Kastrat, Kastraten


Weil Frauen im Barock-Zeitalter weder in der Kirche singen noch in einem Bühnenstück auftreten durften, wurden helle Stimmen von Knaben gesungen und Frauenrollen von Männern gespielt. Um kräftigere Sopran-Stimmen zu bekommen, wurde bei begabten Chorknaben mit besonders schönen Stimmen der Stimmbruch durch eine Kastration vor der Pubertät verhindert. Allerdings garantierten weder der Eingriff noch die darauf folgende jahrelange Ausbildung, dass ein Junge sich zu einem erstklassischen Kirchen- oder Bühnensänger entwickelte. Das schafften nur wenige. Im Privatleben hatten die Kastraten jedoch – gleichgültig ob sie singen konnten oder nicht – mit den hormonalen Folgen der Operation zu kämpfen.

Als berühmteste Kastraten gelten die Italiener Senesino (1690 – 1759), Farinelli (1705 – 1782), Caffarelli (1710 – 1783) und Antonio Bernacchi (1690 – 1756). Mit Alessandro Moreschi starb 1922 einer der letzten Kastraten der Welt und der einzige, von dem es Tondokumente gibt.

Das Fehlen von Kastraten bedeutet bei der Besetzung bestimmter Rollen in Barockopern ein Problem. Die Transponierung einer Sopran- in eine Tenor-Stimme verfälscht die Musik, und sowohl Frauen als auch Countertenöre klingen anders als Kastraten. (Ein Countertenor singt wie ein Kastrat Alt oder Sopran, erzielt diesen Effekt jedoch durch eine Falsett-Technik, eine durch Brustresonanz verstärkte Kopfstimme.)

Honoré de Balzac schrieb die Novelle „Sarrasine“ (1830) über einen jungen Künstler, der die italienische Operndiva Zambinella für das Idol der Weiblichkeit hält – bis er herausfindet, dass es sich um einen Kastraten handelt. Von Helmut Krausser gibt es einen Roman mit dem Titel „Melodien“ (1993) über den Kastraten und Komponisten Marc Antonio Pasqualini (1614 – 1691). Gérard Corbiau drehte einen Film über Farinelli mit Stefano Dionisi in der Titelrolle: „Farinelli“ (1994).

Literatur über Kastraten

  • Hubert Ortkemper: Engel wider Willen. Die Welt der Kastraten. Eine andere Operngeschichte (dtv, München 1995)

© Dieter Wunderlich 2007

Senesino (Kurzbiografie)
Farinelli (Kurzbiografie)
Caffarelli (Kurzbiografie)
Alessandro Moreschi (Kurzbiografie)

Margriet de Moor: Der Virtuose
Gérard Corbiau: Farinelli

Annette Pehnt - Chronik der Nähe
Annette Pehnt erweist sich als ebenso genaue wie feinfühlige Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, verzichtet auf jegliche Effekthascherei und evoziert eine dichte Atmosphäre. Auch die Komposition des Romans "Chronik der Nähe" ist überzeugend.
Chronik der Nähe

Annette Pehnt

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