Florian A. Arnold : Pirina

Pirina
Pirina Originalausgabe Mirabilis Verlag, Klipphausen/Miltitz 2019 ISBN 978-3-947857-00-5, 191 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein Jugendlicher, dessen Namen wir nicht erfahren, und eine kaum ältere Frau, die sich Pirina nennt, sind durch die Gewalt in ihrer Heimat verwaist, haben alles verloren und sind in ein fremdes Land geflohen. In der Stadt J. wohnen sie zufällig Wand an Wand, lernen sich kennen und vertrauen sich gegenseitig ihre tragischen Geschichten an ...
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Kritik

Der Roman "Pirina" von Florian L. Arnold dreht sich um Krieg und Gewalt, Heimat und Fremde, Verlust, Flucht und Perspektivlosigkeit. Es ist eine empfehlenswerte Lektüre für Menschen, die nicht nur bereit sind, sich auf ernste Themen einzulassen, sondern auch anspruchsvolle Literatur erwarten und Wert auf eine sorgfältig polierte Sprache legen.
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Er

Er ist 14 Jahre alt, als die Mutter ihm nach dem Wecken sagt, dass der Vater in den kommenden Wochen Nachtschicht habe. Eine Stunde nachdem der Vater an diesem Morgen zur Arbeit ging, wird das Stadtviertel mit der Fabrik in die Luft gesprengt. Die Mutter flieht mit ihrem Sohn, wie die anderen Bewohner auch und schärft ihm ein, dass sie sich nicht in der drängenden Masse verlieren dürfen.

Die Hand der Mutter um seine Hand geschlossen, unerbittlich zerrend, er ist schon müde, erschöpft, gelähmt von Lärm und Orientierungslosigkeit.

Der Junge befürchtet, dass sie in die falsche Richtung rennen und reißt sich los. Er sieht noch, wie die Mutter stürzt. Später findet er an der Stelle nur noch einen Beutel mit Familienfotos und nimmt ihn mit.

Der Waisenjunge geht immer weiter nach Norden, bis er zusammenbricht.

Ein Bauer findet ihn und trägt ihn nach Hause, weil er einen Helfer gebrauchen kann. Abel Citrom, so heißt er, ist eigentlich kein Bauer, sondern Musiker. Seine Violine hat er noch. Viel zu jung heiratete er eine noch jüngere Frau, das neunte Kind einer armen Famlie. Er brachte ihr das Spiel auf der Geige bei, und sie schlugen sich als Straßenmusiker durch. Aber seiner Frau wurde ihr Gerechtigkeitssinn zum Verhängnis.

Als die Verfolgungen einsetzten, konnte sie es nicht hinnehmen. Ich wusste nicht, dass sie heimlich Flugblätter druckte und in Umlauf brachte. Ich wusste es nicht. Ich wusste nicht, warum sie auf der Straße von Polizisten und Milizionären zusammengeschlagen wurde. Und als sie das Erkennunsmal auf den Mantel aufnähen sollte, weigerte sie sich. Sie ließ sich lieber einkerkern, als den Mund zu halten.

Vom Gefängnis wurde sie in ein Lager gebracht, und dann erhielt er die Mitteilung von ihrem Tod.

Nachdem Abel Citrom Spuren der im Wald lagernden Miliz entdeckt hat, flieht er mit dem Jungen. Sie schlafen in Höhlen und leer stehenden Häusern, betteln um Nahrung und stehlen Kleidung von Wäscheleinen. Endlich erreichen sie einen Bahnhof. Dort tauscht Abel Citrom seine Geige gegen einen Laib Brot.

Als sie endlich, völlig durchgefroren, den Zug betreten durften, fanden sie sich in eisblumenbeleckter Kälte sitzend.

Der Zug wird zum Entgleisen gebracht. Der Junge kommt im Krankenhaus wieder zu sich, aber Abel Citrom überlebt das Attentat nicht.

Sobald der Verletzte wieder gehen kann, macht er sich auf den Weg. Dabei wechselt er die falschen Namen, die er benutzt.

Er zog von Stadt zu Stadt. Er war jung, nichts gehörte ihm, niemand gehörte zu ihm. Kein Ort vermochte ihn zu halten.

Er begegnet anderen Flüchtlingen, die sich nicht mehr an ihre Herkunft erinnern.

Wie ein kaputtes Körperteil ist die Herkunft manchen schon aus dem Körper geschnitten.

Einen Richtung Landesgrenze fahrenden Zug hält die Miliz auf und fordert alle zum Aussteigen auf.

Nicht alle befolgten den Befehl. Ein alter Mann etwa blieb ruhig sitzen, lächelte die Milizionäre an, hob ihnen, als sie ihm schon ungeduldig ihr Raus! entgegenschleuderten, sein Billett entgegen und erst, als er mit blutigem Gesicht zusammensackte, standen jene auf, die das für einen Irrtum gehalten hatten oder für eine Übertreibung, die sie selbst nichts angehe. Die Frau die neben dem Alten gesessen hatte, sagte: Er war taub! Er konnte sie nicht verstehen.

Während die vielen Menschen im Freien zusammengetrieben werden, stößt ihn ein Mann an und rennt mit ihm fort. Später erfährt er, dass alle 300 in ein Lager gebrachten Flüchtlinge starben.

Der Mann, der ihm das Leben rettete, heißt Iśiner. Er ist Arzt. Weil er zu einer Gruppe freier Denker gehörte, drang die Miliz in seine Praxis ein. Er versteckte sich in einer Besenkammer, und seine Putzfrau Cilha log den Männern vor, er sei bereits am frühen Morgen Richtung Bahnhof gelaufen.

Nachdem Iśiner den Jungen zur Grenze gebracht hat, verschwindet er.

Der Junge überquert die Grenze und findet Zuflucht in der Dachkammer eines Heuschobers. Essen erbettelt er sich bei den Bauern. Aber nach einem Kälteeinbruch wird er krank.

Bei seinem Bettnachbarn im Krankenhaus handelt es sich um einen alten Lehrer mit vom Krebs zerfressenen Organen. Der rät ihm, in die Stadt J. zu gehen.

Dort bietet ihm ein Vermieter ein Zimmer in einem Haus an, obwohl er darauf hinweist, kein Geld für die Miete zu haben.

Nachbarn

Durch die dünne Wand hört er seine Nachbarin. Wie sie heißt, weiß er nicht, weil ihr Klingelschild ebenso leer ist wie seines. Gesehen hat er sie auch noch nicht.

Sie hatte ihm zu den Melodien einen Takt gegen die Wand geklopft, und es war ein oder zwei Mal vorgekommen, dass er ihr durch die dünne Wand hindurch geraten hatte, etwas mehr Salz zu den Nudeln zu geben. Er habe gehört, wenn sie die Nudeln zu schwach gesalzen habe, behauptete sie, ebenso wie er ihrem Schweigen entnehmen konnte, ob es ein gutes oder ein unheilvolles Schweigen war […]

Als dann „Pirina“ auf ihrem Kingelschild steht, schreibt er ebenfalls seinen Namen hin. Mehrmals steht er vor ihrer Tür, um zu klopfen, aber es fehlt ihm der Mut dazu. Erst als die 23-Jährige sich ausgesperrt hat und im Treppenhaus sitzt, sehen sie sich zum ersten Mal. Er nimmt Pirina mit in seine Wohnung. Sein Name bedeute schwarzes Land unter weißer Wolke, erklärt er ihr.

Pirina

Pirinas Vater versucht, über die Grenze zu fliehen. Alle Flüchtlinge bis auf ihn werden erschossen. Die Miliz schlägt ihn zusammen, lässt ihn aber am Leben, damit er als warnendes Beispiel zurückkehren und andere von ihren Fluchtabsichten abbringen kanne.

Als er befürchtet, abgeholt zu werden, zündet er mit Piranas Mutter gemeinsam das Treppenhaus an. Während die Eltern todesergeben auf das Feuer schauen, löscht die zehn Jahre alte Tochter die Flammen und rettet sowohl sich als auch Vater und Mutter. Aber im Dachgeschoss verbrennt die Schriftstellerin P mitsamt ihren Manuskripten.

Die Eltern ziehen mit Pirina in ein anderes Haus außerhalb der Stadt. Der Vater träumt davon, mit der Familie nach J. im Land F. zu fliehen. Aber dann wird er verschleppt und einige Zeit später heißt es, er sei an einer Krankheit gestorben.

Pirina wundert sich darüber, dass ihre Mutter mehrere Männer in die Wohnung lässt. Als die Eindringlinge fort sind, liegt die Mutter rücklings auf dem Fußboden und starrt leblos zur Zimmerdecke.

Pirina wird ein Notquartier bei einem Ehepaar zugewiesen. Ungewollt belauscht sie ein Gespräch der beiden und erfährt so, wie unerwünscht sie ist. Kurz darauf schluckt die Frau Gift und stirbt.

Bei ihrer Flucht gelangt Pirina zu Lilith und Ihilen, die ihr Haus nach der griechischen Göttin der Nacht Nyx benannt haben. Lilith und Ihilen öffnen Container und holen nicht nur lebende, sondern auch tote Flüchtlinge heraus. Sie helfen, wo sie können und sammeln die Namen der Flüchtlinge.

Pirina verlässt nach einiger Zeit das Haus Nyx. Sie ist 19 Jahre alt, als sie J. erreicht, die Stadt, von der ihr Vater träumte. Einmal glaubt sie, ihn in der Tür stehen zu sehen. Der schweigende Mann hinterlässt ihr zwei Fotos. Eines zeigt Pirina als Kind mit den Eltern, das andere den Vater mit seiner Schwester, den Eltern und Großeltern.

Pirina und Er

Pirina hat seit Jahren in Atlanten eine Reise geplant und Geld dafür gespart. Sie und ihr Nachbar machen sich auf den Weg.

Wir gehen an einen Ort, wo niemand uns hört und wir niemanden hören.

Irgendwo steigen die beiden aus dem Zug. Erst nach mehr als einer Stunde Fußmarsch erreichen sie erste Häuser. Einen Bauern auf einem Traktor, den sie nach einem Schlafplatz fragen, weist ihnen den Weg zu einer leer stehenden Jagdhütte. Dort finden sie alte Karteikästen mit vielen Namen. Die vergraben sie.

Schließlich will Pirina bis zum Horizont gehen. Aber sie kommt nur langsam voran und friert, obwohl es warm ist. Für eine Rückkehr ist sie bereits zu schwach. Ihr Begleiter findet eine kleine Wohnung in einem ehemaligen Fischerhaus. Dort durchschläft Pirina die meisten Tage, und eines Nachts stirbt sie, während er schläft.

Er wird aus dem Haus gehen, dann immer weiter, immer geradeaus, bis er zu einer Straße kommt. Und dort wird er warten, bis ein Auto kommt. Ein Auto wird anhalten, irgendeines. Er wird einsteigen und sich freundlich vorstellen, und er wird sagen: Fahren sie einfach weiter dorthin, wohin auch immer sie fahren. Ich habe kein Ziel.

Ihr habt nicht existiert

Ihr habt nicht existiert, eure Namen sind verschwunden, ausgetilgt aus den Gedächtnissen. Kein Blatt trägt eure Geburtsdaten, keiner Erde hatten sich eure Schritte eingeprägt, kein Archiv weiß von eurer Existenz. So viele sind verschwunden, so viele Namen, die keine Hand aufschrieb, so viele Namen, deren Gewicht kein Papier zu tragen vermochte, nur die Stille, der weite Echoraum des Vergessens, mag einen Nachklang eurer Namen bergen.
So sagen es die leeren Archive, die ausgebrannten Geburtsregister, die schwarzen Mauern eurer Heimat […]

Zwei Menschen auf dem Land: ein Mann, eine Frau. Sie gehen nebeneinander. Im nächsten Moment sind sie verschwunden.

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In seinem ernsten, melancholischen Roman „Pirina“ erzählt Florian L. Arnold von zwei jungen Flüchtlingen, einem Mann, dessen Namen wir nicht erfahren, und einer Frau, die sich Pirina nennt. Beide sind durch die Gewalt in ihrer Heimat verwaist, haben alles verloren und sind in das fremde Land L. geflohen. In der Stadt J. wohnen sie zufällig Wand an Wand und lernen sich kennen. Sie vertrauen sich gegenseitig ihre tragischen Geschichten an und brechen in der Fremde gemeinsam zu einer ziellosen Reise auf.

„Pirina“ dreht sich um Krieg und Gewalt, Heimat und Fremde, Verlust, Flucht und Perspektivlosigkeit. Dabei vermeidet Florian L. Arnold Orts- und Zeitangaben. Die Migrations-Geschichte, die er erzählt, soll also nicht auf eine bestimmte Situation eingegrenzt werden. Die Handlung wirkt wie ein Mythos.

Surreale und märchenhafte Züge entstehen auch, weil Florian L. Arnold nur passagenweise konkret und anschaulich inszeniert. Zumeist bleibt er fragmentarisch und vage, mitunter sogar rätselhaft.

Im krassen Gegensatz zu den schrecklichen Erlebnissen der beiden Hauptfiguren in „Pirina“ schreibt Florian L. Arnold ungewöhnlich poetisch. Dabei entgleist er mitunter:

In der Stille des Hauses finden er und Citrom sich am Küchentisch ein.

Auch bei der Vermeidung üblicher Formulierungen und der Suche nach ungebräuchlichen Wörtern schießt Florian L. Arnold in „Pirina“ hin und wieder übers Ziel hinaus.

Bemerkenswert sind die von ihm selbst beigetragenen, zum Mythischen seines Textes perfekt passenden Zeichnungen.

„Pirina“ ist eine empfehlenswerte Lektüre für Menschen, die nicht nur bereit sind, sich auf ernste Themen einzulassen, sondern auch anspruchsvolle Literatur erwarten und Wert auf eine sorgfältig polierte Sprache legen.

Florian L. Arnold wurde 1977 in Ulm geboren. Nach dem Studium der Kunstwissenschaften wurde er als freier Zeichner, Sprecher und Schriftsteller tätig. Seinem Roman „Pirina“ vorausgegangen sind die Novelle „Ein ungeheuerlicher Satz“ (2015) und der Roman „Die Ferne“ (2016).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2020
Textauszüge: © Floran L. Arnold, Mirabilis Verlag

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