Ketil Bjørnstad : Die Unsterblichen

Die Unsterblichen

Ketil Bjørnstad

Die Unsterblichen

Originalausgabe: De udødelige H. Aschehoug & Co, Oslo 2011 Die Unsterblichen Übersetzung: Lothar Schneider Insel Verlag, Berlin 2011 ISBN: 978-3-458-17511-7, 303 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Thomas und Elisabeth Brenner sind knapp sechzig. Beide haben ernstzunehmende gesundheitliche Probleme, aber sie werden von zwei anderen Generationen gefordert: Während sie noch für ihre eigentlich bereits erwachsenen, aber unselbstständig gebliebenen Töchter sorgen, kümmern sie sich zugleich um ihre senilen Eltern. Elisabeths Mutter wird nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht, Thomas' Mutter muss in ein Pflegeheim. Die Väter bleiben allein und hilfsbedürftig zurück ...
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Kritik

Eindrucksvoll veranschaulicht Ketil Bjørnstad in dem düsteren, grüblerischen Roman "Die Unsterblichen" die im Alter drohende Würdelosigkeit und die Überforderung der nächsten Generation.

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Oslo, Herbst 2009. Thomas und Elisabeth Brenner sind seit bald vierzig Jahren verheiratet. In wenigen Wochen wird Elisabeth ihren sechzigsten Geburtstag feiern. Ihr Ehemann ist zwei Jahre jünger.

Elisabeth hatte Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Literatur studiert und im Alter von dreiundzwanzig Jahren mit der Novellensammlung „Protuberanzen“ als Schriftstellerin debütiert. Bei Telenor arbeitete sie sich von der Informationsabteilung ins Auslandsressort hoch. Sie war geschäftlich viel im Ausland unterwegs, um den Aufbau von Mobilfunknetzen voranzutreiben. Vor ein paar Monaten beendete sie ihre Karriere von sich aus. Um mehr Zeit für ihre Töchter und Eltern zu haben, vermutet Thomas. Seither jobbt sie nur hin und wieder halbtags in der Telefonzentrale des berüchtigten Finanzhais Burlington.

Thomas Brenner betreibt zusammen mit dem zehn Jahre jüngeren Arztkollegen Janken Vigernes eine Gemeinschaftspraxis.

Die beiden Töchter Annika und Line wissen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Die sechsundzwanzigjährige Annika wohnt noch bei den Eltern. Sie fertigt Silberschmuck, verkauft aber so gut wie nichts. Weil sie zu viel isst, trägt sie sackförmige Kleider, aber ihre Korpulenz lässt sich nicht ganz verbergen. Ihre Sachen lässt sie von der Mutter waschen, und sie hilft auch nicht im Haushalt. Ihre jüngere Schwester Line, die gerade eine Tanzausbildung absolviert, hat zwar eine eigene Wohnung, aber die Eltern bezahlen die Miete für sie.

Thomas, Elisabeth und Annika teilen sich ein Haus mit Elisabeths Eltern Tulla und Kaare Dahl. Tulla war früher Stewardess bei der SAS; Kaare arbeitete als Immobilienmakler. Weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben, lasten Hypotheken auf dem Haus. Thomas rechnet damit, dass er mit seiner Familie nach dem Tod der Schwiegereltern ausziehen muss, denn sie werden Elisabeths Geschwister Janne und Andreas nicht auszahlen können.

Auch das Haus seiner eigenen Eltern ist überschuldet. Sein Vater Gordon, früher leitender Mitarbeiter eines Bauunternehmens, verlor bei den Geldanlagen, die ihm seine Bank empfohlen hatte, zwei Drittel seines Vermögens. Seit fünf Jahren bewohnen Gordon und Bergljot Brenner, die beide fast neunzig Jahre alt sind, praktisch nur noch einen Raum im Parterre. Auch das Doppelbett wurde dort aufgestellt. Ein Pflegedienst kommt mehrmals täglich vorbei, um das alte Ehepaar zu versorgen und die Windeln zu wechseln. Während Thomas jeden Tag nach den Eltern schaut, kümmern sich seine Geschwister Johan und Vigdis so gut wie nie um sie.

Nachdem Bergljot wiederholt stürzte und sich aufgrund ihrer Osteoporose mehrere Knochen brach, muss sie ins Pflegeheim.

Am Abend vor Bergljots Umzug treffen sich Thomas, Elisabeth und Annika zum Essen in einem Restaurant und besuchen dann eine Tanzaufführung, bei der Line als Tänzerin und Choreografin mitwirkt. Anschließend feiern sie den Erfolg mit der Tanzschulleiterin Marit Salvesen in Lines Wohnung. Beim Öffnen einer Flasche Wein bricht Line den Flaschenhals ab und zerschneidet sich das Handgelenk. Thomas fährt Line ins Krankenhaus, denn die Wunde muss genäht werden. Argwöhnisch erkundigt sich der iranische Arzt in der Notaufnahme nach den Umständen, die zur Verletzung führten. Offenbar vermutet er, dass es sich um einen Suizid-Versuch handeln könnte.

Bevor Thomas am nächsten Tag zu seinen Eltern fährt, um Bergljot ins Pflegeheim zu begleiten, hält er noch eine Sprechstunde ab. Seine frühere Schulfreundin Mildred Låtefoss drängt sich zwischen die Patienten. Die aufdringliche Kardiologin und Ärztefunktionärin, die sich gerade von dem namhaften Krebsforscher Kurt Ove Låtefoss scheiden lässt, macht Thomas schöne Augen und kündigt ihm die Verleihung eines Ordens an. Thomas hält davon nichts, und er vertraut der Kardiologin auch nicht an, dass er seit einiger Zeit unter Kammerflimmern leidet. Beinahe unhöflich verabschiedet er Mildred.

Sorgen macht er sich nicht nur wegen seines eigenen Herzleidens, sondern mehr noch um seine Frau, denn als er kürzlich ihre Brust liebkoste, spürte er einen Knoten. Bevor er die Stelle sorgfältiger betasten konnte, schob Elisabeth seine Hand weg, und er hat bisher nicht gewagt, sie darauf anzusprechen. Gleichzeitig ist ihm aufgefallen, dass sie rasch ermüdet. Er befürchtet, dass es sich um Brustkrebs handeln könnte. Schon seit längerer Zeit weigert sie sich, eine Mammografie vornehmen zu lassen, möglicherweise weil sie ahnt, dass sie krebskrank ist und es nicht wahrhaben will.

Thomas befasst sich in der Praxis mit einer jungen Mutter, die mit ihren Angehörigen zu seinem Patientenstamm zählt. Sie möchte ein Schlafmittel für ihre sieben Monate alte Tochter Eveline. Widerwillig stellt Thomas das Rezept aus. Er ist frustriert über den Egoismus einer Frau, die wegen ihrer Figur einen Kaiserschnitt machen ließ, nicht stillt und nun offenbar nachts nicht länger vom Geschrei des Säuglings geweckt werden möchte. Solche Begegnungen lassen ihn am Sinn seines Arztberufes zweifeln.

Langsam, aber durchaus spürbar, hatte sich seine Welt, seine überschaubare, sinnvolle Welt, verändert, war zunehmend von Stress, Sinnlosigkeit und der Orientierung am Geld bestimmt.

Grauenhaft findet er auch alte Leute, die sich beispielsweise wie seine früher begehrenswerte Mitschülerin Solrunn Plesner mit Nordic Walking quälen, weil sie glauben, ihren Körper damit fit zu halten und das Sterben hinausschieben zu können.

Sie kämpften ständig darum, alle Privilegien der Jugend zu behalten: Autofahren, ins Kino oder Theater gehen, im Restaurant speisen.

Als Thomas nach der Sprechstunde zu seinen Eltern kommt, sitzen sie wie immer in ihren Sesseln. Für Bergljots Umzug ins Pflegeheim ist nichts vorbereitet. Thomas geht mit der türkischen Pflegerin Leila, die mit dem pakistanischen Fahrer Hussein gekommen ist, um die alte Frau abzuholen, ins Schlafzimmer, und sie packen rasch ein paar Sachen zusammen: Zahnbürste, Blusen, Unterwäsche. Dann tragen Thomas und Hussein die Greisin zum Auto. Gordon Brenner bleibt allein und hilflos zurück.

Für Thomas war es erschreckend zu beobachten, wie der Vater Jahr für Jahr zunehmend die Kontrolle über sein Leben verloren hatte.

Im Majorstuen-Pflegeheim wird Bergljot freundlich aufgenommen, und sie lässt alles geschehen, als ginge es sie nichts an. Die Äthiopierin Zeta hilft Leila, die mitgebrachten Sachen der neuen Bewohnerin in den Schrank zu legen. Dabei stehen beide erkennbar unter Zeitdruck.

Nach einer Weile verabschiedet Thomas sich von seiner Mutter, verspricht, am Abend noch einmal vorbeizuschauen und kehrt zu seinem Vater zurück. Gordon muss dringend zur Toilette. Thomas hilft ihm aus dem Sessel und stützt ihn. Es geht nicht schnell genug. Noch vor der Toilette furzt Gordon, und Thomas hört das Geräusch des Stuhlgangs.

Im Bad war der Vater so erschöpft, dass er sich mit beiden Händen am Waschbecken abstützte. Jetzt merkte auch er, dass es zu spät war. Dass es zwecklos war, sich auf die Kloschüssel zu setzen. Noch vor einigen Wochen wäre das für ihn eine unerträgliche Situation gewesen. Aber er hatte jede peinliche Verlegenheit abgelegt. Deshalb machte es ihm nichts aus, dass Thomas ihm die Hose herunterzog, die Windel zwischen den Beinen herausholte. Der Vater blieb unbeweglich mit geschlossenen Augen stehen.

In der nächsten Sprechstunde konsultiert Evelines Mutter den Arzt erneut. Diesmal möchte sie ein Rezept für die Pille. Weil sie das Baby nicht dabei hat, erkundigt sich Thomas, wer darauf aufpasst. Niemand, lautet die Antwort. Das Kind schläft, nachdem es zwei Schlaftabletten bekommen hat. Thomas rastet aus. Es sei verantwortungslos, meint er, den Säugling tagsüber mit Tabletten ruhig zu stellen, damit die Mutter es bequemer habe. Ein Wort ergibt das andere. In seinem Zorn klärt Thomas die Frau darüber auf, dass er ihren Ehemann wegen einer Chlamydien-Infektion an den Genitalien behandelt. Aufgebracht droht die Frau mit Konsequenzen und verlässt die Praxis.

Mildred Låtefoss ruft an, um mitzuteilen, dass er den Verdienstorden des Königs in Gold bekommen soll, und sie nennt ihm das Datum des Festaktes. Thomas erklärt Mildred, dass dieser Termin für ihn nicht möglich sei, denn am Tag zuvor wird Elisabeth ihren 60. Geburtstag feiern, und am Tag danach wollen sie zusammen mit den Töchtern nach Chicago fliegen.

Auf der Fahrt ins Pflegeheim stellt er sich vor, er lebe selbst dort.

Gordon ruft aufgeregt an. Der Pflegedienst fand den Briefkasten leer vor. Von seinem Sohn erwartet er, dass er ihm auf der Stelle die fehlende Abendzeitung bringt. Aber Thomas will jetzt erst einmal zu seiner Mutter. Es ist schwierig, sich um die beiden alten Menschen gesondert zu kümmern.

Die Herzattacken wiederholen sich immer häufiger, und Thomas wird auch erneut von einer Zwangsneurose geplagt.

Aus Furcht vor Peinlichkeiten lässt Elisabeth ihren senilen Vater nicht an der Geburtstagsfeier teilnehmen, aber Tulla sitzt unter den Gästen. Während Thomas eine kleine Rede hält, übergibt sich die alte Frau über die Festtafel und macht sich furzend in die Hose. Elisabeths Geschwister Janne und Andreas bringen sie ins Ullevål-Krankenhaus. Sobald die letzten Geburtstagsgäste sich verabschiedet haben, fahren Thomas und Elisabeth ebenfalls hin. Tulla hat einen Schlaganfall erlitten. Ihr Gesicht ist verzerrt, und sie kann nicht sprechen.

Janne überredet ihre Schwester, die Chicago-Reise, die Thomas ihr zum Geburtstag geschenkt hat, nicht abzusagen und verspricht, sich um die Mutter zu kümmern.

Elisabeth freut sich seit einem halben Jahr auf die einwöchige Reise. Sie möchte das Chicago Symphony Orchestra hören und sehen, wo Saul Bellow lebte.

Im Flugzeug wird nach einem Arzt verlangt. Thomas meldet sich. Eine Neunzigjährige ist zusammengebrochen. Sie leidet unter Angina pectoris. Zum Glück findet Thomas in ihrer Handtasche Nitroglyzerin-Tabletten. Obwohl das Risiko eines Herzinfarkts hoch ist, rät Thomas dem Kapitän nicht dazu, nach Kopenhagen zurückzufliegen.

Seine eigenen Herzprobleme verstärken sich während der Reise.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
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Von der Concierge im Executive Floor des Palmer House Hilton lässt er sich am Morgen nach der Ankunft heimlich Medikamente besorgen. Nach der Einnahme weicht das Herzflimmern einer gröberen Rhythmusstörung, und sein Puls sinkt nicht unter 160. Als Arzt weiß Thomas, dass eine elektrische Kardioversion erforderlich wäre. Aber er verschweigt Elisabeth und den Töchtern seine Beschwerden, um ihnen nicht die Reise verderben.

Sie rufen in Oslo an, zuerst Tulla im Krankenhaus. Sie hat inzwischen einen zweiten Schlaganfall erlitten. Nach Telefongesprächen mit Kaare und Bergljot wählt Thomas die Nummer seines Vaters. Gordon, der nicht begreift, dass Thomas aus Übersee anruft, verlangt verzweifelt nach einem Kleiderbügel. Um ihn zu beruhigen, verspricht Thomas, er werde ihm einen besorgen.

Mildred Låtefoss meldet sich und liest Thomas einen groß aufgemachten Zeitungsartikel vor: Man beschuldigt ihn, eine Patientin mit groben sexuellen Anspielungen gemobbt zu haben. Die Ordensverleihung wurde abgesagt. Thomas weiß, dass man ihn fertigmachen wird.

Er, seine Frau und die beiden Töchter steigen in ein Taxi, um mit der Stadtbesichtigung zu beginnen. Ahnungslos meint Annika während der Fahrt:

„Darüber sollst du schreiben, Mama. In diesem Moment sind wir die Unsterblichen. In diesem Moment glauben wir daran, dass das Leben ewig währt. In diesem Moment kann uns nichts passieren.“

Thomas sieht, wie Elisabeth zusammenzuckt. Vermutlich hat sie Schmerzen. Er wiederholt die Worte seiner Tochter – „In diesem Moment …“ –, und während er zusammenbricht, fügt er hinzu: „… ist es zu Ende.“

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Thomas und Elisabeth Brenner sind knapp sechzig. Beide haben ernstzunehmende gesundheitliche Probleme, aber sie werden von zwei anderen Generationen gefordert: Während sie noch für ihre eigentlich bereits erwachsenen, aber unselbstständig gebliebenen Töchter sorgen, kümmern sie sich zugleich um ihre senilen Eltern. Elisabeths Mutter wird nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht, Thomas‘ Mutter muss in ein Pflegeheim. Die Väter bleiben allein und hilfsbedürftig zurück.

Ketil Bjørnstad veranschaulicht die Überforderung der mittleren Generation und die im Alter drohende Würdelosigkeit. Zugleich prangert er an, dass sich die moderne Gesellschaft von egoistischen Motiven und finanziellen Interessen leiten lässt. „Die Unsterblichen“ ist von der ersten bis zur letzten Zeile ein düsterer, grüblerischer Roman ohne jeden Lichtblick.

Das Buch ist in drei ungefähr gleich lange Teile gegliedert. Die ersten beiden decken zwei aufeinanderfolgende Tage ab, der dritte Abschnitt spielt einige Wochen später, umfasst aber auch nur wenige Tage.

Äußerlich geschieht nicht viel. Das gilt besonders für den ersten Teil, der fast ausschließlich aus Reflexionen des Protagonisten Thomas Brenner besteht. Überzeugend ist vor allem der Mittelteil, in dem Ketil Bjørnstad eindrucksvoll schildert, wie es eine Greisin widerspruchslos geschehen lässt, dass sie ins Pflegeheim gebracht wird und ihr seniler, Windeln tragender und kaum noch gehfähiger Mann allein im Haus zurückbleibt.

Ärgerlich ist, dass auch in einem anspruchsvollen Roman wie „Die Unsterblichen“ Orthografie- und Grammatikfehler übersehen werden. Zwei sind es im folgenden Satz:

Die Qualität des Essens war katastrophal, meistens zuviel Salz und Fleisch oder Fisch, das bereits seit Jahren in der Tiefkühltruhe lag.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Insel Verlag

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