Anne Goldmann : Das Leben ist schmutzig

Das Leben ist schmutzig
Das Leben ist schmutzig Originalausgabe: Argument Verlag, Hamburg 2011 ISBN 978-3-86754-184.6, 285 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In ihrem vielstimmigen Debütroman "Das Leben ist schmutzig" stellt Anne Goldmann die grundverschiedenen Bewohner eines kleinbürgerlichen Wiener Mietshauses vor und entwickelt auf diese Weise einen faszinierenden Mikrokosmos.
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Kritik

Anne Goldmann erzählt im raschen Wechsel, mit viel Empathie und Lebenserfahrung von den Bewohnern eines Wiener Mietshauses. Sie beschreibt die Figuren nicht, sondern charakterisiert sie durch ihr Verhalten und vor allem durch lebendige Dialoge.
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Das Haus

Man kann eine Geschichte an jedem beliebigen Punkt beginnen. Diese hier beginnt irgendwann im Sommer, am Anfang der großen Ferien. Oder auch ein paar Jahre vorher. Zu einer anderen Jahreszeit.

Die Geschichte spielt in einem 1870 errichteten dreistöckigen Mietshaus auf L-förmigem Grundriss in einer Wiener Vorstadt. Die Besitzerin, Frau Radl, wohnt zwar selbst im zweiten Stock, verbringt jedoch viel Zeit auf dem Land.

Julia Wawerka

Die Hausmeisterin Julia Wawerka wohnt mit ihrem 15-jährigen Sohn Markus mietfrei im Parterre. Von ihrem gewalttätigen Ehemann ließ sie sich scheiden, nachdem er vor vier Jahren auch auf den Sohn losgegangen war.

Zunächst bessert Julia das Einkommen durch Putzarbeiten auf, aber als sie eine Anstellung im Sekretariat einer Agentur erhält, gibt sie auch den Hausmeisterposten auf. Sie bleibt zwar in der Wohnung, zahlt nun jedoch Miete, und Frau Radl nimmt eine Reinigungsfirma unter Vertrag.

Markus Wawerka

Julias Sohn besucht eine Höhere Technische Lehranstalt.

Er schließt sich einem Kleinkriminellen namens Aleksandar („Alex“) an, der mit seinen Anhängern Ladendiebstähle durchführt. Entsetzt beobachtet Markus, wie die Bande einem jüngeren Schüler das Smartphone raubt. Als einige der Täter festgenommen werden, befürchtet Markus auch selbst Schwierigkeiten mit der Polizei, aber nach einer Vernehmung wird er lediglich als Zeuge zum Prozess vorgeladen, und weil die Angeklagten geständig sind, verzichtet die Staatsanwaltschaft auf seine Aussage vor Gericht.

Wenn er in Marie Bergers Wohnung im zweiten Stock die Blumen gießt, blickt er bei der Studentin Mona Bergmann ins Schlafzimmer. Er verliebt sich in sie, und als er merkt, dass sie einen neuen festen Freund hat, macht ihm das schwer zu schaffen, aber am Ende hilft ihm eine Gleichaltrige namens Franziska („Franzi“) darüber hinweg, die er beim Ausführen des Hundes der Mieterin Nowak kennengelernt hat.

Monika („Mona“) Bergmann

Die 28-jährige Mona jobbt als Kellnerin, um ihr Studium zu finanzieren. Zur Zeit schreibt sie ihre Diplomarbeit. Irma, ihre jüngere Schwester, wirft ihr vor, ziellos und chaotisch zu sein. Mona geriet aus der Bahn, als vor zehn Jahren ihr jüngerer Bruder von einer Autobahnbrücke in den Tod sprang. Sie wirft sich vor, nicht genügend auf ihn geachtet zu haben.

Der vier Jahre jüngere Streifenpolizist (Revierinspektor) Christoph Seiler wird ihr neuer Lebensgefährte. Dass er die Chance ergreifen möchte, zur Mordkommission zu wechseln, ist Mona nicht geheuer.

Wagner

Markus beendet seine Freundschaft mit dem nebenan wohnenden 42-jährigen Briefträger Wagner, als Alex ihm erzählt, Wagner sei schwul. Er, Alex, habe mit ihm zusammen einen Porno angeschaut, und da habe dieser nach seinem Penis gegrabscht.

Frau Nowak

Frau Nowak, deren Hund Markus regelmäßig ausführt, weil sie wegen ihrer Senilität kaum noch die Wohnung im ersten Stock verlässt, muss nach einem Sturz ins Krankenhaus. Markus‘ Mutter, die zu diesem Zeitpunkt noch als Hausmeisterin tätig ist, sieht keine Möglichkeit, für das verwaiste Tier zu sorgen. Zu ihrer Überraschung erklärt sich der griesgrämige Nachbar Pöhz bereit, Wastl aufzunehmen, und er behält ihn auch, als Frau Nowak im Krankenhaus gestorben ist.

Herr Pöhz

Der verwitwete Rentner Pöhz gehört zu den am längsten im Haus wohnenden Mietern. Der alte Mann ist verbittert und voller Vorurteile. Beispielsweise denkt er:

Die Weiber sind ja letztendlich alle nur aufs Geld aus. Und wollen geheiratet werden. Und verheiratet war er ja schon, da war nichts zu machen. Und als Witwer dann, mein Gott. Eine Junge will erben, da ist man über kurz oder lang im Grab. Und eine in seinem Alter, das braucht er nicht mehr. Das kennt er zur Genüge.

Herr Pöhz stellt eine neue Haushaltshilfe ein: Frau Maria. Gleich beim ersten Mal kommt sie ein paar Minuten zu spät.

[…] läutet seine Haushaltshilfe an der Tür. Herr Pöhz strafft sich und reckt das Kinn vor. „Sie sind zu spät“, blafft er sie an. Man muss ihnen gleich von Anfang an klarmachen, was wichtig ist, weiß Herr Pöhz. So hat er es bei den Lehrmädchen auch immer gemacht, seinerzeit.
Seine neue Hilfe schält sich aus der Jacke, die über den üppigen Brüsten spannt, lacht ihn freundlich an und macht sich nicht die Mühe, sich zu entschuldigen. Mit der Frau Maria wird es schwer werden, das weiß er jetzt schon.
Sie geht an ihm vorbei und schaut in den Kühlschrank. „Das habe ich mir gedacht.“
„Was machen Sie …“, knurrt Herr Pöhz sie an.
„Gut, dass ich eine Milch mitgenommen habe.“ Sie greift in ihre Einkaufstasche. „Kaffee. Und Cremeschnitten. Die können Sie auch essen, da muss man nicht viel kauen. Jetzt trinken wir einmal einen Kaffee“, sagt sie, als er empört Luft holt, und drückt ihn auf den Küchenstuhl am Fenster nieder. „Keine Widerrede. Da ist eine Zeitung für Sie, damit ich später dann in Ruhe arbeiten kann. Wenn Sie schon drauf bestehen, mich zu überwachen.“ Sie zwinkert ihm tatsächlich zu.

Herbert Sedlak

Die Nachbarn Pöhz und Sedlak können sich nicht ausstehen.

Bei Herbert Sedlak handelt es sich um einen kleinen Beamten beim Magistrat.

Als Frau Maria ihn eines Tages betrunken taumelnd vor dem Haus antrifft, hilft Markus ihr, den Mann nach oben in die Wohnung zu bringen und ins Bett zu legen.

Bernhard Färber

Neben Mona Bergmann im ersten Stock zieht ein neuer Mieter ein: Bernhard Färber. Angeblich ist der etwa 40-Jährige Journalist. Er hat die Wohnung möbliert übernommen, denn er wird kaum mehr als zwei oder drei Jahre bleiben.

Daniela Brandlhofer

Bei der anderen Nachbarin Bernhard Färbers handelt es sich um Daniela Brandlhofer, eine Lehrerin Ende 20. Als sie sich mit Julia Wawerka anfreundet, meint Herr Pöhz:

„Was finden Sie denn an der? Die ist doch unter Ihrem Niveau, Frau Daniela, ein Flittchen ist das, und ein ausgekochtes Luder. Kaum war der Mann aus dem Haus …
[…] Wenn sie heimkommt in der Früh, wenn ordentliche Leute aufstehen, weil sie arbeiten müssen, mit einem von den Buben – das müssen Sie hören. Das ist eine Schande. Wir sind ja kein Puff. Wenn sie schreit. Und keucht. Und die Buben auch. Und der eigene Sohn in derselben Wohnung, ich bitte Sie, das ist doch kein Vorbild, das ist doch keine Mutter, das …“ 

Beim Betreten einer Bank wird Daniela von einem Mann halb umgerannt, der sich eine Gesichtsmaske herunterreißt, während er aus der Tür kommt. Bevor Daniela begreift, was geschieht, schlägt der Bankräuber sie nieder, und sie wacht erst im Krankenhaus wieder auf.

Nach ihrer Entlassung aus der Klinik lädt Julia sie ein, jeder Zeit zu ihr zu kommen, wenn ihr danach ist. Sie vergisst ihren roten Ledermantel in der Wohnung ihrer Freundin.

Einige Stunden später geht Daniela an einer Krücke eine Etage hinunter, um von Julias Angebot Gebrauch zu machen. Da öffnet jemand die Haustür und kommt ihr entgegen. Das Licht geht aus. Der Mann riecht nach Alkohol und torkelt. Als er nach ihr greift, prallt Daniela gegen die Kellertür. Die schwingt auf. Sie stürzt über die Stufen hinab.

Am nächsten Tag wacht Julia erst spät auf. Daniela öffnet nicht. Weil Julia weiß, dass ihre Freundin vorhatte, an diesem Morgen zu verreisen, nimmt sie an, sie verpasst zu haben.

Aber dann fällt Frau Maria der Gestank im Keller auf, und sie entdeckt die Leiche in einem offenen Verschlag. Jemand hat die Tote in eine Holztruhe gelegt und eine Häkeldecke darüber ausgebreitet.

Marie Berger

Die 32-jährige, psychisch labile Mieterin Marie Berger wohnt neben der Hausbesitzerin im 2. Stock.

In dem neuen Mieter eine Etage tiefer erkennt sie einen Mann wieder, der als Jugendlicher zu Hause fortgelaufen war und bei einer deutlich älteren Frau Zuflucht gefunden hatte. Am zweiten Tag erschlug er sie mit einem Hammer – und wurde dann wegen Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Marie nahm damals Briefkontakt mit ihm auf. Aber nach einiger Zeit brach Bernhard Färber den Kontakt ab. Er sei nicht ihr Therapeut und sie ziehe ihn mit hinunter, schrieb er.

Marie ist sogleich überzeugt, dass die Lehrerin von Bernhard Färber ermordet wurde. Das versucht sie, den Mitbewohnern klarzumachen, aber die halten das Gerede für Hirngespinste der psychisch Kranken, denn die Polizei hat Daniela Brandlhofers Ex-Freund verhaftet.

Der muss allerdings nach einiger Zeit freigelassen werden, weil ihm nichts nachzuweisen ist. Damit beginnen die polizeilichen Ermittlungen von vorn.

Marie wendet sich im Treppenhaus an Monas neuen Lebensgefährten. Christoph Seiler ruft daraufhin seine Dienststelle an und lässt die Angaben überprüfen. Tatsächlich handelt es sich bei Bernhard Färber um einen verurteilten Mörder, der vor zwei Jahren aus der Haft entlassen wurde und inzwischen als Bankräuber verdächtigt wird.

Dessen Wohnung ist verlassen. Bei der Durchsuchung findet die Polizei keinerlei persönliche Gegenstände. Christoph Seiler nimmt an, dass sich Bernhard Färber längst ins Ausland – beispielsweise nach Südamerika – abgesetzt habe und deshalb nicht mehr gefasst werden könne.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Spoiler

An Weihnachten pflegt Julia Wawerka ihrem Nachbarn Herbert Sedlak Kekse zu schenken. Auch dieses Mal geht sie mit einer Dose zu ihm hinüber. Er riecht nach Alkohol, und in der Wohnung stinkt es, als ob er Müll gelagert hätte.

Ihr Blick fällt auf einen roten Ledermantel. Es ist der, den sie in der Wohnung ihrer Freundin liegen ließ. Sie ist entsetzt, als sie begreift, was das bedeutet. Sedlak bemerkt ihren Blick und berichtet, was damals geschah: Er war später nach Hause gekommen und hatte Rotwein getrunken, als er im Treppenhaus auf die Lehrerin stieß. Die Frau, die wegen ihrer Verletzungen noch auf eine Krücke angewiesen war, wich vor ihm zurück, geriet an die Kellertür, und weil diese sich öffnete, stürzte Daniela Brandlhofer hinab und brach sich das Genick. Er habe ihr nichts getan, beteuert Sedlak. Sie sei sofort tot gewesen, und er habe sie in einer Holztruhe bestattet. Die Verrückte aus dem zweiten Stock habe ihm das nicht glauben wollen, ihn heimgesucht und als Mörder beschimpft.

Julia hört ihren Sohn und Franzi, die mit den Hunden ins Haus kommen. Sie packt die auf dem Tisch stehende Weinflasche, schleudert sie durch das Fenster zum Treppenhaus und schreit. Im nächsten Augenblick reißen die beiden Jugendlichen die Tür auf.

Herbert Sedlak wird abgeführt. Aus seiner Wohnung wird Marie Bergers Leiche geborgen.

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Eine Leiche taucht zwar erst auf Seite 128 auf, und die polizeilichen Ermittlungen spielen kaum eine Rolle, aber man kann die zweite Hälfte des Romans „Das Leben ist schmutzig“ als Krimi lesen. Viel faszinierender ist jedoch der Mikrokosmos, den Anne Goldmann vorstellt: Elf Parteien in einem kleinbürgerlichen Wiener Mietshaus. Die Bewohner haben alle ihre Eigenheiten.

Anne Goldmann springt zwischen den grundverschiedenen Charakteren hin und her, so geschickt, dass die Leserinnen und Leser jeweils spätestens nach der dritten Zeile wissen, von wem die Rede ist. Dabei passt die Autorin auch die Sprache an, am deutlichsten, wenn es um den 15-jährigen Schüler Markus Wawerka geht, den Anne Goldmann in der Ich-Form auftreten lässt. Leicht hätte daraus ein zynisches Panoptikum werden können, aber das ist nicht geschehen, weil sich Anne Goldmann mit viel Empathie und Lebenserfahrung in die Lage ihrer Figuren versetzt. Die geglückte Vielstimmigkeit macht „Das Leben ist schmutzig“ zu einer besonderen Lektüre.

Die Verlegerin Else Laudan schreibt im Klappentext:

Das Leben ist schmutzig kommt auf leisen Sohlen daher und geht nachhaltig unter die Haut. Es ist eine schräge Mischung aus Episoden- und raffiniertem Kriminalroman, ausgesprochen originell, merkwürdig intim, etwas schwermütig, aber auch humoresk. […] Mit sicherer Hand wechselt Goldmann die Perspektive […].

Nicht zuletzt durch das Präsens läuft das Geschehen beinahe wie in einem Film ab. Anne Goldmann versteht es, wie in einem Hitchcock-Thriller Gegenstände einzuführen, die mitunter erst viel später Bedeutung gewinnen. Sie beschreibt die Figuren nicht, sondern charakterisiert sie durch ihr Verhalten und vor allem durch lebendige Dialoge.

Für ihren hervorragenden Debütroman wählte Anne Goldmann den Titel „Das Leben ist schmutzig“. Dabei – so lesen wir es auf Seite 163 – handelt es sich um ein Zitat aus der 1923 von Djuna Barnes veröffentlichten Kurzgeschichte „Aller et Retour“:

[…] das Leben, sagte sie, ist schmutzig. Und beängstigend ist es ebenfalls. Es enthält einfach alles: Mord, Schmerz, Schönheit, Krankheit – Tod. Weiß du das?

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2018
Textauszüge: © Argument Verlag

Anne Goldmann: Das größere Verbrechen

Ketil Bjørnstad - Der Fluss
Intensiv und einfühlsam beschäftigt Ketil Bjørnstad sich in "Der Fluss" mit der psychischen Entwicklung des Protagonisten, der – hin- und hergerissen zwischen Trauer, Lust und Karriereziel – seinen Weg sucht.
Der Fluss

Ketil Bjørnstad

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