Julia Deck : Nationaldenkmal

Nationaldenkmal
Monument national Les Éditions de Minuit, Paris 2022 Nationaldenkmal Übersetzung: Sina de Malafosse Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022 ISBN 978-3-8031-1371-9, 165 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Joséphine Orlando Langlois wächst als Adoptivtochter eines berühmten Schauspielers und seiner 30 Jahre jüngeren Ehefrau in einem Schloss bei Rambouillet auf. Ein Teil des Vermögens ist in der Karibik versteckt, und das verfügbare Geld reicht nicht mehr, um die Bediensteten zu bezahlen. Zur Feier des 70. Geburtstags kommt sogar das Präsidentenpaar Macron, aber beim Nachtisch erleidet der Schlossherr einen Herzanfall ...
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Kritik

"Nationaldenkmal" ist eine geistreiche und unterhaltsame Gesellschaftssatire. Julia Deck zeigt sarkastisch die Selbstinszenierung neureicher Celebrities. Es sind Parvenüs ohne Moral. Zugleich spielt Julia Deck gewitzt mit Identitäten und macht sich einen Spaß daraus, das Genre Kriminalroman zu parodieren.
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Das Leben im Schloss

Joséphine Orlando Langlois sagt, sie sei 20 Jahre alt und studiere – allerdings unter falschem Namen – Archäologie an der Universität Panthéon-Sorbonne in Paris. Sie erzählt von den letzten beiden Jahren im Leben ihres Adoptivvaters, des berühmten Filmschauspielers Serge Langlois, der mit seiner Familie und den Bediensteten in einem dem Petit Trianon nachempfundenen Schloss am Rand des Waldes von Rambouillet wohnte.

Serge war Ende 50 und seine Ehe mit Carole Desmoines bereits gescheitert, als er es sich nicht nehmen ließ, die Feier des 18. Geburtstages der Tochter Virginia Langlois in Saint-Tropez auszurichten. Bei dieser Gelegenheit lernte er deren Mitschülerin Adrienne („Ambre“) kennen, die gerade zur Miss Provence-Alpes-Côte d’Azur gekürt worden war. Trotz des Altersunterschieds heirateten die beiden noch im selben Jahr.

Ambre wollte unbedingt ein Kind, aber sie wurde nicht schwanger, obwohl sie Serge ständig bedrängte.

Serge war über sechzig. Er war es leid, dass seine junge Frau sich ihm mit einem derart zielgerichteten Eifer hingab und ließ den Blick zu anderen, weniger anspruchsvollen Körpern wandern. Die erstbesten willigen Mannequins machten sich, was ihr Verhältnis zu Serge Langlois betraf, nichts vor. Sie hofften nicht einmal, dass er mit einer gezielten Bemerkung bei Casting-Leitern ihre Karriere anschob. Sie wünschten sich vor allem zu sehen, wie ein Nationaldenkmal, von ihnen bestürmt, zum Orgasmus kam.

Sobald Serge begriff, dass ihn die Frauen als Objekt missbrauchten, kehrte er reumütig zu Ambre zurück und einigte sich mit ihr darauf, ein Kind zu adoptieren. Sie besichtigte Waisenhäuser in der ganzen Welt und bedachte sie mit großzügigen Spenden, bis sie – so erzählt Joséphine – mit einem Zwillingspaar aus Kirgisien zurückgekehrt sei und den beiden Kindern die Namen Joséphine und Orlando („Ory“) gegeben habe. Damit verschaffte sie sich auch neues Material für ihren Instagram-Kanal.

Joséphine besuchte zwar eine Privatschule, wie die anderen Kinder aus der Nachbarschaft, aber deren seit Jahrhunderten hier lebenden Familien grenzten sich von den neureichen Schlossbesitzern ab. Die wiederum hielten Abstand zu den Bediensteten.

Es war nicht denkbar, dass unsere Mutter Holzscheite in den Kamin warf […].

Nur den Aperitif nahmen sie alle gemeinsam im großen Salon ein. Serge und Ambre, Joséphine und Ory, die Verwalterin Madama Eva und ihr Mann Charles Caradec, der Chauffeur Ralph Duc, das Kindermädchen Anna sowie das Ehepaar Hélène und Julien Mouret.

Ralph, der Chauffeur, brachte uns zum Zeitungshändler. Ambre setzte ihre Sonnenbrille auf, sobald sie aus dem Bentley stieg. Die Fußgänger drehten sich nach uns um, manche machten Fotos. In der darauffolgenden Woche zeigte sie uns in einem Magazin die Bilder, die bei diesem Anlass gemacht worden waren. Mein Bruder und ich trugen immer Kleidung, die sorgfältig auf ihre abgestimmt war. Wenn wir dann fragten, wie der Fotograf des Magazins zufällig dagewesen sein konnte, entgegnete sie lachend, dass wir ganz schön schlau seien für unser Alter.

In der Garage stand eine ganze Sammlung von Oldtimern.

Im Halbschatten funkelten das azurblaue Blech des Mustangs, das glasierte Kastanienbraun des Bentleys, das Blutrot des Ferraris und, in Schattierungen von Indigo bis Schwarz, der Aston Martin, der Lamborghini, der Maserati, der Jaguar und der Porsche.

Auf halber Höhe der Treppe, drei Meter über dem Steinboden der Vorhalle, befand sich eine Bronzestatue des Hausherrn, des in Frankreich als „Nationaldenkmal“ verehrten Schauspielers.

Ambre gewann schließlich doch noch eine Freundin. Sophie de Mézieux hatte im Finanzsektor gearbeitet, bevor sie sich ganz der Erziehung ihrer vier kleinen Töchter widmete, während ihr Ehemann Geoffrey weiterhin jeden Morgen nach La Défense fuhr. Die beiden Frauen gewannen Abdul Belkrim als Yoga-Lehrer.

Abdul war durch ein Hip-Hop-Video im Netz aufgefallen und bevor Virginia Langlois nach Los Angeles zog, hatte ihn die Sängerin als Komparsen für ihre Musik-Videos engagiert. Nach seinem Intermezzo im Show-Business war Abdul Bel – wie er sich fortan nannte – Personal Trainer von Sängerinnen, Schauspielerinnen und Fußballer-Ehefrauen geworden.

Bei einer Gartenparty im Schloss der Familie Langlois brachte er seinen Freund Brahim mit, dazu Mathias Doucet, den Betreiber eines Supermarkts in Le Blanc-Mesnil, dessen in der Cité des Tilleuls aufgewachsene Geliebte Aminata und deren Freundin Cendrine Barou mit ihrem Sohn Marvin. Die beiden Frauen saßen im Supermarkt an der Kasse. Serge beobachtete Abdul zunächst argwöhnisch, aber als er merkte, dass dieser ihn als Schauspieler verehrte, durfte der Yoga-Lehrer im Schloss wohnen und sich in einem für ihn zum Loft ausgebauten Teil des Dachbodens einrichten.

Das neue Kindermädchen

Meinem siebeneinhalbjährigen Ich blieb nichts, was im Schloss geschah, verborgen. Mein Verstand drang durch Mauern, drang durch Schädel. Er enthüllte mir nach und nach alle verborgenen Machenschaften. Aber ich lebte innerhalb des Bildrahmens. Es war mir nicht möglich, die Bedeutung jeder Bildebene zu erfassen, das wahre Zentrum des Gemäldes.

Die siebeneinhalb Jahre alte Joséphine ertappt den Chauffeur Ralph mit dem Kindermädchen Anna in flagranti und erzählt es den Eltern. Am nächsten Morgen muss Anna das Schloss verlassen – und Ambre fragt sich, woher sie ein neues Kindermädchen nehmen soll.

Es gab unzählige Ehemänner, die von kaum heiratsfähigen Sirenen, ins Haus geholt von zu vertrauensseligen Müttern, korrumpiert worden waren. Kaum war das Vertrauen der Kinder gewonnen, wandten sie sich deren Erzeugern zu, und schon bald hatten sie die rechtmäßige Gefährtin um ihren Platz im Ehebett und ihre Lebensversicherung gebracht.

Abdul Bel schlägt Cendrine Barou vor, die Ambre bereits auf der Gartenparty kennengelernt hat. Cendrine kündigt ihre Stelle im Supermarkt in Blanc-Mesnil und zieht mit ihrem hyperaktiven Sohn Marvin ins Schloss.

Das Vermögen

Vor einigen Jahren folgte Serge dem Rat eines Steuerexperten und erwarb eine Villa auf Trinidad-und-Tabago, die formal nicht ihm, sondern einer Firma mit Sitz in Luxemburg gehört. Außerdem eröffnete er ein Konto in der Karibik, und seither bringen Serge und Ambre von jedem Aufenthalt dort einen Koffer Bargeld mit. Madame Eva warnt Serge jedoch vor dem Ruin. Statt auf die Verwalterin hört der 69-Jährige auf seinen Finanzberater und nimmt Kredite auf.

„Sie sind Ihr eigenes Vermögen“, hämmerte er meinen Eltern ein, „unterschätzen Sie nicht Ihren Marktwert.“

In einer Zeitschrift ist Virginia Langlois topless mit ihrem neuen Freund, einem 20 Jahre älteren Restaurantbesitzer, am Strand zu sehen. Serge regt sich nicht über die nackten Brüste seiner Tochter auf, sondern über den Altersunterschied. Ambre weist ihn darauf hin, dass er sogar 30 Jahre älter als sie sei.

Kurz darauf erleidet Serge einen Herzinfarkt und wird in die amerikanische Klinik von Neuilly gebracht. Seine Frau erklärt den Medien, es handele sich um eine harmlose Blinddarmentzündung. Als er wieder nach Hause darf, ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Damit er keine Treppen steigen muss, wird ihm der kleine Salon im Schloss als Krankenzimmer eingerichtet. Serge, der zuletzt schon Seniorengymnastik mit ihm machte, spezialisiert sich nun auf kardiovaskuläre Rehabilitation.

In zwei Monaten wird Serge 70 Jahre alt. Aus diesem Anlass ist nicht nur eine Retrospektive in der Cinématèque geplant, sondern für den 15. Juni 2020 auch ein Abendessen mit dem Präsidenten-Paar im Élysée-Palast. Brigitte Macron schlägt vor, auch Virginia Langlois einzuladen.

Aber der Lockdown wegen der Corona-Pandemie droht die Pläne zu durchkreuzen. Die Cinématèque wird geschlossen, das Festival de Cannes abgesagt.

Aufgrund der hohen Klinikkosten reicht das in Frankreich verfügbare Geld der Langlois nicht mehr für die Auszahlung der April-Gehälter der Bediensteten. Sie müssen Kurzarbeit anmelden.

Abdul treibt es mit Sophie und überredet sie, ihrer in Not geratenen Freundin Geld zu leihen. Die 10.000 Euro, die sie ihm zusteckt, überbringt er Ambre, lässt sie aber glauben, es handele sich um seine Ersparnisse.

Der 70. Geburtstag

Am 10. Mai 2020, einen Tag vor den Lockerungen in den Corona-Restriktionen, verlassen Hélène und Julien Mouret das Schloss. Sie wechseln zu einer anderen Familie.

Als Serge im Fernsehen einen Bericht von Christophe Hondelatte über die seit ein paar Jahren vermisste Annabelle Lecoq und ihren kleinen Sohn verfolgt, wundert er sich über die Ähnlichkeit der Frau mit dem Kindermädchen. Die Leserinnen und Leser wissen bereits, dass es sich bei Cendrine Barou um die Vermisste handelt. Sie ertrug ihren Ehemann nicht länger und verschwand mit ihrem Kind auf dem Rückweg aus dem Urlaub. Obwohl die Polizei überall in Frankreich nach ihr suchte, brachte niemand die unscheinbare Kassiererin im Supermarkt mit der attraktiven gertenschlanken Dame auf den Fahndungsfotos in Verbindung, die sowohl ihren Namen als auch den ihres Sohnes geändert hatte.

Bezüglich der zunächst im Élysée-Palast geplanten Geburtstagsfeier des „Nationaldenkmals“ Serge Langlois hält die Präsidentengattin eine Änderung für sinnvoll:

Da unsere Familie weniger mobil war, schlug Brigitte vor, uns mit ihrem Gatten am Geburtstag zu besuchen. Schon ein anderer Präsident hatte sich einst bei den Franzosen zu Tisch eingeladen. Das hatte ihm erlaubt, den Eindruck von Arroganz, der ihm seit Beginn seines Mandats anhaftete, zu korrigieren. Natürlich wagte sich der aktuelle Bewohner des Elysée-Palastes nicht zu den Lastwagenfahrern und Supermarktangestellten. Aber zu einem Nationaldenkmal, na gut.

Um das Chaos im Schlosspark vor dem Präsidentenpaar zu verbergen, hat Ambre die Vorhänge am Fenster im Esszimmer geschlossen, aber Brigitte Macron befühlt den türkisfarbenen Samt – und blickt hinaus.

Die Präsidentengattin zeigte Verständnis. Ein so großes Schwimmbecken instand zu halten sei eine leidige Angelegenheit. Der Pool in „La Lanterne“ bedürfe der ständigen Pflege dreier Beamter, klagte sie […].

Die Aufregung ist zu groß für Serge. Beim Dessert erleidet er eine weitere Herzattacke und wird erneut ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er fünf Tage nach der Geburtstagsfeier mit dem Präsidentenpaar.

Die Erbschaft

Im Fernsehen werden die alten Filme des „Nationaldenkmals“ wiederholt.

Drei Wochen später eröffnet der Notar das Testament des Verstorbenen. Serge hat Eva und Charles Caradec den Jagdpavillon vermacht, in dem das Ehepaar bereits wohnt. Der Chauffeur Ralph Duc erhält den Cadillac, den Chevrolet und den Mustang. Serge vermachte Ambre die Villa auf Trinidad-und-Tabago, Virginia die Jacht und 17 Oldtimer. Das Schloss soll seiner Witwe und seiner Tochter zu gleichen Teilen gehören. Und als Erbin der 33 Millionen auf Bankkonten in der Karibik hat Serge das Kindermädchen Cendrine Barou eingesetzt.

Der Notar hält das Testament für hieb- und stichfest. Aber Virginia ist nicht bereit, das zu akzeptieren und konsultiert ihren Rechtsanwalt. Der schlägt vor, alle Hinterbliebenen zu vertreten, denn es wirke in der Öffentlichkeit sympathischer, wenn nicht jede und jeder für sich allein kämpft.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Madame Eva weist darauf hin, dass von dem Ritalin, das sie sich für ihren Sohn verschreiben ließ, die Hälfte gestohlen wurde. Hat damit jemand den Tod des Hausherrn beschleunigt? Cendrine bzw. Annabelle gibt zu, das Ritalin für ihren Sohn Marvin entwendet zu haben.

Ein paar Tage später sagt Joséphine, ihr Zwillingsbruder Ory habe durchs Fenster etwas im Pool gesehen. Es handelt sich um Annabelles Leiche und die Bronzebüste des „Nationaldenkmals“ aus der Vorhalle.

Die Polizei verdächtigt Charles Caradec als Mörder, weil er vor Jahren schon einmal drei Monate in Untersuchungshaft verbrachte. Damals waren die Familien Caradec und Lecoq zerstrittene Nachbarn. Die Polizei fand über Handy-Daten heraus, dass sich Charles zum Zeitpunkt von Annabelles Verschwinden in ihrer Nähe aufgehalten hatte. Zwei Monate nach der Festnahme erhielt Eva Caradec einen Anruf von der früheren Nachbarin. Sie heiße jetzt anders und lebe mit ihrem Sohn in Blanc-Mesnil, erklärte sie. Vor ihrem Verschwinden habe sie Charles unter einem Vorwand zu einem Tankstellen-Parkplatz gelockt und sich dort mit ihm getroffen. „Zufällig“ gebe es davon ein von ihrem Sohn geknipstes Foto. Damit erpresste sie 50.000 Euro von Eva.

Die Ermittlungen ergeben, dass Annabelle Lecoq in der Vorhalle von der umgekippten Statue des „Nationaldenkmals“ erschlagen wurde. Eigentlich war die Bronzeskulptur an der Wand gefestigt, aber Marvin, der mehrmals dort gesehen worden war, hatte möglicherweise die Schrauben gelockert.

Joséphine sagt schließlich aus, dass ihr Zwillingsbruder Ory das Kindermädchen getötet habe. Ralph und Ambre gestehen, die Tote und die Statue zum Pool getragen zu haben. Die beiden werden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Das neunjährige Kind ist ohnehin noch strafunmündig. Joséphine muss nur regelmäßig zu einer Kinderpsychiaterin.

Es stellt sich heraus, dass die Villa und die Jacht in Trinidad-und-Tabago nur unversteuert bleiben können, wenn Ambre und Virginia nachweisen, dass sie dort 183 Tage im Jahr wohnen. Virginia verzichtet kurzerhand auf ihr Erbe, und Ambre muss den Besitz verkaufen, um die Steuer nachzahlen und die Rechnungen der Rechtsanwälte begleichen zu können.

Nach dem Tod seiner Mutter erbt Marvin die in der Karibik angelegten Millionen. Sein Vater Arnaud Lecoq, ein Immobilienmakler in Val-d’Oise, macht ihn ausfindig und beteuert, dass er die versäumte Zeit mit seinem Sohn nachholen wolle. Ambre gelingt es jedoch, das Sorgerecht für Marvin zugesprochen zu bekommen. Sie will das Kind adoptieren. Von dem Geld bleibt am Ende nichts übrig, denn Serge war auf ein Schneeball-System hereingefallen.

Die Wahrheit

Im Alter von 20 Jahren erinnert sich Joséphine Orlando Langlois an die mehr als zehn Jahre zurückliegenden Vorgänge im Schloss ihrer Familie am Rand des Waldes von Rambouillet, das inzwischen arg heruntergekommen ist.

Tatsächlich kam sie damals dazu, als Madame Eva die Statue des „Nationaldenkmals“ umstieß, um damit das Kindermädchen in der Vorhalle zu erschlagen. Ambre und Ralph deckten die Mörderin und brachten das neunjährige Kind dazu, die Tat zu gestehen. Auf diese Weise kamen sie alle ungeschoren davon.

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Die französische Schriftstellerin Julia Deck (*1974) verwendet Versatzstücke des Genres Kriminalroman, aber „Nationaldenkmal“ ist eine Gesellschaftssatire über neureiche Celebrities. Gewitzt und sarkastisch entlarvt Julia Deck die Selbstinszenierung für die Medien, die Lebenslügen und Potemkischen Dörfer ebenso wie das verlogene Verhältnis der Upper Class zu den Bediensteten und die moralische Verkommenheit der Parvenüs, die ihr Geld in der Karibik verstecken, um Steuerzahlungen zu vermeiden.

Zugleich spielt Julia Deck in „Nationaldenkmal“ mit Identitäten. Das betrifft nicht nur das intrigante Kindermädchen, sondern auch die Adoptivtochter der Schlossbesitzer, die einen Handlungsstrang in der Ich-Form erzählt. Die subjektive, also unzuverlässige Erzählerin behauptet beispielsweise, einen Zwillingsbruder zu haben, aber das ist mehr als zweifelhaft:

„Du hast keinen Bruder, der Ory heißt“, schimpfte [Ambre] und schaute mich scharf an.
Ich kannte diese Version der Tatsachen. Es hieß bisweilen, ich hätte keinen Zwillingsbruder. Sie behaupteten, ich wäre allein aus Zentralasien gekommen, hätte mir aber, als ich älter wurde, einen Bruder ausgedacht und ihm meinen zweiten Vornamen gegeben.

Sigrid Brinkmann (Deutschlandfunk) zitiert Julia Deck (ohne Quellenangabe):

Ich habe das Gefühl, in meinem Leben viel spioniert zu haben. Wie meine Erzählerin bin ich in einer Welt von Erwachsenen groß geworden. Ich war mehr damit beschäftigt, zu beobachten, was so geschieht, als mich – so wie die meisten Kinder das tun – in etwas hineinziehen zu lassen und mitzumachen. Ich war fasziniert von den Rollenspielen der Erwachsenen. Es bereitet mir immer noch mehr Vergnügen, diesem Gesellschaftstheater zuzuschauen als direkt mitzuspielen.

Die Einblicke und das Verständnis für die Motive der Erwachsenen übersteigen den geistigen Horizont eines sieben bis neun Jahre alten Kindes. Aber am Ende gibt es auch dafür eine Erklärung: Joséphine erzählt erst später in der Rückschau.

Im Schloss hatte unsere Mutter mit allem anderen auch die Kontrolle über meine Erziehung aufgegeben. […] Unsere Verwalterin ermutigte mich oft, meine Sicht der Dinge auszudrücken […]. Es gab keine Information über unsere Familie, die sie mir vorenthielt. Dank ihr konnte ich das Bild in den folgenden Jahren vervollständigen. […] Ich bin inzwischen zwanzig Jahre alt. Ich studiere Archäologie an der Universität Panthéon-Sorbonne, unter falschem Namen.

Julia Deck beginnt ihren skurrilen, geistreichen und unterhaltsamen Roman „Nationaldenkmal“ mit dem Satz

Von Zeit zu Zeit bekommen wir noch Besuch von Touristen.

Nicht nur diesen Satz, sondern die ersten beiden Absätze wiederholt Julia Deck kurz vor dem Ende und schließt damit den Kreis.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2022
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

Julia Deck: Viviane Élisabeth Fauville
Julia Deck: Winterdreieck

Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrigblieb
Kazuo Ishiguro ist es vortrefflich gelungen, den Lesern die tragische Romanfigur des Butlers Stevens nahezubringen, aus dessen traurigen Erinnerungen und Gedanken der vielschichtige, sensible und differenzierte Roman "Was vom Tage übrigblieb" besteht.
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