Jakob Wassermann : Der Stationschef

Der Stationschef

Jakob Wassermann

Der Stationschef

Der Stationschef Deutsche Erzählungen des 20. Jahrhunderts Hg.: Marcel Reich-Ranicki Deutscher Bücherbund, Stuttgart / Hamburg / München o. J.
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Antonio Varga ist der Stationschef einer unbedeutenden Bahnstation in der Sumpföde der Maremmen zwischen Pisa und Rom. Er kann den Prunk nicht vergessen, den er als Jugendlicher sah, wenn er seinen Vater besuchte, der als Türhüter im Vatikan beschäftigt war. Jeden Tag, wenn der zwischen Paris und Neapel verkehrende Luxuszug an seiner Bahnstation durchrauscht, träumt Varga davon, unter den Reisenden zu sein – oder den Zug anzuhalten ...
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Kritik

In der kurzen, erschütternden Erzählung "Der Stationschef" schildert Jakob Wassermann (1873 – 1934) in einer sehr eindringlichen Sprache, wie ein von Neid zerfressener Mann eine Katastrophe heraufbeschwört.

Seit seinem dreißigsten Lebensjahr ist Antonio Varga Stationschef einer unbedeutenden Bahnstation in der Sumpföde der Maremmen zwischen Pisa und Rom.

Sein Vater war Türhüter im Vatikan, und wenn Antonio ihn besuchte, staunte er über die Pracht der vatikanischen Gemächer.

Ob es nun die Säle des Vatikans oder die königlichen Gärten oder die nächtlich erleuchteten Fenster eines Palastes am Corso oder die Ringe an der Hand einer schönen Frau oder die Orden auf der Rockbrust eines Generals waren, stets empfand er beim Anblick von Dingen, die an Macht, Herrschaft und Reichtum erinnerten, den Groll eines Menschen, der um den rechtmäßigen Genuss seines Eigentums betrogen wird.

Antonio Varga hat keinen Freund, denn die Männer, die er kennt, sind ihm zu ergeben und genügsam. Eine Geliebte hat er auch nicht, denn er verachtet die Mädchen aus dem Volk und träumt davon, mit Gräfinnen und Herzoginnen zu verkehren.

Sooft der zwischen Paris und Neapel verkehrende Luxuszug an seiner Bahnstation durchrauscht, ärgert Varga sich darüber, dass er nicht hält und ihm das Innere nicht zugänglich ist.

Einmal wird der Zug von einem verzweifelten Streckenwärter angehalten, dessen Frau gerade mit einem Kind niedergekommen ist und mit dem Tod ringt. Da es in der ganzen Gegend keinen Arzt gibt,

hofft er, im Zug einen zu finden. Aber die Herrschaften dürfen nicht weiter gestört werden. Nachsichtig unternimmt der Zugführer nichts weiter, als dem Stationschef Antonio Varga den Vorfall zu melden. Der bestraft jedoch den Streckenwärter, dessen Frau inzwischen gestorben ist, auf das Schärfste: Der Mann verliert nicht nur seine Stelle, sondern wird auch noch aus dem Haus gejagt. – Vargas Wut ist so furchtbar, weil der Streckenwärter getan hat, wovon er die ganze Zeit träumte: Schon immer wollte er den Luxuszug anhalten:

Kann ich nicht zu euch gelangen, so will ich euch zu mir zwingen, und wie Knechte und Bettler sollt ihr vor mir liegen.

Einige Zeit später muss der verspätete Güterzug aus Genua auf Antonio Vargas Bahnstation auf ein Ausweichgleis rangiert werden, damit der Luxuszug von Neapel nach Paris freie Fahrt hat. Einige Waggons des Güterzugs befinden sich noch auf der Hauptstrecke, als der Luxuszug in Sicht kommt. Varga eilt zu dem Hebel für das Haltesignal, bleibt aber davor stehen, ohne es zu betätigen. Es kommt zu einem grauenhaften Unfall. In den Trümmern bricht ein Feuer aus. Vor Vargas Augen stirbt ein außergewöhnlich schönes Mädchen.

Da setzt er sich hin, schreibt auf, was er getan hat und erhängt sich.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Albert Langen Georg Müller Verlag

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