Marlen Hobrack : Schrödingers Grrrl

Schrödingers Grrrl
Schrödingers Grrrl Originalausgabe Verbrecher Verlag, Berlin 2023 ISBN 978-3-95732-549-5, 270 Seiten ISBN 978-3-95732-560-0 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

"Schrödingers Grrrl" beginnt und endet mit der Geschichte einer arbeitslosen Schul-Abbrecherin, die aus Marketing-Gründen als Autorin eines Romans über eine junge Frau ausgegeben wird, den ein Mann Mitte 50 geschrieben hat. – Im Mittelteil dominiert eine unglückliche Liebesgeschichte.
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Kritik

Den unterhaltsamen Roman "Schrödingers Grrrl" von Marlen Hobrack kann man als Coming-of-Age-Roman oder modernes Märchen lesen, vor allem auch als Satire auf den Literaturbetrieb bzw. Buchmarkt und die Medien.
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Mara

Mara Wolf ist 23 Jahre alt und lebt in Dresden. Mit 16 brach sie das Gymnasium ab. Ihre verwitwete Mutter arbeitet bei einer Putzfirma und sitzt in ihrer Freizeit in einer zugemüllten Wohnung vor dem Fernseher. Mit Lebensmittelpaketen unterstützt sie ihre arbeitslose Tochter. Vor Terminen bei Frau Kramer, der für sie zuständigen Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur, ritzt Mara sich an den Unterarmen und sorgt dann dafür, dass ein Ärmel wie versehentlich kurz hochgezogen wird. Sie leide unter Depressionen, erklärt sie, und bringe deshalb die Energie für Bewerbungen nicht auf. Das von Frau Kramer verlangte ärztliche Attest lässt sich Mara von Frau Dr. Köhler ausstellen, aber die verschriebenen Antidepressiva nimmt sie nicht.

Sie träumt von einer Karriere als Influencerin und schminkt sich nach Empfehlungen bei Instagram. Die für sie unerschwinglichen Kosmetika beschafft sie sich durch Ladendiebstahl – und dabei geht sie durchaus selbstbewusst vor. Mara lässt sich Klamotten schicken, fotografiert sich damit für Instagram – wo sie als „Schrödingers Grrrl“ auftritt – und schickt die Sachen dann zurück.

Von Bedeutung wäre sie, wenn sie mehr Follower hätte, und mehr Follower hätte sie, wenn sie von Bedeutung wäre.

„[…] ich finde das ja auch lustig. Dass die Bedeutung von der Bedeutung kommt, die Follower von den Followern. Deswegen ist es das Klügste, sich Follower zu kaufen, anfangs jedenfalls. Um die Sache in Schwung zu bringen. […] Ich könnte das auch, es kostet nicht viel, aber ich finde es unfair, unlauter? Sagt man doch so? Das wäre nicht echt. Bezug. Und ich bin keine Betrügerin.“

Zu Maras Freundeskreis gehören neben Charis, die in einer Bar arbeitet, der „Fuckboy“ Robert und Mark, ein am Leergut-Automaten einer Discounter-Filiale beschäftigter Mann mit Asperger-Syndrom.

Der Plan

Als Mara in einer Bar in Dresden auf Charis wartet, fällt sie dem selbstständigen PR-Agenten Hanno Thalmayr aus Berlin auf. Der 59-Jährige spricht sie an und lädt sie zu einer Party in Berlin ein. Um mit dem Flixbus hinfahren zu können, muss Mara sich von Charis Geld leihen.

Hanno hat einen Plan: Benjamin Richter, ein Schriftsteller Mitte 50, hat einen Roman über eine junge Frau geschrieben. Aus Marketing-Gründen suchen nun Hanno, der Verfasser und der Verlagslektor Jürgen Sandler eine Frau wie Mara, die dem Buch ein passendes Gesicht verleiht, sich als Autorin ausgibt und in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, sie sei mit der Protagonistin identisch. Autofiktion liegt im Trend des Buchmarkts. Den zu erwartenden Vorschuss sollen sich Mara und Benjamin Richter teilen.

Das Geld kann Mara gut gebrauchen. Gerade weil Richter betont, dass er seinen Schreibstil nicht bei Twitter, sondern an großen Vorbildern geschult habe, wundert sich Mara über die Qualität des Manuskripts.

Hatte Hanno nicht behauptet, es gehe um Authentizität? Aber an dieser Frau war nichts authentisch. Nicht einmal ihre Orgasmen. Die Gestalten im Roman wirkten wie Charaktere aus schlechten Netflix-Serien, denen man die Sprache von Fontane-Figuren übergezwungen hatte.

Bei einer ersten kurzen Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript wird Mara dem Verlagschef Manfred als Autorin vorgestellt. Von dem Pakt, den Autor, Agent und Lektor mit Mara geschlossen haben, ahnt er nichts. In der ans Lesen anschließenden Diskussionsrunde hält Mara sich an Richters Ratschlag.

Richter hatte ihr eingeschärft, dass es darum gehen musste, dem Publikum zu suggerieren, dass der Text ein autobiografischer Text sei, obwohl sie die Neigung des Publikums, einen Text als „Ich-Dokument“ zu lesen, wie Richter es nannte, zurückweisen sollte. Sie sollte also eine Suggestion hervorrufen, die sie negieren musste.

Liebe

In Marks Wohngemeinschaft begegnet Mara dem Lyriker Ben, der eine Subsistenzwirtschaft propagiert. Er drängt sich zwischen Mark und Mara, die er nicht ausstehen kann. Und seine Abneigung verstärkt sich, als sein Freund Paul zu Besuch ist, ein 29-jähriger Mitarbeiter des World Museum in Liverpool, und ihm nicht entgeht, dass Mara auf Paul abfährt.

Als Paul wieder zurück in Liverpool ist, betreiben er und Mara viel Sexting. Paul lässt sich auch ein Video von ihr schicken, auf dem sie Stiefel trägt und nur ihre Beine zu sehen sind.

Maras Psychoanalytiker Jan Fuchs wundert sich darüber, dass Mara vor einem direkten Kontakt mit dem Mann, in den sie sich verliebt hat, zurückschreckt.

„Verstehen Sie, so lange ich weit genug von ihm weg bin, kann ich vollständig kontrollieren, wie er mich sieht und wahrnimmt. Es gibt kein böses Erwachen neben meinem ungeschminkten Gesicht, keine unwillkürlichen Gesten und keine Peinlichkeiten.“
„Warum glauben Sie, alles kontrollieren zu müssen? Und warum wäre es schlimm, wenn Ihnen etwas Peinliches passieren würde?“
„Ich müsste vor Scham im Erdboden versinken.“
„So ist das nun einmal im realen Leben. Dinge passieren, wir können keine Kontrolle und Sicherheit erzwingen.“
„Und genau deswegen hasse ich das reale Leben!“

Von Jan Fuchs dazu ermutigt, fliegt Mara nach Liverpool. Weil sich Paul zurückhält, übernimmt sie die Initiative, küsst ihn und zieht sich aus. Das überfordert ihn. Nach dem desaströsen Besuch Maras bricht er den Kontakt ab.-

Autofiktion

In der Arbeitsagentur muss Mara nun statt mit Frau Kramer mit einem forschen Herrn Seifert klarkommen. Der besteht darauf, dass sie sich um eine Anstellung bemüht, und notgedrungen lässt Mara sich von ihrer Mutter zum Putzen mitnehmen.

Es dauert eineinhalb Jahre, bis das Buch erscheint. (Den Titel erfahren wir nicht.) Die Protagonistin heißt Mara Wolf, ebenso wie die angebliche Autorin.

„Es geht um eine junge Frau, die sich in ihre Online-Fantasiewelt flüchtet, weil sie mit der Wirklichkeit um sie herum nicht klarkommt. Sie wäre gerne ein Instagram-Star, oder so etwas Ähnliches. Aber nichts von dem, was sie macht, ist von Erfolg gekrönt. Sie ist arbeitslos, hat kein Geld, keinen Schulabschluss. Und es mangelt ihr an intimen sozialen Beziehungen. Sie ist sozusagen entfremdet von sich und ihrer Welt.“

Nach der Premierenlesung schickt der Verlag Mara auf eine Lesereise. Sie ist inzwischen 25. Vor Publikum und bei Interviews agiert sie wie bei einem Rollenspiel. In der Diskussionsrunde nach einer Lesung meint eine Frau, die Protagonistin befände sich in einer „heterosexuellen Zwangsmatrix“.

In einer Rezension, die Hanno vorliest, als das Buch bereits für die Longlist des Deutschen Buchpreises gehandelt wird, heißt es:

Der Trend zur Autofiktion hält an, kulminiert gar in diesem Buch, das von nichts anderem zu erzählen weiß als von der Alltagswelt einer jungen Frau, die sehr leicht mit der Autorin verwechselt werden kann. […]
Galt es früher einmal als die höchste Form der Kunst, sich in andere hineinzuversetzen, etwas, das Nicht-Ich ist, kurzum Differenzerfahrungen zu imaginieren, so ist es heute die höchste Form der Kunst, das Alltägliche und Altbekannte zu verarbeiten […].
Mara Wolf überzeugt […] mit radikalem Antiintellektualismus […].
Wen kümmert es da, dass all das in einer Sprache verfasst ist, die keine Auslassungen kennt, die noch den letzten Gedanken […] ausdeutet […].
Dieser Roman ist ein Wohlfühlroman […]. Was ist das für eine Literatur, gemessen an Musil und Benjamin, wo sind die Bachmanns von heute?

Der Preis der Stiftung Volkmann für das beste Romandebüt des Jahres geht an Mara Wolf; die Verleihung soll in drei Wochen stattfinden.

Das Erwachen

Weil Mara es nicht erträgt, dass Paul ihre Textnachrichten unbeantwortet lässt, hat sie die Signaltöne ihres Smartphones abgeschaltet. Hanno kommt deshalb persönlich, um ihr die Schreckensmeldung zu überbringen: Benjamin Richter hat alles auffliegen lassen. Ursprünglich wollte er nur die eitlen Kritiker hereinlegen, aber Maras enormen Erfolg ertrug er dann doch nicht.

Über Mara bricht ein Shitstorm herein.

Sie muss nun wieder zur Arbeitsagentur. Frau Kramer ist zurück in ihrem Büro, nach einer Scheidung und einer Hüftoperation. In der Reha entdeckte sie das Buch in einer Bahnhofsbuchhandlung, kaufte und las es. Nun sorgt sie dafür, dass Mara weiterhin Zahlungen erhält.

Und als Maras Kater tot inmitten von Erbrochenem auf dem Boden liegt, hilft Maras Mutter nicht nur beim Saubermachen, sondern auch bei der Beerdigung des Tiers.

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Den Roman „Schrödingers Grrrl“ von Marlen Hobrack kann man als Coming-of-Age-Roman oder modernes Märchen lesen, vor allem auch als Satire auf den Literaturbetrieb bzw. Buchmarkt und die Medien. Darüber hinaus werden Themen wie Social Media, Messie-Syndrom, Essstörungen, Fernbeziehungen und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse tangiert.

„Schrödingers Grrrl“ beginnt und endet mit der Geschichte einer arbeitslosen Schul-Abbrecherin, die aus Marketing-Gründen als Autorin eines Romans über eine junge Frau ausgegeben wird, den ein Mann Mitte 50 geschrieben hat. Aber dieser unterhaltsame Kern wird im Mittelteil von einer unglücklichen Liebesgeschichte in den Hintergrund gedrängt.

Der Ausgang beider Handlungsstränge ist vorhersehbar. Warum Marlen Hobrack zwischen der ersten und dritten Person Singular wechselt, also die Protagonistin in einigen Kapiteln als Ich-Erzählerin auftreten lässt? Ich weiß es nicht.

Eine Frau wird als Autorin eines von einem Mann verfassten Buches vorgetäuscht. Dabei denkt man an Claus Heck (*1966), der den Roman „Aléas Ich“ (2013) unter dem Pseudonym Aléa Torik veröffentlichen ließ. Bei der Kunstfigur handelt es sich um eine 17 Jahre jüngere deutsch-rumänische Schriftstellerin, die in Berlin über Fiktionalität promoviert hat und über eine Protagonistin schreibt, die weitgehend mit ihr identisch ist.

Das „Grrrl“ im Titel könnte sich auf die „Riot Grrrl“-Bewegung in den USA zu Beginn der Neunzigerjahre beziehen, die sich gegen die Dominanz der Männer in der Musikszene auflehnte.

Und „Schrödingers Grrrl“ soll selbstverständlich mit „Schrödingers Katze“ assoziiert werden. Dabei handelt es sich um ein Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger aus dem Jahr 1935, das die Romanfigur Mark in Marlen Hobracks Roman so beschreibt:

„Schrödingers Gedankenexperiment geht so: Man nehme eine Katze und setze sie in eine wahre Höllenerfindung – so hat er das genannt, ja. Also man nimmt die Box, in der sich ein Atomkern befindet, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in der nächsten Zeit zerfallen wird. Tut er das, wird der Zerfall detektiert, was die Freisetzung eines Giftgases bewirkt, das die Katze tötet. […] Solange die Box geschlossen ist, ist die Katze tot und nicht-tot. Beide Zustände sind möglich, und erst die Messung – also das Öffnen der Box, ja, da kann man feststellen, in welchem der beiden Zustände die Katze sich befindet. […]
Abr es gibt auch eine andere Interpretation gemäß der Viele-Welten-Theorie. Und die besagt, dass beide Zustände verwirklicht sind, es gibt also ein Universum, in dem die Katze tatsächlich tot ist, und eines, in dem sie lebt, ja?“

Marlen Hobrack wurde 1986 in Bautzen geboren. Sie studierte Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften in Dresden. 2016 fing sie als Journalistin und Literaturkritikerin zu arbeiten an. 2022 veröffentlichte sie das Sachbuch „Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet“. „Schrödingers Grrrl“ ist ihr Debütroman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2024
Textauszüge: © Verbrecher Verlag

Michèle Desbordes - Die Bitte
Die karge Darstellung ist alles andere als bildhaft. Vieles bleibt vage, wenig wird erklärt. Michèle Desbordes' Sprache in "Die Bitte" ist bewusst altertümlich, wirkt manieriert, weist aber auch einen eigenen Rhythmus auf.
Die Bitte