Sarah Hall : Die Töchter des Nordens

Die Töchter des Nordens
The Carhullan Army Faber & Faber, London 2007 Die Töchter des Nordens Übersetzung: Sophia Lindsey Penguin Verlag, München 2021 ISBN 978-3-328-60101-2, 254 Seiten ISBN 978-3-641-24506-1 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach einer apokalyptischen Umweltkatastrophe herrscht in England Not, und ein repressives Regime kontrolliert die Bevölkerung. Die Ich-Erzählerin erträgt die Unfreiheit nicht länger und flieht aus der Stadt zu einer abgelegenen sich selbst versorgenden landwirtschaftlichen Frauenkommune. Aber auch in Carhullan gibt es eine klare Hierarchie, und die charismatische Anführerin setzt ihre Vorstellungen durch ...
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Kritik

Sarah Hall tut so, als handele es sich beim Text der feministischen Dystopie "Die Töchter des Nordens" um Protokollakten aus einem Archiv in der Zukunft, um einen im Gefängnis geschriebenen Augenzeugenbericht. Stilistische Schnörkel hätten zu diesem Setting ebenso wenig gepasst wie eine farbige Inszenierung. Auslassungen aufgrund fehlender Aktenteile wirken wie literarische Ellipsen.
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Nach der Katastrophe

Die Ich-Erzählerin lebt mit ihrem Ehemann Andrew in der Stadt Rith im Nordwesten Englands.

Kennengelernt hatten sich die beiden als Studenten in Solway City, einer Stadt, die wie große Teile des Landes überschwemmt und zerstört wurde, als das Sturmflutwerk der Themse versagte. England brach nach der Katastrophe zusammen. Weil es nahezu keine Landwirtschaft mehr gibt, ist die Bevölkerung auf Nahrungsmittel angewiesen, die in Dosen aus den USA geliefert und rationiert ausgegeben werden.

Wie alle anderen auch, lebt das Ehepaar in einer Gemeinschaftsunterkunft ohne jegliche Privatsphäre. Eine Änderung des Wohnorts ist verboten. Die Anstellungen wurden Andrew und seiner Frau zugeteilt: Er muss in einer Raffinerie arbeiten, sie gehört zu den Arbeiterinnen, die in einer Fabrik Wasserturbinen für die im Zehnjahresplan für den Wiederaufbau vorgesehene Stromversorgung zusammenbauen. Aber sie weiß, dass die Turbinen nur gelagert und nirgendwo installiert werden. Die Arbeit ist völlig sinnlos.

Weil die verfügbare Energiemenge nur für eine auf wenige Stunden pro Tag begrenzte Stromversorgung reicht und die Privatautos seit der Beschlagnahme der Schlüssel auf Parkplätzen rosten, sind die Straßen verfallen.

Wegen der Notlage dürfen nur Ehepaare, die in einer eigens dafür eingerichteten Lotterie gewinnen, Kinder zeugen. Stichprobenartig kontrolliert die Polizei, ob Frauen die zwangsweise eingesetzte Spirale zur Geburtenkontrolle tragen.

Andrew hat inzwischen seinen Widerstand gegen das repressive System aufgegeben, aber seine 30-jährige Frau erträgt es nicht länger und flieht nachts aus Rith, ohne ihm einen Abschiedsbrief zu hinterlassen.

Sie will sich zur Frauenkommune Carhullan in den Fells des früher als Lake District bezeichneten Gebiets durchschlagen. Früher kamen von dort regelmäßig Frauen mit einem Landrover nach Rith und boten ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf dem Markt an. Aber das ist längst vorbei.

Ankunft

Als sich die aus Rith geflüchtete Rucksackträgerin während des anstrengenden Aufstiegs in den Fells auf eine Mauer setzt, um auszuruhen, wird sie plötzlich von hinten gestoßen. Sie stürzt zu Boden und wird von ein paar Frauen gefangen genommen. In Carhullan sperrt man sie in einen „Hundeloch“ genannten Blechkasten.

So hat sie sich den Empfang in Carhullan nicht vorgestellt!

Als sie nach vier Tagen aus einer Ohnmacht erwacht, kann sie es kaum glauben, dass sie in einem sauberen Bett liegt.

Sie kennt die Person, die bei ihr sitzt, von alten Zeitungsfotos; es ist Jackie Nixon, die als 20-Jährige vor zwei Jahrzehnten die Frauenkommune Carhullan gründete. Die Neue fragt nach Jackies Partnerin Veronique. Die ist seit drei Jahren tot. Später wird die Geflüchtete erfahren, dass Veronique an Brustkrebs erkrankte, sich jedoch weigerte, Carhullan zu verlassen und ohne Krankenhausbehandlung acht Monate leiden musste, bis Jackie ihrem Drängen nachgab und sie erschoss.

Von Lorry, einer ehemaligen Krankenschwester, die jetzt Anfang 60 ist, in Carhullan eine medizinische Versorgung improvisiert, zugleich eine Veterinär-Ärztin ersetzt und auch Tiere schlachtet, lässt sich das neue Mitglied der Kommune die Spirale herausnehmen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich ein Nichts war, leer bis ins Mark. Um hierherzukommen, hatte ich eine Art Suizid begangen. Mein altes Leben war vorbei. Ich war ein unfertiger Mensch.

Sie will auch ihren Geburtsnamen nicht weiter tragen, sondern einfach „Schwester“ genannt werden.

 

Carhullan

In Carhullan leben derzeit mehr als 60 Frauen, darunter auch Helen mit dem Säugling Stella. Es gibt klare Hierarchie- und Machtverhältnisse ebenso wie eine Aufteilung zwischen Kämpferinnen und Arbeiterinnen.

Ein tiefer gelegener Weiler wird von sechs Männern und zwei in Carhullan geborenen, in der Pubertät abgeschobenen Jungen bewohnt. Chloe, die mit Martyn verheiratet ist, und einige andere Frauen besuchen die Männer, wenn ihnen danach ist und kopulieren mit ihnen.

Jackie befürchtet, dass die Obrigkeit Carhullan bald zerstören wolle. Weil eine Verteidigung gegen die Übermacht des Staates chancenlos wäre, will Jackie dem erwarteten Angriff mit einer Offensive der hart trainierten Kampftruppe zuvorkommen. Es müsste gelingen, Rith und das Hauptquartier der Obrigkeit im Schloss auf dem Beacon Hill über der Stadt einzunehmen.

Jackie hofft, dass die geplante Offensive zum Fanal für einen allgemeinen Aufstand wird. Einige Frauen reiten nach Rith hinunter und legen nachts unbemerkt Ginstersträuße vor die Türen der Gemeinschaftsunterkünfte. Weil Ginster nur in den Fells wächst, werden die Bewohner begreifen, dass es sich um ein Zeichen aus Carhullan handelt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Veränderung woanders beginnt. Wir haben uns daran gewöhnt, zu warten und zu hoffen, gerettet zu werden; zu hoffen, dass die Machthaber das Land reformieren, und uns gleich mit. Das ist die Krankheit unserer Spezies. Sie ist zur Schwäche der ganzen Nation geworden.

Schwester meldet sich zur Kampftruppe. Um sich weiter abzuhärten, erduldet sie freiwillig noch einmal sieben Tage im Hundeloch und eine anschließende Folterung.

Männer werden zwar unter den Kämpferinnen nicht geduldet, aber Martyn verlässt den Weiler und zieht mit seiner Gruppe in ein Nebengebäude der Farm Carhullan.

Chloe bezweifelt, dass Carhullan angegriffen werden soll. Sie flieht mit Martyn. Suchtrupps schwärmen aus, weil Jackie verhindern will, dass das Paar vom Regime festgenommen wird und unter der Folter ihre Angriffspläne verrät. Nach einigen Stunden wird das Paar entdeckt. Jackie erschießt die beiden.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Die Rebellion

Die Frauen belagern Rith und besetzen das Hauptquartier der Obrigkeit auf dem Beacon Hill. Die erhoffte Erhebung eines Großteils der Bevölkerung bleibt aus. 53 Tage halten die Rebellinnen durch, dann werden sie von der Luftwaffe und Bodentruppen aufgerieben. Sprengsätze zerfetzen die Kämpferinnen.

Als Jackies Brust aufgerissen wird, gibt sie der letzten Überlebenden noch eine Anweisung:

„Leg dich hin. Hände hinter den Kopf. Zieh dein Oberteil aus. Leg dich hin und warte. Jetzt ist genug. Genug. Jemand muss überleben und von uns erzählen. Erzähl ihnen alles, Schwester. Bring sie dazu, zu verstehen, was wir machen und wer wir sind. Bring sie dazu zu erkennen.“

Im Gefängnis schreibt Schwester auf, wie sie nach Carhullan kam und was sie dort in eineinhalb Jahren erlebte.

Die Haftanstalt Lancester existiert nicht mehr, als die Aufzeichnungen bis auf einige Seiten rekonstruiert und als „Protokoll Nr. 498“ ins Strafaktenarchiv aufgenommen werden.

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Der Roman „Die Töchter des Nordens“ von Sarah Hall spielt nach einer apokalyptischen Umweltkatastrophe in England. Die feministische Dystopie dreht sich um die auch in der Covid-19-Pandemie relevante Frage, wie weit in einer Notsituation individuelle Freiheitsrechte eingeschränkt werden dürfen. Das streng reglementierte Leben unter dem repressiven Regime kontrastiert mit der vermeintlichen Freiheit der sich selbst versorgenden landwirtschaftlichen Frauenkommune Carhullan auf einer abgelegenen Farm in den Fells des Lake District. Aber Carhullan ist nicht Shangri-La; es gibt dort eine klare Hierarchie, und die charismatische, mit ihren eigenen Dämonen ringende Anführerin Jackie Nixon setzt ihre Vorstellungen durch. Da schwingt auch die Frage mit, ob Frauen in der Lage wären, die Welt zu verbessern.

Ob die „Schwester“ genannte Protagonistin ihren selbst bestimmten Weg findet oder sich naiv von Jackie manipulieren lässt, bleibt in der Schwebe.

Sarah Hall tut so, als handele es sich beim Text des Romans „Die Töchter des Nordens“ um Protokollakten aus einem Archiv in der Zukunft, um den im Gefängnis in der Ich-Form geschriebenen Augenzeugenbericht der „Schwester“ über die Frauenkommune. Stilistische Schnörkel hätten zu diesem Setting ebenso wenig gepasst wie eine farbige Inszenierung, aber vieles bleibt auch vage. Und Auslassungen aufgrund fehlender Aktenteile wirken wie literarische Ellipsen.

Dass Sarah Hall beim Ende von „Die Töchter des Nordens“ von der Tradition eines actionreichen Showdowns abweicht und sich auf eine gerade einmal zwei Seiten lange Skizze beschränkt, steht ebenfalls im Einklang mit der Vorstellung, wir würden das Geständnis einer inhaftierten Rebellin lesen.

„The Times“ reihte die 2007 unter dem Titel „The Carhullan Army“ veröffentlichte Originalausgabe unter die 100 besten Bücher des Jahrzehnts ein. In deutscher Übertragung erschien der Roman von Sarah Hall erst 2021.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2021
Textauszüge: © Penguin Verlag

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