Stefan Mühldorfer : Tagsüber dieses strahlende Blau

Tagsüber dieses strahlende Blau

Stefan Mühldorfer

Tagsüber dieses strahlende Blau

Tagsüber dieses strahlende Blau Originalausgabe: dtv, München 2009 ISBN: 978-3-423-24715-3, 239 Seiten, 14.80 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 37-jährige Versicherungsmakler Robert Ames fährt an einem strahlenden Freitagmorgen ins Büro. Bei einem Kundentermin sieht er unerwartet eine frühere Mitschülerin wieder, in die er damals verliebt war. Aufgewühlt fährt er zum Essen – und ertappt im Restaurant seine Ehefrau mit einem Fremden. Am Nachmittag wirft sie ihm sein unhöfliches Verhalten ihrem Bekannten gegenüber vor, und statt ihn zu einer Party bei seinem Chef zu begleiten, will sie das Wochenende bei ihren Eltern verbringen ...
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Kritik

"Tagsüber dieses strahlende Blau" ist ein melancholischer, aber nicht schwerfälliger, sondern leichter, eleganter und feinsinniger Roman. Stefan Mühldorfer vermeidet jede Effekthascherei und macht das Geschehen gerade dadurch nachvollziehbar.
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Robert Ames ist siebenunddreißig Jahre alt. Mit seiner Ehefrau Kala und dem fünfjährigen Sohn Jonathan wohnt er in Hamilton, Ontario. Das kleine Haus, in dem sie seit der Eheschließung vor elf Jahren wohnen, hatten sie mit finanzieller Starthilfe von Kalas Eltern Richard und Claire gekauft. Richard konnte sich die Großzügigkeit leisten; er ist stellvertretender Verkaufsleiter bei einer Ford-Niederlassung in Mississauga. Kala hatte kurz vor der Hochzeit ihr Literaturstudium abgeschlossen, und Robert arbeitete damals bei einer auf japanische Auftraggeber spezialisierten PR-Agentur in Toronto. Dabei hatte er Neuere Amerikanische Geschichte studiert.

[…] hatte ich gerade meinen ersten Job nach dem Studium ergattert, verdiente ganz ordentlich und richtete mich auf ein ziemlich normales Leben ein. Ein normal erfolgreiches, muss ich sagen […] (Seite 8)

Nach zwei Jahren Public Relations wechselte Robert zu Walter Buck, dem Chef eines Versicherungsbüros in Hamilton. Das war vor neun Jahren. Seither verdient Robert sein Geld mit Lebensversicherungen. Walter Buck sieht sich selbst als Pragmatiker; er tut, was ansteht und ist zuversichtlich, suboptimale Entscheidungen später korrigieren zu können. In seinen Augen ist sein fünfzehn Jahre jüngerer Partner ein Theoretiker. Auf diese Weise ergänzen sie sich gut.

Mit siebzehn hatte Robert eine Freundin, die sich in der anglikanischen Gemeinde „Die Menschenfischer“ engagierte. Sie hieß Sue. Weiter als bis zu Küssen kam er nicht mit ihr. Als sie einmal zwei Wochen bei einem Onkel in Chicago war, landete er mit der unkomplizierten Joan, deren Eltern als Trinidad stammten, im Bett. Es war sein erstes Mal. Sue konnte ihm die „Sünde“ nicht verzeihen und trennte sich von ihm.

Jahre später erkannte ihn Paul Snyder beim Duschen im Tennisclub wieder. Als Kinder und Jugendliche hatten sie in Pickerin nebeneinander gewohnt, aber dann waren Pauls Eltern mit ihm nach Clarkson gezogen und sie hatten sich aus den Augen verloren. Robert war das Wiedersehen eher peinlich, zumal sie beide nackt waren. Außer ihrer Vergangenheit hatten sie nichts gemeinsam. Zwei Monate später arrangierte Paul ein Doppel-Match mit Robert, seiner neuen Eroberung Ruth und deren Freundin Kala. So lernten Robert und Kala sich kennen.

Am Freitagmorgen fährt Robert wie üblich ins Büro.

Draußen zeigt der Himmel sein strahlendes Blau, aber die Luft ist ziemlich frisch, und ich kann mir in diesem Augenblick nicht vorstellen, dass es stimmt, was die Nachrichten im Radio angekündigt haben: bis zu dreißig Grad und gegen Abend möglicherweise ein paar Wärmegewitter. (Seite 21)

Walter Buck erklärt ihm nochmals, wie er dessen Cottage in Port Dover findet, denn Robert und Kala sollen am Abend zu einer Party kommen. Dann fährt er los, um das Fest vorzubereiten.

Auch Glandis, die seit einem halben Jahr als Assistentin in dem Versicherungsbüro arbeitet, ist zu der Party des Chefs eingeladen. Sie wissen beide, dass Walter das Cottage nur gekauft hat, um dort seine Ehefrau Michelle ungestört betrügen zu können. Glandis lebt zwar von ihrem Ehemann Raymond, einem Zahnarzt aus Orangeville, getrennt, trifft sich aber noch hin und wieder mit ihm. Gestern habe er sie zum Essen ausgeführt, erzählt sie Robert, und dabei vorgeschlagen, es noch einmal gemeinsam zu versuchen. Inzwischen bereut sie es, dass sie sich darauf einließ, obwohl sie weiß, dass es keinen Zweck hat.

An diesem Vormittag soll Robert noch einen Termin bei der Familie Rutherford in Riverdale wahrnehmen. Er fährt rechtzeitig los und hat noch fast eine halbe Stunde Zeit, als er in der Nähe Halbwüchsige beim Ballspielen sieht. Er hält an, drängt sich ihnen als Mitspieler auf – und rammt versehentlich einem der Kinder den Ellbogen ins Gesicht. Zum Glück geht es mit einer leichten Verletzung ab, aber Robert besteht darauf, den Jungen nach Hause zu bringen. Es handelt sich ausgerechnet um Mark Rutherford, also den Sohn des Ehepaares, dem er eine Lebensversicherung verkaufen soll. Pete und Janet Rutherford reagieren jedoch sehr verständnisvoll und vernünftig; sie machen ihrem Besucher keine Vorwürfe.

In Janet Rutherford erkennt Robert eine Mitschülerin wieder, in die er sich auf der Banbarry Highschool verliebt hatte. Sie erinnert sich allerdings nicht an ihn. Während der Rückfahrt malt er sich aus, wie es wäre, wenn er sie anrufen und sich mit ihr verabreden würde.

Weil er zu aufgewühlt ist, um gleich wieder ins Büro zu gehen, hält er vor dem „Lazy Flamingo“ im Hess Village, um ein Sandwich und eine Flasche Wasser zu bestellen. Zu seiner Verwunderung entdeckt er Kala an einem der Tische. Gerade als er aufstehen und hingehen will, setzt sich ein Herr zu ihr, und die beiden beginnen eine angeregte Unterhaltung. Betrügt Kala ihn? Kurz vor Jonathans Geburt hatten sie sich gegenseitig je eine damals bereits wieder beendete Affäre gebeichtet, aber das ist sechs Jahre her. Eifersüchtig nähert sich Robert Kala und dem Fremden; sie bemerken ihn erst, als er unmittelbar vor ihnen steht. Kala und ihr Gesprächspartner Ken Marcus besuchen zusammen einen Yoga-Kurs. Robert lässt keinen Zweifel daran, dass er Ken nicht leiden kann und es missbilligt, dass seine Frau mit ihm zusammen im „Lazy Flamingo“ sitzt.

Bei einem Telefongespräch am Nachmittag wirft Kala ihm sein unhöflichen Benehmen vor und regt sich darüber auf, dass er sie eines Seitensprungs verdächtigt.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Um sich wieder mit Kala zu versöhnen, kauft ihr Robert auf dem Heimweg einen Slip. Für Jonathan besorgt er ein Modellflugzeug. Bei Mark will er sich mit einem Fußballhelm entschuldigen – und bei dieser Gelegenheit Janet wiedersehen.

Kala beachtet das Geschenk nicht weiter. Sie wird nicht mit nach Port Dover kommen, sondern mit Jonathan für ein langes Wochenende zu ihren Eltern fahren.

Als Robert Glandis abholen will, wird er Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einem Mann und einer Frau, die Lon und Thess heißen. Anders als sonst mischt Robert sich ein und fragt: „Ist der Abend dafür nicht ein bisschen zu schade?“ Lon droht daraufhin, statt Thess ihn zu verprügeln, und bei einem angedeuteten Kinnhaken beißt Robert sich vor Schreck in die Zunge. Glandis rettet die Situation.

Sie fahren nach Port Dover.

Im Lauf des Abends beklagt sich Michelle Buck, die bereits zu viel getrunken hat, bei Robert über ihren Mann. Sie weiß von seinen Amouren. Plötzlich verliert sie die Nerven, prügelt auf Walter ein, tobt, brüllt und schluchzt.

„Glaubst du, Michelle hat die ganze Sache inszeniert?“ [fragt Glandis während der Rückfahrt im Auto]
„Um so was zu inszenieren“, sage ich, „brauchst du verdammt viel Abstand, und den hatte Michelle schon lang nicht mehr. Ich glaube, sie wusste alles und sie wusste es bestimmt nicht von Walter. Vielleicht hat sie gedacht, dass es irgendwann wieder aufhört. Vielleicht hat sie gedacht, dass es ihr gar nicht so viel ausmacht. Und inmitten von dem, was um sie herum passiert ist, muss ihr heute Abend klar geworden sein, dass ihre ganzen beschissenen Versuche, sich etwas zu erklären und zurechtzurücken, umsonst waren.“ Aus dem Nichts steigen mir heiße Tränen in die Augen, die ich sofort wieder unterdrücke. „Der andre betrügt dich, aber plötzlich wachst du auf und weißt: Du betrügst dich selber.“
„Es ist gar nicht schwer, sich selber zu betrügen“, sagt Glandis. Die Reifen surren auf dem Asphalt. „Es fängt damit an, dass du irgendwelche Ideale mit dir herumträgst. Manchmal reicht auch schon die Sehnsucht nach diesen Idealen. Okay, sagt dein Kopf, ich weiß, dass es Ideale sind, aber ich brauche einfach eine Richtung, in die mein Leben weist, und diese Ideale helfen mir nun mal dabei. In meiner Beziehung zu Raymond gab es immer ein was ist und ein was sein könnte. Mein Problem ist, dass ich mich immer an das was sein könnte gehalten habe.“
„Vielleicht bist du einfach ein großer Optimist“, sage ich. (Seite 228f)

Vor Glandis‘ Haustüre wartet Raymond. Sie macht ihm entschlossen klar, dass sie doch nicht bereit ist, es noch einmal mit ihm zu versuchen. Verärgert fährt er weg. Glandis lädt Robert noch auf eine Tasse Tee ein. Er erzählt ihr von seinen Erlebnissen an diesem Tag und von Kala. Sie hört zu, aber dann erklärt sie ihm, sie sei todmüde und werde jetzt ins Bett gehen. Er könne ruhig bleiben. Ohne weitere Umstände geht sie ins Schlafzimmer und zieht sich bei offener Türe aus; dann geht sie ins Bad. Robert hängt seine Kleider akkurat über einen Stuhl, so wie jemand, „der Angst davor hat, die Kontrolle zu verlieren“ (Seite 233).

[…] das hier war nicht geplant, flüsterte sie, nicht von mir und nicht von dir, und ich beugte mich zu ihr hinüber, legte ihr den Finger auf die Lippen und sagte, nichts davon. Nichts davon. (Seite 232)

Zwei Monate später: Kala und Robert haben sich getrennt. Er wohnt jetzt im Haus eines freundlichen älteren Ehepaares. Kala ließ ihn noch wissen, dass sie zwar mit Ken Marcus nicht intim gewesen sei, aber mit einem anderen Mann namens Frank, und in den letzten Jahren mehrere Affären gehabt habe.

Robert und Glandis treffen sich regelmäßig, aber sie reden nur miteinander.

Michelle Buck reichte die Scheidung ein.

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Ausgerechnet ein Mann, der andere Menschen versichert, verliert die Kontrolle über sein Leben. Banale Zufallsereignisse bilden unversehens eine Ursachenkette, die ihn aus der Bahn wirft. Dabei beginnt er zu begreifen, dass er sich mit einer Lebenslüge eingerichtet und sich selbst betrogen hatte.

Abgesehen von einigen Rückblenden spielt die vom Protagonisten in der Ich-Form erzählte Handlung an einem einzigen Tag.

Samuel Goldwyn riet Drehbuchautoren einmal: „Mit einem Erdbeben anfangen und dann ganz langsam steigern!“ Stefan Mühldorfer (* 1962) tut selbstbewusst das Gegenteil: Er beginnt seinen Debütroman „Tagsüber dieses strahlende Blau“ mit einer Überlegung. Aber damit charakterisiert er sogleich den Protagonisten.

Ich heiße Robert Ames und bin siebenunddreißig. Meine Frau sagt, ich sehe jünger aus. Ich weiß nicht, ob das überhaupt eine Rolle spielt. Früher war mir mein Alter egal, jedenfalls war es nicht mehr als eine einfache Antwort auf eine einfache Frage. Erst im Lauf der Jahre ist mir bewusst geworden, dass die Frage nach dem Alter tiefer geht, als einem im ersten Moment selber lieb ist: Sie ist im Grunde die Frage danach, wo man im Augenblick steht. Dabei ist das gefährliche an der Frage, dass man nicht sagen kann, wann sie einen zum ersten Mal überrascht (nämlich dann, wenn man erkennt, dass es diesen Zusammenhang gibt); ab diesem Moment jedenfalls – ob man es sich nun eingestehen will oder nicht – hat sich ziemlich viel verändert. (Seite 7)

„Tagsüber dieses strahlende Blau“ ist ein melancholischer, aber nicht schwerfälliger, sondern leichter, eleganter und feinsinniger Roman. Stefan Mühldorfer vermeidet Effekthaschereien und macht die Vorgänge gerade dadurch nachvollziehbar.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

John Banville - Das Buch der Beweise
In seinem sprachlich virtuosen Roman "Das Buch der Beweise" erzählt John Banville nicht ohne schwarzen Humor die fesselnde Geschichte eines irischen Aussteigers, der ohne viel Nachdenken ein sinnloses brutales Gewaltverbrechen begeht.
Das Buch der Beweise

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