Anna Enquist : Denn es will Abend werden

Denn es will Abend werden
Want de avond Uitgeverkij De Arbeiderspers, Amsterdam / Antwerpen 2018 Denn es will Abend werden Übersetzung: Hanni Ehlers Luchterhand Literaturverlag, München 2019 ISBN 978-3-630-87604-7, 285 Seiten ISBN 978-3-641-24147-6 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Vier Freunde, die gemeinsam auf einem Hausboot als Streichquartett musizierten, wurden dabei von einem ausgebrochenen Häftling überfallen. Die Konfrontation mit Ohnmacht und Ausgeliefertsein, Gewalt und Zerstörung hat sie so traumatisiert, dass sie sich gegenseitig aus dem Weg gehen und an eine Fortführung des Streichquartetts nicht zu denken ist. Jede der vier Personen schlägt einen anderen Weg ein ...
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Kritik

Der bewegende Roman "Denn es will Abend werden" dreht sich um die Frage, wie Menschen auf ein Trauma reagieren. Wir beobachten zwei Frauen und zwei Männer, die auf vier verschiedene Weisen mit dem gemeinsam Erlebten umzugehen versuchen. Anna Enquist leuchtet die psychologischen Vorgänge in "Denn es will Abend werden" gründlich aus, ohne durch Erläuterungen den Handlungsverlauf zu stören.
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Das Trauma

Hugo, der Leiter eines Musikzentrums in Amsterdam, seine Cousine, die Pflegekraft Heleen, die Ärztin Carolien und deren Ehemann, der Geigenbauer Jochem, trafen sich regelmäßig auf Hugos Haus­boot, um als Streichquartett zu musizieren. Der ausgebrochene Häftling Olivier Helleberg wusste das, weil Heleen mit ihm korrespondiert hatte, und während das Streichquartett spielte, schlich er sich auf dem Hausboot ein. Laura, die dreijährige Tochter aus der geschiedenen Ehe von Hugo und Evelien, wollte er als Geisel nehmen. Der polizeiliche Zugriff wurde mit Explosionen an Bug und Heck eingeleitet. Olivier Helleberg entkam und suchte Zuflucht bei dem über 80 Jahre alten Musiklehrer Reinier van Aalst, dessen Adresse er auf einer von Carolien ausgeliehenen Partitur gefunden hatte. Beim SEK-Einsatz wurde Reinier van Aalst umgerannt und fiel ins Koma.

Hugo blieb unverletzt, Heleen brach sich ein Bein, Jochem erlitt eine Kopfwunde und Carolien hatte der Verbrecher den kleinen Finger der rechten Hand abgetrennt. Das Hausboot und die Streichinstrumente waren zerstört, und keines der Opfer mochte an eine Wiederaufnahme des gemeinsamen Musizierens denken. Im Gegenteil: die Freunde gehen sich seither aus dem Weg.

Die Ehe von Carolien und Jochem war bereits vor dem Überfall belastet, seit sie ihre beiden Söhne durch einen Verkehrsunfall verloren hatten.

Vier verschiedene Reaktionen

Carolien fühlt sich kaputt. Wenn sie jemandem die Hand gibt – was sie möglichst vermeidet – nimmt sie das Erschrecken wahr. Mit der entstellten Hand will sie weder als Hausärztin weitermachen noch jemals wieder Cello spielen. Während sie sich zu nichts aufraffen kann und aus ihrer inneren Leere nicht herausfindet, drängt Jochem sie, mit ihm Konzerte zu besuchen und sich für irgendetwas zu interessieren.

Er selbst hat sich in Arbeit und Stress gestürzt. Das neue, größere Atelier des Geigenbauers befindet sich in einem Gebäude mit Pförtner und ist mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet.

In einem Gespräch mit ihrem früheren Kollegen Daniel in der Gemeinschaftspraxis fasst Carolien zusammen:

„Jochem ist vollkommen paranoid geworden, er ist nur noch mit Schlüsseln und Riegeln und Sicherheitscodes zugange. Und er arbeitet wie verrückt. Er treibt mich an, sitzt mir Tag und Nacht im Nacken, dass ich mich aufraffen und etwas tun soll, irgendetwas, das ihn befriedigt, was weiß ich.“

Als Carolien nach dem – durch das Abschalten der Geräte herbeigeführten − Tod ihres früheren Musiklehrers Reinier van Aalst dessen Cello erbt, lässt Jochem das wertvolle Instrument versichern, die Fenster des Privathauses verstärken und mit Gittern versehen, zusätzliche Türschlösser anbringen und eine Alarmanlage einbauen.

Weil er Caroliens Depression nicht länger erträgt, überlässt er ihr das Haus und schläft im Atelier.

Bei einer zufälligen Begegnung erfährt Carolien, dass Heleen, die bis zu dem traumatischen Ereignis als Pflegekraft in der Gemeinschaftspraxis arbeitete, seit der Reha in einem Fitness-Studio arbeitet und nicht mehr in ihren alten Beruf zurückkehren will. Heleen fühlt sich schuldig, weil sie dem Häftling in ihrer naiven Gutmütigkeit von dem Streichquartett auf dem Hausboot geschrieben hatte.

Überraschend meldet sich Hugo bei Jochem: Er bestellt ein paar Geigen, die er für junge Virtuosen vom Konservatorium in Shanghai benötigt, deren Instrumente miserabel sind. Hugo bereitet mit ihnen im Rahmen kulturpädagogischer Projekte eine Konzertreihe in China vor.

„Ich hab mich wenigstens weiterentwickelt […]. Ich mach was Neues, ich bau mir ein neues Leben auf. Andere Leute, Aussichten, Ideale, wenn du so willst. Ich verkriech mich nicht wie du in ’ner verbarrikadierten Höhle und ergeh mich in sinnloser Wut. Du willst an dem festhalten, was du hattest, und verlierst dadurch alles.“

China

Als Carolien von Hugos Engagement in China erfährt, fliegt sie spontan nach Shanghai.

Dort lernt sie Max kennen, einen Kinderarzt aus den USA, dessen Sohn wegen Sauerstoffmangels bei der Hausgeburt geistig behindert ist. Seine Frau Dolly weigert sich, den Jungen in einem Heim unterzubringen, obwohl sie ihn rund um die Uhr pflegen muss. Weil Max das nicht mehr aushielt, versucht er nun, die Situation in chinesischen Waisenhäusern zu verbessern.

Carolien begleitet ihn auf einer Reise nach Peking – und wird seine Geliebte. Was sie in den Heimen sieht, erschüttert sie. Es sind menschliche Müllhalden.

Die Kinder, die in Bettchen wie Käfigen in ihrem eigenen Kot liegen oder sitzen, haben durch sie hindurchgestarrt und keinerlei Kontakt hergestellt. Als sie einen kleinen Jungen streicheln wollte, biss er sie in die Hand. Das Personal begriff nicht, was Max wollte – Spielzeug, singen, herumlaufen? Man hatte Reis zu kochen, Wasser zu holen, Fußböden zu schrubben. Besuch? Hier kam nie Besuch, diese Kinder hatte man abgeschoben, die wollte niemand.

Nach der Reise beendet Max die Liebesbeziehung mit ein paar Zeilen und bricht seinen China-Aufenthalt ab.

Der neue Verlust erschüttert Carolien noch stärker. Sie kehrt nach Amsterdam zurück.

Zeugen

Hugo, Heleen, Carolien und Jochem werden als Belastungszeugen vorgeladen. Jochem, der inzwischen einen Herzinfarkt erlitten hat, aber jede ärztliche Behandlung ablehnt, sieht in der Vorbereitung und Koordinierung der Aussagen eine neue Aufgabe. Er engagiert eigens einen Rechtsanwalt und lässt sich beraten, aber weder Carolien noch Hugo oder Heleen wollen mitmachen.

Kurz vor dem Gerichtstermin bewirbt sich Carolien bei einem Heim, in dem geistig Behinderte betreut werden. Das soll ihre neue Aufgabe werden.

Als Jochem am Vorabend des Termins ein gebügeltes Hemd und einen Anzug aus dem Privathaus holen möchte, hört er durchs Fenster, dass Carolien auf dem geerbten Cello spielt. Um sie dabei nicht zu stören, zieht er sich zurück und beschließt, vor Gericht einfach Alltagskleidung zu tragen.

Im Zeugenstand versagen sie alle vier, auch Jochem, der sich gründlich auf seine Aussage vorbereitet hat. Keiner von ihnen ist dem Verteidiger des Angeklagten gewachsen. Am Ende meldet sich Jochems Anwalt zu Wort und bittet das Gericht, bei der Strafbemessung nicht nur die quantifizierbaren Schäden der Zeugen zu berücksichtigen, sondern vor allem den Verlust des Vertrauens in die Gesellschaft und zueinander.

Carolien, die dem Anwalt bis dahin skeptisch gegenüberstand, bedankt sich nach der Verhandlung für dessen Appell an das Gericht.
Hugo lädt zu einem gemeinsamen Restaurant-Essen ein. Dabei öffnen sich die vier Menschen erstmals wieder und vertrauen einander an, was sie bewegt.

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Anna Enquist beendete ihren Roman „Streichquartett“ mit dem Überfall auf Hugos Hausboot. Die Konfrontation der vier Musiker mit Ohnmacht und Ausgeliefertsein, Gewalt und Zerstörung nimmt sie in „Denn es will Abend werden“ als Ausgangspunkt des Plots. Aber auch ohne den älteren Roman zu kennen, kann man die Fortsetzung problemlos lesen.

„Denn es will Abend werden“ dreht sich um die Frage, wie Menschen nach einem traumatischen Erlebnis weiterleben. Anna Enquist versetzt sich abwechselnd in Carolien und Jochem. Sie schreibt zwar als auktoriale Erzählerin, aber aus der Sicht dieser beiden Hauptfiguren. Aus Caroliens bzw. Jochems Blickwinkel beobachten wir nicht nur die beiden aus der Innen- und Außenperspektive, sondern auch Hugo und Heleen, die in den Dialogen ebenfalls zu Wort kommen.

Zwei Frauen und zwei Männer versuchen auf verschiedene Weise mit der Traumatisierung umzugehen. An den „Grundformen der Angst“ orientiert (Fritz Riemann, 1961), könnte man sagen: Carolien reagiert depressiv, Heleen schizoid, Hugo hysterisch, Jochem zwanghaft.

Anna Enquist leuchtet die psychologischen Vorgänge in „Denn es will Abend werden“ gründlich aus, ohne dabei durch Erläuterungen den Handlungsverlauf zu stören. Sie inszeniert das Geschehen lebendig und verständlich. Das ist bewegend. Wie die vier Hauptfiguren am Ende wieder zusammenfinden und sich gegenseitig öffnen, wirkt allerdings unvermittelt und ist deshalb kaum nachvollziehbar.

Der Titel „Denn es will Abend werden“ bezieht sich auf eine Stelle im Lukas-Evangelium, die mehrmals vertont wurde, so zum Beispiel 1725 von Johann Sebastian Bach in einer Kirchenkantate („Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, BWV 6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2019
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

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