María Cecilia Barbetta : Nachtleuchten

Nachtleuchten
Nachtleuchten S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2018 ISBN 978-3-10-397289-4, 521 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In ihrem Roman "Nachtleuchten" spiegelt María Cecila Barbetta die argentinische Gesellschaft Mitte der Siebzigerjahre, also zwischen dem Peronismus und der Militärdiktatur, im Mikrokosmos der Stadt Ballester im Norden von Buenos Aires. Die politische Entwicklung bildet allerdings nur den Hintergrund für ein kaleidoskopartiges Gesellschaftspanorama mit einer Überfülle von Figuren und Episoden.
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Kritik

Mit überbordender Fabulierlaune erzählt María Cecila Barbetta von Einwanderern und Einheimischen in Ballester, von Ärzten und Rechtsanwälten, Frisören, Automechanikern und Zeitungskiosk-Besitzern, Nonnen und Schülerinnen. Daraus ergibt sich eine Vielstimmigkeit mit ständig wechselnder Perspektive.
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Teresa

Ballester ist eine Stadt im Norden des Großraums von Buenos Aires.

Dort leben die Personen, die sich María Cecilia Barbetta für ihren Roman „Nachtleuchten“ ausgedacht hat – beispielsweise der Arzt Elvio Gianelli mit seiner schwangeren Ehefrau Clara und der elfjährigen Tochter Teresa, die als Externe das katholische Internat Institutio Santa Ana besucht.

Die Aufforderung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965), die Kirche zu den Menschen zu bringen, wird von Teresa ernst genommen. Weil die Statuen in der Kirche für sie zu schwer sind, macht sie im März 1974 eine im Wohnzimmer ihrer Familie stehende Kopie der Virgen de Luján zu einer Wandermuttergottes, die regelmäßig weitergegeben werden soll. Die 1630 in der Wallfahrtskirche von Luján, westlich von Buenos Aires, aufgestellte Marienfigur gilt als argentinische Nationalpatronin. Die billige Nachbildung aus Plastik schimmert nachts („Nachtleuchten“), weil sie mit phosphorhaltiger Farbe bemalt ist.

Für die erste Woche bringt Teresa die Statuette dem Rechtsanwalt Patricio Osvaldo Viamonte Rey, dem Vater ihrer Mitschülerin Ariadna Cristina.

Teresa befürwortet die Dritteweltpriester-Bewegung des argentinischen Befreiungstheologen Carlos Mugica. Auf die „Stimme des Movimento de Sacerdotes para el Tercer Mundo“ werden jedoch am 10. Mai 1974 in Buenos Aires fünf Schüsse abgefeuert, und der 43-jährige Geistliche erliegt am Tag darauf seinen Verletzungen.

Am 25. August 1974 bringt Teresas Mutter Clara el Haddad de Gianelli einen Sohn zur Welt, der den Namen Domingo Gianelli erhält.

„Ein Satür geht um“

Die Schülerin Cecilia Mansilla entdeckt in einer Toilettenkabine des Institutio Santa Ana das orthografisch unkorrekte Gekritzel „Ein Satür geht um in Ballester“. Das sorgt für Unruhe, zumal einige der Mädchen auf einen Unbekannten treffen, der mit einem Zeichenblock unterwegs ist und ihnen von magischen Quadraten erzählt.

Als der Künstler auf der Straße ausgleitet und stürzt, fällt er den beiden Streifenpolizisten Esteban Carrizo und Miguel Aguirre auf, die nach einem Exhibitionisten suchen, den Ariadna Cristina Viamonte Rey gesehen haben soll. Esteban Carrizo, der auf eine Beförderung hofft, findet die fünfzig Zeichnungen verdächtig, die der Fremde bei sich hat, denn es handelt sich um Darstellungen von Personen aus Ballester, und darunter sind viele Mädchen.

Nach der Festnahme von Abelardo Cipolletti – so heißt der 23-Jährige – ruft der Vorgesetzte der beiden Polizisten Patricio Osvaldo Viamonte Rey an, unterrichtet ihn über den Zugriff und bittet ihn, mit seiner Tochter für eine Gegenüberstellung vorbeizukommen. Ariadna sieht ihn durch einen Einwegspiegel. Ungeduldig fordert ihr Vater sie auf, ihn als Exhibitionisten zu identifizieren. Tatsächlich hat ihr Abelardo Cipolletti nur seine Zeichnungen gezeigt. Auf einigen davon erkannte Ariadna ihre Mutter Lara mit einem anderen Mann, und aufgrund der Darstellungen ist Ariadna überzeugt, dass die Mutter den Vater betrügt. Der ist enttäuscht, als Ariadna sagt, Abelardo Cipolletti sei nicht der Exhibitionist.

Autopia

Julio El Haddad ist eines der elf Kinder eines katholischen Ehepaars aus dem Libanon, das in Buenos Aires ein neues Leben anfing: Amira und Hassem El Haddad. Verheiratet ist der inzwischen 66-Jährige mit der 13 Jahre jüngeren Berta Sanfratello, die zwei Töchter zur Welt gebracht hat: Clara und Alba. Julio El Haddad betreibt die Autowerkstatt Autopia in Ballester, deren Name sich nicht aus den Wörtern Auto und Utopia zusammensetzt, sondern nach seiner früheren Liebe Pia benannt wurde.

Zu den besten Kunden der Autowerkstatt zählt Lara Viamonte Rey („Lara Kiri“), weil sie immer wieder Dellen in ihren Wagen fährt. Julio El Haddad rät ihr, ein paar inoffizielle Fahrstunden zu nehmen und drängt seinen Mitarbeiter Saberio Saturnino, sich dafür zur Verfügung zu stellen. Bei einer der Fahrstunden muss ihnen ein anderes Auto ausweichen, kracht gegen einen Baum und geht in Flammen auf. Lara ist entsetzt, aber Saberio versichert ihr, sie habe das andere Fahrzeug nicht rechtzeitig sehen können. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen Kriminellen auf der Flucht vor der Polizei handelte. Weil Lara unter Schock steht, lässt sie sich von Saberio statt zur Stadtvilla („château“) zum Landsitz El Ceibo bringen – und betrügt dort ihren Mann mit dem Automechaniker.

Das bleibt dem Rechtsanwalt nicht verborgen. Er stellt Saberio Saturnino zur Rede, will jedoch einen Skandal vermeiden.

„Du willst dich nach wie vor um fremdes Eigentum kümmern, euch anvertraute Autos herrichten und dich mit deinen Kommunisten- und Sozialistenfreunden austauschen, den Farinis und den Caetanos, die Ballester neuerdings vorschreiben möchten, nach welcher Pfeife man hier zu tanzen hat, und in ihrer freundlichen Art uns glauben lassen wollen, sie seien keine Rebellen und Randalierer. Auch ich bin Pazifist, Saberio. Ich kenne euch. Ich habe euch im Visier. Ich weiß, wie ihr denkt. Ich werde mit Leuten deines Schlages fertig. Wahrscheinlich noch nicht im Rahmen dieser Regierung, aber bald, bald kriegen wir euch alle, denn Typen wie du, die ihre Nase in die Angelegenheiten anderer reinstecken und originelle Ideen verbreiten – Rubrik: Meinungsfreiheit –, bringen wir mit der ganzen Härte des Gesetzes und – sollte das etwa nicht ausreichen – eiserner Hand dazu, zu singen, und nachdem sie gesungen haben, zum Schweigen. Dann. Dann herrscht in diesem Land endlich Frieden.“

In der Werkstatt Autopia arbeitet auch der rumpfgesichtige Nasif Abdala, dessen Frau Laureana an Krebs gestorben ist. Als ein älterer Bruder seines Arbeitgebers sein Domizil in Ballester zum Verkauf anbietet, richtet Nasif Abdala dort mit Julio El Haddads Unterstützung die Männerpension NAYLA (von Nasif y Laurena) ein.

Vor kurzem stellte Julio El Haddad einen eloquenten jungen Mann namens Álvaro Fatini ein. Allerdings rechnete er nicht damit, dass Álvaro Fatini in der Mittagspause seinen jüngeren Bruder Enrique („Quique“, „Nandu“) von der Schule abholt und in die Werkstatt mitbringt, wo der Schüler, der glaubt, er sei von einem Raumschiff auf der Erde ausgesetzt worden, seine Hausaufgaben machen soll.

Ewige Schönheit

Celio Rachello betreibt den Frisörsalon „Ewige Schönheit“ in Ballester. Dort singt hin und wieder Tony Tormen Ta („TTT“). Als Saberio Saturninos Tochter Cándida von TTT schwanger ist, verschwindet der Schnulzensänger – und die junge Frau nimmt sich das Leben.

An dem Tag, an dem Valentino Acuña, der an seinem Kiosk in Ballester Zeitungen verkauft, die Nachricht vom tödlichen Herzinfarkt des Staatspräsidenten Juan Domingo Perón am 1. Juli 1974 verbreitet, fällt Teresas zu diesem Zeitpunkt an Celio Rachello und seine verstummte Mutter Laura ausgeliehene Marienstatuette eineinhalb Meter tief auf den Boden.

Die vierte Dimension

Die nachts leuchtende Nachbildung der Virgen de Luján rutscht schließlich von der Ladefläche eines Lastwagens und zerschellt auf dem Kopfsteinpflaster.

Das Leben der Madonna von Bellester zog in Lichtgeschwindigkeit an ihr vorbei. Dabei erschien nicht sie den Menschen, sondern die Menschen erschienen ihr. Sie kamen wie Sherlock Time aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sie kamen aus Ballester, aus der Innenstadt, aus Chacarita, La Boca, Salta und José León Suárez, um sie auf ihrem letzten Meter zu begleiten. Da, sagte sich die Madonna ergriffen, da sind sie ja alle: der zehn Jahre jüngere Matrose, dem Laura Rachello dauerhaft die Treue hält, Mabel, die den sündhaft teuren Lippenstift von Frau Viamonte Roy noch nicht hat mitgehen lassen, Clara El Haddad, die im Alter von elf tatsächlich wie die leibhaftige Teresa aussieht, eine gertenschlanke Carmela Bonifacia Rodriguez, hinter der sich die Mère Supérieure in spe verbirgt, die blutjungen Immaculada, Concepción, Asunción, Rosario,  Remedios, Dolores, Auxiliadora, Trinidad, Consuelo und Encarnación, bevor sie als Novizinnen vom SANTA ANA aufeinanderteffen, zu einer Zeit, in der sie das Gebet verpennen und frei von Warzen, Mundgeruch oder störenden Haaren im Gesicht die Liebe ausprobieren, Schwester María auf dem Weg zu Padre Gustavo Ana, das Kind, die Erwachsene, sich in der gleichnamigen Kapelle versteckt, Laureana und Nasif  Abdala, die sich suchen und finden, Valentino Acuña im Zug Richtung Innenstadt, um seinen Buchhändlerfreund Blanco Herrera unter vier Augen zu sprechen, Ernesto Federico Andrade, der Vater des Gordo, kurz vor dem Ausbruch seiner Krankheit mit ihm Hand in Hand am Strand von Gesell, Evita, das kleine Mädchen, im Alter von neunundzwanzig als ehrenamtliche Helferin der Organisation H. I. J. O. S., der Schuhputzer Hilario García, der von einer Katze träumt und Weihnachten 1983 mit der Endziffer 05 das große Los (den so genannten Gordo de Navidad) zieht, die übernächtigte Doña Carmen, die aus der schlimmen Befürchtung heraus, ihre vierjährige Enkelin komme nicht unter die Haube, ihre Tochter KLaura überredet, mit ihr nach Luján, in die Basilika, zu pilgern, zwei lässige Gangs, die niemand bestraft, obwohl die eine den Schuljungen Esteban Carrizo, die andere den Schuljungen Miguel Àngel Aguirre grün und blau schlägt, Mimim, die in einem befreienden chihuahuaischen Wutanfall ein rosafarbenes Etwas zerfetzt, Pia, die sich das Auto ihres Ehemannes leiht und nach so vielen Jahren Julio El Haddad in seiner Werkstatt überraschte, der sie nicht wiedererkennt, Nofretete, Osiris, Seth, Horus, Isis, Anubis und Cleopatra, die im alten Ägypten das Licht der Welt erblickten, Amira El Haddad und Berta Sanfratello, die in den gemeinsam zubereiteten Teig exotische Gewürze von BADANO rühren, das resolute Fräulein Papaleo als Pausenaufsicht auf dem Schulhof der ESCUELA NACIONAL DOMINGO FAUSTINO SARMIENTO, Amaro Roviralta beim Läuten der Glocken, Saberio Saturnino beim herzzerreißenden Singen unter der Dusche, Pipino, der Magellanzeisig, beim furiosen Trillern, das Kollektiv Solidarisches Fruchtgemüse beim dissonanten Intonieren der Masa Criolla, Elvio Gianelli beim Auskultieren von Dirty Harry, Tony Tormenta, der auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht an der Tür von NAYLA klopft – vor ihm ein altes Blechschild mit einem Hinweis, bei dem inzwischen der erste Buchstabe (der letztes des Alphabets) abhandengekommen ist: IMMER FREI.

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In ihrem Roman „Nachtleuchten“ spiegelt María Cecila Barbetta die argentinische Gesellschaft Mitte der Siebzigerjahre, also zwischen dem Peronismus und der Militärdiktatur, im Mikrokosmos der Stadt Ballester im Norden von Buenos Aires. Die politische Entwicklung bildet allerdings nur den Hintergrund für ein kaleidoskopartiges Gesellschaftspanorama mit einer Überfülle von Figuren und Episoden.

Mit überbordender Fabulierlaune erzählt María Cecila Barbetta von Einwanderern und Einheimischen in Ballester, von Ärzten und Rechtsanwälten, Frisören, Automechanikern und Kioskbesitzern, Nonnen und Schülerinnen. Daraus ergibt sich eine Vielstimmigkeit mit ständig wechselnder Perspektive. Es kommt vor, dass die einem Dialog zugeordneten Personen im Verlauf des Gesprächs wechseln. Aber nicht genug damit: María Cecila Barbetta streut Radio- und Zeitungsmeldungen, Zitate, Listen, grafische bzw. typografische Elemente ein. Zusammengehalten wird alles durch eine billige Marienstatuette aus Plastik, eine Wandermuttergottes, die im Dunkeln schimmert. Darauf bezieht sich der Buchtitel „Nachtleuchten“.

María Cecila Barbetta hat „Nachtleuchten“ in drei Teile (Bloody Mary, Autopia, Die Basilisken) mit jeweils 33 Kapiteln sowie einem 100. Kapitel mit dem Titel „Die Vierte Dimension“ gegliedert.

Die Autorin wurde am 8. Juli 1972 in Buenos Aires geboren und wuchs in Ballester auf. 1996 kam sie mit einem Stipendium nach Berlin, schloss ihr Germanistikstudium 2000 an der Freien Universität mit der Promotion ab und schrieb bereits ihren Debütroman – „Änderungsschneiderei Los Milagros“ (2008) – auf Deutsch. In „Nachtleuchten“ blitzen immer wieder originelle Wortneuschöpfungen auf, die einem Schriftsteller mit deutscher Muttersprache nicht eingefallen wären.

Mit ihrem Roman „Nachtleuchten“ gehörte María Cecila Barbetta zu den Finalisten („Shortlist“) für den Deutschen Buchpreis 2018.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Deutscher Buchpreis 2018

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