um mit einem amerikanischen Soldaten zusammen zu leben. Kürzlich wurde die Ehescheidung rechtskräftig. Gordon vermutet, dass seine Exfrau jetzt den Amerikaner heiraten und mit ihm und dem Kind in die USA ziehen wird.

In seinem Zimmer angekommen, zieht Gordon die Schublade einer Kommode auf und sagt in ganz normalem Ton:

„Ziehen Sie sich aus, und gehen Sie ins Bett.“ (Seite 42)

Ohne sie zu liebkosen oder sich um ihre Gefühle zu kümmern, dringt er in sie ein. Ähnliches wiederholt sich bei den nächsten Treffen. Weder küsst er sie, noch nimmt er sie in den Arm. Wenn sie sich nach dem Geschlechtsverkehr und vor dem Einschlafen an ihn zu kuscheln versucht, bleibt er „mit parallel zu seinem Rumpf ausgestreckten Armen regungslos“ auf dem Rücken liegen. Die Versagung jeglicher Zärtlichkeit steigert Louisas Demütigung.

[…] jedes Mal, wenn er mich gegen meinen Willen in seine Gewalt brachte und mich zwang, den Schmerz, den er mir zufügte, ohne Gegenwehr und Widerstand anzunehmen, machte er mich wütend und beschämt.
Und doch, ungeachtet all dieser sonstigen Emotionen erfüllte er mich mit einer tiefen, außerordentlichen Seligkeit und Befriedigung, die ich noch nie zuvor verspürt hatte […]
Wenn er kurz davor stand, mich zu nehmen, lechzte ich danach, von ihm zerschmettert und vernichtet zu werden, und vielleicht war das der Grund, warum ich Schwierigkeiten machte. Vielleicht leistete ich ihm nur Widerstand, damit er ihn zerschmetterte und brach. Gleichzeitig besaß mein Widerstand eine andere Bedeutung. Ich sehnte mich auch danach, ihn zu zerschmettern und zu vernichten. (Seite 70f)

Sie wagt es nicht, ihn um Verhütung zu bitten und verlässt sich darauf, dass er ihr notfalls helfen wird. Zwei Abtreibungen hat sie bereits hinter sich. Doch trotz ihres beinahe täglichen Verkehrs wird sie nicht schwanger.

Niemals verwendet er ihren Namen – allenfalls nennt er sie „mein armes Kind“ – und Louisa käme nicht auf die Idee, ihn anders als mit seinem Nachnamen anzusprechen.

Selbst wenn ich grob zu ihm war und ihm Beleidigungen an den Kopf warf, tat ich es nie von Gleich zu Gleich. Ich war frech und dreist wie ein Dienstmädchen gegenübers einem Herrn. (Seite 95)

Einmal freut sie sich den ganzen Abend darauf, ihm vor dem Betreten seines Zimmers mitzuteilen, ihre Periode zu haben. Von ihrer Mutter und ihren Freundinnen hat sie immer wieder gehört, dass eine Frau in diesen Tagen unberührbar sei, aber zu ihrer Verblüffung lässt Gordon sich davon nicht abschrecken, sie auch an diesem Abend zu nehmen.

Er fragt sie nach ihren Eltern aus und fordert sie auf, ihm ihre Träume zu schildern. Anhand ihrer Assoziationen erklärt er ihr, dass sie ihre Mutter um deren verführerisches Äußeres beneide und selbst so aussehen wolle.

„Es bereitet mir ein unvorstellbares Vergnügen, mich mit Ihnen zu befassen“, sagte er, „Dinge gegen Ihren Willen aus Ihnen herauszuholen. Ich mag es, Sie zu durchbohren und unangenehm in Sie einzudringen.“ (Seite 83)

Einmal erzählt sie ihm von Derek O’Teague, einem über fünfzig Jahre alten irischen Schauspieler, in den sie sich verliebte, als sie gerade dabei war, ihren Ehemann zu verlassen. Sie sprachen miteinander und verloren sich dann aus den Augen. Erst drei Jahre später fand sie ihn wieder. Diesmal nahm sie ihn mit in die Wohnung ihres gerade abwesenden Lebensgefährten Reggie Starr und ging mit ihm ins Bett.

Gordon sagte: „O’Teague taucht auf und verschwindet nach zwei Tagen wieder. Danach drei Jahre lang nichts. Wir haben also auf der einen Seite Ihren Vater – alt, exzentrisch, sonderbar, bemerkenswert und unbekannt. Sie wollten ihn und konnten ihn nicht bekommen. Er ist irgendwo, aber man kommt nicht an ihn heran […] Auf der anderen Seite haben wir O’Teague. Alt, vielleicht als Schauspieler bemerkenswert, sonderbar, exzentrisch, unbekannt. Sie wollen ihn, und Sie können ihn nicht haben. Sie wissen nichts über ihn. Er ist irgendwo, aber man kommt nicht an ihn heran […]
Es war diese dreijährige Abwesenheit, die Suche nach dem großartigen bemerkenswerten, exzentrischen alten Mann, was ihn in die Liebe Ihres Lebens verwandelt hat. Aber natürlich war er in Wirklichkeit lediglich eine dürftige, schäbige, drittklassige Kopie Ihres Vaters.“ (Seite 173f)

Eines Abends zieht sie sich zwar auf seine Anordnung hin aus, bleibt dann aber vor dem Bett stehen, statt sich – wie gewohnt – flach auf den Rücken zu legen:

„Ihre Art, mich zu beschlafen, hängt mir zum Hals heraus. Immer das Gleiche, immer auf das Notwendigse beschränkt, und nie fällt Ihnen etwas anderes ein.“
„Hinlegen“, sagte er ungerührt.
Der erste, schmerzhafte Stoß, mit dem er mich wie einen Jungen nahm, erfüllte mich, außer mit Ekel, mit Ungläubigkeit, und ich dachte [zunächst], er habe es versehentlich getan […]

Anschließend fragt sie ihn, warum er ihr das angetan habe.

„Weil ich mich über Sie geärgert habe“, sagte er, „als Sie diese Bemerkung machten, im Bett mit mir sei es immer das Gleiche. (Seite 128ff)

Einige Monate nach dem Beginn ihrer Beziehung meint Gordon, er müsse sich erneut einer Analyse unterziehen. Dann redet er davon, sich eine richtige Wohnung in London zu nehmen, in der er auch ein Sprechzimmer einrichten könne.

„Und dann ziehen Sie zu mir, mein armes Kind. Sie putzen dann für mich und sind mein Mädchen für alles.“ (Seite 195)

Das erschreckt sie. Nicht die Hausarbeit stößt sie ab, sondern die Furcht vor der Häuslichkeit.

Unsere ganze Beziehung war ein Abenteuer, und wie alle Abenteuer spielte sie sich außerhalb des Alltags ab. (Seite 195)

Auf dem Weg zu einer Party bei Leonie Beck, einer mit Gordon befreundeten Psychoanalytikerin Ende dreißig, drängt Gordon sie in einen schmutzigen Hinterhof und bringt sie dazu, sich in einer dunklen Ecke hinzuhocken und zu urinieren. Dann drückt er sie brutal gegen die Wand und fickt sie. Einige Minuten später stehen sie bei Leonie Beck in der Tür.

„Aber Sie sind ja in einem schrecklichen Zustand!“, rief sie aus, indem sie meinen Mantel nahm.
Ich sah Gordon an […] Er beobachtete mich mit einem Lächeln tiefer Befriedigung […]
„Aber entsetzlich!“, rief sie im Ton einer empörten Mutter aus. „Sie sind in einem schockierenden Zustand!“
„Wer? Was?“, fragte ich.
[…] Ich sah an mir herunter.
In meinen Strümpfen waren Löcher, wie ich sie noch nie gesehen hatte, runde Löcher von der Größe von Kuchentellern, aus denen eines meiner Knie und meine Waden unanständig nackt hervorsahen. Mein anderes Knie war zwar bedeckt, aber mit geronnenem Blut gestreift. An einer Seite meines Rocks klaffte ein Riss, der den Blick auf ein Dreieck Unterkleid freigab; darunter flatterte ein Stück abgerissenen Saums, und als ich den Kopf verdrehte und mir über die Schulter blickte, sah ich, dass der Saum aufgetrennt war, soweit mein Auge reichte. Vorn, etwas seitlich versetzt, hing mein Unterkleid tiefer als der Rock; auf dieser Seite musste der Träger gerissen sein. (Seite 200f)

Ungerührt nimmt Gordon abseits von den anderen Gästen auf einer niedrigen breiten Fensterbank Platz, fordert Louisa auf, sich zu seinen Füßen auf den Boden zu setzen und erzählt ihr, dass Leonie ihn einmal verführen wollte, er aber zu keiner Erektion fähig gewesen sei. Belustigt konstatiert er:

„Für Sie bin ich ein Sexmonster, und für Leonie Beck bin ich impotent.“ (Seite 205)

Mit ihren Freunden kann Louisa nicht über ihre Obsession sprechen.

[…] wusste ich, dass sie ihrerseits völlig verständnislos reagiert hätten, wenn sie erfahren hätten, dass ich meine Zufriedenheit einem Mann verdankte, der imstande war, zu sagen: „Ich werde Sie für immer festhalten, weil ich immer neue Wege finden werde, Sie zu quälen“, und dass mein persönliches Paradies mit dem grünen Teppichboden, den hellen, maschinell verzierten Möbeln und Pressglasvasen nur deswegen das Paradies war, weil ich mich nicht aus eigener freier Entscheidung dort aufhielt, sondern als Sklavin festgehalten wurde. (Seite 230)

Knapp ein Jahr nach dem Beginn ihrer Beziehung fällt ihr auf dem Weg zu seinem Zimmer die Handtasche zu Boden, und nach ihrer Ankunft will sie erst einmal die Sachen ordnen. Sie folgt zwar seiner Aufforderung, sich auszuziehen, kramt dann aber weiter in ihrer Handtasche, statt sich hinzulegen. Da geht er nackt zum Schrank und holt etwas heraus. Sie fürchtet sich und hofft, dass es nicht wieder die Schere ist, mit der er ihr kürzlich einen Schreck einjagte. Er packt sie und wirft sie aufs Bett, diesmal mit dem Gesicht nach unten. Dann hockt er sich auf sie, klemmt ihre Beine zwischen seinen Knien ein und beginnt, mit dem medizinischen Hammer, der zur Prüfung der Reflexe benutzt wird, auf sie einzuschlagen. Um ihre Schreie zu ersticken, drückt er ihr mit der anderen Hand den Kopf auf die Matratze. Erst als der Hammer zerbricht, lässt er von ihr ab.

Einige Tage später klagt er über rasende Kopfschmerzen und sagt zu ihr:

„Es muss Schluss sein. […] Es kann so nicht weitergehen. Sie sind vollkommen von mir abhängig geworden. Sie können keinen Schritt mehr ohne mich tun. […] Ich will Sie nicht loswerden, ich muss. Es hat einen Punkt erreicht, an dem Schluss sein muss. Außerdem gehe ich jetzt wieder in die Analyse. Da kann ich Sie nicht gebrauchen. Sie wären mir nur im Weg.“ (Seite 243f)

Als sie zaghaft protestiert, fährt er fort:

„Und überhaupt, worüber beklagen Sie sich eigentlich? Sie haben auf diesem Weg eine Therapie im Wert von dreihundert Guineen erhalten.“ (Seite 246)

Vier Jahre später heiratet Louisa einen Antiquitätenhändler und zieht mit ihm nach Madrid. An der Seite ihres Mannes, der für Sotheby’s arbeitet, kommt sie im vierten Jahr ihrer Ehe erstmals wieder nach London. Zur Verwunderung ihres Mannes will sie einige Monate nach dieser Reise erneut für sechs Wochen nach London, diesmal allein, angeblich, um Freunde zu besuchen. Tatsächlich geht es ihr darum, herauszufinden, warum Gordon sich vor acht Jahren das Leben nahm.

Sie lebte damals mit einem Amerikaner zusammen in London. Als sie eines Tages nach Hause kam, sagten ihr Arbeiter, die gerade mit Renovierungsarbeiten beschäftigt waren, jemand habe für sie angerufen. Unter der notierten Telefonnummer meldete sich ein Unbekannter. Offenbar stimmte die Nummer nicht. Der Angerufene fragte Louisa, ob es vielleicht einer der anderen in seinem Haus praktizierenden Psychiater gewesen sein könnte, aber sie entgegnete, nur einen einzigen Psychiater zu kennen: Richard Gordon. Da wurde sie darüber aufgeklärt, dass Gordon tot war. Louisa rief daraufhin Leonie Beck an und erfuhr, dass Gordon Gift geschluckt, sich dann in der Badewanne die Pulsadern aufgeschnitten habe und ertrunken sei. Offenbar habe er den Suizid nicht geplant, denn sonst hätte der gewissenhafte Psychiater wohl die beiden Patiententermine für den Nachmittag abgesagt. Der Selbstmord habe alle verwundert, denn Richard war seit zwei Monaten wieder verheiratet und erfolgreich dabei, eine neue Praxis aufzubauen. Leonie Beck vermutete, dass er sich wegen seiner Impotenz das Leben genommen hatte und war völlig verblüfft, als Louisa ihr versicherte, Gordon sei durchaus nicht impotent gewesen. (Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, dass Leonie damals, als Louisa in zerrissenen Kleidungsstücken bei ihr aufgetaucht war, vermutet hatte, Louisa habe ihren Begleiter wegen seiner Impotenz verhöhnt und sei deshalb von ihm verprügelt worden.)

Louisa sucht Dr. Crombie auf, einen schottischen Psychiater in London, von dem sie weiß, dass er mit Gordon befreundet war. Statt ihre Fragen zu beantworten, fordert Crombie sie auf, sich auf die Couch zu legen und zu erzählen, was ihr gerade so einfällt. Ohne lange nachzudenken, stimmt sie weiteren Sitzungen zu. Dabei begreift sie nebenbei, dass sie ihren Mann eigentlich verlassen möchte. Schließlich kommt der Psychiater wieder auf Gordon zu sprechen.

„Aber was glauben Sie, was passiert wäre, wenn Gordon Sie nicht rausgeworfen hätte? Glauben sie, Sie hätten es geschafft, ihn umzuerziehen?“
„Natürlich nicht“, sagte ich, „wir hätten nur immer so weitergemacht, immer schlimmer und schlimmer.“
„Und was, glauben Sie, wäre am Ende passiert?“, fragte er.
„Er hätte mich getötet“, sagte ich, „oder ich ihn.“ (Seite 277f)

„Und ich kann Ihnen jetzt auch sagen, warum er sie hinausgeworfen hat“, sagte Crombie. Er hielt inne. Ich hörte ihn ein Streichholz anzünden. Dann fuhr er fort: „Weil er mit Ihnen zu viele Tricks entwickelte und Sie ausbeutete […] und Sie ließen sich ausbeuten. Welche andere Frau hätte ihn schon ertragen, so wie er mit Ihnen war? Eine Nacht und weg. Aber sie nicht. Da bekam er es mit der Angst zu tun, das ist mir jetzt völlig klar. Deswegen ging er wieder in die Analyse und trennte sich von Ihnen. Sie dachten, Sie hätten durch irgendetwas sein Missfallen erregt. In Wirklichkeit gefielen Sie ihm zu gut.“ (Seite 278)

In der letzten Sitzung vor ihrer geplanten Abreise aus London rät der Psychiater ihr, ihrem Herzen zu folgen, „ohne sich um die Konsequenzen zu scheren“. Da geht sie auf ihn zu, schlingt die Arme um seinen Nacken, legt den Kopf an seine Brust – und Crombie küsst sie.

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Bis auf das letzte Kapitel, das ein wenig aufgesetzt wirkt, ist „Gordon“ eine atemberaubende, zugleich abstoßende und faszinierende Geschichte über eine sexuelle Obsession. Es geht um die Ausübung von Macht über einen Menschen, die Ausbeutung der Abhängigkeit eines Sexualpartners, um Sadismus, Masochismus und Identitätsverlust. Mitleidlos erzählt Edith Templeton von der abgründigen Beziehung eines achtundvierzigjährigen Psychiaters und einer Achtundzwanzigjährigen, die ihren Weg noch nicht gefunden hat und glaubt, Faust und Mephisto in einer Person begegnet zu sein. Anders als Gretchen ist die Protagonistin kein naives Opfer, sondern sie lässt sich bewusst auf die ihr zugedachten Qualen ein. Die Frau, deren gefühlskalter Vater sich nie um sie kümmerte, sucht statt eines Lebenspartners eine Vaterfigur, gegen die sie auf infantile Weise rebelliert, nur um noch härter bestraft zu werden. Kein Schmerz und keine Demütigung können sie davon abbringen. Paradoxerweise kehrt sie gerade dadurch das Verhältnis von Macht und Abhängigkeit um, denn ihr sadistischer Partner muss zwangsweise immer weiter gehen – bis er eines Tages die tödliche Gefahr erkennt, die krankhafte Beziehung abbricht, in einem verzweifelten Selbstrettungsversuch noch einmal eine andere Frau heiratet und sich zwei Monate später umbringt.

Der Roman „Gordon“ erschien erstmals 1966, allerdings nicht unter Edith Templetons Namen, sondern unter ihrem Pseudonym Louise Walbrook. Eine deutsche Übersetzung folgte drei Jahre später („Die Nackte und ihr Arzt“). Im Vereinigten Königreich und in Deutschland wurde das Buch dann zwar verboten, aber der 1953 von Maurice Girodias in Paris gegründete Verlag „Olympia Press“ verbreitete den Roman 1968 in New York als Paperback („The Demon’s Feast“). Im Alter von fünfundachtzig Jahren erklärte Edith Templeton sich 2001 mit einer Neuauflage unter dem ursprünglichen Titel und mit ihrem richtigen Namen einverstanden. Sie gestand außerdem, dass der Roman autobiografisch sei. Daraufhin publizierten der zu Random House gehörende Verlag Pantheon Books 2003 die englischsprachige Ausgabe und der Claassen-Verlag im Jahr darauf die deutsche Übersetzung.

Edith Templeton wurde 1916 in Prag geboren und verbrachte ihre Kindheit großenteils in einem Schloss. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Arzthelferin und Dolmetscherin für die Alliierten. 1956 zog sie mit ihrem zweiten Ehemann, einem renommierten Kardiologen und Leibarzt des Königs von Nepal, nach Indien. Seit einigen Jahren lebt sie in Bordighera.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Ullstein Buchverlage

Edith Templeton: Die Stunde des Cupido

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Der vielstimmige Roman "Die gleißende Welt" von Siri Hustvedt kann als Tragödie, Satire und Essay gelesen werden. Es handelt sich um eine Montage aus Gesprächs­proto­kollen, Zeitungsartikeln, Briefen, Tagebuch-Eintragungen und Fußnoten.
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