Michel Bergmann : Mameleben

Mameleben
Mameleben Oder das gestohlene Glück Originalausgabe Diogenes Verlag, Zürich 2023 ISBN 978-3-257-07225-9, 256 Seiten ISBN 978-3-257-61335-3 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weil Charlotte Jüdin ist, darf sie in Zirndorf, der Heimatstadt ihrer Familie seit Generationen, 1933 kein Abitur machen. Sie weicht deshalb nach Paris aus. Ihren Sohn Michel bringt sie Anfang 1945 in einem Schweizer Internierungslager zur Welt. Charlotte überlebt den Holocaust, erleidet jedoch einen Schicksalsschlag nach dem anderen. Ein "Scheißleben" sei das, klagt sie.
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Kritik

Mit dem Roman "Mameleben. Oder das gestohlene Glück" erzählt Michel Bergmann in der Ich-Form schonungslos von seiner Mutter (1916 – 2001) und seiner Beziehung zu ihr. Es ist die Geschichte einer starken, eigenwilligen Frau voller Widersprüche, die der Sohn als egoistisch, erdrückend und übergriffig erlebt. Die Darstellung ist prägnant und eindrucksvoll, berührend und erschütternd.
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1916 – 1933

Charlotte („Lotte“) wird am 14. März 1916 in Zirndorf geboren. Der aus Polen stammende Vater Heinrich („Heiner“) Meinstein ist im Krieg. Dass er Jude ist, fällt nicht ins Gewicht.

Der Vater, der „Heiner“, der „Viehjud“, ist ein angesehener Bürger, war bis vor Kurzem als Schatzmeister im Gemeinderat. Hat das Eiserne Kreuz, war Offizier im Krieg, wurde bei Verdun verletzt, fürs Vaterland.Tante Rosel hat eine persönliche Auszeichnung vom Kaiser. Sie war Frontschwester.

Kurz vor Lottes drittem Geburtstag stirbt die Mutter an der Spanischen Grippe. Die Familie sucht für den Witwer rasch eine Frau und für die drei Kinder eine Ersatzmutter. Die Wahl fällt auf Hedy Rieser aus Fürth, eine Cousine des Schriftstellers Jakob Wassermann.

Von der Grundschule wechselt Lotte Meinstein aufs Lyzeum am Institut der Englischen Fräulein in Nürnberg. Dort werden auch jüdische Mädchen aufgenommen. Lotte möchte Kinderärztin werden. Aber 1933 wird die Schule geschlossen. Nichtjüdische Schülerinnen dürfen das Abitur an anderen Instituten ablegen; jüdische nicht.

Die 17-jährige Charlotte Meinstein verlässt deshalb Ende 1933 die Heimatstadt Zirndorf, in der die Familie seit Generationen lebt, und zieht nach Paris. Ihre Cousine Thea, die sich mit ihrem Verlobten Alfred Levy eine kleine Wohnung teilt, nimmt sie auf und lässt sie auf einem Feldbett schlafen.

Wann sie meinen Vater zum ersten Mal trifft, weiß sie später noch genau. Er betreibt mit seinen Brüdern David, Oskar, Isy, Michel und der Schwester Rosa ein Wäschegeschäft im Carreau du Temple, am plezl, in einer großen Markthalle an der Rue Perrée. Er heißt eigentlich Emanuel, wird aber „Peter“ genannt, weil er blond ist und arisch aussieht, was sich als sein Glück herausstellen wird.

Charlotte verliebt sich in den geschiedenen, 20 Jahre älteren Geschäftsmann „Peter“ Bergmann.

Emanuel („Peter“) Bergmann

In der Gallusanlage in Frankfurt steht seit 1920 ein von Benno Elkan gestaltetes Marmordenkmal zum Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs: „Heldenklage“.

Das Denkmal in Frankfurt zeigt eine halb kniende, teils hockende halbnackte Frau, die ihre rechte Brust in der Hand hält und leidend nach unten blickt. […] Die junge Frau, die dem Künstler Modell stand, war Rosel Rosenberg, ein Mädchen von zwanzig Jahren aus gutbürgerlichem Hause und junge Primaballerina der Frankfurter Oper. In der jüdischen Gemeinde der Stadt sah man die Tatsache, dass sie Modell stand, mit Argwohn, zumal das Gerücht ging, Rosel „habe etwas“ mit dem Bildhauer. Um diesen skandalträchtigen Klatsch zu unterbinden, entschlossen sich die Rosenbergs, ihre rebellische Tochter zu verheiraten. Ein Ehemann war bald gefunden, es war Emanuel „Peter“ Bergmann, Spross einer erfolgreichen schmattes-Dynastie.

1923, ein Jahr nach der Geburt ihrer Tochter Ruth, ließen sich Peter und Rosel scheiden. Es ist bemerkenswert, dass nicht Rosel, sondern Peter mit dem Kind von seinen Schwiegereltern aufgenommen wurde. Während er 1933 nach Paris auswanderte, emigrierte Rosel mit Ruth nach Amerika. Ihre in Frankfurt gebliebenen Eltern überlebten den Holocaust nicht.

1938 – 1943

In der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 wird das Ehepaar Meinstein in Zirndorf gezwungen, die Möbel aus dem Fenster zu werfen. Im Dezember 1941 treffen die beiden nach endlos langer Fahrt in einem überfüllten Viehwaggon in Riga ein. Dort werden sie von einem SS-Kommando erschossen. Demonstrativ trägt Heinrich Meinstein das Eiserne Kreuz aus dem Ersten Krieg an der Brust.

Charlottes Familie wird mit Ausnahme der Schwester, des Bruders und der Cousine Thea von den Nationalsozialisten ermordet.

Thea und Alfred heiraten noch vor dem Krieg, aber als der Sohn Jean drei Jahre alt ist, stirbt der Vater an einem Hirntumor.

Im September 1942 interniert man Charlotte Meinstein im von der Vichy-Regierung betriebenen Camp de Gurs nördlich der Pyrenäen.

Dort freundet sie sich mit Hanna Neckarsulmer an. Im Frühjahr 1943 wird Hanna zum Lagerkommandanten gebracht. In dessen Büro trifft sie überraschend auf ihren Ehemann André Neckarsulmer in der Uniform eines französischen Hauptmanns aus dem Ersten Weltkrieg (die er sich im Fundus des Théâtre de l’Odéon in Paris besorgt hat).

Der Lagerkommandant steht neben ihrem Mann, begrüßt Hanna mit Handschlag.“Madame“, sagt er, „ihr Gatte ist gekommen, um Sie abzuholen. Wir bitten Sie um Verzeihung für dieses Missverständnis.“

Zu Andrés Entsetzen erklärt Hanna, sie werde das Lager nicht ohne ihre Cousine Charlotte Meinstein verlassen.

1943 – 1949

Nach der Befreiung aus dem Lager erhält Charlotte gefälschte Papiere auf den Namen Therese Aline Martin. Den Angaben zufolge wurde sie am 12. Oktober 1919 in Colmar als Tochter der katholischen Familie Matisse geboren.

Sie findet heraus, dass die Witwe Thea Levy mit ihrem Sohn Jean auf einem Bauernhof bei Pontarlier unweit der Schweizer Grenze lebt und macht sich auf den Weg. Einheimische helfen den beiden Frauen, mit dem Kind ins Nachbarland zu kommen. Arbeitsfähige Jüdinnen werden im Internierungslager Riehen bei Basel untergebracht.

Wie durch ein Wunder sieht Charlotte Peter Bergmann wieder, der im Arbeitslager für Männer in Adliswil bei Zürich lebt. Am 6. Januar 1945 bringt sie einen Jungen zur Welt, der den Namen Michel erhält. Die jüdische Mutter und ihr Kind werden in einem Diakonissenheim nahe des Lagers Riehen aufgenommen, aber schon bald lässt Charlotte den Säugling im Heim zurück.

Ich bin drei Monate alt, der Krieg ist noch nicht vorbei, als meine Eltern beschließen, mich hierzulassen und nach Paris zurückzugehen. Es gilt Verwandte zu finden oder deren Verbleib zu klären, aber auch die Basis für ein neues Leben zu schaffen. Für meine Mutter ist es keine Frage: Sie wird niemals wieder nach Deutschland zurückkehren. So beginnt sie in der neu eröffneten Metzgerei ihrer Schwester Sophie in der Rue de Belleville zu arbeiten, und nach einigen Monaten finden meine Eltern auch eine Wohnung nahe der Metrostation Botzaris am Park Buttes-Chaumont. Ich bin etwa 18 Monate alt, als meine Mutter in das Diakonissenheim Riehen zurückkehrt, um mich abzuholen.

In Paris sieht Peter Bergmann 1946 seinen Bruder David wieder. Bis dahin befürchtete jeder der beiden, der andere habe den Krieg nicht überlebt. David Bergmann wohnt nun bei seinem Bruder und dessen Familie.

Nach monatelangem Streit fügt sich Charlotte den beiden Männern und zieht mit ihnen und dem inzwischen vier Jahre alten Sohn Michel nach Frankfurt am Main, wo Peter und David mit Geschäftspartnern den Wäschegroßhandel Gebrüder Bergmann gründen wollen. Zunächst muss die Familie aber für einige Zeit ins DP-Lager Zeilsheim.

Dagmar

Michel ist sieben Jahre alt, als sein Vater im Sommer 1952 einen Schlaganfall erleidet. Bald darauf erhält er die Diagnose Leukämie.

Unvermittelt steht 1953 eine 16-Jährige in der Tür. Sie heiße Dagmar und nehme an, Herrn Bergmanns Tochter zu sein, erklärt sie Charlotte, die ihr geöffnet hat.

„Also, es ist so, ich glaube, ich bin seine Tochter!“
„Das kann nicht sein“, sagt meine Mutter schnell, „mein Mann war vor dem Krieg verheiratet und hat aus dieser Ehe eine Tochter. Sie ist dreißig und lebt in New York. Wann bist du geboren?“
„Neunzehnhundertsiebenunddreißig.“
„Da war mein Mann bereits in Paris. Er ist dreiunddreißig nach Frankreich.“
„Könnten Sie ihn bitte fragen, ob er eine Ingelore Hansen kannte?“

Auf diese Weise erfährt Charlotte, warum Peter damals immer wieder unter einem geschäftlichen Vorwand nach Frankfurt fuhr: Er hatte dort eine Geliebte. Als Ingelore Hansen ihm schrieb, dass sie schwanger sei, schickte er ihr zwar Geld, brach jedoch den Kontakt ab.

Niemand sollte mitbekommen, dass der Vater des Kindes Jude war, das Kind nach dem Gesetz zum Schutz arischen Blutes also halbjüdisch und dass Ingelore sich strafbar gemacht hatte. So erfand die junge Frau die Legende von einem Piloten der Legion Condor und dessen Absturz während des Spanischen Bürgerkriegs. Aber außer Ingelore und meinem Vater gab es noch eine Person, die um das Geheimnis wusste, und die sowohl Ingelore als später auch Dagmar dadurch das Leben zu Hölle machte: Agnes Hansen, Ingelores Mutter, Dagmars Großmutter, eine überzeugte Nationalsozialistin und fanatische Hitler-Verehrerin. Bereits während ihrer Schwangerschaft und nach der Geburt des Mädchens musste sich Ingelore anhören, was für ein verkommenes Subjekt sie sei und ihr Judenbankert dazu! Ingelore verließ ihre Mutter und lebte fortan mit ihrer kleinen Tochter in Höchst, einem Vorort von Frankfurt, wo sie sich mit Akkordarbeit bei den Farbwerken über Wasser hielt. Dann begann der Krieg.
Nach einem Bombenangriff auf die Fabrik zog sie gezwungenermaßen zu ihrer Mutter und musste sich wieder die täglichen Beschimpfungen anhören. Als im März 44 die schwersten Bombardements auf Frankfurt niedergingen, bekam das Haus der Großmutter einen Volltreffer, der Ingelore tötete. Dagmar war sieben Jahre alt und ihrer Großmutter völlig ausgeliefert. Irgendwie schafften es die beiden durch die schwere Zeit. Schon kurz nach dem Krieg begann Agnes Hansen nach dem Vater ihrer Enkeltochter zu forschen. Als sie vor Kurzem erfuhr, dass Emanuel Bergmann zurück in Frankfurt sei und in der Bockenheimer Landstraße wohne, packte sie Dagmars Koffer und sagte:
„Mach dich zu deim Vadder! Un lass dich hier net mehr blicke!“

Nachdem Charlotte begriffen hat, dass sie eine uneheliche Tochter ihres Ehemanns vor sich hat, entscheidet sie ohne zu zögern, dass Dagmar in die Familie aufgenommen wird.

Im Jahr darauf besucht Dagmar die Hotelfachschule in Lausanne und mit 18 fängt sie am Empfang eines Hotels in Frankfurt zu arbeiten an. Sie verliebt sich in einen Messegast, den 32-jährigen Geschäftsmann Urs Heger, der in Zürich verheiratet ist. Er lässt sich scheiden und heiratet Dagmar. Bald darauf bringt Dagmar einen Sohn zur Welt, der den Namen Daniel erhält.

1965 ertappt Dagmar ihren Ehemann mit dem Dienstmädchen. Daraufhin holt die 28-Jährige das Gewehr des Schweizers aus dem Schrank und erschießt nicht ihn, sondern sich.

Adam Bergmann

Im Alter von 60 Jahren stirbt Peter Bergmann.

Wir schreiben das Jahr 1956. Nach dem Tod meines Vaters muss meine Mutter ins kalte Wasser springen und Geschäftsfrau werden. Das fällt ihr nicht leicht, aber was soll sie machen? Mein Vater hat ihr einen unorganisierten Großhandel mit Weißwäsche und zwölf schlitzohrigen Teilachern hinterlassen, angeführt von meinem Onkel David, der alles ist, nur kein Geschäftsmann. Jedenfalls nicht im klassischen Sinn.

Charlotte verliebt sich in einen ungarisch-stämmigen amerikanischen Juden, der zufällig fast denselben Familiennamen trägt und Adam Bergman heißt. Nach seiner Ehescheidung wolle er in Frankfurt einen Neuanfang versuchen und dann in die USA zurückkehren, erklärt er. Auch wenn die Heirat mit Charlotte noch aussteht, wird Adam Bergman für Michel zum Ersatzvater.

Nach Michels Abitur wollen Charlotte und Michel mit Adam nach New York ziehen. Adam erhält von Charlotte 20.000 D-Mark für den Neustart dort und fliegt voraus, um alles vorzubereiten.

Wir haben Adam Bergman nie mehr wiedergesehen.

Bernard

Statt nach Amerika zieht Charlotte mit ihrem Sohn zu ihrer neureichen Schwester Sophie und ihrem Schwager Siegfried nach Chantilly bei Paris. Das Geschäft in Frankfurt verkauft sie.

Meine Mutter schöpft Hoffnung. Sie ist jetzt sechsundvierzig.

Einige Monate später stellt mir meine Mutter ihren zukünftigen Mann vor: Monsieur Bernard aus Strasbourg! Aber er ist nur ein lächerlicher Ersatz.

Bernard, ein 1900 geborener Jude aus Lodz, der eigentlich Baruch heißt, versteckte seine ebenfalls jüdische Ehefrau Dorit und die Tochter Bluma („Blimele“) bei einem polnischen Bauern vor den Nationalsozialisten. Der Mann erpresste zunächst Baruchs Ersparnisse und als es da nichts mehr zu holen gab, verriet er Dorit und Bluma gegen Geld. Baruch folgte ihnen freiwillig ins Ghetto von Lodz und wurde dann mit ihnen nach Auschwitz deportiert. Frau und Tochter wurden dort umgebracht; Baruch überlebte den Holocaust, wanderte nach dem Krieg nach Frankreich aus und heiratete eine Französin, die einige Jahre später an Krebs starb.

Die Hochzeit von Bernard und Charlotte findet 1963 im Frankfurter Römer statt. Die Familie richtet sich in Straßburg ein.

1982 – 1992

Michel Bergmann produziert 1982 seinen ersten Spielfilm, und zwar in Heidelberg.

Nach den unterschiedlichsten Jobs, nach einer gescheiterten Ehe und einem gelungenen Sohn bin ich schließlich beim Film gelandet. Das ist mein Ding.

Bernard erleidet während eines Aufenthalts in Freudenstadt einen Herzinfarkt und stirbt 1983 im Alter von 83 Jahren.

Die Witwe plant 1986 eine Reise nach New York, lässt sich vorher aber noch einmal medizinisch durchchecken – und erhält die Diagnose Gebärmutterkrebs. Sie wird bestrahlt. Ein „Scheißleben“ sei das, klagt sie.

Fünf Jahre später wird die 75-Jährigen mit einem Darmverschluss ins Krankenhaus gebracht. Ein künstlicher Darmausgang ist erforderlich.

Michel Bergmann und seine Frau leben in Hamburg und kaufen 1992 ein Ferienhaus im Luberon. Der Sohn studiert in Los Angeles.

2001

Im November 2001 fährt Michel Bergmann von Hamburg nach Straßburg, um seine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Die behandelnde Ärztin Dr. Miriam Gurfein reagiert ungehalten auf seine Bemerkung, die Mutter habe halt versehentlich ein paar Schlaftabletten zu viel genommen.

„Aus Versehen? Aus Versehen nimmt man zwanzig Tabletten?“Die Ärztin beugt sich vor, starrt mich an. „Sind Sie blind, Monsieur? Ihre Mutter hat einen Selbstmordversuch hinter sich.“

Am 2. Dezember 2001 ist Michel Bergmann allein in der Provence, um das Ferienhaus winterfest zu machen. Am Telefon kommt seine 86 Jahre alte Mutter, die das Krankenhaus inzwischen verlassen hat, auf die bevorstehende Einführung des Euro zu sprechen.

„Für euch ist es einfach, umzurechnen, aber hier? Ihr teilt durch zwei, und das war’s. Hier muss man es durch sechs Komma sechs und was weiß ich teilen, wer kann das? Bin ich Einstein?“
Ich lache.
„Hör zu“, sage ich, „mach es dir nicht so schwer. Rechne die Francs um in D-Mark wie immer, und teil dann durch zwei. Fertig.“
„Du hast gut reden“, sagt sie, „ich werde sechsundachtzig.“ Und nach einer kurzen Pause: „Ich habe keine Lust mehr. Ich habe so genug.“
Ich versuche sie aufzumuntern. Ich verspreche ihr, sie auf meiner Rückreise zu besuchen.

Kurz nach Mitternacht klingelt das Telefon. Es meldete sich Capitaine Becker von der Gendarmerie Strasbourg. Er benachrichtigt Michel Bergmann vom Tod der Mutter. Sie stürzte aus dem Fenster.

„Wie gestürzt? Ein Unfall?“
„Nein, Monsieur, wir vermuten, es war Selbstmord.“

Als Michel Bergmann in die Wohnung seiner Mutter kommt, steht noch eine Trittleiter vor dem inzwischen geschlossenen Fenster in der vierten Etage.

Bei der Beerdigung meint Charlottes 95 Jahre alte Freundin, Frau Eisler, die jüngste Schwester des Komponisten Hanns Eisler:

„Es war der letzte selbstbestimmte Schritt, den ein Mensch tun kann. Ich bewundere sie dafür.“

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Mit dem Roman „Mameleben. Oder das gestohlene Glück“ erzählt Michel Bergmann in der Ich-Form von seiner Mutter und seiner Beziehung zu ihr. Charlotte Bergmann, geborene Meinstein, lebte von 1916 bis 2001.

Weil sie Jüdin ist, darf sie in Zirndorf, der Heimatstadt ihrer Familie seit Generationen, kein Abitur machen. Sie weicht deshalb nach Paris aus. Ihren Sohn Michel bringt sie Anfang 1945 in einem Schweizer Internierungslager zur Welt. Sie überlebt den Holocaust, erleidet jedoch einen Schicksalsschlag nach dem anderen. Es ist die Geschichte einer starken, eigenwilligen Frau, die der Sohn als egoistisch, erdrückend und übergriffig erlebt. Er ist drei Monate alt, als sie den Säugling in einem Heim zurücklässt und erst 15 Monate später wieder zu sich holt. Später begreift Michel Bergmann, dass sie ihn trotz allem liebte.

Doch es war eine fordernde Liebe. Eine verpflichtende Liebe. Eine unerbittliche Liebe. Eine gnadenlose Liebe. Eine toxische Liebe. Und die Ursache für dieses Buch.

Die „Mame“ ist voller Widersprüche.

Sie untersagte mir, meine erste Freundin an einem Sonntagnachmittag mit nach Hause zu bringen (schließlich gab es in den Sechzigern noch einen Paragrafen, der Kuppelei unter Strafe stellte!), und stand eine Minute später im Mantel im Flur und rief: „Ich gehe ins Café. Gegen sechs bin ich wieder da und will niemanden hier sehen, ist das klar?“

Immer wieder beklagt und beschwert sie sich über das Verhalten ihres Sohnes und verweist dabei auf die Schicksalsschläge, die sie erlitt.

Meine Mutter brachte es in der Folge der Nachkriegsjahre zu einer Virtuosität im Umgang mit diesem Generalvorwurf. Hier ein paar Beispiele:
„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich lieber nicht überlebt!“
[…]
„Für wen habe ich das alles durchgestanden?“
„Da überlebt man, und das ist der Dank!“
„Ich wünsche dir, dass du niemals das durchmachen musst, was ich durchgemacht habe!“
„So, schmeckt dir nicht? Soll ich dir sagen, was wir im Lager hatten?“

Schonungslos schreibt Michel Bergmann in „Mameleben. Oder das gestohlene Glück“ über seine Mutter – aber auch seine Selbstbezogenheit und sein mangelndes Verständnis für sie. Seine Darstellung ist prägnant und eindrucksvoll, an keiner Stelle larmoyant. Die Lektüre berührt und erschüttert.

Das Jiddische Wort „Mameleben“ lässt sich mit Leben der Mutter übersetzen, wird aber auch als ehrenvolle Anrede gebraucht.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2023
Textauszüge: © Michel Bergmann

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