Anne Goldmann : Das größere Verbrechen

Das größere Verbrechen
Das größere Verbrechen Originalausgabe: Argument Verlag, Hamburg 2018 ISBN 978-3-86754-234-0, 235 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Theres, die mit einem Tischler verheiratete Tochter eines machtbewussten Kommunalpolitikers, wird 2018 mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als ihr 18-jähriger Sohn Jan Kontakt mit ihr aufnimmt. Im Alter von 17 Jahren wurde sie von einem Bosnier geschwängert, der bald darauf verschwand. Theres' Vater bestand darauf, dass das Kind sofort nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde …
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Kritik

Anne Goldmann hat den Roman "Das größere Verbrechen" aus winzigen, prägnanten Szenen komponiert. Ihr Mut zu Auslassungen spornt die Leserinnen und Leser an, ihre eigene Vorstellungskraft wirken zu lassen. Das ist wie modernes Kino – und hebt das fesselnde Buch auf ein hohes literarisches Niveau.
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Selma Sudić

Selma Sudić, eine Muslima aus Bosnien, ist durch ihre Erlebnisse im Jahr 1997 – vor 21 Jahren – traumatisiert. Bis auf sie wurden alle Mitglieder ihrer Familie von Kriegsverbrechern ermordet. Für ihr Überleben zahlte Selma Sudić  einen hohen Preis: In einem Lager wurden sie und ihre Leidensgenossinnen immer wieder vergewaltigt, zumeist von groben, nach Schnaps stinkenden Soldaten. Sie musste mit ansehen, wie eine junge Gefangene namens Nava, die durch den Missbrauch schwanger geworden war, in ihrer Verzweiflung zum Zaun rannte – bis die Salve eines automatischen Gewehrs zu hören war und das Mädchen tot zusammenbrach.

Inzwischen lebt Selma Sudić schon lange in einer österreichischen Stadt. Wechselnde Mitarbeiterinnen eines Pflegedienstes schauen nach ihr, und eine junge Frau namens Ana kauft nicht nur für sie ein, sondern hilft ihr auch im Haushalt.

Ana

Bis zur Bewilligung ihres Stipendiums für die Kunstakademie im Jahr 2018 jobbt Ana als Putzhilfe sowohl bei Frau Sudić als auch bei der Familie Rössler.

Früher arbeitete sie für einen Putzdienst. Als ihr Chef beim Fensterputzen tödlich verunglückte, musste sie sich vor Gericht verantworten, aber ihre Kollegin Vesna sagte aus, sie habe einen Schrei gehört, die Tür aufgerissen, und da sei Ana gewesen. Ana habe nicht am Fenster gestanden, sondern mitten im Zimmer. Aufgrund dieser Aussage wird Ana von dem Verdacht freigesprochen, sie habe ihren Chef in die Tiefe gestoßen.

Theres Rössler

Theres und ihre neun Jahre jüngere Schwester Carolin („Caro“) wuchsen als Töchter des reaktionären, machtbewussten Kommunalpolitikers Helmut Bürger und dessen unterwürfiger Ehefrau Irmgard auf. Inzwischen ist Theres mit Thomas Rössler verheiratet, einem Mann Ende 30, der eine  Tischlerwerkstatt betreibt. Die beiden haben eine 2003 geborene Tochter – Nina –, die jetzt 15 Jahre alt ist.

Thomas war eines von drei Kindern, die seine Mutter von drei verschiedenen Männern empfangen hatte. Weil sie keine Kinder haben wollte, wuchs er im Heim und bei Pflegeeltern auf.

Während Theres bügelt, erhält sie einen unerwarteten Anruf, und zwar von ihrem 18-jährigen Sohn. Er heißt Jan Igler.

Theres war 17 Jahre alt, als sie Jan gebar. Sein Vater, der Bosnier Edin Osmanović, war noch während der Schwangerschaft verschwunden. Theres hatte die Schwangerschaft so lange wie möglich verheimlicht, und als ihre Eltern davon erfuhren, war es für eine Abtreibung zu spät. Der Vater, der um seine politische Karriere bangte, bestand darauf, dass das Neugeborene noch im Krankenhaus zur Adoption freigegeben wurde und verlangte von allen Beteiligten Diskretion.

Nun erfährt Theres, dass es sich bei Jans Adoptiveltern um den Polizisten Gerald Igler und dessen Ehefrau Elisabeth („Betti“) handelt. Sie wohnen in derselben Stadt.

Thomas hat nichts geahnt und rastet aus, als Theres ihm gesteht, dass sie einen Sohn hat, den sie damals zur Adoption freigab. Das erinnert ihn an sein eigenes Trauma.

„Zu blöd, um zu verhüten. Und dann: Ich sehe keinen anderen Ausweg. Ich bin noch nicht reif für ein Kind! Also weg damit!“

Als Theres ihre Tochter darüber aufklärt, dass sie einen Bruder habe, geht Nina zunächst davon aus, ihr Vater – über dessen Untreue sie Bescheid weiß – habe mit seiner Geliebten ein Kind gezeugt.

„Einen Bruder! Super!“, schrie sie. „Jetzt auf einmal! Ich wollte immer Geschwister! Aber ihr habt es nicht hingekriegt! […]
Hast du geglaubt, ich kriege nichts mit? Ich hab ihn mit der Kuh in der Stadt gesehen, voll peinlich! […]“
Mit der Kuh in der Stadt. Theres fuhr herum. „Wann?“
„Im November. […]“
Im November noch! Im November. Theres hörte sich atmen. Ihr Herz stolperte. „Das ist vorbei“, sagte sie heiser.
„Ach ja? Und das Kind?“
Das Kind? Erst jetzt begriff sie. „Nina, du verstehst das falsch. […]
Nina, dein Vater hat kein Kind außer dir.“
Nina riss die Augen auf. „Aber, aber …“ Ihre Wimperntusche war verlaufen, sie sah elend aus.
„Nina, Jan ist mein Sohn.“ 

Theres besucht ihre Eltern. Zufällig ist auch Caro da. Irmgard serviert Helmut das größte Stück Torte, und er fängt auch sofort zu essen an, ohne auf die anderen zu warten. Als Theres sagt, ihr Sohn habe sich gemeldet, brüllt ihr Vater: „Du hast keinen Sohn!“ Und fährt sogleich fort: „Was will er? Geld? […] Du wirst ihm klarmachen, dass es hier nichts zu holen gibt.“ Caro, die zufällig auch da ist, erfährt erst jetzt von der Existenz ihres Neffen.

Jan und Nina verbringen immer mehr Zeit miteinander. Die 15-Jährige himmelt ihren drei Jahre älteren Halbbruder an. Ana sieht die beiden in einer Diskothek, in der Nina eigentlich noch keinen Zutritt hätte, weil sie noch nicht 18 Jahre alt ist. Nina ist betrunken und übergibt sich im Vorraum der Toilette. Ana nimmt Jan mit zu sich und schläft zweimal mit ihm, aber als er mehr möchte, wird er ihr lästig.

[Ana:] „Muss ich dich deswegen heiraten?“ […]
[Jan:] „Machst du das öfter?“
Ana blies die Luft aus.
„Verstehe“, sagte er. „So eine bist du.“
Ihre Augen wurden schmal. „Genau. So eine. Eine, die tut, was sie will. Und also ganz bestimmt nichts für dich.“

Theres besucht Jans Adoptiveltern. Gerald Igler beklagt sich über Jan. Der habe mit 14 ein Auto geknackt, und mit 16 sei er mit Drogen erwischt worden.

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Adoptivvater sucht Jan Zuflucht bei der Familie seiner leiblichen Mutter, aber er ist noch kaum dort, als Betti ihn anruft und ihm mitteilt, dass Gerald bei einem Autounfall ums Leben kam.

Als Jan von der Polizei vernommen wird, bittet er Theres telefonisch, ihm beizustehen. Auf dem Weg zu ihrem Wagen rennt sie in ein anderes Auto und wird gegen einen Zaun geschleudert. Auf der Polizeiwache erfährt sie, dass Jan verdächtigt wird, nach einem von den Nachbarn bezeugten Streit mit seinem Adoptivvater die Radmuttern des Autos gelockert zu haben. Weil man bei ihm ein One-Way-Ticket nach Skopje gefunden hat, wird Fluchtgefahr angenommen, und Jan muss in Untersuchungshaft. Theres telefoniert mit ihrer Schwester Caro, die Juristin ist und ihrem Neffen einen Rechtsanwalt besorgt.

Nina passt Ana ab. Sie weiß, dass Jan bei ihr war und möchte, dass Ana ihm ein Alibi verschafft. Aber darauf lässt Ana sich nicht ein.

Als Theres ihren Sohn im Gefängnis besuchen möchte, erfährt sie nach der Sicherheitskontrolle an einem Schalter, dass dessen Adoptivmutter bereits da war und der Häftling erst in einigen Tagen wieder Besuch empfangen darf.

Von ihrer Mutter erfährt Theres, dass diese zur gleichen Zeit wie sie schwanger war. Helmut drängte sie zur Abtreibung, und Irmgard fügte sich. Bei Theres war es zu spät für eine Abtreibung, aber Irmgard gelang es, Helmut von seiner Forderung abzubringen, das Enkelkind sofort zur Adoption freizugeben, und Irmgards ältere Schwester Frida wäre bereit gewesen, ihre Nichte mit dem Kind aufzunehmen. Theres habe sich jedoch widersetzt, behauptet Irmgard, und an dem Adoptionsplan festgehalten. Theres ist entsetzt. Stimmt das? Hat sie das verdrängt?

Gibt es ein größeres Verbrechen, als das eigene Kind wegzugeben?

Um Jan ein Alibi zu verschaffen, schwänzt Nina die Schule, geht zur Polizei und behauptet, ihr Halbbruder sei zur fraglichen Zeit bei ihr gewesen. Aber ein freundlicher Polizist, der durchschaut, dass es sich um eine Falschaussage handeln würde, ruft ihre Eltern an, statt ein Protokoll aufzunehmen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler

Theres erfährt, dass Jan und Nina bei ihren Großeltern waren. Helmut ging mit Jan in die Garage und schaute sich den Wagen an, mit dem Jan gekommen war. Es war der seines Adoptivvaters Gerald. Später drängte Helmut seine Enkelin, bei ihm und Irmgard zu übernachten, statt sich von Jan zu ihren Eltern zurückfahren zu lassen. Lockerte Helmut die Schrauben? Sollte nicht Gerald, sondern Jan mit dem Auto verunglücken? Theres beschließt, ihren Vater zur Rede zu stellen.

Als sie hinkommt, ist Irmgard nicht da, und Helmut telefoniert gerade, um ein Taxi zu bestellen. Theres fährt ihn. Unterwegs fragt er sie, ob sie nicht merke, dass zwischen Nina und Jan mehr sei als Geschwisterliebe. Er spricht von „Blutschande“. Dann meint er, Jan sehe seinem Erzeuger verblüffend ähnlich. Woher er das wisse, fragt Theres alarmiert. Der Bosnier habe damals mit ihm über eine Heirat reden wollen, gesteht Helmut. Er habe ihn hinausgeworfen und seine Beziehungen spielen lassen. Theres begreift: Edin Osmanović ließ sie nicht sitzen, sondern wurde gegen seinen Willen in ein anderes Bundesland abgeschoben. Später habe der Bosnier nochmals Kontakt mit ihm aufgenommen, fährt Helmut fort, aber da habe er ihm gesagt, Theres und das Kind seien bei der Geburt gestorben.

„Ich bring dich um!“, schreit Theres. Der Wagen kommt von der Straße ab und prallt gegen einen Baum.

Nach drei Tagen erwacht Theres im Krankenhaus aus dem künstlichen Koma und erfährt, dass ihr Vater noch an der Unfallstelle starb.

Sobald sie dazu in der Lage ist, ruft sie Betti an und bittet sie, ins Krankenhaus zu kommen. Ihr Vater habe die Radmuttern gelockert, sagt sie, um eine inzestuöse Beziehung von Jan und Nina zu verhindern oder zu beenden.

Theres‘ Aussage entlastet Jan, und er kommt frei. Kurz darauf reist er allein nach Bosnien.

Eine lallende, offenbar betrunkene Anruferin erklärt Theres, ihr Mann betrüge sie und werde sie verlassen. Sie sei seit zwei Jahren seine Geliebte.

„Du bist gegen den Baum gefahren.“ Sie trank. Sie hustete. „Warum lebst du immer noch?“, lallte sie. „Die Schrauben, alle Schrauben an allen vier Rädern. Zwei Mal. Das muss doch genügen, das muss doch … verdammt!“
Theres hörte Glas splittern, einen dumpfen Laut.
Dann war die Leitung tot.

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Der Roman „Das größere Verbrechen“ von Anne Goldmann dreht sich um Gewalt und Machtmissbrauch, Schuld und Lüge. Macht verändert die Menschen, die sie missbrauchen können ebenso wie die Opfer von Gewalt zerstört oder traumatisiert werden. Die Verlegerin Else Laudan schreibt im Klappentext:

Gewalt verbiegt Menschen, und sie bleibt für die Betroffenen lange gegenwärtig. In Zeiten der Selbstoptimierung, wo der Ton härter wird und der soziale Kit schnell bröckelt, ist wenig Raum für Heilungsprozesse. Versehrtheit macht einsam.

In der zweiten Hälfte mutiert „Das größere Verbrechen“ vom Familien- zum Kriminalroman, aber das Genre ist belanglos; es ist anspruchsvolle Literatur. Das liegt vor allem an der Form: Anne Goldmann hat den Roman aus winzigen, prägnanten Sequenzen komponiert. Sie schildert nicht, was geschieht, sondern inszeniert es lebendig. Ihr Mut zu Auslassungen spornt die Leserinnen und Leser an, ihre eigene Vorstellungskraft einzusetzen. Das ist wie modernes Kino. Bemerkenswert sind darüber hinaus die Perspektiven: Anne Goldmann lässt Theres Rössler und Selma Sudić in der Ich-Form auftreten und fügt Gedanken in kursiver Schrift ein. Dazu kommen Passagen, die zwar in der dritten Person Singular stehen, aber aus Anas Blickwinkel wiedergegeben werden. Außerdem wechselt Anne Goldmann in „Das größere Verbrechen“ zwischen Präsens und Präteritum. Bei einem unbegabten Autor, der sich mit dieser fragmentarischen Darstellung in Verbindung mit vielen Figuren und Handlungssträngen versuchen würde, müsste man mit einer erschwerten Lektüre rechnen, aber Anne Goldmann beherrscht diesen besonderen Stil souverän – und hebt ihr fesselndes Buch dadurch auf ein hohes Niveau.

Anne Goldmann schrieb schon früh, veröffentlichte ein paar Texte und gewann Literaturwettbewerbe, verwarf dann aber alles und jobbte als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen, um ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin zu finanzieren. Später kehrte sie zur Literatur zurück und debütierte 2011 mit dem Roman „Das Leben ist schmutzig“. Es folgten: „Triangel“ (2012), „Lichtschacht“ (2014) und „Das größere Verbrechen“ (2018).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Argument Verlag

Anne Goldmann: Das Leben ist schmutzig

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