Peter Blickle : Andershimmel

Andershimmel
Andershimmel Edition Klöpfer, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2021 ISBN 978-3-520-75101-0, 328 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Bei Miriam und Johannes handelt es sich um ein in einer bigotten oberschwäbischen Gemeinde aufgewachsenes Zwillingspaar. Er flieht mit 17 in die USA, sie bleibt im Dorf. 30 Jahre später weist Miriam sich selbst in eine psychiatrische Anstalt ein, und Johannes kommt deshalb erstmals zurück ...
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Kritik

"Andershimmel" ist ein handlungsarmer poetischer Roman, den man unter dem Aspekt der Selbstbefreiung aus fundamentalistischen Zwängen lesen kann. Statt Zusammenhänge zu analysieren und zu erläutern, deutet Peter Blickle vieles nur an oder spart es ganz aus.
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Der Anruf

Prof. Johannes Lerner ist 47 Jahre alt und lehrt Medizinische Anthropologie an einer nordamerikanischen Universität. Seit 20 Jahren ist er mit einer Frau namens Naomi verheiratet, die aus ihrer ersten Ehe die damals vierjährige Tochter Kyra mitbrachte.

Mit 17 kam Johannes in die USA. Seine Zwillingsschwester Miriam ist in der oberschwäbischen Heimatgemeinde am Bodensee geblieben und dort seit 26 Jahren mit Matthias Dorner verheiratet. Die Kinder Ruth und Daniel sind inzwischen zum Studieren weggezogen.

Hätte er nicht in dem Augenblick, als das Telefon klingelte, den Rasierapparat ausgeschaltet, hätte er den Klingelton nicht gehört. Dann hätte Matthias ihn nicht mehr erreicht. Dann wäre Johannes zur Universität gefahren und die nächsten acht Stunden außer Reichweite gewesen. Acht Stunden später wäre es in Deutschland Nacht, fast schon der nächste Tag gewesen. Matthias hätte geschlafen und nicht noch einmal angerufen. […] Dann wäre Miriam ihren Weg weitergegangen, und er, Johannes, wäre seinen Weg weitergegangen. So wie sie es dreißig Jahre lang getan hatten – er auf seinem Kontinent, sie auf ihrem, er in seiner Sprache, sie in ihrer, er in seinem Dorf, das eine Universität war, sie in ihrem, das eine Sekte war.

Durch einen Anruf seines Schwagers Matthias, den er noch nicht persönlich kennengelernt hat, erfährt Johannes, dass Miriam sich selbst in die psychiatrische Klinik Sankt-Georg am See eingewiesen hat. Daraufhin bucht er den nächsten Flug nach Frankfurt am Main.

Neugierig schaut er am Flughafen in den Religious Reflection Room, einen Gebets- und Meditationsort für Angehörige aller Glaubensrichtungen. Eine Muslima kniet auf einem mitgebrachten Teppich. Johannes macht Yoga.

Das Dorf und die Zwillinge

In der Stille des Raums erinnert er sich daran, wie er mit seiner Zwillingsschwester aufwuchs.

Alles, was in diesem Dorf geschah, lag in GOttes unergründlichem Ratschluss. Wenn etwas geschah, stand es den Menschen nicht an, SEine Weisheit zu hinterfragen. Lebensversicherungen waren verpönt. Wer vom Herrn heimgeholt wurde, durfte von dieser Gnade nicht auch noch profitieren wollen. […]
Das Dorf war eine männliche Zeugung. Das Dorf war eine Brüdergemeinde. GOtt, VAter, SOhn und der HEilige Geist.

Der Vater gehörte dem Ältestenrat der pietistischen Gemeinde an. Frauen hatten sich den Männern zu fügen. Kinder wurden von den Eltern geliebt und deshalb auch mit Schlägen zu guten Menschen erzogen.

Wer den Stock schont, schadet dem Kind.

Miriam schnitt sich als Jugendliche in die Unterarme. Sie musste zum Psychologen in die Stadt. Der Mann hieß Rainer Manschitz-Eisele.

Renate, Angela, Martina und Rahel

Johannes erinnert sich, wie ihn Ricki austrickste, als sie noch Kinder waren. Für ein Eis bot sie ihm an, vor seinen Augen die Unterhose auszuziehen. Nachdem sie das Eis gegessen hatte, erfüllte sie das Versprechen, trug aber noch einen zweiten Schlüpfer.

Renate, Angela, Martina und Rahel hießen die Mädchen im Dorf, mit denen Johannes seine ersten erotischen bzw. sexuellen Erfahrungen sammelte.

Renate, eine angehende Logopädin, war drei Jahre älter als Johannes. Angela war die Tochter des Briefträgers Simon, Martina die des verwitweten Totengräbers Krüger. Martina, die ein Jahr älter als Johannes war, wusste nichts von Rahel, mit der er gleichzeitig eine noch engere Beziehung pflegte. Die rothaarige Abiturientin Rahel, die zwei Jahre ältere Tochter des Zahnarztes Maiwald, sollte auch nichts von seiner Liebschaft mit Martina erfahren, aber sie kam dahinter – und machte sich nichts daraus. Rahel galt als Wilde im Dorf; sie malte und kaufte in der Apotheke Kondome. In ihrer Verwandtschaft gab es einen Nobelpreisträger, doch über den redete niemand, weil er dreimal verheiratet war. Statt ihm verehrte man in der Familie Maiwald eine Verwandte, die Kirchenlieder dichtete und zehn Kinder hatte. An der Seite der rebellischen Zahnarzttochter Rahel fühlte sich Johannes den anderen Dorfbewohnern mit ihren Vorurteilen und Einschränkungen überlegen. Nach dem Abitur verließ sie das Dorf und begann in München zu studieren.

Rahel Maiwald. Sie hatte es geschafft. In die Freiheit, ins Leben, in die Stadt. Sie konnte nein und ja sagen nach Belieben und ficken, wen sie wollte.

Der Totengräber Kurt Krüger holte für sie den Kopf des sechs Monate zuvor tödlich verunglückten Motorradfahrers Frank Armbruster aus dem Grab. Johannes war dabei, als Rahel den Kopf in den Wald trug und für ein paar Stunden neben einen Ameisenhaufen legte, damit der Schädel sauber wurde.

Der Kopf wurde ihr erster Triumph. In einer Komposition aus Eichelhähereiern, Ameisen, Rinderzungen und Schamhaaren. Die Stadtväter der Stadt, in der sie ausstellte, klagten auf die Entfernung von „Frank Armbrusters Stillleben“. Echt menschliche Überreste waren in der Kunst nicht erlaubt. Es gab eine Gerichtsverhandlung. Es gab eine Berufung. Der Schädel. Die Schamhaare. Die Ameisen. Alles mit viel gelbem Honigacryl zu einem Relief verklebt. Die Magie der Haare. Auf dem Altar der Kunst.

Martina erhängte sich zwei Monate nachdem Renate sich vergiftet hatte. Und als Johannes bereits seit ein paar Monaten in den USA lebte, erfuhr er, dass die 18-jährige Angela Simon sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte und verblutet war.

Die Flucht

Mit 17 bereitete Johannes seine Flucht aus dem Dorf vor. Seine in den USA lebende Tante Hilde schickte ihm das Flugticket. Am Tag vor der Abreise weihte Johannes seine Zwillingsschwester in sein Vorhaben ein und verabschiedete sich von ihr. Am nächsten Morgen fuhr er mit dem Bus zum nächsten Bahnhof, von dort mit dem Zug zum Flughafen, ohne eine Nachricht für die Eltern zu hinterlassen. Sie hätten es ohnehin nicht verstanden.

Ein Vierteljahr lang wohnte er bei seiner Tante, dann bezog er eine eigene Wohnung.

Es waren immer Frauen um ihn gewesen. Miriam war dagewesen. Die Mutter war dagewesen. Rahel, die rothaarige Zahnarzttochter, war dagewesen. Martina, die Tochter des Totengräbers, war dagewesen. Renate, die angehende Logopädin war dagewesen. Da waren Esther und Charlotte und Ursula und Angela – in der Schulklasse, im Schullandheim, auf den Ausflügen. Maria, die Töpferin, war dagewesen. Tante Hilde in Amerika wr dagewesen. Barb, Sandra, Ruth und, jetzt, Naomi in Amerika – immer waren Frauen um ihn gewesen.

Während er sich aufs Rigorosum vorbereitete, starb der Vater Lukas Lerner, aber Johannes blieb der Beerdigung fern. 30 Jahre lang kehrte er nicht ins Dorf zurück.

Zurück im Dorf

Matthias stellt seinem Schwager für die Dauer des Aufenthalts im Dorf das Souterrain-Zimmer der Tochter zur Verfügung.

Am Tag nach seiner Ankunft fährt Johannes zur Klinik Sankt-Georg am See, wo Miriam von Prof. Dr. Heinrich Nack mit Psychopharmaka behandelt wird. Sie sitzt in ihrem Zimmer, starrt vor sich hin, spricht kein Wort und reagiert auch sonst nicht auf die Anwesenheit ihres Zwillingsbruders. Trotzdem besucht er sie nun jeden Tag und bleibt stundenlang bei ihr.

Johannes lässt sich dazu überreden, im Dorf lebenden Asylbewerbern die deutsche Sprache zu lehren.

Unter den Flüchtlingen ist auch Zahara Hazara mit ihren Söhnen Fadusch und Machmed. Die Muslima stammt aus Afghanistan. Von ihr erfährt Johannes, dass Khadija, die erste Ehefrau des Propheten, eine reiche, selbständige und bereits zweimal verwitwete Händlerin war, als sie den 25-Jährigen kennenlernte und ihn für sich arbeiten ließ. Heute wäre ein im Dienst seiner Frau stehender Moslem undenkbar.

Dakhil und Khawla sind mit ihren Kindern Rana und Omar aus Aleppo geflohen. Dakhil, der den Schulbesuch im Alter von zwölf Jahren abgebrochen hatte, war Metallarbeiter in einer der drei Werkstätten seines Vaters. Als der Betrieb drei Wochen nach Omars Geburt von einer Bombe zerstört wurde, brach die Familie zu Fuß nach Jordanien auf. Drei Jahre harrten Dakhil, Khawla, Rana und Omar in einem Flüchtlingslager in Amman aus. Dann gelang es ihnen, über die Ägäis Europa zu erreichen und Dakhils Schwester Fatimah zu folgen, die bereits ein halbes Jahr vor ihnen mit ihren fünf Kindern in das Dorf am Bodensee gekommen war.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Miriams Geheimnis

Allmählich reagiert Miriam auf ihren Zwillingsbruder. Sie wagt sich mit ihm ins Freie und geht mit ihm spazieren. Schließlich vertraut sie ihm an, dass sie in der neunten Woche mit Zwillingen schwanger ist. Prof. Nack ahnt davon ebenso wenig wie Matthias oder Dakhil, der sie geschwängert hat.

[Johannes] fühlte sich betrogen. Er spürte eine Wut in sich aufsteigen. Wie hatte sie das tun können? Wie hatte sie ihm das antun können? Diesen Betrug. Er war von Amerika hergeflogen. Wie hatte sie die Suizidgefährdete spielen können, damit sie sich hier verstecken konnte? Und sie spielte sie immer noch. Um sich zu verstecken. Um Zeit zu gewinnen. Vor der Welt und vor dem Dorf und vor Matthias.

Bei einem seiner folgenden Besuche in der Klinik trifft Johannes auf Dakhil. Augenscheinlich hat Miriam es ihm gesagt.

Johannes müsste dringend seine seit dem Abflug eingetroffenen Mails durchsehen, aber er tut es nicht und bucht stattdessen vier Stunden vor dem geplanten Rückflug auf eine Maschine um, die in 13 Tagen frühmorgens in der Schweiz starten wird.

Um herauszufinden, ob es für eine Ehebrecherin eine Zukunft im Dorf geben kann, geht Johannes zum Pfarrhaus. Der Pastor Michael Gnandt und dessen Ehefrau Hildegard laden ihn zum Essen ein. Obwohl sich die beiden liberal, verständnisvoll und aufgeschlossen geben, erträgt Johannes sie nicht lang.

Aber er war nicht gekommen, um diesen Ton zu hören. Diesen von oben herab gesprochen Ton. „Auch im Schmerz dürfen wir Ihn loben und preisen.“ […] Er schluckte. Er zögerte. Er holte Luft. Es war ihm eng. Etwas drückte ihn zusammen. „Auch im Schmerz dürfen wir Ihn loben und preisen.“ Er musste hinaus aus dieser Küche, hinaus aus diesem Haus. Er stand auf, schüttelte den Kopf und ging, ohne sich zu verabschieden.

Dakhil erfährt, dass seine Schwester bei einer Explosion in Aleppo getötet wurde.

Miriam wird aus der Klinik entlassen. Ihr Zwillingsbruder holt sie ab.

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Bei Miriam und Johannes handelt es sich um ein in einer bigotten oberschwäbischen Gemeinde aufgewachsenes Zwillingspaar. Er flieht mit 17 in die USA, sie bleibt im Dorf. 30 Jahre später weist Miriam sich selbst in eine psychiatrische Anstalt ein, und Johannes kommt deshalb erstmals zurück.

Peter Blickle beginnt seinen Roman „Andershimmel“ mit folgenden Sätzen:

Hätte er nicht in dem Augenblick, als das Telefon klingelte, den Rasierapparat ausgeschaltet, hätte er den Klingelton nicht gehört. Dann hätte Matthias ihn nicht mehr erreicht. Dann wäre Johannes zur Universität gefahren und die nächsten acht Stunden außer Reichweite gewesen. Acht Stunden später wäre es in Deutschland Nacht, fast schon der nächste Tag gewesen. Matthias hätte geschlafen und nicht noch einmal angerufen. […] Dann wäre Miriam ihren Weg weitergegangen, und er, Johannes, wäre seinen Weg weitergegangen. So wie sie es dreißig Jahre lang getan hatten – er auf seinem Kontinent, sie auf ihrem, er in seiner Sprache, sie in ihrer, er in seinem Dorf, das eine Universität war, sie in ihrem, das eine Sekte war.

Vor dem Abflug sucht Johannes den für Angehörige aller Glaubensrichtungen offenen Religious Reflection Room des Airports auf, macht Yoga und erinnert sich an die Zeit mit seiner Zwillingsschwester. Erst auf Seite 119 steigt er ins Flugzeug, und dann dauert es noch einmal 23 Seiten, bis er Miriam nach drei Jahrzehnten wiedersieht. „Andershimmel“ ist ein handlungsarmer Roman. Der Protagonist, aus dessen Perspektive Peter Blickle schreibt, wirkt grüblerisch. Aber der Professor für medizinische Anthropologie reflektiert nicht intellektuell; was er denkt, entsteht aus seinem Fühlen, seiner Sensibilität.

„Andershimmel“ kann man ähnlich wie den autobiografischen Roman „Unorthodox“ von Deborah Feldman unter dem Aspekt der Selbstbefreiung aus fundamentalistischem Gruppenzwang lesen. (Deborah Feldman wuchs allerdings nicht in einer pietistischen, sondern in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York auf. Um ihrem in einer Zwangsehe geborenen Sohn ein freies Leben zu ermöglichen, emanzipierte sie sich selbst.) Peter Blickle lässt in „Andershimmel“ Angehörige verschiedener Religionen und Nationen aufeinander treffen. Er benützt sogar zwischendurch arabische Schnörkel bei der Nummerierung der Kapitel. „Andershimmel“ lässt sich als Kritik an Intoleranz bzw. Plädoyer für Vielfalt und Liberalismus verstehen.

Das Ende bleibt in „Andershimmel“ völlig offen.

Peter Blickles Sprache ist poetisch. Statt Zusammenhänge zu analysieren und zu erläutern, deutet er vieles nur an oder spart es ganz aus (literarische Ellipsen).

Peter Blickle wurde am 26. September 1961 in Ravensburg geboren und wuchs 20 Kilometer nordwestlich davon auf, in Wilhelmsdorf. Nach dem Studium von Medizin, Komparistik, Germanistik und Literatur promovierte er 1995 an der University of Michigan mit einer Arbeit über die oberschwäbische Schriftstellerin Maria Beig („Maria Beig und die Kunst der scheinbaren Kunstlosigkeit“). Peter Blickle lehrt inzwischen als Professor für German Literature sowie Gender and Women’s Studies an der US-amerikanischen Western Michigan University in Kalamazoo. In den Achtzigerjahren fing er an, Kurzgeschichten zu verfassen. Sein Debütroman „Blaulicht im Nebel“ erschien 2002.

„Andershimmel“, sein vierter Roman, gehört zu den ersten Bänden der im März 2021 vom Alfred Kröner Verlag gestarteten „Edition Klöpfer“ mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, für die Hubert Klöpfer verantwortlich ist.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Alfred Kröner Verlag

Patricia Highsmith - "Small g" – eine Sommeridylle
Die Handlung ist unspektakulär. Bei "'Small g' – eine Sommeridylle" handelt es sich wohl kaum um Patricia Highsmiths bestes Werk, aber um eine leichte, unterhaltsame Lektüre und ein Plädoyer für Toleranz und Solidarität.
„Small g“ – eine Sommeridylle